Vorwort:


Das schlanke Schiff schaukelte in der Dünung. Es war eine Yacht, wie man sie in vielen Häfen der Erde sieht. Richardson hatte sie in Australien erworben und segelte jetzt damit zwischen den Inseln. Er hatte Europa schon vor Jahren verlassen. Neben ihm saß Mad und gähnte. Er war Schotte und ebenfalls vor einigen Jahren aus Europa geflüchtet. Er hatte auf Neuseeland eine Arztpraxis aufmachen dürfen und arbeitet nur als Internist in einem kleinen Kaff. Er war erst 40, aber durch seine hagere Erscheinung und den ausgemergelten Schädel wirkte er zeitlos, wie jemand, der dem Tode bereits mehrmals gegenübergestanden hat oder in Kürze gegenüber stehen wird. Moris war Richter. Sein fülliger, etwas schwerfälliger Körper zeichnete sich scharf gegen den Abendhimmel ab. Franz Küppers war hingegen kaum zu sehen. Er lehnte mit dem Rücken gegen den Mast und war fast unsichtbar, so dicht über dem Deck. Er war, soweit ich mich erinnere, aus Deutschland ausgewandert. Ich war ihm schon mehrfach aus Segentörns begegnet, die er buchte, um, wie er sagte, die düsteren Gedanken aus dem Kopf zu bekommen. Wie die meisten Deutschen, die mir bisher begegnet sind, hatte er etwas Unangenehmes an sich, das aus einer gewissen Penetranz herrühren mochte, die man weder bei Holländern noch bei Engländern oder Franzosen so schnell findet. Die Sea-Gull war ein elegantes Boot, das sicher einiges gekostet hatte, aber Richardson war durch eine Erbschaft reich geworden, und er konnte sich ein luxuriöses Leben in monotonem Schlendrian erlauben. Die Sonne, die eben noch faustgroß am Himmel geglüht hatte, stürzte beängstigend schnell gegen den Horizont. Das Meer färbte sich blutrot und dann breitete sich am Horizont eine Dunkelheit aus, die rasch heranwuchs und uns wie ein dunkles Tuch umfing. Am Himmel erschienen jäh, als habe jemand einen Schalter umgelegt, unzählige Sterne. Die Sternbilder des Südens. „Auch ihr seid doch im Grunde nur Strandgut“, ertönte plötzlich die sonore Stimme von Franz Küppers. „Wisst ihr, dass die ersten Europäer, die sich in diese Breiten wagten, Entdecker waren, Helden, mit ungebrochenem Mut und der stillen Überzeugung zu einer Kultur zu gehören, die dazu berufen war, die Welt mit dem Licht der Vernunft zu erleuchten. Neben der ungeheuren Gier war es diese Überzeugung, die sie aus den Häfen Spaniens, Portugals, Hollands und Englands aufbrechen ließ, zu Horizonten, die noch des Lichtes bedürftig zu sein schienen. Im Auftrag ihrer Majestäten und ihrer stolzen Völker stellten sie sich den Urgewalten des Meeres und den uferlosen Ängsten, die die heutige Menschheit in die Arme der Psychiater treibt. Habt ihr Euch jemals gefragt, warum es die Europäer so weit in die Ferne trieb, warum sie nicht aufhörten, die Welt zu formen, bis sie sich schließlich selber im Wege standen. Das letzte Hindernis zu einem Licht, das nur sie alleine vermuten konnten, dem Paradies, das dann doch nur eine neue Hölle war.
Langsam erhob er sich und näherte sich uns. Sein Gesicht lag in tiefem Schatten, während das matte Licht aus der Kajüte die Umrisse seines Körpers sichtbar machte, der wie unter einer schweren Last gebeugt erschien.
Oh, fuhr er fort, erinnert ihr Euch noch an das böse Ringen, in dem sich die Europäer ineinander verkeilten, während fremde Völker, die durch jahrhundertealten Schlendrian oder das Beharren auf lange untergegangenen Kulten rückständig waren, Europa fluteten, angelockt von der Asche unseres seelischen Feuers, dem Geld, das unfähige Politiker wie Lockmittel streuten. Ganze Generationen von Helden hat unser Geschlecht hervorgebracht, die den Himmel, die Erde und die Tiefsee durchkreuzten und beherrschten, und denen selbst der Tod selten Sorge bereitete. Diese kühnen Männer waren  aufgebrochen, ohne Sicherheiten zu verlangen, um als erste den Himmel zu erobern oder die Tiefsee zu erforschen. Später sah man sie zu Tausenden auf den höchsten Gipfeln ihren heidnischen Kulten frönen, um in immer waghalsigeren Manövern die Natur und Gott herauszufordern. Sie hasteten durch Wüsten und Einöden, durch die sich viele gemächlichere Kulturen seit Jahrtausenden nur unter dem Schutz ihrer Götter und Dämonen wagten, denen sie zuvor OPFER brachten.
Seine Stimme wurde leiser. Der Wind hatte sich gelegt und eine bleierne Hitze lag auf dem Boot. Mad schnaufte und fächelte sich mit einem Tuch etwas Luft ins Gesicht, aber er lauschte der monotonen Stimme von Franz Küppers, die jetzt aus völliger Dunkelheit ertönte.
Ich weiß, dass keiner von Euch besonders begeistert davon ist, einen Deutschen an Bord zu haben. Besserwisserisch, pedantisch, irgendwie immer fehl am Platze: zu aufdringlich wirken meine Landsleute und auch ich habe viele deutsche Eigenschaften. Während Eure angelsächsischen Väter die Welt eroberten, saßen meine Vorfahren in ihren engen Provinzen gefangen und mussten ihren Herrn um Erlaubnis fragen, wenn es galt, einen Verwandten in 20 Kilometer Entfernung zu besuchen. Und doch hat kein Volk geträumt wie das meine. Ich komme aus dem Rheinland, in dem, wie ihr wisst, bis heute Romantik vermutet wird, die am Ende doch nur eine Art Droge für das naive Gemüt darstellt. Dabei ist mein Volk immer fleißig gewesen, redlich bemüht, alles besser zu machen, das Haus, den Garten, jenes enge Gefängnis, das man die eigene Grafschaft oder Herrschaft nannte. Anstatt zu Gott sah man auf zum Landesfürsten. Er lachte leise, ihr wisst, was ich meine. Selbst als man sich einen Kaiser gab und sich anschickte Englands Erfolge nach außen zu imitieren, träumte man aus Rechthaberei vom Sieg eigener, in Gefangenschaft gewachsener, Ideen, die man nun der ganzen Welt als Heilmittel verordnen wollte.“ „Gibt es wieder eine Lektion in deutscher Selbstgeißelung­.“ Aus der Kajüte kam jetzt Karin an Deck. Ihr wunderschönes Gesicht, eingerahmt von blonden schulterlangen Haaren, zog unsere Blicke wie ein Magnet an. Sie war Biologin und stammte aus Polen. Weil Sie recht gut deutsch sprach, hatte sie eine gewisse Bindung zu Küppers aufgebaut, ohne indessen alles an ihm zu verstehen. Er blieb ihr ein Rätsel. Jetzt schien sie neugierig geworden zu sein, wie sein Monolog enden würde. Ich sah scheu zu ihr herüber. Die Konturen ihres makellosen Körpers weckten Begehrlichkeit.  Nur Küppers schien sich nicht für sie zu interessieren. Soweit ich wusste, war er nie verheiratet gewesen. Er war offenbar zu sehr mit sich beschäftigt. „Wisst ihr eigentlich, dass die deutschen Soldaten, die Hitler folgten, der festen Überzeugung waren, die Welt durch ein OPFER zu RETTEN? Bis zum Schluss WOLLTEN sie gläubig sein und dieses Opfer bringen, für sich selbst und die Menschheit, um das BÖSE auszurotten. Ist das nicht erstaunlich? Sie überfielen die Welt, um sie zu retten und weil Ihnen stets der Mut fehlte zu WIDERSPRECHEN, wenn jemand den Wahnsinn besaß, Ihnen zu befehlen. Ihr erinnert Euch ja noch daran, wie fulminant ihre Besessenheit war, wie stark ihr Furor wütete und Millionen von Leben kostete,  während dieses Volk unter normalen Umständen eher durch Biertrinken und das Tragen von Schlafmützen aufgefallen ist.
