Amaleks Stunde: 
der neue Roman, 460 Seiten, wird hier nach und nach veröffentlicht. 

Schwarze Romantik

Bücher für Freunde phantastischer Literatur

Erste Story aus
Gefährten der Reise
Zuirückgebliebene

Zurückgebliebene

Die Sonne flammte auf hinter dem schmalen Gebirgsstreifen. Augenblicklich trat die Dunkelheit den Rückzug an. Das ver­dorrte Grünbraun der Olivenhaine, auf denen die Nacht wie ein dunkles Tuch gelegen hatte, begann fahl in der Dämmerung zu leuchten. Binnen weniger Minuten wurde es hell. Die Sonne war ungewöhnlich rot an diesem Morgen; blutrot wie das Fegefeuer. Ranzmann schälte sich aus dem Schlafsack und betrachtete Marianne, die tief und fest schlief, während ringsumher der harsche Fels sich im Licht der Morgensonne aufheizte. Mariannes langes schwarzes Haar, ihr makelloser, sonnengebräunter Körper, ihr zartes etwas vulgäres Kinderge­sicht stießen ihn plötzlich ab. Sie war etwas Fremdes, das be­drohlich in seine Welt hineinragte.
In diesem Moment hörte man das Brummen eines kleinen Motors, das sich näherte. Paul kehrte wohl doch zurück. Die ganze Nacht hatte Ranzmann gehofft, dass er für immer ver­schwunden war.
Vor gut zwei Monaten hatte er Paul kennen gelernt. Im Ge­gensatz zu ihm war Paul ein Draufgänger und Frauenheld. Keine Gesellschaft in der er nicht schnell im Mittelpunkt stand und mit seinem Charme, seinem Selbstvertrauen und seinem guten Aussehen die Herzen der Zuhörer an sich riss. Michael Ranzmann hatte das anfangs fasziniert. Er war mit sich recht zufrieden gewesen. Trotzdem hatte er den anderen um Schwung und Charme beneidet, die er dessen Jugend zuschrieb. Obwohl er noch nie über diese Talente verfügt hatte. Schon immer hatte er anderen zugeschaut und sich passiv verhalten. In gewisser Hinsicht hatte er seine Art trotzdem für überlegen gehalten. Hinter seiner scheuen Fassade besaß er durchaus ein gesundes Selbstvertrauen. Die wenigen Menschen, die er ins Vertrauen zog, waren ihm allemal wertvoller erschienen, als die ganze oberflächliche Gesellschaft, die sich um Pauls Gunst bemühte. Vielleicht war das der Grund, warum er sich nicht gescheut hatte, Paul mit nach Hause zu bringen. Ja, er war sogar ein we­nig stolz gewesen, als er ihn Marianne vorstellte. Paul war über Nacht geblieben. Sie hatten zusammen getrunken und viel ge­lacht. Irgendwann war Michael Ranzmann zu Bett gegangen und hatte Marianne mit dem gemeinsamen Gast allein gelassen. Schmunzelnd hatte er registriert, dass Marianne lange nicht mehr so aufgedreht gewesen war, und er hatte es selbstsicher gefun­den, die beiden so sorglos alleine zu lassen. Doch schon am nächsten Morgen hatte sich einiges verändert. Er hatte verges­sen am Rande gesessen, während Marianne Paul mit sehnsüch­tigen Blicken bedacht hatte. Ein Schmerz war da durch Micha­els Herz gefahren. Ein Riss hatte sich plötzlich in seinem Selbst­vertrauen gezeigt. Gar nicht mehr vermutete Komplexe waren in ihm erwacht.
