AMALEKS STUNDE: 
Armageddon

 








Amaleks Stunde

Der Untergang der Welt


von

H.W. Bähr




Aus der Offenbarung des Johannes


 | „Wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan aus seinem Gefängnis freigelassen werden. |


| Er wird ausziehen, um die Völker an den vier Ecken der Erde, den Gog und den Magog, zu verführen, um sie zusammenzuholen für den Kampf; sie sind so zahlreich wie die Sandkörner am Meer. |


| Sie schwärmten aus über die weite Erde und umzingelten das Lager der Heiligen und Gottes geliebte Stadt. Aber Feuer fiel vom Himmel und verzehrte sie.



Der Anfang

Und der, der ewig ist, sprach: Die Welt SEI:

Und die Welt war!

Und er teilte alles Sein in Licht und Dunkelheit. Das Licht war das Licht des Sohnes und der Sohn war er selbst. Und er schuf alle Lichtwelten. Und in der dunklen Materie und ihren Welten entstand ein Wesen in der Finsternis, so böse, so ohne Liebe, und sein Zweck war es, die Waage des Seins im Gleichgewicht zu halten. 

Es gab nun einen Tag und eine Nacht. Und der, dessen Sein aus reiner Negation des Sohnes bestand, ist der, den die Juden den Amalek nennen oder den Satan. Aus dessen dunkler Substanz wuchsen dunkle Welten, bewohnt von dunklen Wesen, die ihm dienen mussten. Hass war seine Natur, Gier nach Macht sein einziger Wille. Als Amalek erkannte, dass ihm eine undurchdringliche Grenze gesetzt war, wurde er wütend. Er starrte aus seiner Finsternis neiderfüllt in die Lichtwelt, die der Sohn gestaltete. 

In sieben lichtvollen Tagen entstand, aus dem Geiste des Sohnes, eine  friedvolle, heitere Welt, die zuletzt zwei Menschen gebar: einen Mann und eine Frau, die in Liebe und Frieden lebten, in einem Licht, das dem Amalek auf immer verschlossen sein würde. Der Neid auf den Menschen erweckte Amaleks Hass. 

Und sein Hass brach sich Bahn und bemächtigte sich einem Wesen, das er aus seiner Finsternis erreichen konnte. Es war eine Schlange, die sich seit ihrer Erschaffung im Staube bergen musste. Mit ihrer Hilfe gelang es Amalek, sich dem Weibe zu nähern. 

Es gab für diese ersten Menschen ein einziges Verbot. Am Rande der Lichtwelt gab es eine Region, die sie niemals betreten durften, denn dort wuchsen an Bäumen Früchte, die bei Genuss ein grenzenloses Verlangen nach einem nie zu erreichenden, undefinierbaren Glück wecken würden.

„Geht doch hinüber und esst von dieser Frucht, deren Genuss Euch vom Sohn versagt wird. Ihr werdet eine Lust kennen lernen, die euch in eurer Welt zu Unrecht versagt wird“, flüsterte Amalek. Und das Zischeln der Schlange weckte in den beiden Menschen das Verlangen. 

Es war die Frau, die als erste von der Frucht aß und die das Leiden an einer unerreichbaren Erfüllung entdeckte. Als der Mann sah, dass seine Frau unzufrieden wurde und von ihm Hilfe bei der Erfüllung ihrer Wünsche erwartete, aß auch er von der Frucht und beide litten von nun an unter einer unstillbaren Sehnsucht nach einem nie gesehenen Paradies außerhalb ihrer friedlichen Welt. 

Die Lichtwelt verfinsterte sich. Der Frieden wich aus ihren Herzen. Schlinggewächse erdrosselten die Bäume, das Wasser wurde giftig, die Tiere begannen, sich gegenseitig zu fressen. Die Unzufriedenheit der beiden Menschen wuchs. Sie begannen Dinge zu sammeln, und sich aus den Fellen der Tiere Kleidung zu nähen. Und die beiden Menschen suchten Lust aneinander, stritten und paarten sich und gebaren Kinder, die zwiespältig waren wie sie selbst, ein Teil von Ihnen strebte stets zurück zu der Lichtwelt, aus der sie kamen, der andere Teil von Ihnen aber blickte gebannt auf das Unerreichbare, das sie unglücklich machte und schließlich zum Brudermord trieb. 

Und jede Ihrer Handlungen vervielfachte die Welten, denn da sie aus dem Geist des Anfangs bestanden, war alles, was ihnen begegnete ein Abbild ihrer Sehnsucht, die unaufhörlich vorwärts durch immer neue Welten strömte, auf der Suche nach einem Paradies, das sich aber immer vor ihnen verborgen hielt. 

Die Welt des Sohnes war zerstört. Amalek hatte gesiegt. 

Seine Dämonen labten sich an den finsteren Energien der Menschen: Angst, Geilheit, Hass und Mordgier. Und als Amaleks Triumph vollkommen zu sein schien, weil selbst das Volk der Juden abtrünnig wurde, erschien der Sohn in der Welt.

Gekleidet in Unschuld und frei von jedem Verlangen, weckte er in den Menschen die Erinnerung an das Licht und den Frieden ihrer Herkunft. Und Amalek hasste ihn und hoffte auf einen Kampf.Doch da der Sohn den Hass Amaleks in Duldsamkeit ertrug, leuchtete der Geist des Sohnes erneut in  der Welt und Amaleks Herkunft aus der Finsternis  wurde offenbar. Viele Menschen entkamen von nun an seinen Einflüsterungen. 

Seit jener Zeit kämpft Amalek um die Rückkehr zu seiner alten Macht und die Vernichtung jeder Erinnerung der Menschen an das ursprüngliche Licht  


Die Herren


Seit dem Sturz der ersten Menschen war die Sehnsucht nach der verlorenen Lichtwelt im Menschen präsent. Es gab einzelne Menschen, die erkannten, dass ihre Sehnsucht ein Gefängnis bildete. Diese wenigen versuchten der Welt zu entkommen. Im reinen Sein fanden sie das, was sie das Nirwana nannten. Es waren Buddhas, die zeit- und raumlos, wie sie waren, in vielen Welten und Zeiten erschienen und Menschen den Weg in das, was sie Erlösung nannten, zeigten. Es waren aber jene 12 Männer, die in der Stille des Anfangs gewesen waren, die auch heute noch in allen Welten wirken, um Amaleks Sieg zu verhindern. Das sind die zwölf Männer, die die HERREN genannt werden: Mystiker, die dem Verlangen des Amalek und dessen Einflüsterungen unerreichbar sind, weil sie eins mit der Wahrheit wurden. 


Amaleks Rückkehr

Amalek aber fand einen neuen Weg in die Herzen der Menschen, heimtückischer, schwerer zu durchschauen, böser. Denn es war der Wunsch der Menschen nach Gerechtigkeit und Frieden, den er zu seiner neuen Waffe schmiedete. Er band das Gute an die Sehnsüchte nach Macht und Reichtum und formte es zu einem neuen Verlangen, das nun wie ein trügerisches Licht im Menschen leuchtete. Das Böse gab sich nun gut und wurde zum Maßstab für die letzten Ziele der Menschen.Die Anhänger Amaleks erweiterten nun rasch ihren Einfluss und verdrängten jede Erinnerung an die Freiheit und Unschuld der wahren Herkunft des Menschen.