Nun war er ins Licht der Lampe gekommen. Wir sahen sein Gesicht glühen in einer Leidenschaft, die man nur bei enttäuschten Träumern vermuten darf. Hinter ihm spannte sich der im Sternenlicht gleißenden Himmel. Ein fast schon unwirkliches Bild. Ich erinnerte mich daran, dass er einmal als Prediger gearbeitet haben sollte. Ein Beruf, der ihm zweifellos gelegen hatte. Viele der umherziehenden Europäer versuchten sich ja in den unmöglichsten Tätigkeiten. „Nun lästert nicht“, fuhr er fort, „es gibt ja einen von der Industrie und der Finanzwelt initiierten Trend in Europa, die Welt zum Guten zu verändern, indem man seine sicheren Positionen aufgibt. Die Angelsachsen, wie immer pragmatisch, haben den Ernst nicht verstanden, der MEINE Landsleute ergriffen hatte. Die Deutschen WOLLTEN gut sein und Gut Sein hieß bei Deutschen immer, BESSER zu sein als der Rest der Welt. Er schaute triumphierend in die Runde, als habe er uns nun eine unerhörte Erkenntnis ermöglicht. Karin unterdrückte ein spöttisches Lächeln, das ich umgehend bemerkte. Sie schaute belustigt zu mir herüber und wir lauschten wieder dem deutschen Schwanengesang. Nun ja, wir hatten Zeit, es war Abend, und es war nett, wenn einer von uns sich exponierte. „Wir Deutschen hatten immer ein Problem mit der Realität.“, fuhr Küppers fort. „Während unsere Vorfahren in engen Grenzen gefangen waren, erträumten sie sich im Innern Macht und Herrlichkeit und das war die Stunde deutscher Philosophie, deutscher Literatur, deutscher Malerei und deutscher Musik. In jenseitigen Reichen lebten sie ihre Sehnsucht nach Größe und Vollkommenheit, einen Traum der in der Zeit entstanden sein mag, als unsere Vorfahren in den Büschen und Hecken des Rheinufers hockten, bar der Kleidung, bar jeder Kultur, angetan nur mit größenwahnsinnigem Mut, den sie in den Wäldern geschöpft hatten. Sie werden zweifellos mit großen, sehnsuchtsvolle Augen zu den Römerlagern geblickt haben, in der höhere Menschen, einer ihnen im Grunde unverständliche Kultur ihre Paläste schufen, von deren Inbesitznahme, sie, wie von Fetischen, insgeheim träumten. Und je mehr sie in die Dienste dieser Römer traten, desto klarer wurde ihnen, dass sie ein RÖMISCHES Reich wollten und nicht jenes schäbige, germanische Klein-Klein, in dem sie schließlich, gepeinigt von der römischen Kurie tatsächlich landeten.“
Karin hatte sich zu mir herüber gesetzt und schien ihn mit jenem Blick zu betrachten, mit denen wir einem plötzlichen Ausbruch von Geisteskrankheit begegnen.
„Ich weiß, ich weiß, fuhr er fort. Ihr glaubt mir nicht. Aber ich sage Euch: das Gute ist oft eine Gefahr und basiert meistens auf einer Lüge.
Aber, sagte er nun, leiser werdend. Ich habe Euch niemals erzählt, dass ich das Tagebuch eines, nun, sagen wir Verwandten besitze, der die deutschen Träume und ihre Folgen am eigenen Leibe erlebt hat. Er nennt sich Joseph Küppers. Ein Familienmitglied sozusagen“, er lachte leise, „ein Gefangener auf einer dieser Inseln, am Ende der Welt, sozusagen hinter dem Mond“, wieder lachte er, und dieses Mal wirkte dieses Lachen verzweifelter, „weiter entfernt von den Inseln zwischen denen wir jetzt schippern, als man meinen sollte und doch sehr nah. Ihr werdet schon sehen. Ihr wisst, dass weltweit experimentiert wird mit dem menschlichen Zusammenleben, dass man neue Ideen hat, und diese mit moralischen Aufforderungen verknüpft. Stellt Euch Männer und Frauen vor, die wie Götter das Leben anderer Menschen bestimmen wollen, die allein zu wissen vorgeben, was gut und was böse SEIN SOLL. Es wären Teufel nicht wahr.“
Karin hatte sich erhoben und die Deckbeleuchtung eingeschaltet. Augenblicklich verflüchtigte sich die Magie dieser Rede. Nun sah Küppers wieder aus, wie jener sportliche Mittvierziger, den wir zu kennen glaubten: 1,80 m groß, von kräftiger Statur, mit dunklem, vollen Haar und tiefblauen Augen, in denen sich Leid und Wissen die Räume teilten. Karin begann den Tisch aufzuräumen, auf dem sich noch die halbvollen Weingläser und das Geschirr vom Abendessen befanden. Mad erhob sich wortlos und begann ihr zu helfen. Mein Gott, wir alle begehrten sie und jeder von uns hätte sie mit Freuden auf Händen getragen. „Und was wolltest Du uns damit sagen“, fragte Richardson. „Wir sind zu weit von Europa entfernt, um uns um Herkunft zu sorgen, meine ich. Außerdem bist Du uns immer willkommen. Das solltest Du wissen.“ Karin warf  Franz Küppers einen prüfenden Blick zu: „Du wirkst seit heute Morgen so…anders. Ich hab das schon gemerkt. Gar nicht mehr der in sich ruhende Deutsche, den ich kenne.“
Franz drehte sich zur Reling und sah in die Dunkelheit hinaus. Ein leichter Wind war aufgekommen, der das Boot schaukeln ließ. „Morgen werden wir aufbrechen“, sagte er, und auf diesen Ozean hinaus segeln. Ich war schon einmal hier“, stieß er fast zornig hervor. „Es ist schon viele Jahre her. Weiter draußen wird der Ozean sehr tief. Es sollen Gräben bis zu 10000 Metern Tiefe existieren. Stellt Euch das vor, unser kleinen Boot, mit uns als winzigen Punkten darauf und unter uns geht es zehn Kilometer hinunter in die Nacht: Finsternis, soweit ein Auge zu blicken vermag, Drücke, die alles zerquetschen, was sich in diese Tiefe wagt. Und über dem Boot die Unendlichkeit des Himmels. Was ist da Bewegung, was bedeuten 10, 15 Knoten Geschwindigkeit. Wie ein Fusel kleben wir als Passagiere zwischen der Tiefe und der Unendlichkeit.“
„Was ist los mit Dir“, sagte ich. „Du bist mir etwas zu melancholisch.“ „Jeder von uns hat seine schwachen Minuten“, sagte Richardson, schenkte einen Cognac ein und reichte das Glas zu Franz herüber, der abwehrend die Hand hob.
„Nein, danke. Entschuldigt, ich bin heute wirklich etwas düster gestimmt. Ich hau mich hin. Morgen wird es ein schwieriger Tag. Ich wünsch Euch noch einen schönen Abend.“ Er nickte uns kurz zu und verschwand unter Deck. Wir sahen uns an und konnten uns ein Grinsen nicht verkneifen. „Muss man sich Sorgen machen?“, sagte Richardson. „Ach was. Er ist einfach zu lange allein gewesen“, antwortete Mad. „Ich glaube, ich sehe mal nach ihm“, sagte Karin und folgte ihm unter Deck. 
Wir anderen saßen noch lange zusammen. Der Wind frischte auf. Es kam eine Schlechtwetterfront. Aber die Sea-Gull war ein sehr gutes Boot und Richardson einer der erfahrensten Skipper, den ich kannte. Wir würden am Morgen aufbrechen und weiter segeln. Ich war schon oft in diesen Breiten unterwegs gewesen. Es gab tückische Winde und ab und an schwierige Bedingungen, aber nichts, was nicht zu bewältigen gewesen wäre. Wir waren ja auf einem Urlaubstrip. Jeder von uns hatte sein Salär bezahlt. Richardson hatte es möglich gemacht. Morgen sollte Heidi zu uns stoßen, die auf einer der Nachbarinseln Urlaub gemacht hatte. Eine zweite Frau an Bord würde es eventuell leichter machen. Diese melancholische Schwere des Deutschen sollte uns unseren Trip nicht versauen.
Ich bemerkte jetzt erst, dass Franz Küppers mit etwas zugesteckt hatte. Einen Zettel. Seine Schrift war recht unleserlich, aber er schrieb: Ich habe Dir ein kleines Büchlein in die Koje gelegt. Es ist ein Buch, das mir am Herzen liegt. Es handelt von einem Mann, der in dieser Weltgegend unter unsäglichen Bedingungen gelebt hat. Ein Fragment, oder Tagebuch, wie Du willst. Ich wollte, dass Du es liest. Wenn diese Geschichte wahr ist, dann sollten wir nach dieser Insel suchen. Vielleicht kannst Du bei den anderen für mich ein Wort einlegen.“
Wir hatten Zeit, das Schiff schaukelte gemütlich in der Dünung, und ich hatte durchaus Lust, zu erfahren, was er uns da präsentieren würde.
     