„Was ist denn mit dir los?“, hatte Paul gelacht, aber Ranz­mann war nicht nach einer scherzhaften Erwiderung zumute gewesen. Unwirsch hatte er sich seine Jacke gegriffen, Mari­anne vorwurfsvoll zugenickt und war zur Arbeit gegangen, ohne Paul zu grüßen. Aber Paul war nicht wegzuleugnen gewe­sen, da hatte er ihn mit Missachtung strafen können, wie er wollte. Jeden zweiten Abend hatte er freundlich lächelnd in der Tür gestanden, Ranzmann jovial auf die Schulter geklopft und sich zu Marianne ins Wohnzimmer gesetzt, als sei das die nor­malste Sache auf der Welt. Ranzmann war immer ein sehr tole­ranter Mensch gewesen, der sich etwas darauf zugute hielt, dass er anderen keine Schikanen in den Weg zu legen pflegte, wenn deren Interessen sich nicht mit den seinen deckten. Das hielt er auch in Beziehungen so und er war immer gut damit gefahren. Jetzt aber hatte sich Ranzmann sehr hilflos gefühlt. Wie war der Dreistigkeit seines neuen Bekannten zu begegnen, der sich in seinen Sesseln fläzte, auf seiner Couch rumlag, und der seiner Frau schöne Augen machte. Abends, im gemeinsamen Bett, hatte Ranzmann Marianne immer heftiger mit Vorwürfen über­schüttet, ohne dass er wusste, was er überhaupt hören wollte.
„Ich liebe dich“, hatte sie gesagt, aber wenn er sie an sich ziehen wollte, war sie plötzlich erkaltet, hatte ihn unwirsch an­geblickt und hatte gesagt:
„Bitte nicht, ich brauche meinen Schlaf, morgen ist ein harter Tag“. Dann hatte sie sich herumgedreht und war eingeschlafen, während Ranzmann die halbe Nacht wach gelegen und mit bren­nenden Augen Löcher in die Decke gestiert hatte. Er hatte nicht gewusst, wie er reagieren sollte. Zweifellos rückten die beiden immer näher zueinander, während er immer weiter an den Rand geriet, und das alles vollzog sich ganz offen vor seinen Augen und dass auch noch, ohne dass einer der beiden es für nötig hielt, ihm gegenüber wenigstens einen schuldbewussten Eindruck zu machen. Das provozierte ihn noch zusätzlich. Was wollte dieser Paul eigentlich? Er sah zwar gut aus und er hatte Charme, aber er war auch ein Schaumschläger, der niemals im Leben etwas zustande gebracht hatte. Sicher, er - Ranzmann - war keiner, der auf Äußerlichkeiten viel Wert legte, aber er hatte es immer­hin zu einem Häuschen gebracht. Er hatte einen guten, interes­santen Job. Er wurde hervorragend bezahlt, und, er hatte Zu­kunft. Daran hielt er sich fest. Er hatte Zukunft, während dieser Paul seine Zukunft, mit jedem Tag der verstrich, weiter ver­spielte. Wenn man ihn genau betrachtete, konnte man das Vordringen des Alters auch bei ihm nicht leugnen. Er hatte erste graue Haare und verräterische Falten um Mundwinkel und Au­gen. Seine immerwährende Schlagfertigkeit und gute Laune waren zweifellos eine Maske, hinter der er irgendwelche Ängste verbarg. Es schien Ranzmann unmöglich zu sein, dass ein neununddreißigjähriger Mann keine Depressionen kannte, dass er lebte wie ein Zwanzigjähriger: was kostet die Welt. Wenn er es trotzdem tat, dann war er beschränkt, dann litt er an einer er­heblich verminderten Realitätswahrnehmung. Niemand kann auf die Vierzig zu gehen, ohne jemals zu leiden. Aber Paul war weiterhin immerwährend guter Laune gewesen. Seine Fröhlich­keit nährte sich aus einem gnadenlosen Optimismus, mit dem er die ganze Welt nicht recht ernst nahm und Marianne schien das auch noch zu gefallen. Es war ja nicht zu leugnen, dass ihr sonst immer ein wenig melancholischer Blick sich aufgehellt hatte, dass ihre Wangen nicht mehr so bleich, ihr Mund nicht mehr so mürrisch wirkten. Wenn alte Freunde zu Besuch waren, die sich wie immer in kultivierten Diskussionen bewegten, hatte sie sich jetzt zart und weiblich mit der Schulter gegen die Couch ge­lehnt. Dabei hatte man den Eindruck, sie amüsiere sich über das, was ihr vor kurzem noch wichtig gewesen war. Niemand schien mehr in der Lage zu sein, sie aus diesem somnambulen Zustand herauszureißen. Sie kannte plötzlich keine Probleme mehr, hatte aber leider auch, zumindest gegenüber Ranzmann, jedes Verlangen nach Sex, Wärme oder Zärtlichkeit verloren. Es war ihm vorge­kommen, als habe sie ihre Einlagen vom gemeinsamen Glücks­konto abgezogen, um ihn nun mit einem deftigen Minus alleine zu lassen.