Amaleks Grenze


Die HERREN aber setzten Amaleks Macht eine Grenze. Sie verbargen eine Insel an einem Ort zwischen Zeiten und Welten, der für Amalek und seine Anhänger verschlossen blieb. Dort wuchsen Menschen heran, die in ihrer geistigen Isolation unerreichbar für alle Einflüsterungen Amaleks bleiben würden. Solange es diesen Ort der Freiheit gab, wurde Amaleks  endgültiger Sieg verhindert.Amaleks Anhänger wurden angeführt von Menschen, die beinahe dämonische Natur angenommen hatten. Der mächtigste von ihnen hatte großen politischen Einfluss. Er war Senator im US Kongress und Herr aller Logen der Weißkutten, wie sie sich nannten.




Mercator


Senator Mercator war ein schlanker, sehr großer Mann mit den Gesichtszügen eines antiken römischen Konsuls. Er galt als überaus integer und honorig und war etwa siebzig Jahre alt, aber er wirkte irgendwie zeitlos. Patricia Heartblow war eine erfahrene Reporterin. Sie hatte alles über Senator Mercator gelesen, saß ihm nun aber erstmals persönlich gegenüber. Sein Büro war äußerst geschmackvoll eingerichtet. Aber etwas anderes hatte sie auch nicht erwartet. Mercator war so etwas wie eine Legende. Man hatte nur wenige Informationen darüber, welche Fäden er ziehen konnte. Dass er aber über erhebliche Macht verfügte, war klar. Journalisten, die ihm zu nahe gerückt waren, waren kurz darauf, auf Grund irgendwelcher Affären, aus Ansehen und Einfluss gestürzt. Jedermann wusste, dass man bei ihm vorsichtig sein musste.Der neue Präsident war offenbar nicht sein Freund. Einige der Intrigen gegen den Präsidenten kamen ganz offensichtlich aus Mercators Einflussbereich. Der Präsident wankte. Mercator wirkte immer im Unsichtbaren.Nun war sie, unter dem Vorwand seine Biographie schreiben zu wollen, zu ihm vorgedrungen, und sie hatte beschlossen, dass es jetzt an der Zeit war, die Maske fallen zu lassen. Ihr waren Informationen zugespielt worden, die so brisant waren, dass ihr, durch die Enttarnung dieses Mannes, Ruhm winkte.Sie war nicht unvorsichtig. Eine Kamera war an ihrer Kleidung befestigt, die alles, was hier geschah aufzeichnete und ihrem Team, das ein paar Häuserblocks entfernt wartete, zugesendet wurde. 

Senator Mercator lächelte sie an, aber dieses Lächeln wirkte eisig, als ahne, er, dass sie etwas im Schilde führte. Und das war so. Ohne dass sie es bemerkte, waren sowohl die Internetverbindung als auch die Frauen und Männer ihres Teams entdeckt worden. Die Kamera hatte lange aufgehört zu senden und ihre Freunde waren bereits eliminiert, als sie den Konflikt eröffnete. 

„Ist es wahr“, sagte sie, „dass es Herrn Hoffmann nicht mehr gibt, der bisher eine so bedeutende Rolle in ihren Netzwerken gespielt hat?“.Senator Mercator beugte sich leicht nach vorne und sah ihr intensiv in die Augen.

„Was meinen Sie damit? Es scheint mir eine Art Vorwurf in Ihren Worten mitzuschwingen.“

„Nun ja. Das tut mir leid“, sagte sie, „aber unser Informant hat berichtet, dass Hoffmann auf einer der Partys einer Loge verschwunden ist. Und deren Vorsitzender“, sie sah Senator Mercator herausfordernd an, „sollen sie sein. Es wurde uns zugetragen, dass sie, nun ja, sagen wir frivole Spiele dort organisiert haben sollen.“

Mercator schwieg einen Moment, dann lehnte er sich zurück und lächelte: 

„Liebe Frau, sie erzählen hier den gleichen Unfug, der auch im Netz herum geistert. Ich kenne die Hassreden. Neid, Missgunst, überall.“ Er schwieg einen Moment. „Es tut mir Leid, das ich Ihnen dieses Interview gewährt haben, aber, sie verstehen sicher, dass ich das Interview hier für beendet erkläre.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Patricia. „Sehen sie.“ Sie drehte ihren Handybildschirm so, dass Mercator sehen konnte, was sie mitgebracht hatte. Ein Film lief, auf dem eindeutig er mit Thomas Hoffmann zu sehen war. Sie standen in einem großen Saal, umgeben von Menschen in langen Roben. Leise Musik war zu hören. Eine Tür öffnete sich. Halbnackte Kinder wurden herein geführt. Die anwesenden Damen und Herren stellten sich im Kreis auf, während die Kinder eine Art Drehscheibe bestiegen. Man konnte sehen, dass sie unter ihren weißen Kleidchen nackt waren.

In diesem Moment sah Patricia Heartblow etwas, das ihren Weg aus dem Leben begleitete. Der Senator verwandelte sich. Es sah aus, als lasse er ein Kostüm zu Boden fallen. Das, was ihr da gegenüber saß, hatte wenig menschenähnliches. Sie konnte sich nicht mehr bewegen oder um Hilfe rufen. Der Mann, oder was auch immer es war, kam langsam um den Tisch herum auf sie zu. Er wirkte auf groteske Art und Weise mannweiblich. Er blickte sie aus kalten Augen an.

„Wer hat dieses Video noch gesehen oder in Besitz?“

Sie vernahm diese Stimme in jeder Körperzelle. Sie spürte, dass ihr Verstand durchforstet und dann aufgesaugt wurde, und sie ahnte, dass all die Menschen, die sie eingeweiht hatte, verloren waren. 

„Was sind sie“, dachte sie noch. 

„Ich bin ihr Tod“, vernahm sie, während sie spürte, dass jemand ihre Existenz aufsaugte wie ein rohes Ei. 

Ihre leergetrunkene Hülle sank im Stuhl zurück. Mercator hatte unterdessen wieder seine menschliche Gestalt angenommen. 

„Hör zu Mercator“, ertönte die Stimme Amaleks in seinem Kopf. „Sie meinen, sie hätten Außerordentliches gegen uns in der Hand. Ein Mann ist aufgetaucht, bei dem sie zu wissen glauben, dass er aus einer Parallelwelt  stammt. Er ist aber mein Hebel zur Vernichtung, weil er von der Insel des Feindes stammt. Ich weiß nun, wo sie zu finden ist. Es gibt ein Versorgungsschiff, dessen Kapitän den Zugang kennt. Du segelst mit Kapitän Gregorius. Er ist ein Narr, aber  er ist nützlich in seiner Zeit. Er verfügt über Schiffe und wird von mir Anweisungen erhalten.“ 

Mercator spürte Amaleks Anwesenheit wie ein zweites Ich. 

„Ja, Meister“, dachte er.

Eine große Freude erfasste ihn. Der Zeitpunkt war gekommen. Der Sieg des Meisters stand kurz bevor. 

Er saß noch einen Moment still, dann läutete er und ließ einen Rettungsdienst kommen. Der Notarzt konnte nur den Herztod der 50 jährigen Reporterin diagnostizieren. 

„Ein plötzlicher Tod. Selten. Wahrscheinlich die Aufregung“, diagnostizierte der Arzt. Es gab kein Misstrauen. Zu offensichtlich war es, dass hier Vorerkrankung und Stress zu einem plötzlichen Tod geführt hatten. Die Journalistin verließ das Büro Mercators, das der Ort ihres Triumphes hatte werden sollen, als  Leichnam. 