 
Die Aufzeichnungen von Joseph Küppers
 
 
Ich habe die Insel geliebt. Sie war meine Heimat, der Ort, der mir vertraut war von Kindheit an, der mit mir über tausende Fäden sinnlicher und emotionaler Erinnerungen verbunden war. 
Das Schloss, unsere Felder, die karge Hochebene, der Wald, die Bucht mit dem Felshafen, in dem Heinrich anzulegen pflegte, der erloschene Vulkan mit seinem mächtigen Krater, die Sandelholzwälder; das sind Orte, die mir ein Zuhause sind. Nichts davon hatte Bestand.
    Es begann, als wir zum ersten Mal Besuch auf der Insel bekamen. Damals war Milton für uns wie ein Gott. Vielleicht war es seine Unnahbarkeit, die uns dazu verführte, seinen Worten immer zu vertrauen. 
   Er hatte uns gelehrt, dass wir schon als Kinder auf diese Insel gebracht wurden, um hier, weit entfernt von Europa, höhere Menschen aus uns zu machen. Er hatte diese Erziehung zum „Übermenschen“ gut organisiert. Es gab anfangs Frauen, die mit uns auf der Insel lebten. Sie betreuten uns vier oder fünf Jahre, bis sie abschiedslos verschwanden, als die nächste Phase unserer Ausbildung begann. An ihre Stelle traten männliche Lehrer. Sie kamen mit Heinrich. Und sie verschwanden meist unvermittelt mit ihm, wenn er wieder einmal vorbei gekommen war, um neue Waren zu bringen. Nur Milton blieb immer bei uns. Er war uns Vater, Fürst und Herrscher. Man kann nicht sagen, er sei uns wirklich nahe gewesen. Er blieb immer in Distanz. Das hielt seine Autorität aufrecht.
 
Auf der Insel gab es ausgedehnte Wälder, hauptsächlich Sandelholzbäume. 
Wir waren nicht so eng und liebevoll miteinander verbunden, wie man meinen sollte. 40 junge Menschen, die zusammen aufgewachsen sind, sind sich natürlich vertraut. Aber es war durchaus nicht so, dass wir uns als Freunde sahen. Unsere Freundschaften wechselten häufig. Meine wirklichen Freunde und Vertrauten waren Peter, Paul, Linda und Dolores. Peter war so etwas wie ein älterer Bruder für mich. Er war höchstens ein Jahr älter, aber er war ein geborener Anführer, ein Mann, der stets wusste, was zu tun war. Er war Bildhauer und schuf wunderbare Skulpturen. Die Arbeit am Material entsprach seiner Kraft. Er hatte riesige Hände, die mit dem Meißel umzugehen wussten. Er war schlank, hoch gewachsen und trug langes blondes Haar. Seine tiefblauen Augen waren stets furchtlos. Er war ohne Frage in die Träume einiger Frauen geraten.  Wenn ich Dolores beschreiben soll, komme ich ins Stocken. Sie war einfach wunderschön. Linda war ihre beste Freundin. Wir drei waren schon als kleine Kinder befreundet gewesen. Es gab Eigenschaften an ihr, die ich bewunderte. Sie war eine wunderbare Klaviervirtuosin und Komponistin, die uns viele Konzerte gegeben hatte. Ich schrieb Geschichten oder verfasste Gedichte. Da jeder von uns eine Kunst beherrschte, war es niemandem von uns möglich, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Wir waren alle Künstler, Kämpfer, Tänzer. Das gehörte zur Ausbildung. Freunde waren wir nicht. Liebe stand nicht auf dem Programm, eher schon Achtung. Die besaßen wir voreinander und natürlich vor uns selbst. Schlecht, wenn man sich verliebte. Ständig war jemand verliebt, aber diese Gefühle wurden sublimiert. Wir wandelten sie in Kunst, und wo das nicht möglich war, in Schwärmerei. Körperlicher Kontakt untereinander war uns nur beim Ringen, bei Boxkämpfen und beim Tanzen, erlaubt, ansonsten war er verpönt. Wir sollten nicht weichlich sein oder verzärtelt. Wir durften in Miltons Schule niemals vergessen zu unseren höchsten Möglichkeiten innerer Entwicklung zu streben. Erstaunlich, dass wir uns an solche Fantasien hielten. Wieso wir das taten, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber noch daran, dass es in dieser vergangenen Welt feste Grenzen im Verhalten gab und dass DAS unseren Halt ausmachte. Niemals wieder in meinem Leben habe ich mich so sicher gefühlt.
Im Grunde endete unser vertrautes Leben kurz nachdem ich Gefühle für Dolores entdeckte. Ob sie meine Gefühle damals schon erwiderte, weiß ich nicht. Ich war ein Gockel, maßlos verliebt und maßlos verrückt. Sie bestimmte mein Denken und Handeln und ich war eifersüchtig. Meine Güte. Ich konnte es nicht ertragen, sie mit einem anderen zu sehen. 
Freunde sind sicher die Menschen, die man am meisten liebt, also sind sie auch die Menschen, die man am meisten als Konkurrenten fürchtet, und ich hatte ja damals bemerkt, dass auch Peter ein Auge auf sie geworfen hatte. Das beunruhigte mich eine Weile. Ich spazierte oft allein über die Insel und hing meinen Träumen nach.
 