Sechs Wochen lang entfernte sich Marianne Stück für Stück aus der gemeinsamen Vergangenheit. Ranzmann waren sie wie eine Ewigkeit er­schienen. Er grübelte verzweifelt, was er tun konnte. Schließlich erkannte er, dass ihm nur eine Möglichkeit blieb. Wenn er sie zurückerobern wollte, dann war er gezwungen, bedingungslos in die Offensive zu gehen. Dieser Gedanke gefiel ihm. Er war ein Kämpfer. Alles in ihm gierte nach einer Revanche.
Eines Abends, als Paul wieder einmal unüberwindbar fröh­lich, von einem ekelerregenden inneren Glanz verklärt, vor Marianne hockte, hatte er den beiden den Vorschlag gemacht, einen Urlaub zu dritt zu finanzieren. Einen Augenblick war Paul überrascht, doch dann begann die Herausforderung zu wirken, die Ranzmann, den Totgeglaubten, wieder zurück aufs Spielfeld hob.
„Ich weiß nicht“, murmelte Marianne. Lässig lehnte Ranzmann im Türrahmen, getragen vom Vertrauen auf den Erfolg seines überraschenden Gegenschlags und sagte: „Wir drei könnten sicher drei Wochen Entspan­nung gebrauchen. Lasst uns in den Süden fliegen“.
Einen Augenblick hatte es Paul die Sprache verschlagen, doch dann lächelte er sanft und herausfordernd und fragte spöttisch:
„Hast Du denn schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefasst?“
„Aber sicher“, nickte Ranzmann, „Ich habe mir gedacht, dass uns das wilde Leben am meisten fasziniert“. Dabei warf er Marianne einen herausfordernden Blick zu. „Ich denke, wir sollten mit Rucksäcken losziehen und eine griechische Insel erkunden.“
Er versicherte, dass er für die Ausrüstung sorgen werde und er schwärmt den ganzen Abend vom Meer und vom würzigen Seewind, der sie erwarten würde. Schließlich stimmten die beiden dem Vorschlag zu.
Irgend etwas hatte sich von da an verändert. Paul war nicht mehr ganz so fröhlich und Marianne nicht mehr ganz so abwei­send gewesen wie zuvor und ganz allmählich war Ranzmann, wie ein feindlicher Virus, durch die Zellhülle ihrer Unbe­schwertheit geschlüpft und hatte begonnen, sein lähmendes Erbgut zu verbreiten. Auch Mariannes und Pauls Hoffnung richtete sich jetzt auf den Urlaub, den Ranzmann für seine Ver­hältnisse ziemlich unorganisiert näher rücken ließ.
Schließlich saßen sie im Flugzeug. Der gemeinsame Urlaub wurde nicht so furchtbar, wie er befürchtet hatte. Marianne war nicht mehr so ausgelassen wie zu Beginn und ab und an lag, Gott sei Dank, wieder ein Schimmer Nachdenklich­keit in ihren Augen. Vielleicht erlebten sie deshalb eine leidlich fröhliche, überraschend ungezwungene erste Woche. Doch ganz allmählich begann Paul sein Verhalten zu verändern. Er, der in erster Linie Spaß von einer Liebesbeziehung erwartete, wirkte ernüchtert von den Launen Mariannes, die die Dreiecksituation, wie Ranzmann es vorher gesehen hatte, schlecht verkraftete. An ihrer Stimmung zerrte die Schwerkraft der mit Ranzmann verbrachten Jahre. Sie erkannte, dass sie sich von Ranzmann distanzieren musste, um Pauls Liebe zu ihr zu erhalten. Sie suchte die Einsamkeit mit ihm. Die beiden gingen allein zum Baden oder wanderten stunden­lang durch das Umland, während Ranzmann vergessen vor sei­nem Zelt hockte und sich mit seinen trüben Gedanken beschäf­tigte. Trotzdem hatte er den Eindruck, seine Saat gehe auf. Die beiden lachten und alberten zwar wie früher, aber ihr Lachen war nicht mehr so unbefangen, ihr Albern nicht mehr so frei von Berechnung.