Tatsächlich starben weitere Menschen, die von dem Video wussten. Niemand brachte Männer oder Frauen der Loge mit den Morden in Verbindung. Die Weißkutten waren es gewohnt, sauber zu arbeiten und weil sie geistig miteinander verbunden waren, wussten die ausführenden Männer und Frauen stets, wen sie beseitigen mussten und wie es am Unauffälligsten war, die Leichen verschwinden zu lassen.

Gregorius

Kapitän  Gregorius war nicht mit Mercator zu vergleichen. Er war ehrgeizig, aber er war auf der Stufe der Einweihungen noch nicht sehr weit gekommen. Seine Zeitebene war das 19te Jahrhundert. Dort besaß er eine Reederei und mehrere Schiffe, unter anderem auch die Kriegsschiffe Endevaour und Merci, die er auf Geheiß klar zum Auslaufen machen ließ. In den arabischen Ländern waren von der Loge Krieger angeworben worden, die angeblich im Auftrag ihrer Religion, mit den beiden Schiffen zu dieser Insel segeln sollten, die der Feind verborgen hielt. Es war den Muslimen gesagt worden, sie sollten dort den Islam verbreiten. 

Die muslimischen Fürsten, die ihm die Krieger sendeten, waren allesamt Adepten des Amalek. Sie suchten religiöse und fanatische Männer aus, die für ihren Glauben töten würden und sie ernannten Mahoumed, einen eingeweihten Adepten des Meisters zum Anführer. Diese Krieger waren nach England gebracht worden, wo sie auf die Endevaour und die Merci verteilt wurden. Sie waren das Fallobst, den Esel zu locken, wie Gregorius es ausdrückte. Ihr Glauben gegen den Glauben der Menschen, die der Gegner dort herangezogen hatte. Geistige Blockade, die gebrochen werden musste. 

Während Gregorius das Laden der Schiffe befahl, erschien wie aus dem Nichts Mercator. Er war einer der Eingeweihten, ein Großmeister, der in der Lage war, Zeiten und Räume beliebig zu wechseln. Gregorius verbeugte sich tief, als Mercator zu ihm trat.

„Hast du alles vorbereitet?“, fragte Mercator.

„Wir können morgen in See stechen“, antwortete Gregorius.



Der Kampf um die Insel beginnt


Und so geschah es. Die Endevaour und die Merci brachen mit 80 Muslimen an Bord von London aus auf. Sie segelten bei gutem Wind, bis sie die Südsee erreichten. Es war, als bliese Amalek selbst in die Segel. Die Schiffe machten gute Fahrt und erreichten das Zielgebiet bei bestem Wetter.

„Aber wie werden wir jetzt den Übergang finden“, fragte Gregorius am Abend Mercator, der an Bord der Endevaour gekommen war, um zu speisen. 

„Der Meister hat alles arrangiert“, sagte Mercator. „Morgen werden wir seinen Plan erkennen.“

Tatsächlich erschien am folgenden Tag unmittelbar vor den beiden Kriegsschiffen die Astonia. Ein deutscher Zweimaster mit geringer Bewaffnung. Der Kapitän versuchte vergeblich eine Flucht, aber sie schnitten der Astonia den Weg ab und enterten das Schiff. Nach kurzem Kampf wurden die Matrosen überwältigt, getötet und dann über Bord geworfen. Den Kapitän und einen schwarzen Matrosen ließ man am Leben. Der Kapitän war ein zäher Bursche, aber Mercator erhielt alle Informationen, die er brauchte, ehe der Mann sich selbst tötete. Die Leiche des Kapitäns warf man über Bord.

Den Schwarzen aber nahm man mit. Man überzeugte ihn davon, dass es gut für ihn und sein Überleben sein würde, den Herrn dieser Inseln, Milton, auszuspionieren. Mercator war sich bewusst darüber, dass der Schwarze, der sich Ted nannte, seinen Gehorsam spielte, aber der Meister (wie er Amalek respektvoll nannte) bestand darauf, ihn mit zur Insel zu nehmen. Was sich der Meister davon versprach, war Mercator nicht wirklich klar. Aber der Meister machte nie Fehler.

Sie versenkten die Astonia und erreichten durch einen der verborgenen Zeitfalten die Insel. Es war ein schäbiges, kaum 40 Kilometer in der Länge durchmessendes Eiland. Dort also wohnte die geheimnisvolle Gegenmacht, die den Übertritt des Meisters verhinderte. Mercator war gespannt. Mit dem durch Folter gewonnenen Wissen des Kapitäns der Astonia fand er die Bucht, in der man Großsegler ankern konnte. Sie gingen mit mehreren Matrosen und einigen Muslimen an Land und schickte Mahoumed mit zwei Gefährten vor, den ersten Kontakt zu den Inselbewohnern herzustellen. Mahoumed war ja bereits einmal auf dieser Insel gewesen und hatte diesen Milton, der die Insel beherrschte, schon kennen gelernt. Ihm würde bei dem Angriff eine zentrale Rolle zukommen.

Gregorius erfährt das  Geheimnis der vielen Welten.

„Es ist schwierig, sich das alles vorzustellen“, sagte Gregorius, nachdem Mercator ihm versucht hatte zu erklären, dass die Welt, in der sie sich hier bewegten, nur eine von Milliarden anderer Welten war, so genannten Möglichkeitsebenen, in denen all das geschah, was andernorts nicht geschah.

„So ist es eben möglich, dass ich aus einer Zukunft komme, und diese nur EINE mögliche Zukunft ist“, sagte Mercator.

„Und dieser Mann, von dem Sie erzählt haben“, fragte Gregorius, „jener Küppers, der wohl auch versucht hierher zu gelangen?“

„Es ist müßig, darüber nachzudenken, was in dieser Welt möglich ist“, antwortete Mercator. „Nehmen Sie es einfach, wie es ist. Amalek ist die Konstante. Er ist ÜBERALL.“

„Und diese Herren, die hier herrschen?“

„Einstmals waren sie mächtige Gegner. Aber sie sind schwach geworden. Ihr Ende ist nahe. Die Herrschaft des Meisters wird in Kürze beginnen.“

Mercator schaute den dicklichen Kapitän verachtend an. Dieser Mann wusste wenig und verstand nichts. Alle Welten waren geistige Projektionen und doch real. Es ging immer um Emanation und Emanation ist nur bei geistiger Gleichheit möglich. Dieser Gedanke war so einfach und selbstverständlich. Wer nicht mit dem Meister übereinstimmte, war auch nicht von ihm zu vereinnahmen. Das wusste auch der Gegner. Wer aber der neuen Verlockung erlag, verachtete sein bisheriges Leben und öffnete sich für Hass, Lüge und Mord. So waren ganze Welten verführt worden.

Manche Pläne des Amalek waren selbst für ihn unergründlich, doch er nahm sie hin, weil er wusste, dass er, egal wie mächtig er auch unter Menschen war, vor dem Dämon doch nur ein Staubkorn war, das dieser wegpusten konnte. 

Eine Yacht aus seiner Zeitebene kreuzt hier irgendwo vor der Küste und an Bord waren Menschen, die eine Rolle zu spielen hatten, die Mercator noch nicht verstand. Es ging jetzt wohl um Alles. Ein Endspiel begann, von dem nur einer wusste, wie es wirklich gespielt werden sollte. Mercator spürte in sich das satte Wohlbehagen Amaleks, mit dem er geistig tief verbunden war.

In diesem Moment wurde ihm gemeldet, dass sein Spähtrupp auf Inselbewohner gestoßen war.




Auf der Yacht Sea-Gull


Charly erhält das Tagebuch von Joseph Küppers.