Wir durften nur den Westteil der Insel durchstreifen. Grenze war für unsere Ausflüge der Vulkankegel und auf der anderen Seite das Gebirge, in dem wir unsere Bergfestung gebaut hatten, um gegen Stürme und Überschwemmungen gesichert zu sein. Diese Bergfestung würde bald sehr wichtig werden, aber das konnte damals noch keiner wissen. Die Bergfestung wurde bewacht, aber sie war etwas, das im Grunde ohne Bedeutung war. Sie war auf Miltons Befehl hin gebaut worden.
Einmal im Jahr begann die Sturmperiode. Bis jetzt waren wir immer davon gekommen, aber das Meer war manchmal wirklich so aufgepeitscht, dass das Wasser bis an den Rand der Klippen stieg. Milton hatte uns gewarnt, dass es noch schlimmer kommen konnte. Viele der Inseln im Archipel seien schon überschwemmt worden. Inseln im Archipel hatte er gesagt, dabei kannten wir nur diese eine Insel und wir hatten auch keine Möglichkeit sie zu verlassen. Noch nie hatten wir auch nur die Konturen einer anderen Insel gesehen. Auf jeden Fall hatten wir das Höhlensystem bewohnbar machen müssen. Vielleicht wusste Milton schon, was auf uns zukommen würde. Schiffe, die an der Insel vorüber segelten, hatten wir übrigens auch nie gesehen. Es gab sie nicht. Wir dachten, dass die Klippen und Untiefen, die die Insel umgaben, zu gefährlich wären für Schiffe und dass nur Heinrich, der uns per Schiff versorgte, eine sichere Passage kannte. Das war im Grunde wirklich der Grund, auch wenn wir das damals noch nicht wussten. Die Insel maß nach Miltons Worten in der Länge 40 und in der Breite 20 km. Wir befanden uns angeblich an der Westseite. Die Ostseite der Insel werde von Wilden bewohnt, die Menschenfresser seien. Eine glatte Lüge, wir haben nie einen von diesen Menschen fressenden Polynesiern zu Gesicht bekommen. Wenn sie einmal dort gewesen sein sollten, dann hatten sie die Insel sicher nach Miltons Ankunft verlassen müssen. Er war ja nicht so friedliebend, wie er sich uns gegenüber gab. Milton hatte uns vor Besuchern von außerhalb der Insel gewarnt. Von dort komme mit Sicherheit nichts Gutes. Wir seien als Kinder hierher gebracht worden, weil wir verderblichen Einflüssen ausgesetzt gewesen seien. Wenn es ihn nicht gegeben hätte, wären wir zweifellos von der Boshaftigkeit und Verkommenheit unserer Umgebung angesteckt worden. Er hatte uns in vielen Unterrichtsstunden gezeigt, wohin Verwahrlosung führt und wie verdorben die Welt, aus der wir kamen, war. Unter seiner Obhut sollten wir als Menschen und Künstler gedeihen, wir seien die Prototypen einer besseren Welt, die er und seine Helfer schaffen wollten. Dazu sei dieses Schloss gebaut worden. Es sei auch ein Verdienst der Herren. Solche Geschichten begleiteten uns bis ins Erwachsenenalter hinein. Wenn man etwas früh erlernt und es immer wieder eingetrichtert bekommt, kommt es einem schließlich völlig natürlich vor. Man vergisst, offensichtlich Unsinniges zu hinterfragen. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass manches, was man für eine Spukgeschichte hält, die tradiert wurde, einen wahren Kern haben kann. Die Herren waren nie anwesend. Ihre Abwesenheit war geradezu ihre Macht. Wir glaubten an sie, wie man an Gott glaubt. Sie seien mächtige Männer, die nachts durch den Berg in die oberen Stockwerke kamen, um Milton Instruktionen zu geben. Aber sie würden uns in Ruhe lassen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie das Experiment beendeten. Dieser Zeitpunkt sei unbestimmt. Unser Ziel sei es, unsere größte Eigenheit zu entwickeln. Aber das durfte nie regellos geschehen. Wir seien kein Wildwuchs, sondern edle Gräser. Noch eine seltsame Idee. Aber wir glaubten daran. Was würde aus uns alles werden können? 
 
Nun, vorerst wurde aus uns eine Gruppe von eigenwilligen, aber naiven jungen Leuten, die an ihre Fähigkeiten und Talente glaubten.  
 
Es hatte Rebellen gegeben. Nicht jeder hatte sich fügen wollen. Milton war jeder Aufsässigkeit mit milder Strenge begegnet. Er wollte aus jedem unserer Antriebe etwas Brauchbares formen. Das gelang oftmals. Waren wir mit zehn noch in Jungen und Mädchengruppen geschieden, so wurden wir plötzlich Rivalen und beste Freunde, je nachdem. Keiner, der nicht mindestens einmal verliebt gewesen wäre. 
 
Liebe ist ein produktives Gefühl, wenn sie nicht primitiv ausgelebt wird. Wir konnten aus diesen Empfindungen etwas machen. Die einen lernten ein Handwerk, die anderen lernten Musikinstrumente oder eine Kunst. Andere, die es doch wagten, von Milton gesetzte Grenzen zu überschreiten, waren plötzlich nicht mehr auf der Insel. Sie mussten uns verlassen. Das war allen eine herbe Lehre. Ich glaube daraus entwickelte sich die geistige Form der Liebe, die wir Minne nannten, wie in den alten Büchern, die wir mit Milton lasen. Wir liebten uns, aber wir mieden Körperlichkeit. Wir machten der oder dem Angebeteten nur geistig den Hof. Das ging hin und her, und es machte unser Leben freien und schöner. Nie wurden mehr Liebesbriefe geschrieben als in dieser Zeit und es entstanden Lieder, die wir nicht mehr missen mögen. 
 
Ich mochte es, mit Milton selbst befreundet zu sein. Er war so überlegen, dass ich es als große Ehre empfand, dass er mich gerne um sich hatte. Er zeigte mir viele Dinge in der Natur oder er spazierte mit mir über die Insel. Unsere Themen waren vielschichtig. Es ging um Fragen der Philosophie, der  Kunst, der Mathematik. Habe ich jemals wieder jemanden so sehr verehrt? 
 
Aber ich wollte von Dolores erzählen. Solange ich denken kann, sind sie und ich verbunden. Wir haben als Kinder zusammen gespielt. Wir sind als Jugendliche immer zusammen gewesen und als wir erwachsen wurden, waren wir unzertrennlich. Sie war schön, sie war klug, aber für mich war sie mehr, sie war die Luft, die ich atmete. Kann man eine echte Liebe beschreiben?  Ich war verloren, wenn Sie nicht da war und Glück kannte ich nur in den Stunden, wenn ich sie in der Nähe hatte. Nun wurden wir älter, und ich begehrte sie auch geschlechtlich. Es war schwierig, sich solche Gefühle einzugestehen. Auch wenn es unglaubwürdig erscheint, wir hielten uns an Miltons Regeln, auch in der Sexualität. Leider brachte das Probleme mit sich. Ich wurde eifersüchtig. Jeder Mann, der mit ihr redete, löste in mir Eifersucht aus, jedes Interesse, das sie zeigte und das nicht mir galt, weckte meine Besorgnis. Mit anderen Worten, ich war liebeskrank. Milton interessierte sich für meine Reaktionen, als sei das alles ein Naturphänomen, das es zu studieren galt. Dann wurde es ihm langweilig und er ignorierte mich, zumindest bis auf die Stunden der Gewissenserforschung. Ich sei in gewisser Hinsicht wirklich krank und da hülfen eigentlich nur Distanz und Enthaltsamkeit. Ich hatte eher das Gefühl, das Gegenteil sei wahr. Ich wollte nur sie. 
 