Eines Nachmittags kam Marianne in Begleitung von drei Rucksacktouristen zum Zelt zurück. Sie waren ihnen bei einem Spaziergang begegnet und hatte ihnen von dem romantisch gelegenen Zeltplatz vorge­schwärmt, nicht ohne den Hintergedanken damit zu verbinden, Ranzmann aus ihrer Nähe zu verscheuchen. Es waren zwei deutsche Frauen in Beglei­tung eines sehr attraktiven Italieners. Die beiden Frauen waren äußerst hübsch und Ranzmann fiel ein Stein vom Herzen. Obwohl er in der Hoffnung lebte, Paul als Konkurrenten zu besiegen, war er sehr erleichtert, dass er endlich eine Chance bekam, dem Gefühl völligen Verlassenseins zu entkommen. Er sprühte vor Charme und Lebensfreude. Den Ankömmlingen schien das zu gefallen. Ranzmann, der es ja gewohnt war, am Rande zu sit­zen, registrierte, dass ihm die Herzen zuflogen. Er flirtete inten­siv mit der hübscheren der beiden Frauen, einer Linda aus Berlin, die offensichtlich solo war. Er wusste nicht, was mit ihm geschah. Er war es, der die Gruppe bis tief in die Nacht hinein unterhielt. Er war wieder voller Lebensfreude, während Marianne für ihn mit einem Mal ver­schwunden war. Sie mochte noch in der Runde sitzen und wahrscheinlich war Paul an ihrer Seite, aber sie interessierte ihn nicht mehr. Als die Sonne über den Olivenhainen aufging, hielt er, wie er glaubte, Lindas Herz in der Hand. Bevor sie schlafen ging, küssten sie sich. Er saß noch eine Weile allein am Feuer. Schließlich legte er sich ins Gras und sank in einen tiefen, von wunderbaren Träumen erfüllten, Schlaf.
Er erwachte spät. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Es musste nach Mittag sein. Vom Meer her hörte Ranzmann lautes Lachen. Mühsam erhob er sich und näherte sich dem Ge­lächter, während eine erste, scheue Eifersucht sein Herz be­wegte. Er erreichte die Klippen, von denen ein schmaler Pfad zur Bucht hinabführte und machte sich an den Abstieg.
Der Italiener planschte mit seiner Freundin fröhlich im Wasser herum. Ranzmanns von Müdigkeit noch getrübter Blick suchte nach Marianne, Paul oder Linda, doch sie waren nicht dort.
„Komm schwimmen!“, rief ihm das Mädchen zu, doch Ranz­mann winkte ab und schlich wie ein begossener Pudel näher. 
„Wo sind denn die anderen drei?“, fragte er scheu. Die Eifersucht tobte bereits wie ein wütendes Tier in seinem Bauch.
„Linda wollte Paul eine Bucht zeigen, die sie im letzten Jahr entdeckt hat und Marianne wollte die beiden begleiten“, scholl es ihm wie Hohn aus dem Wasser entgegen. Wortlos drehte er sich um und schlich mit hängenden Schultern zum Zeltplatz zurück. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Mordgedanken. Es war zum Kotzen. Er wünschte sich nichts inbrünstiger, als dass sich dieser Paul in den unwegsamen Bergen das Genick brach. Niedergeschlagen wanderte er ziellos durch die Landschaft. Endlich, nachdem er eine Stunde gegangen war, hörte er plötzlich ein wohlvertrautes Lachen. Als er näher kam, konnte er in eine kleine, malerische Bucht hinuntersehen, wo auf dem hellen, feinen Sand drei ma­kellose Körper, verschwistert in einem Bündnis der Schönheit und der guten Laune, splitterfasernackt und offensichtlich völlig selbstvergessen beieinander lagen. Ranzmann stand wie zur Salzsäule erstarrt. Bald schon war er grau wie der Stein ringsum, vertrocknet wie der Ginster. Aus brennenden Augen beobachtete er Paul, der die beiden Frauen, die schönsten und begehrenswertesten Frauen der Welt, an den Händen fasste und lachend mit ihnen ins Wasser rannte. Einen Augenblick hatte Ranzmann das