Das schneeweiße Segelboot schaukelte mit gerafften Segeln in der Dünung. Es lag seit zwei Tagen vor Anker. Es war eine luxuriöse Charteryacht, wie man sie in vielen Häfen der Erde sieht. Richardson hatte den Turn organisiert und alles aus eigener Tasche bezahlt. Er stand am Heck des Bootes und beobachtete das kleine Beiboot, das sich langsam vom Ufer her näherte. Er war hochgewachsen und schlank. Man sah ihm an, dass er Extremsport liebte. Marathonläufe oder Kletterpartien im Himalaya waren sein Ding. Ich beobachtete ihn, als er die Leiter herunter ließ, um Josef Küppers an Bord zu lassen. Sie begrüßten sich wie alte Freunde und das waren sie wahrscheinlich auch. Ich hatte von diesem Deutschen gehört, der auf Neuseeland einmal als Prediger gearbeitet hatte. Eigentlich ein unbedeutender Mann. Was Richardson an ihm fand, wusste ich nicht. Aber die beiden waren bekannt für gemeinsame Segeltörns in der Südsee. Mad nickte Küppers zu und gähnte. Er war Schotte und vor einigen Jahren aus Europa geflüchtet. Er hatte in Australien eine Arztpraxis und arbeitet als Internist. Er war erst 40, aber durch seine hagere Erscheinung und den ausgemergelten Schädel wirkte er zeitlos, wie jemand, der dem Tode bereits mehrmals gegenübergestanden hat. Moris saß an seiner Seite. Er schien zu dösen, aber ich wusste, er hatte die Ankunft von Joseph Küppers durchaus bemerkt. Küppers war ihm aber gleichgültig, wie fast alle der Anwesenden. Er hätte wer weiß was dafür gegeben, zu Hause in Frankreich zu sein, wo seine Frau jetzt ihren Liebhaber hofierte. Er war geradezu verbannt aus der Heimat, fort von Tochter und Frau, aber auch von seinem Staatsamt. Er war mit Leib und Seele Richter gewesen, bis er der Politik in die Quere kam. 

Franz Küppers lehnte mit dem Rücken gegen den Mast und redete mit Richardson. Die Sonne, die eben noch faustgroß am Himmel geglüht hatte, stürzte beängstigend schnell gegen den Horizont. Das Meer färbte sich blutrot und dann breitete sich am Horizont eine Dunkelheit aus, die rasch heran wuchs und uns wie ein dunkles Tuch umfing. Am Himmel erschienen jäh, als habe jemand einen Schalter umgelegt, unzählige Sterne. Die Sternbilder des Südens. 

„Das ist also die Crew.“ Moris  schwenkte den Arm. „Alles Europäer im mittleren Alter. Interessant. Europäer. Das ist heute fast schon ein Schimpfwort. Im Grund ähnelt unsere Reise damit ja den historischen Tatsachen. Wisst ihr, dass die ersten Europäer Entdecker waren, Helden, mit ungebrochenem Mut und der stillen Überzeugung zu einer Kultur zu gehören, die dazu berufen war, die Welt mit dem Licht der Vernunft zu erleuchten. Im Auftrag ihrer Majestäten und ihrer stolzen Völker stellten sie sich den Urgewalten des Meeres und den uferlosen Ängsten, die die heutige Menschheit in die Arme der Psychiater treibt. Habt ihr Euch jemals gefragt, warum es die Europäer so weit in die Ferne trieb, warum sie nicht aufhörten, die Welt zu formen, bis sie sich schließlich selbst im Wege standen. Das letzte Hindernis zu einem Licht, das nur sie allein vermuten konnten, ihrem letzten Paradies, das dann doch nur eine neue Hölle war? Sie waren wie wir. Sie hatten Lust auf Abenteuer und wo kann man es finden, wenn nicht im Unbekannten?“

Aus der Kajüte kam jetzt Karin an Deck. Ihr wunderschönes Gesicht, eingerahmt von blonden schulterlangen Haaren, zog unsere Blicke wie ein Magnet an. Sie war Biologin und stammte aus Polen. Weil Sie recht gut deutsch sprach, hatte sie auf einem der Segeltörns eine freundschaftliche Beziehung zu Küppers aufgebaut, ohne indessen alles an ihm verstanden zu haben. Er blieb ihr ein Rätsel. Die Konturen ihres makellosen Körpers weckten meine Begehrlichkeit. Küppers hatte sich erstaunlicherweise nicht sonderlich für sie interessiert. Soweit ich wusste, war er nie verheiratet gewesen. Es gab wohl einmal eine Frau in seinem Leben, die er immer noch verehrte. Vielleicht war sie gestorben. Er redete nicht darüber. 

Sein Gesicht glühte heute vor Leidenschaft. Hinter ihm spannte sich der im Sternenlicht gleißenden Himmel. Ein fast schon unwirkliches Bild. Ich erinnerte mich daran, dass er einmal als Prediger gearbeitet haben sollte. Ein Beruf, der ihm zweifellos gelegen hatte. Viele der umherziehenden Europäer versuchten sich ja in den unmöglichsten Tätigkeiten. 

Er redete mit Richardson und schien immer aufgeregter zu werden. 

„Hört zu“, sagte er nun, sich zu uns umwendend, „ich habe es Richardson eben zu erklären versucht. Ich möchte Euch um Unterstützung bitten. Diese Reise soll dazu dienen, einen Ort zu finden, den ich seit vielen Jahren suche und der in den zu durchsegelnden Seegebieten vermutet wird. Ich besitze das Tagebuch eines Verwandten, der dort lange gelebt hat. Er war  Element eines gesellschaftlichen Experiments, das ein deutscher Philosoph, unterstützt von unerkannten Mäzenen, vollzogen hat. Er verbrachte die Hälfte seines Lebens auf dieser Insel.“ 

„Die wo ist?“, fragte Mad, „Hier gibt es viele Inseln, auf denen man theoretisch wohnen könnte, aber glaubst Du nicht, man hätte von einer solchen Ungeheuerlichkeit nicht lange schon erfahren. Vielleicht war Dein Verwandter nur Fantasie begabt.“ 

„Ein Autor, wie unser Amerikaner hier“, sagte Moris und zeigte auf mich, doch er merkte augenblicklich, dass Franz Küppers keinen Spott ertragen konnte. 

„Nein. Es handelt sich nicht um eine Fantasie.  Auch wenn das etwas rätselhaft erscheinen mag. Der Mann ist ein Familienmitglied, ein Gefangener auf einer dieser Südseeinseln, hier am Ende der Welt, sozusagen hinter dem Mond“, Küppers lachte leise, „Sie ist weiter entfernt von den Inseln, zwischen denen wir schippern, als man meinen sollte und doch ist sie sehr nah von hier.“

„Du sprichst in Rätseln“, sagte ich. 

„Er will uns partout dazu bringen, auf diesem Turn nach dem Eiland zu suchen“, sagte Richardson. „Ich bin ein wenig neugierig. Was haltet ihr davon. Eine Spukinsel voller Deutscher, die bisher der Wissenschaft verborgen ist. Nicht wahr, Franz. Es könnte sein, dass wir auf die Spuren gottähnlicher Menschen stoßen.“ Er lachte. „So zumindest hast Du es mir eben erzählt.“ 

„Stellt Euch einfach Männer vor, die wie Götter das Leben anderer Menschen bestimmen wollen, die allein zu wissen vorgeben, was gut und was böse SEIN SOLL. Es wären Teufel nicht wahr. Von solchen Teufel berichtet mein Verwandter. Ein Kampf zwischen solchen Teufeln, der immer noch anhält“. Er sah in die Runde und wirkte aufgeregt und ein wenig verwirrt. 