Eines Tages sah ich vom Fenster Peter und Dolores, die in tiefe Gespräche verwickelt den Schlosspark verließen und offenbar zum Meer hinunter gingen. Aus dem Fenster konnte ich bis zu den Felsen sehen, hinter denen der ausgetretene Pfad entlang der Klippen zu den Wäldern und von dort weiter zum Vulkankegel führt, der die Insel bis zu einer Höhe von 400 m überragt. Er ist lange erloschen, das macht ihn aber nicht ungefährlich. Milton hatte uns verboten dorthin zu gehen. Es war entsetzlich heiß. Der Wind kam vom Inselinneren. Dort heizte sich der Fels gewaltig auf und erhitzte die Luft zusätzlich. Milton war um diese Zeit irgendwo in den oberen Etagen des Hauses. Dort schrieb er wohl seine Berichte an die Herren. Er residierte dort, erhaben wie ein König. Was genau er dort tat, wer konnte es wissen? Es war so sehr Gewohnheit, dass das niemandem besonders auffällig vorkam. Ich beeilte mich, das Haus zu verlassen. Ich folgte den beiden, bog um den Felsen am alten Friedhof und stand ihnen unvermittelt gegenüber. Das war peinlich. Ich spürte, dass ich errötete. „Was machst Du hier?“, fragte Dolores.
In diesem Augenblick bemerkten wir, dass drei junge Männer am Rande des Waldes standen und forschend zu uns herüber blickten. Fremde. Es war ein Schock. Unser erster Impuls war es, weg zu laufen, doch dann warteten wir, während die Männer langsam näher kamen. Sie sahen fremdartig aus, anders als die Polynesier im Ostteil der Insel, von denen wir Zeichnungen gesehen hatten. Sie wirkten wie ein Spähtrupp, eine Vorhut, die das Terrain auslotete. Was sollten wir tun? Wir waren in den Lage, uns zu wehren, falls wir angegriffen wurden, aber wo drei sind, sind zweifellos auch noch mehr Leute, denn irgendein Schiff musste den Weg zu uns gefunden haben. Heinrich aber wäre natürlich sofort zum Schloss gekommen. Es war eine brenzlige Situation, die blitzartig in Aggression umschlagen konnte. Als hätte er geahnt, was passieren würde,  sahen wir Milton, in Begleitung von Thomas und Mario den Pfad herunter kam. 
„Besucher. Erstaunlich. Nach all den Jahren. Ah, und Mahmoud, nicht wahr.  Vor 23 Jahren habe ich Dich mit Heinrich fortsegeln lassen. Ich habe schon gehört, dass Du neue Freunde gefunden hast.“ Dieser Mahmoud war Araber. Er war nicht besonders groß. Seine Haare waren pechschwarz und lockig. Er wirkte selbstsicher so, als komme er, um seinen Besitz anzutreten.
„Wie viele seid ihr und wo ist Euer Schiff“, fragte Milton.
„Zwei Schiffe“, lächelte Mahmoud. „Die Endevaour unter Kapitän Gregorius und die Merci unter Kapitän Mercator. Sie ankern in der Bucht. 80 Brüder und Schwestern sind an Bord. Sie werden hier siedeln. Sie sind bereits im Anmarsch. Bald werden sie hier sein.“
Milton erwiderte nichts. Er zeigte keine Unsicherheit, obwohl er damals schon gewusst haben musste, worum es ging. Ich meine mich an schlechtes Wetter zu erinnern. Es würde passen, der Himmel hatte sich zugezogen und Blitze fuhren über den Himmel. Noch war das Unwetter über dem Ozean. Aber tatsächlich hatte es unser Idyll bereits erreicht.
 
Die Vorhalle schien bei den Neuankömmlingen ein wenig Ehrfurcht oder Erstaunen auszulösen. Ich konnte mir denken, dass man überrascht war über die Ausmaße dieser Kathedrale, wie Milton sie nannte. Ein länglicher Saal, die Decken acht Meter hoch, schneeweiße Säulen, die die Decke stützten. An den Wänden kunstvolle Öllampen. Der Boden aus Marmor. Ein prachtvoller Anblick, der in stolze, optimistische Stimmung versetzte. An der Fensterfront waren Blumen in verzierten Blumenkübeln angeordnet. An den Wänden hingen die Gemälde unserer besten Künstler. Skulpturen, teilweise noch in Bearbeitung standen überall und vom Treppenaufgang schaute jener dunkelgekleidete Mann auf uns herab, den ein unbekannter Künstler gemalt hatte. Wie immer arbeiteten viele von uns an ihren Werken oder übten mit ihren Musikinstrumenten. Als wir den Raum betraten verstummten die Geräusche. Alle Blicke wendeten sich den Neuankömmlingen zu. In diesem Moment klopfte es. Ein Europäer begehrte Einlass, ein großer, kräftiger Mann in  Uniform. Das erste Mal, dass ich Gregorius zu Gesicht bekam. Er stand streng in der Tür und wartete auf Milton, der am Treppenaufgang stand und wortlos herüber blickte. Hier trafen Feinde aufeinander, das konnte man spüren. Wir hatten außer Heinrich und seinen Männern und unseren Lehrern wenig Kontakt zu Europäern gehabt. Wer war der Mann? War es einer der Herren?
 
Mythen, die lebendig werden, können einen wirklich erschrecken. Wir waren es gewöhnt, von Herren zu hören, sie im Haus zu vermuten, Wesen ohne echte Präsenz. Jetzt aber erschraken wir. Wir hatten gewusst, es würde einmal enden, aber wenn es soweit ist, ist es schwer zu begreifen. 
Gregorius wendete uns seinen dicklichen Körper zu. Offenbar machte ihm die Hitze zu schaffen. Er öffnete seine Uniformjacke und ich bemerkte, dass sein Hemd erkennbar durchgeschwitzt war. Er war ein hellhäutiger Mann, rothaarig, nicht geeignet für diese Breiten. Sein Gesicht wirkte wie gemeißelt, aber die viel zu weite Hose schlabberte um seine Beine. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: „Ganz schön warm hier bei Euch. Also gut, meine Damen und Herren. Wie ich sehe, haben sie sich prächtig entwickelt, in ihrem Biotop. Das war ja nicht unbedingt zu erwarten. Wir haben uns viel zu lange nicht um dieses, nah sagen wir, Experiment, gekümmert. Wir haben viele Menschen, die in Not sind und die ziellos umher irren auf der Suche nach einem Platz, an dem sie Sicherheit finden. Ein paar dieser Menschen sind mit mir auf der Endevaour gesegelt. Auf unserem Schwesterschiff  der Mercy sind weitere Menschen, die Ihre Hilfe brauchen werden. Sie werden in Kürze anlegen. Ich glaube, hier wird niemand von Ihnen Menschen die nötige Hilfe verwehren. Euer Herr hat euch doch hoffentlich zu guten Menschen erzogen.“ Viele erwartungsvolle Blicke richteten sich auf Milton. Der hatte seine Fassung offenbar wieder gewonnen. Sein Gesicht war zur Maske erstarrt, und in seinen Augen meinte ich Wut zu erkennen. Er hatte sich aber völlig unter Kontrolle. „Darf ich Sie bitten, mir zu folgen, in den oberen Stockwerken können wir uns in Ruhe unterhalten. Er wies zum Aufgang zur Geschlossenen. Gregorius nickte: „Einverstanden, mein Herr, es ist wohl besser, wenn wir das erst mal unter uns klären.“ Er folgte Miltons Handbewegung und die beiden stiegen hinauf zum Portal, während die Neuankömmlinge langsam durch die Vorhalle schlenderten, neugierig, abwartend, aber durchaus abweisend. Die Arbeiten wurden wieder aufgenommen. Aber es lag eine Spannung in der Luft. Unbeschwert fühlte sich wohl niemand mehr.
Wir hörten, dass im oberen Stockwerk lautstark gestritten wurde. Kurz darauf öffnete sich die Tür und Gregorius hastete die Treppe herunter und verließ fluchtartig das Haus. Am Portal der Geschlossenen stand Milton. „Es hat sich etwas verändert, meine Kinder“, sagte er. „Es gibt Ankömmlinge auf der Insel. Aber wir sind vorbereitet. Ich bitte Euch nur um eins, die Menschen, die mit diesem Gregorius gekommen sind, sind nicht unsere Feinde. Es wäre gut, wenn ihr freundlich bleibt?“ Freundlich? Was meinte er? Wir waren nicht auf die Idee gekommen, unfreundlich zu sein.
Diskutierend standen wir in kleinen Gruppen beisammen.
 