Verlangen, einen der am Rande des Abhangs liegenden Felsbrocken auf die drei zu stürzen, die für ihn ein Fanal seiner Lebensuntauglichkeit waren, doch er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Irgend etwas geschah mit ihm. Aus allen Poren seines Körpers drangen Schatten seiner selbst in den Abend; alle Schattierungen in denen er jemals existiert hatte. Er betrach­tete seine Ebenbilder, die müde vor ihm Aufstellung nahmen; eine Truppe zum Scheitern verurteilter Krieger, die immer mit den besten Absichten in die Schlacht des Lebens gezogen wa­ren, wenngleich ohne Erfolg. Über ihren Köpfen erschien jetzt, groß und heiß wie die Sonne, glühend wie das Fegefeuer, das Gesicht Pauls; ein lachendes, gelöstes Gesicht, das keine Furcht, keine Trauer, keinen Abgrund zu kennen schien, und das Ranzmanns Schwächen verhöhnte, die ihn ein Leben lang am Boden gehalten hatten. Ranzmann erhob sich und floh zwi­schen verdorrten Sträuchern über den uralten, von der Son­nenhitze aufgeheizten Felsboden. Im Schutze einer traurigen Ansammlung Olivenbäume hockte er sich auf den Boden und heulte sich die ewig geschundene Seele aus dem Leib.
Erst spät am Abend später kehrte er zum Zelt zurück. Es war sehr still dort. Sein Zelt stand einsam und verlassen bei der kalten Asche des Lagerfeuers. Die anderen waren anscheinend ohne ihn weitergezogen. Aber darauf kam es auch nicht mehr an. Er setzte sich müde und scharrte mit den Füßen in der kalten Asche der Feuerstelle. Plötzlich begann sich eine angenehme Gleichgültigkeit in ihm auszu­breiten. Es war ihm alles egal. Sollten sich doch alle von ihm abwenden. Er kam auch alleine prima zu­recht. Er streckte sich auf dem Boden aus und genoss ein me­lancholisches Glücksgefühl, das sich in ihm ausbreitete. In die­sem Moment rief eine leise Stimme aus dem Zelt seinen Namen. Er wendete den Kopf und sah zu seiner Überraschung Marianne im Eingang, die sich mit verheultem Gesicht aus dem Zelt quälte. Sie wand sich dabei wie ein verwundetes Tier. Sie erschien ihm wehrlos wie ein Wurm. Paul hatte sie wegen Linda verlassen, aber er hatte ihr noch verspro­chen zurückzukehren. Plötzlich hatte Ranzmann das Verlangen, Marianne in den Arm zu nehmen. Sie klammerten sich wie Ertrinkende aneinander. Schließlich schliefen sie miteinander wie alte Ver­traute, wie Verbündete, wie Geschwister, die dazu verurteilt sind, ein Leben lang aneinandergeklammert auf dem gleichen, morschen Boden zu tanzen, in kleinen, schutzgewährenden Welten, in denen sich Sonnenlicht nur in gut geputzten Fenster­scheiben bricht. Es war ein wilde, verzweifelte Nacht zweier Menschen, die zurückgeblieben sind, während das Licht leicht­füßig weitertanzt und sie zurücklässt im altvertrauten Schatten.
     Das Geräusch des kleinen Motors kam näher. Marianne war inzwischen wach. Erschöpft blinzelte sie gegen das Morgenlicht. Die Fältchen des Alterns hatten als dünne Striche zu ihren Mundwinkeln zurückgefunden. Ihr Blick war nun wie­der hinter den Burgwall der Vernunft getreten und lugte vor­sichtig und zum Zugriff bereit daraus hervor, flankiert von Ranzmanns Blick und gemeinsam deckten beide Blicke die Grenzen ihrer Welt, in der sie sich ein Überleben garantierten.
Jeden Augenblick musste das Fahrzeug den Zeltplatz errei­chen. Einen Moment zitterten ihre Körper unter einer furchtba­ren, mühsam unterdrückten Anspannung, doch als die beiden erkannten, dass es nur ein Junge war, der mit seiner Freundin zum Baden fuhr, sahen sie sich an und lachten, getragen von Erleichterung.