„Was meinst Du?“ Karin hatte sich erhoben. „Sollen wir nach etwas Überirdischem suchen? Glaub mir, in Polen glaubt jeder Zweite an Magie. Wir sprechen Schutzzauber und essen an Silvester Opladen, um uns dann untereinander Glück zu wünschen. Schau Dir mein Volk an. Abergläubisch bis in die Tiefe der Seele hinein und doch auch einem kleinen Diebstahl niemals abgeneigt. Das nennt man polnischen Pragmatismus.“ Sie lächelte Küppers an und schaltete die Deckbeleuchtung ein. Nun sah Küppers wieder aus, wie jener sportliche Mittvierziger, den wir zu kennen glaubten: 1,80 m groß, von kräftiger Statur, mit dunklem, vollen Haar und tiefblauen Augen. 

„Ich kann es Euch noch nicht erklären. Eventuell Dir Charly.“ Er blickt mich fast schon verzweifelt an. „Warum mir?“, fragte ich verwundert. 

„Nun, Du bist Autor, und wahrlich nicht der Schlechteste, möchte ich meinen. Du hast Fantasie und Verstand und bis mit dem Sonderbaren vertraut.“ 

„Lieber Franz“, sagte ich. „Ich habe Science Fiction Romane geschrieben und mit einigen Stücken über Okkultismus Erfolge gefeiert, aber ich bin lange raus aus der Literatur. Schau mich an. Sehe ich aus, wie ein Intellektueller?“ 

Es war so. Ich hatte seit langem nichts mehr geschrieben. Ich war ausgebrannt, müde und seelisch am Ende. Wenn es ihm ebenso ging, dann tat mir das leid. Aber kann ein Ertrinkender den anderen retten. Karin begann den Tisch aufzuräumen, auf dem sich noch die halbvollen Weingläser und das Geschirr vom Abendessen befanden. Mad erhob sich wortlos und begann ihr zu helfen. 

„Und was willst Du von uns?“, fragte Richardson. Karin warf Franz Küppers einen prüfenden Blick zu: 

„Ja. Was willst Du? Geht es Dir nicht gut? Du bist heute so…anders. Ich hab das schon gemerkt. Gar nicht mehr der in sich ruhende Deutsche, den ich kenne.“

Franz drehte sich zur Reling und sah in die Dunkelheit hinaus. Ein leichter Wind war aufgekommen, der das Boot schaukeln ließ. 

„Morgen werden wir aufbrechen“, sagte er, und auf diesen eigenartigen Ozean hinaus segeln. Ich war schon einmal hier“, flüsterte er, leise, wie im Selbstgespräch versunken. „Es ist schon viele Jahre her. Ich fürchte das, was uns erwarten könnte, aber ich bin auch froh, es bis hierher geschafft zu haben.“

„Was ist los mit Dir“, sagte ich. „Du bist mir etwas zu melancholisch.“ 

„Jeder von uns hat seine schwachen Minuten“, sagte Richardson, schenkte einen Cognac ein und reichte das Glas zu Franz herüber, der abwehrend die Hand hob. 

„Nein, danke. Entschuldigt, ich bin heute wirklich etwas düster gestimmt. Ich hau mich hin. Morgen wird es ein schwieriger Tag. Ich wünsch Euch noch einen schönen Abend.“ Er nickte uns kurz zu und verschwand unter Deck. Wir sahen uns an und konnten uns ein Grinsen nicht verkneifen. 

„Muss man sich Sorgen machen?“, sagte Richardson. „Ach was. Er ist einfach zu lange allein gewesen“, antwortete Mad. 

„Ich glaube, ich sehe mal nach ihm“, sagte Karin und folgte ihm unter Deck.  

Wir anderen saßen noch lange zusammen. Der Wind frischte auf. Es kam eine Schlechtwetterfront. Aber die Sea-Gull war ein sehr gutes Boot und Richardson einer der erfahrensten Skipper, den ich kannte. Wir würden am Morgen aufbrechen und weiter segeln. Ich war schon oft in diesen Breiten unterwegs gewesen. Es gab tückische Winde und ab und an schwierige Bedingungen, aber nichts, was nicht zu bewältigen gewesen wäre. Wir waren ja auf einem Urlaubstrip. Jeder von uns hatte sein Salär bezahlt. Richardson hatte es möglich gemacht. Morgen sollte Heidi zu uns stoßen, die auf einer der Nachbarinseln Urlaub gemacht hatte. Eine zweite Frau an Bord würde es eventuell leichter machen. Diese melancholische Schwere des Deutschen sollte uns unseren Trip nicht versauen.

Ich bemerkte jetzt erst, dass Franz Küppers mit etwas zugesteckt hatte. Einen Zettel. Seine Schrift war recht unleserlich, aber er schrieb: 

Ich habe Dir das Buch, das mir am Herzen liegt, in die Koje gelegt. Es handelt von dem, was ich Dir sagen wollte. Es handelt von Menschen, die hier, ganz in der Nähe, unter unsäglichen Bedingungen aufgewachsen sind. Ich möchte, dass Du das Buch liest. Ich würde gerne in diesem Seegebiet nach dieser Insel suchen. Vielleicht kannst Du bei den anderen ein Wort für mich einlegen.“

Wir hatten Zeit, das Schiff schaukelte gemütlich in der Dünung, und ich hatte durchaus Lust, zu erfahren, was er uns da präsentieren würde.




Die Aufzeichnungen von Joseph Küppers

Ich schreibe diese Geschichte nieder, die sicher fremdartig und unglaubwürdig erscheinen wird, aber tatsächlich gibt sie nur Ereignisse wieder, die geschehen sind, die geschehen und die noch geschehen werden. Und wenn diesen Text ein neugieriger Mensch lesen wird, der völlig unbedarft ist und in seiner sicher geglaubten Welt lebt, wird er in Gefahr kommen, einzutauchen in das, was ich hier berichte, und sich darin verlieren, wie das Salzkorn im Ozean. Das, was ich hier niederschreibe ist mehr als eine Geschichte. Es ist ein Zeugnis. Mein Name ist Joseph Küppers, oder Franz Küppers, er ist beliebig, denn er gilt einem und er gilt vielen.

Es beginnt ganz einfach, an einem Ort. Es ist ein fester Ort, inmitten einer festgefügten Zeit, wie ein Gebäude, das man bewohnt. Der Boden ist die Insel. Die Wände bilden das Schloss, der Hausherr trägt den Namen Milton. Ein böser Name für einen bösen Menschen? Ich weiß es nicht. Er herrschte. Wahre Herrschaft ist immer geistig. Sie bildet den Rahmen, in dem andere leben und sich orientieren. Er war der, der eine Welt erschaffen hatte. Eine Welt, in der 40 Kinder aufwuchsen, deren Wissen um Gut und Böse aus Miltons Erzählungen stammte. Anfänglich war die Insel etwas Ewiges, etwas Festes, auf dem wir aufwuchsen. Sie hatte eine Länge und eine Breite. Es wuchsen dort Büsche, Sträucher und Bäume. Es lebten dort Insekten, Nagetiere und Vögel. Es gab einen Himmel, der sich weit über der Insel spannte und Sonne, Regen, Wind. Es gab eine Welt. 