Die oberen Stockwerke des Schlosses waren für uns ein Ort des Geheimnisses, der Ehrfurcht und des Grauens. Ein mächtiges Portal verschloss den Zugang. Im Portal gab es eine mannshohe Tür, die fast unsichtbar war. Durch die kam Milton morgens zu uns herunter und verließ uns abends wieder. Bis in die Träume hinein verfolgte mich der Anblick dieses Portals. Wer würde einst dort heraus treten. Die Neuankömmlinge schienen das Grauenerregende dieses Ortes nicht zu fühlen. Sie folgten Mahmoud die Treppe hinauf, bestaunten den Engel, betrachteten neugierig den Mann auf dem Gemälde und standen dann in einer Gruppe zusammen. Sie waren offensichtlich nicht an Kontakt zu uns interessiert. Sie sprachen mit uns, wenn sie angesprochen wurden, ansonsten zeigten sie uns gegenüber eine Arroganz, die etwas störend war. Aber wir hatten genug zu tun. Und so zerstreuten wir uns wieder und ließen dieses Grüppchen allein. Warum dieses obere Stockwerk die Geschlossene hieß, wusste keiner von uns. Geschlossen war sie aber wirklich. Ein ganzes Stockwerk und auch die beiden Türme waren uns nicht zugänglich. Man hätte vermuten können, dass unsere Neugier uns angestachelt hätte, nachzusehen, was sich dort befand. Wir hätten versuchen können, vom Wipfel der Bäume in eines der Fenster zu spähen, oder gar an der Fassade hinauf zu klettern, doch das war nie geschehen. Unser Leben war perfekt. Geordnet und geführt. Es gab wenig Unangenehmes. Die Insel war zweifellos interessanter, als dieses obere Stockwerk, in dem etwas geschah, das wir gar nicht wissen wollten. Wir hatten oft zu den Fenstern hinauf gesehen, an denen nie jemand stand, aus denen nie jemand hinaus sah. Irgendwie waren wohl alle der Überzeugung, Milton wohne dort ganz allein. Viel Platz für einen einsamen Mann, aber er war nicht mit uns zu vergleichen. Er war Milton, der, der uns erzogen hatte und dem wir alles verdankten. Wir glaubten ihm einfach. 
Wenn Lehrer auf der Insel waren, wohnten sie in einem Gebäude ganz in der Nähe. Die letzten drei Männer waren sehr offen zu uns gewesen. Bei Ihnen ging es freundlich zu. Sie hatten einen Garten angelegt, mit Bänken und Tischen und abends, wenn unsere Arbeit erledigt war, saßen wir dort mit ihnen gelegentlich zusammen und dann gab immer etwas zu lachen. Sie halfen uns auch bei der Feldarbeit, mit den Tieren oder im Garten. Da waren sie sich nicht zu schade. Ohne sie hätte Milton seine Ordnung nicht halten können. Sie kannten die Welt, doch sie redeten nicht darüber. Sobald das Gespräch in diese Richtung führte, verstummten sie. Vielleicht aus Respekt vor Milton. Er besaß wirklich eine große Autorität, der sich niemand entziehen konnte.