Ich habe Erinnerungen an diese Welt. An dieses Ich, das ich war. Ein 24 jähriger junger Mann, neugierig, interessiert, von Miltons Macht gefesselt. Milton war ein großer, schlanker, eleganter Mann. Er trug meist dunkle Kleidung, Hosen, Schuhe, Rock. Er schien nicht zu altern. Er war sich immer gleich, während wir heranwuchsen, erwachsen wurden. Milton blieb derselbe. Er wohnte in den oberen Stockwerken des Schlosses. Er leitete die Lehrer an, die uns unterrichteten und wir wussten im Hintergrund aller Erzählungen, allem vermittelten Wissen, über die Welt, über Sprachen, Weltgeschichte, über Kunst, Literatur und Philosophie war immer Milton. Er bestimmte, was zu unterrichten war und damit wurde er zum innersten Zentrum unseres Lebens. Unsere ganze Welt drehte sich gemächlich, im immer gleichen Rhythmus, um ihn, den ewigen Milton,  herum. 

Der Rest: Beiwerk. 

Ich habe unser damaliges Leben geliebt. Es  war Heimat: 

Milton, das Schloss, unsere Felder, die karge Hochebene, der Wald, die Bucht mit dem Felshafen, in dem Heinrich anzulegen pflegte, der erloschene Vulkan mit seinem mächtigen Krater, die Sandelholzwälder. 

Befremdet schaut man zurück zu dem Ich, das man einmal gewesen ist. Wehmut ist ein unbestimmtes Wissen um einen nie wirklich bedeutend gewesenen Verlust. 

Wie es war? Das Ende?

Man wird wacher, kritischer, getriebener. Das eigene Innerste füllt sich mit Verlangen. Milton verblasste und Dolores füllte mein Innerstes.

Ich habe viel von Milton gelernt. Er gab mir und den anderen Impulse, die unser Innerstes in eine Rotation um seine Ideen brachte.

Wahrscheinlich war er in seiner Welt von Nietzsche beeinflusst gewesen. Zu deutlich sieht man dessen Ideen in den uns anerzogenen  Werten.

Eine 40 km durchmessende Südseeinsel, abseits aller Schifffahrtsrouten, hermetisch abgeschlossen von der Welt, ohne andere Besucher als die Astonia von Kapitän Heinrich Ofterdingen, der uns Material, Proviant und Lehrkräfte brachte oder diese wieder mitnahm, ist ungewöhnlich.

Völlig befremdlich war wohl das Schloss, das auf einer Südseeinsel völlig deplatziert war. Groß genug, vierzig Menschen im unteren Stockwerk Platz zum Wohnen und Arbeiten zu lassen, mit einer Versammlungshalle in einer ehemaligen Kirche, mit einem oder mehreren Stockwerken, die unzugänglich für alle außer Milton waren.

Im Nachhinein ist man erstaunt, dass man sich so wenig fragte. Es gab ausgedehnte Rasenflächen, die wir pflegten, Felder, die wir bearbeiteten, Gehege, in denen wir Schweine, Ziegen, Hühner und einmal sogar eine Kuh hielten, Hunde. 

Es gab ein kleines Nebengebäude, in dem die Lehrkräfte untergebracht wurden und einen Anbau, in dem wir unterrichtet wurden und es gab Kunst- und Musikräume, in denen wir unsere erworbenen Fähigkeiten verfeinern sollten.

Ja. Wir hatten alle Künste unter uns aufgeteilt, je nach Talent: Malerei, Bildhauerei, Gesang, Dichtung, Schauspiel. Auf dieser Art Ausbildung wurde sehr viel Wert gelegt, aber auch auf Kampf- und sogar Kriegskunst. Wir waren im Grunde zusammengepfercht in einer Art geistigen Schule, die kein geringeres  Ziel hatte, als das, Genies zu erzeugen.

Und wir waren blasiert und dumm genug, uns in diesen Vorgaben zu gefallen. Ja. Wir waren Prototypen einer neuen, einer besseren Welt und am Ende würden wir, so lehrte Milton, der Sinn der Erde sein.

Milton ist so etwas wie eine Gottheit, in meinem Innern, wenngleich ein gestürzter Gott. Er besaß unglaubliche Macht. Wenn sich jemand wirklich widersetzte, war er kurz darauf mit der Astonia verschwunden.

Auch die Lehrer fürchteten Milton. Sie gehorchten ihm still und ergeben, auch wenn sie mit uns oft scherzten oder gemütlich beisammen saßen.

Wenn Milton erschien, erhoben sich alle von den Plätzen.

Er war allein. Er schlief in den oberen, uns verschlossenen Stockwerken. Er behauptete, dort Besuch von den Herren zu erhalten. Mächtigen Wesen von Jenseits der Zeit. Unsichtbare, fremdartigen Fantasieprodukte, die uns als kleine Kinder erschreckten, die uns später aber völlig gleichgültig waren. Was Milton dort oben alleine trieb, war uns egal. Wir hatten genug damit zu tun, die Felder zu bestellen, die Tiere zu pflegen und an unserer Kunst zu arbeiten.

Wir waren Verschollene. Menschen, die in einer skurrilen Welt gefangen waren, ohne das zu bemerken.  

Wer war ich? Was dachte ich? Ich dachte viel nach, über das Sein, über die Welt, über die Ideen, die mir vermittelt wurden, nur das Naheliegende schien mir NICHT fragwürdig zu sein. 

Kein Sex, keine Leidenschaft, außer für die Kunst. Geistige Liebe, wie die Ritter eines unbekannten Mittelalters. All solchen Nonsens glaubten wir und befolgten wir, lechzend nach Lust und Trieb, wie läufige Hunde, aber gebremst von all dem „edlen“, das wir ja sein wollten. Edel, zartfühlend, fern dem Wüten des Triebes. Nicht Freiheit in der Lust, sondern in der Beherrschung der Lust zu finden.

Sublimierung. Ein Wort, das mir erst später zugetragen wurde. Es war eine andere Welt, eine andere Zeit?

Sublimierung beschreibt aber, was wir mit der Lust taten. Wir verwandelten sie in Künstlichkeit, in Kunstwerke, Bilder, die wir in der Kathedrale ausstellten und gegenseitig, wie Idioten, bewunderten.

Ich schrieb Gedichte. Sie galten Dolores. Sie erfüllte meine Träume. Sie beherrschte all meine Sehnsüchte und ihr galt all mein Streben. Sie saß auf diesem Sockel und wäre sicher gern herab gestiegen. Wir hatten eine Minne erfunden und eine Tugend, die völlig losgelöst war, von jedem höheren Ziel, die aber eben deshalb unerreichbar war, für Einflüsterungen oder Manipulationen, wie sie später versucht wurden. Wir waren wie in enge Käfige gesperrte Papageien, die unentwegt plapperten, ohne zu wissen, worüber.

Der Zusammenbruch der Inselwelt 

Erste Phase – die Ankunft:

Es begann als wir zum ersten Mal Besuch auf der Insel bekamen. 

Wir durften nur den Westteil der Insel durchstreifen. Grenze war für unsere Ausflüge der Vulkankegel und auf der anderen Seite das Gebirge, in dem wir unsere Bergfestung gebaut hatten, die uns gegen Stürme und Überschwemmungen sicherte. Diese Bergfestung wurde bald sehr wichtig, aber das konnte damals noch keiner von uns wissen.

Diese Festung musste bewacht werden. Die Wache bestand aus drei Leuten: Angelina, Paul und Linda waren seit 24 Stunden dort und warteten auf ihre Ablösung. 

Peter, Dolores und ich waren auf dem Weg. Wir 6 waren und sind gute Freunde. Damals verbunden in Naivität, heute durch Erfahrung. Peter war so etwas wie ein Anführer. Ein 1,90 m großer, blonder Kerl, mit erstaunlichen Kräften und einem sehr ausgeglichenen Charakter. Dolores war mit ihren 1,60m mehr als einen Kopf kleiner. Sie war zierlich, hatte langes, dunkelblondes Haar und tiefblaue Augen. Ich war ebenso wie heute mittelgroß, mit dunklem Haar und leuchtend blauen Augen. Ich habe mich äußerlich erstaunlich wenig verändert. Trotz der vielen Jahre, die vergangen sind.

Der Weg führte an dem Gebäude der Lehrkräfte vorbei, zum Inselfriedhof und von dort, in Umgehung des Felsens, am Meer entlang Richtung Ankerplatz. Von dort aus führte der Weg bergan, am Vulkankegel vorbei zur Bergfestung.

In diesem Augenblick bemerkten wir, dass drei junge Männer vom Ankerplatz herauf gestiegen waren, die jetzt forschend zu uns herüber blickten. Fremde! Es war ein Schock. Unser erster Impuls war es, weg zu laufen, doch dann warteten wir, während die Männer langsam näher kamen. Sie wirkten wie ein Spähtrupp, eine Vorhut, die das Terrain auslotete. Was sollten wir tun? Wir waren in den Lage, uns zu wehren, falls wir angegriffen wurden, aber wo drei sind, sind zweifellos auch noch mehr Leute, denn irgendein Schiff musste den Weg zu uns gefunden haben. Da, wie es uns gelehrt worden war, nur Heinrichs Schiff die Insel ansteuern konnte, war es eine außerordentliche Situation. Das Fremde war da. 

Das Fremde ist immer der Beginn einer neuen Welt. Deshalb fürchten Menschen das Fremde. Von der Begegnung mit dem Fremden erholt sich keine Wirklichkeit. Eine Welt stirbt, eine neue entsteht.

Als hätte er geahnt, was passieren würde,  sahen wir Milton, der uns offenbar, wahrscheinlich in Kenntnis dessen, was geschehen musste, gefolgt war. 

„Besucher! Erstaunlich! Nach all den Jahren. Ah, und Mahmoud, nicht wahr. Vor Jahren habe ich Dich mit Heinrich fort segeln lassen. Ich habe schon gehört, dass Du auf dem Weg zu uns bist.“ 

Dieser Mahmoud war, wie wir später erfuhren, aus Saudi Arabien. Er war nicht besonders groß. Seine Haare waren pechschwarz und lockig. 

„Wie viele seid ihr und wo ist Euer Schiff“, fragte Milton.

„Wir sind mit zwei Schiffen vor Anker“, lächelte Mahmoud. „Der Endevaour unter Meister Gregorius und der Merci des Großmeisters Mercator. Sie ankern in der Bucht. 80 muslimische Brüder sind an Bord. Sie werden hier siedeln.“

Milton erwiderte nichts, ich denke, weil er damals schon gewusst haben musste, worum es wirklich ging. Ich meine mich an schlechtes Wetter zu erinnern. Es würde passen, der Himmel hatte sich zugezogen und Blitze fuhren über den Himmel. Noch war das Unwetter über dem Ozean. Aber tatsächlich hatte es unser Idyll bereits erreicht.


Konfrontation

Die Kirche, die unsere Kunstwerke beherbergte, schien bei den Neuankömmlingen ein wenig Ehrfurcht oder Erstaunen auszulösen. Ich konnte mir denken, dass man überrascht war über die Ausmaße dieser Kathedrale, wie Milton sie nannte. Ein länglicher Saal, die Decken acht Meter hoch, schneeweiße Säulen, die die Decke stützten. An den Wänden kunstvolle Öllampen. Der Boden aus Marmor. Ein prachtvoller Anblick, der in stolze, optimistische Stimmung versetzte. An den Wänden hingen die Gemälde unserer besten Künstler. Skulpturen, teilweise noch in Bearbeitung standen überall und vom Treppenaufgang schaute das Bild jenes rätselhaften Mannes auf uns herab, den ein unbekannter Künstler gemalt hatte. Wie immer arbeiteten viele von uns an ihren Werken oder übten mit ihren Musikinstrumenten. Als wir den Raum betraten, verstummten die Geräusche. Alle Blicke wendeten sich den Neuankömmlingen zu. In diesem Moment klopfte es. Ein Europäer begehrte Einlass, ein großer, kräftiger Mann in  Uniform. Das erste Mal, dass ich Gregorius zu Gesicht bekam. Er stand streng in der Tür und wartete auf Milton, der am Treppenaufgang stand und wortlos zu ihm herüber blickte. Hier trafen Feinde aufeinander, das konnte man spüren.

Mythen, die lebendig werden, können einen wirklich erschrecken. Wir waren es gewöhnt, von Herren zu hören, sie im Haus zu vermuten, Wesen ohne echte Präsenz. Jetzt aber erschraken wir. War das eines dieser ominösen Wesen einer geheimnisvollen und verborgenen zweiten Wirklichkeit? 

Es gibt immer eine Diskussion unter den Menschen, ob es das Fremdartige gibt: auf fernen Welten, unter der Erde, im Jenseits, wo auch immer. Die Wahrheit ist völlig anders und noch befremdlicher. Aber das wirst Du, Charly,  in Kürze erfahren.


Unterdessen: Auf der Sea Gull


Verwirrt legte ich das Buch zur Seite. Ich schaute mich um. Ich lag in meiner Koje. Alles war, wie es sein sollte. Ich nahm den Text zur Hand. Wie dick dieses Buch war. Wie viele Seiten mochte es haben. Es erstaunte mich, dass mir das vorher gar nicht aufgefallen war. Ich suchte die Textstelle, wo ich angesprochen worden war, aber ich fand sie nicht. Wahrscheinlich war ich kurz eingenickt. Manchmal vermischen sich Traum und Realität. Eine verrückte Geschichte, dachte ich. Hatte Küppers sich an einem Roman versucht. Aber sein Verhalten war nicht gespielt gewesen. Vielleicht war er verrückt geworden beim Verfassen seines Buches. Ich erinnerte mich an mein erstes Buch. Ich schrieb und schrieb und irgendwann war ich Teil der Geschichte und es fiel mir schwer, wieder in die Realität  zurück zu kehren. Viele Kollegen sind sicher in ihren eigenen Welten verschollen. Das Schreiben ist ja wie ein gesteuerter Traum. Man träumt ihn am Tage, aber die eigene Nacht webt mit und so entsteht ein Tuch, das auf der einen Seite im Lichte glänzt, auf der anderen Seite aber die Dunkelheit der Nacht umfängt.



Der Krieg um die Insel wird eröffnet


Gregorius wendete uns seinen dicklichen Körper zu. Offenbar machte ihm die Hitze zu schaffen. Er öffnete seine Uniformjacke, und ich bemerkte, dass sein Hemd erkennbar durchgeschwitzt war. Er war ein hellhäutiger Mann, rothaarig, nicht geeignet für diese Breiten. Sein Gesicht wirkte wie gemeißelt, aber die viel zu weite Hose schlabberte um seine Beine. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: 

„Ganz schön warm hier bei Euch. Also gut, meine Damen und Herren. Wir sind hier. Sie werden es bemerkt haben. Wie lange haben wir auf diesen Moment gewartet. Ich bin absichtlich alleine hier, um zu zeigen, dass wir in friedlicher Absicht kommen. Wie ich sehe, haben sie sich prächtig entwickelt, in ihrem Biotop. Das war ja nicht unbedingt zu erwarten. Wir haben uns viel zu lange nicht um dieses, nah sagen wir, Experiment, gekümmert. Wir sind aber hier, um sie alle“, er wies auf uns, „wieder in die Welt zurück zu bringen, von der sie so lange ausgeschlossen wurden.“ Unsere erwartungsvollen Blicke richteten sich auf Milton. Sein Gesicht war zur Maske erstarrt. 