Schwarze Romantik

Bücher für Freunde phantastischer Literatur

Erste Story aus
Gefährten der Reise
Zuirückgebliebene

Zurückgebliebene

Die Sonne flammte auf hinter dem schmalen Gebirgsstreifen. Augenblicklich trat die Dunkelheit den Rückzug an. Das ver­dorrte Grünbraun der Olivenhaine, auf denen die Nacht wie ein dunkles Tuch gelegen hatte, begann fahl in der Dämmerung zu leuchten. Binnen weniger Minuten wurde es hell. Die Sonne war ungewöhnlich rot an diesem Morgen; blutrot wie das Fegefeuer. Ranzmann schälte sich aus dem Schlafsack und betrachtete Marianne, die tief und fest schlief, während ringsumher der harsche Fels sich im Licht der Morgensonne aufheizte. Mariannes langes schwarzes Haar, ihr makelloser, sonnengebräunter Körper, ihr zartes etwas vulgäres Kinderge­sicht stießen ihn plötzlich ab. Sie war etwas Fremdes, das be­drohlich in seine Welt hineinragte.
In diesem Moment hörte man das Brummen eines kleinen Motors, das sich näherte. Paul kehrte wohl doch zurück. Die ganze Nacht hatte Ranzmann gehofft, dass er für immer ver­schwunden war.
Vor gut zwei Monaten hatte er Paul kennen gelernt. Im Ge­gensatz zu ihm war Paul ein Draufgänger und Frauenheld. Keine Gesellschaft in der er nicht schnell im Mittelpunkt stand und mit seinem Charme, seinem Selbstvertrauen und seinem guten Aussehen die Herzen der Zuhörer an sich riss. Michael Ranzmann hatte das anfangs fasziniert. Er war mit sich recht zufrieden gewesen. Trotzdem hatte er den anderen um Schwung und Charme beneidet, die er dessen Jugend zuschrieb. Obwohl er noch nie über diese Talente verfügt hatte. Schon immer hatte er anderen zugeschaut und sich passiv verhalten. In gewisser Hinsicht hatte er seine Art trotzdem für überlegen gehalten. Hinter seiner scheuen Fassade besaß er durchaus ein gesundes Selbstvertrauen. Die wenigen Menschen, die er ins Vertrauen zog, waren ihm allemal wertvoller erschienen, als die ganze oberflächliche Gesellschaft, die sich um Pauls Gunst bemühte. Vielleicht war das der Grund, warum er sich nicht gescheut hatte, Paul mit nach Hause zu bringen. Ja, er war sogar ein we­nig stolz gewesen, als er ihn Marianne vorstellte. Paul war über Nacht geblieben. Sie hatten zusammen getrunken und viel ge­lacht. Irgendwann war Michael Ranzmann zu Bett gegangen und hatte Marianne mit dem gemeinsamen Gast allein gelassen. Schmunzelnd hatte er registriert, dass Marianne lange nicht mehr so aufgedreht gewesen war, und er hatte es selbstsicher gefun­den, die beiden so sorglos alleine zu lassen. Doch schon am nächsten Morgen hatte sich einiges verändert. Er hatte verges­sen am Rande gesessen, während Marianne Paul mit sehnsüch­tigen Blicken bedacht hatte. Ein Schmerz war da durch Micha­els Herz gefahren. Ein Riss hatte sich plötzlich in seinem Selbst­vertrauen gezeigt. Gar nicht mehr vermutete Komplexe waren in ihm erwacht.
„Was ist denn mit dir los?“, hatte Paul gelacht, aber Ranz­mann war nicht nach einer scherzhaften Erwiderung zumute gewesen. Unwirsch hatte er sich seine Jacke gegriffen, Mari­anne vorwurfsvoll zugenickt und war zur Arbeit gegangen, ohne Paul zu grüßen. Aber Paul war nicht wegzuleugnen gewe­sen, da hatte er ihn mit Missachtung strafen können, wie er wollte. Jeden zweiten Abend hatte er freundlich lächelnd in der Tür gestanden, Ranzmann jovial auf die Schulter geklopft und sich zu Marianne ins Wohnzimmer gesetzt, als sei das die nor­malste Sache auf der Welt. Ranzmann war immer ein sehr tole­ranter Mensch gewesen, der sich etwas darauf zugute hielt, dass er anderen keine Schikanen in den Weg zu legen pflegte, wenn deren Interessen sich nicht mit den seinen deckten. Das hielt er auch in Beziehungen so und er war immer gut damit gefahren. Jetzt aber hatte sich Ranzmann sehr hilflos gefühlt. Wie war der Dreistigkeit seines neuen Bekannten zu begegnen, der sich in seinen Sesseln fläzte, auf seiner Couch rumlag, und der seiner Frau schöne Augen machte. Abends, im gemeinsamen Bett, hatte Ranzmann Marianne immer heftiger mit Vorwürfen über­schüttet, ohne dass er wusste, was er überhaupt hören wollte.
„Ich liebe dich“, hatte sie gesagt, aber wenn er sie an sich ziehen wollte, war sie plötzlich erkaltet, hatte ihn unwirsch an­geblickt und hatte gesagt:
„Bitte nicht, ich brauche meinen Schlaf, morgen ist ein harter Tag“. Dann hatte sie sich herumgedreht und war eingeschlafen, während Ranzmann die halbe Nacht wach gelegen und mit bren­nenden Augen Löcher in die Decke gestiert hatte. Er hatte nicht gewusst, wie er reagieren sollte. Zweifellos rückten die beiden immer näher zueinander, während er immer weiter an den Rand geriet, und das alles vollzog sich ganz offen vor seinen Augen und dass auch noch, ohne dass einer der beiden es für nötig hielt, ihm gegenüber wenigstens einen schuldbewussten Eindruck zu machen. Das provozierte ihn noch zusätzlich. Was wollte dieser Paul eigentlich? Er sah zwar gut aus und er hatte Charme, aber er war auch ein Schaumschläger, der niemals im Leben etwas zustande gebracht hatte. Sicher, er - Ranzmann - war keiner, der auf Äußerlichkeiten viel Wert legte, aber er hatte es immer­hin zu einem Häuschen gebracht. Er hatte einen guten, interes­santen Job. Er wurde hervorragend bezahlt, und, er hatte Zu­kunft. Daran hielt er sich fest. Er hatte Zukunft, während dieser Paul seine Zukunft, mit jedem Tag der verstrich, weiter ver­spielte. Wenn man ihn genau betrachtete, konnte man das Vordringen des Alters auch bei ihm nicht leugnen. Er hatte erste graue Haare und verräterische Falten um Mundwinkel und Au­gen. Seine immerwährende Schlagfertigkeit und gute Laune waren zweifellos eine Maske, hinter der er irgendwelche Ängste verbarg. Es schien Ranzmann unmöglich zu sein, dass ein neununddreißigjähriger Mann keine Depressionen kannte, dass er lebte wie ein Zwanzigjähriger: was kostet die Welt. Wenn er es trotzdem tat, dann war er beschränkt, dann litt er an einer er­heblich verminderten Realitätswahrnehmung. Niemand kann auf die Vierzig zu gehen, ohne jemals zu leiden. Aber Paul war weiterhin immerwährend guter Laune gewesen. Seine Fröhlich­keit nährte sich aus einem gnadenlosen Optimismus, mit dem er die ganze Welt nicht recht ernst nahm und Marianne schien das auch noch zu gefallen. Es war ja nicht zu leugnen, dass ihr sonst immer ein wenig melancholischer Blick sich aufgehellt hatte, dass ihre Wangen nicht mehr so bleich, ihr Mund nicht mehr so mürrisch wirkten. Wenn alte Freunde zu Besuch waren, die sich wie immer in kultivierten Diskussionen bewegten, hatte sie sich jetzt zart und weiblich mit der Schulter gegen die Couch ge­lehnt. Dabei hatte man den Eindruck, sie amüsiere sich über das, was ihr vor kurzem noch wichtig gewesen war. Niemand schien mehr in der Lage zu sein, sie aus diesem somnambulen Zustand herauszureißen. Sie kannte plötzlich keine Probleme mehr, hatte aber leider auch, zumindest gegenüber Ranzmann, jedes Verlangen nach Sex, Wärme oder Zärtlichkeit verloren. Es war ihm vorge­kommen, als habe sie ihre Einlagen vom gemeinsamen Glücks­konto abgezogen, um ihn nun mit einem deftigen Minus alleine zu lassen.
Sechs Wochen lang entfernte sich Marianne Stück für Stück aus der gemeinsamen Vergangenheit. Ranzmann waren sie wie eine Ewigkeit er­schienen. Er grübelte verzweifelt, was er tun konnte. Schließlich erkannte er, dass ihm nur eine Möglichkeit blieb. Wenn er sie zurückerobern wollte, dann war er gezwungen, bedingungslos in die Offensive zu gehen. Dieser Gedanke gefiel ihm. Er war ein Kämpfer. Alles in ihm gierte nach einer Revanche.
Eines Abends, als Paul wieder einmal unüberwindbar fröh­lich, von einem ekelerregenden inneren Glanz verklärt, vor Marianne hockte, hatte er den beiden den Vorschlag gemacht, einen Urlaub zu dritt zu finanzieren. Einen Augenblick war Paul überrascht, doch dann begann die Herausforderung zu wirken, die Ranzmann, den Totgeglaubten, wieder zurück aufs Spielfeld hob.
„Ich weiß nicht“, murmelte Marianne. Lässig lehnte Ranzmann im Türrahmen, getragen vom Vertrauen auf den Erfolg seines überraschenden Gegenschlags und sagte: „Wir drei könnten sicher drei Wochen Entspan­nung gebrauchen. Lasst uns in den Süden fliegen“.
Einen Augenblick hatte es Paul die Sprache verschlagen, doch dann lächelte er sanft und herausfordernd und fragte spöttisch:
„Hast Du denn schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefasst?“
„Aber sicher“, nickte Ranzmann, „Ich habe mir gedacht, dass uns das wilde Leben am meisten fasziniert“. Dabei warf er Marianne einen herausfordernden Blick zu. „Ich denke, wir sollten mit Rucksäcken losziehen und eine griechische Insel erkunden.“
Er versicherte, dass er für die Ausrüstung sorgen werde und er schwärmt den ganzen Abend vom Meer und vom würzigen Seewind, der sie erwarten würde. Schließlich stimmten die beiden dem Vorschlag zu.
Irgend etwas hatte sich von da an verändert. Paul war nicht mehr ganz so fröhlich und Marianne nicht mehr ganz so abwei­send gewesen wie zuvor und ganz allmählich war Ranzmann, wie ein feindlicher Virus, durch die Zellhülle ihrer Unbe­schwertheit geschlüpft und hatte begonnen, sein lähmendes Erbgut zu verbreiten. Auch Mariannes und Pauls Hoffnung richtete sich jetzt auf den Urlaub, den Ranzmann für seine Ver­hältnisse ziemlich unorganisiert näher rücken ließ.
Schließlich saßen sie im Flugzeug. Der gemeinsame Urlaub wurde nicht so furchtbar, wie er befürchtet hatte. Marianne war nicht mehr so ausgelassen wie zu Beginn und ab und an lag, Gott sei Dank, wieder ein Schimmer Nachdenklich­keit in ihren Augen. Vielleicht erlebten sie deshalb eine leidlich fröhliche, überraschend ungezwungene erste Woche. Doch ganz allmählich begann Paul sein Verhalten zu verändern. Er, der in erster Linie Spaß von einer Liebesbeziehung erwartete, wirkte ernüchtert von den Launen Mariannes, die die Dreiecksituation, wie Ranzmann es vorher gesehen hatte, schlecht verkraftete. An ihrer Stimmung zerrte die Schwerkraft der mit Ranzmann verbrachten Jahre. Sie erkannte, dass sie sich von Ranzmann distanzieren musste, um Pauls Liebe zu ihr zu erhalten. Sie suchte die Einsamkeit mit ihm. Die beiden gingen allein zum Baden oder wanderten stunden­lang durch das Umland, während Ranzmann vergessen vor sei­nem Zelt hockte und sich mit seinen trüben Gedanken beschäf­tigte. Trotzdem hatte er den Eindruck, seine Saat gehe auf. Die beiden lachten und alberten zwar wie früher, aber ihr Lachen war nicht mehr so unbefangen, ihr Albern nicht mehr so frei von Berechnung.
Eines Nachmittags kam Marianne in Begleitung von drei Rucksacktouristen zum Zelt zurück. Sie waren ihnen bei einem Spaziergang begegnet und hatte ihnen von dem romantisch gelegenen Zeltplatz vorge­schwärmt, nicht ohne den Hintergedanken damit zu verbinden, Ranzmann aus ihrer Nähe zu verscheuchen. Es waren zwei deutsche Frauen in Beglei­tung eines sehr attraktiven Italieners. Die beiden Frauen waren äußerst hübsch und Ranzmann fiel ein Stein vom Herzen. Obwohl er in der Hoffnung lebte, Paul als Konkurrenten zu besiegen, war er sehr erleichtert, dass er endlich eine Chance bekam, dem Gefühl völligen Verlassenseins zu entkommen. Er sprühte vor Charme und Lebensfreude. Den Ankömmlingen schien das zu gefallen. Ranzmann, der es ja gewohnt war, am Rande zu sit­zen, registrierte, dass ihm die Herzen zuflogen. Er flirtete inten­siv mit der hübscheren der beiden Frauen, einer Linda aus Berlin, die offensichtlich solo war. Er wusste nicht, was mit ihm geschah. Er war es, der die Gruppe bis tief in die Nacht hinein unterhielt. Er war wieder voller Lebensfreude, während Marianne für ihn mit einem Mal ver­schwunden war. Sie mochte noch in der Runde sitzen und wahrscheinlich war Paul an ihrer Seite, aber sie interessierte ihn nicht mehr. Als die Sonne über den Olivenhainen aufging, hielt er, wie er glaubte, Lindas Herz in der Hand. Bevor sie schlafen ging, küssten sie sich. Er saß noch eine Weile allein am Feuer. Schließlich legte er sich ins Gras und sank in einen tiefen, von wunderbaren Träumen erfüllten, Schlaf.
Er erwachte spät. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Es musste nach Mittag sein. Vom Meer her hörte Ranzmann lautes Lachen. Mühsam erhob er sich und näherte sich dem Ge­lächter, während eine erste, scheue Eifersucht sein Herz be­wegte. Er erreichte die Klippen, von denen ein schmaler Pfad zur Bucht hinabführte und machte sich an den Abstieg.
Der Italiener planschte mit seiner Freundin fröhlich im Wasser herum. Ranzmanns von Müdigkeit noch getrübter Blick suchte nach Marianne, Paul oder Linda, doch sie waren nicht dort.
„Komm schwimmen!“, rief ihm das Mädchen zu, doch Ranz­mann winkte ab und schlich wie ein begossener Pudel näher. 
„Wo sind denn die anderen drei?“, fragte er scheu. Die Eifersucht tobte bereits wie ein wütendes Tier in seinem Bauch.
„Linda wollte Paul eine Bucht zeigen, die sie im letzten Jahr entdeckt hat und Marianne wollte die beiden begleiten“, scholl es ihm wie Hohn aus dem Wasser entgegen. Wortlos drehte er sich um und schlich mit hängenden Schultern zum Zeltplatz zurück. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Mordgedanken. Es war zum Kotzen. Er wünschte sich nichts inbrünstiger, als dass sich dieser Paul in den unwegsamen Bergen das Genick brach. Niedergeschlagen wanderte er ziellos durch die Landschaft. Endlich, nachdem er eine Stunde gegangen war, hörte er plötzlich ein wohlvertrautes Lachen. Als er näher kam, konnte er in eine kleine, malerische Bucht hinuntersehen, wo auf dem hellen, feinen Sand drei ma­kellose Körper, verschwistert in einem Bündnis der Schönheit und der guten Laune, splitterfasernackt und offensichtlich völlig selbstvergessen beieinander lagen. Ranzmann stand wie zur Salzsäule erstarrt. Bald schon war er grau wie der Stein ringsum, vertrocknet wie der Ginster. Aus brennenden Augen beobachtete er Paul, der die beiden Frauen, die schönsten und begehrenswertesten Frauen der Welt, an den Händen fasste und lachend mit ihnen ins Wasser rannte. Einen Augenblick hatte Ranzmann das Verlangen, einen der am Rande des Abhangs liegenden Felsbrocken auf die drei zu stürzen, die für ihn ein Fanal seiner Lebensuntauglichkeit waren, doch er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Irgend etwas geschah mit ihm. Aus allen Poren seines Körpers drangen Schatten seiner selbst in den Abend; alle Schattierungen in denen er jemals existiert hatte. Er betrach­tete seine Ebenbilder, die müde vor ihm Aufstellung nahmen; eine Truppe zum Scheitern verurteilter Krieger, die immer mit den besten Absichten in die Schlacht des Lebens gezogen wa­ren, wenngleich ohne Erfolg. Über ihren Köpfen erschien jetzt, groß und heiß wie die Sonne, glühend wie das Fegefeuer, das Gesicht Pauls; ein lachendes, gelöstes Gesicht, das keine Furcht, keine Trauer, keinen Abgrund zu kennen schien, und das Ranzmanns Schwächen verhöhnte, die ihn ein Leben lang am Boden gehalten hatten. Ranzmann erhob sich und floh zwi­schen verdorrten Sträuchern über den uralten, von der Son­nenhitze aufgeheizten Felsboden. Im Schutze einer traurigen Ansammlung Olivenbäume hockte er sich auf den Boden und heulte sich die ewig geschundene Seele aus dem Leib.
Erst spät am Abend später kehrte er zum Zelt zurück. Es war sehr still dort. Sein Zelt stand einsam und verlassen bei der kalten Asche des Lagerfeuers. Die anderen waren anscheinend ohne ihn weitergezogen. Aber darauf kam es auch nicht mehr an. Er setzte sich müde und scharrte mit den Füßen in der kalten Asche der Feuerstelle. Plötzlich begann sich eine angenehme Gleichgültigkeit in ihm auszu­breiten. Es war ihm alles egal. Sollten sich doch alle von ihm abwenden. Er kam auch alleine prima zu­recht. Er streckte sich auf dem Boden aus und genoss ein me­lancholisches Glücksgefühl, das sich in ihm ausbreitete. In die­sem Moment rief eine leise Stimme aus dem Zelt seinen Namen. Er wendete den Kopf und sah zu seiner Überraschung Marianne im Eingang, die sich mit verheultem Gesicht aus dem Zelt quälte. Sie wand sich dabei wie ein verwundetes Tier. Sie erschien ihm wehrlos wie ein Wurm. Paul hatte sie wegen Linda verlassen, aber er hatte ihr noch verspro­chen zurückzukehren. Plötzlich hatte Ranzmann das Verlangen, Marianne in den Arm zu nehmen. Sie klammerten sich wie Ertrinkende aneinander. Schließlich schliefen sie miteinander wie alte Ver­traute, wie Verbündete, wie Geschwister, die dazu verurteilt sind, ein Leben lang aneinandergeklammert auf dem gleichen, morschen Boden zu tanzen, in kleinen, schutzgewährenden Welten, in denen sich Sonnenlicht nur in gut geputzten Fenster­scheiben bricht. Es war ein wilde, verzweifelte Nacht zweier Menschen, die zurückgeblieben sind, während das Licht leicht­füßig weitertanzt und sie zurücklässt im altvertrauten Schatten.
     Das Geräusch des kleinen Motors kam näher. Marianne war inzwischen wach. Erschöpft blinzelte sie gegen das Morgenlicht. Die Fältchen des Alterns hatten als dünne Striche zu ihren Mundwinkeln zurückgefunden. Ihr Blick war nun wie­der hinter den Burgwall der Vernunft getreten und lugte vor­sichtig und zum Zugriff bereit daraus hervor, flankiert von Ranzmanns Blick und gemeinsam deckten beide Blicke die Grenzen ihrer Welt, in der sie sich ein Überleben garantierten.
Jeden Augenblick musste das Fahrzeug den Zeltplatz errei­chen. Einen Moment zitterten ihre Körper unter einer furchtba­ren, mühsam unterdrückten Anspannung, doch als die beiden erkannten, dass es nur ein Junge war, der mit seiner Freundin zum Baden fuhr, sahen sie sich an und lachten, getragen von Erleichterung.