„Sie sind einer der Kapitäne, nehme ich an“, sagte er. „Es ist sicherlich mutig, hier alleine aufzukreuzen, aber ich weiß, dass sie einige ihrer Matrosen vor der Tür postiert haben, bewaffnet. Hier bleibt wenig unbemerkt. Ich finde es ehrlich gesagt, etwas anmaßend von ihnen, meinen Schülern auf eine solch plumpe Art die Aufwartung zu machen. Auch wenn sie es nicht glauben. Ihre Männer können jetzt nicht mehr hier hinein und sie nicht heraus. Probieren sie es“, sagte er und nickte Gregorius aufmunternd zu. Der stand einen Moment ratlos, rief dann vergeblich nach seinen Männern und stand jetzt ziemlich belämmert vor Milton, der ihm ein eisiges Lächeln zuwarf. 

„Ich denke, es ist bei zivilisierten Völkern üblich, dass man, wenn man ein fremdes Terrain betritt und Forderungen hat, diese an den richtet, der die Führung inne hat und nicht an dessen Schüler. Darf ich Sie bitten, mir zu folgen. In den oberen Stockwerken können wir uns in Ruhe unterhalten.“ Er wies zum Aufgang zur Geschlossenen. Gregorius folgte Milton hinauf zum Portal, während die Neuankömmlinge langsam durch die Vorhalle schlenderten, neugierig, abwartend, aber durchaus abweisend. Spannung lag in der Luft. Wir gingen zur Eingangstür, fanden diese aber, wie Milton gesagt hatte, verschlossen. Wie er das geschafft hatte, wussten wir nicht. Wir waren aber beeindruckt. Vor der Tür diskutierten die Matrosen, die ausgesperrt waren. Im oberen Stockwerk wurde lautstark gestritten. Kurz darauf öffnete sich die Tür. Gregorius erschien. Er wirkte verunsichert. Als er die Tür geöffnet fand, schaute er kurz nach seinen Matrosen, die, wie auf fremdes Kommando bereits zurück zu den Schiffen marschiert waren. Er war allein. Er befahl Mahmoud und dessen Begleitern, ihm zu folgen und war sichtlich erleichtert, dass die Männer ihm gehorchten. Er blickte noch einmal kurz zurück zu Milton, der am Treppenaufgang stand, drehte sich um und verschwand, offenbar gedemütigt und verärgert. 



Die neue Wirklichkeit


Die Muslime verließen die Nähe der Schiffe und bewohnten die verfallenen Häuser auf dem Plateau, das zum Krater führte.

Die Matrosen blieben bei ihren Schiffen, kamen aber ab und zu in die Nähe des Schlosses, wo es zu ersten Kontakten zu uns kam, die meist freundlich und interessant verliefen. Gregorius hielt sich fern und dieser Mercator war nur einmal von Weitem bei der Merci gesehen worden.

Milton schien das alles bereits vorausgesehen zu haben. Er blieb gelassen. Was wirklich geschah, war uns ein Rätsel. Es gab vielleicht schon lange einen Konflikt, zwischen denen, die die Schiffe geschickt hatten und Milton. 

Es stimmte, was man sich zu flüsterte, vor einigen Monaten waren ja unsere Lehrer plötzlich verschwunden gewesen. Das Haus, in dem sie lebten, war leergeräumt. Warum waren sie fort? Sie waren Deutsche und Gregorius war, nach Miltons Worten, Engländer. Konnte es da einen Zusammenhang geben? 

Es schien, als habe man schon gewusst, dass Veränderungen bevorstanden. Wer war Gregorius wirklich? Er hatte eine große, bewaffnete Mannschaft. Wenn er wollte, war es ihm ein Leichtes, diese Insel in Besitz zu nehmen. Wir waren ihm im Grunde ausgeliefert. Womit hatte Milton ihm wohl gedroht, dass er so kleinlaut davon geeilt war? Milton hatte uns beauftragt, diese Neuankömmlinge im Auge zu behalten. Meine Aufgabe war es, diesem Mahmoud zu folgen, der eben den Pfad entlang spazierte, auf dem ich ihm zuerst begegnet war. Der Lärm der anderen blieb zurück. Er ging fraglos Richtung Friedhof. Dort stand er dann vor einem Grab. „Komm ruhig näher“, sagte er. Ich war nicht unbemerkt geblieben. Ich hatte das aber auch nicht beabsichtigt. Er durfte ruhig wissen, dass wir auf der Hut waren. Ich trat neben ihn. „Mein Vater“, sagte er ruhig und hob leicht den Kopf. Ich blickte auf den verwitterten Grabstein. „Er war ein guter Vater.“ „Wie kommt er hierher?“ „Das ist eine lange Geschichte.“ Er schaute mich an. „Ich war schon einmal hier. Du bist Josef, nicht wahr. Ich nickte. „Du brauchst mir nicht zu folgen. Was hat Milton Euch gesagt? Dass wir eine Gefahr sind?“ 

„Milton wird jede Gefahr von uns fern halten“, antwortete ich. Er schaute mich an und begann leise zu lachen. 

„Das hier ist ein besonderer Platz“, fuhr er fort. „Ich habe lange davon geträumt hierher zurück zu kommen. Aber das war gar nicht so einfach. Es ist sogar viel schwieriger, als man meint. Aber es ist gelungen und nun nehmen die Dinge ihren Lauf.“

Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte. 

„Komm“, sagte er. „Ich begleite Dich zurück. Es wird auffallen, wenn du zu lange fehlst. Nachher denkt noch jemand, ich hätte dir etwas getan“ Er lachte. 

„Wieso sprichst Du unsere Sprache?“, fragte ich. Mahmoud sprach ein recht gutes Deutsch. 

„Ich war schon einmal hier. In den ersten Jahren, als ihr noch ganz klein wart“, sagte er. „Ihr erinnerst Euch nur nicht mehr an mich. Dabei habe ich mit Euch gespielt. Aber das Vergessen ist eine der Folgen dieser Insel. Man vergisst manches und man glaubt manches. Denk mal drüber nach: ist nicht alles, was Du hier erlebt hast, wie ein Traum? Auch jetzt hat man den Eindruck, es ist nicht real, das wir reden, nicht wahr. Ich bin ein ganzes Stück älter als Du. Ich habe Jahre anderswo verbracht und ich habe viel erfahren. Der Nebel in euren Köpfen wird sich lichten und ihr werdet alles erkennen.“

Voraus sah man das Schloss. Seine Wände leuchteten magisch weiß in der Mittagssonne. 

„Ich verlasse Dich jetzt und gehe zu meinen Leuten hinüber“, sagte Mahmoud und gab mir die Hand. „Ich weiß, ihr habt keine Ahnung, wo und warum ihr hier seid, und ich kann und darf Dir noch nichts verraten. Nur so viel. EGAL, was geschieht, es wird Euch unverständlich erscheinen, aber alles wurde vor Jahren vorbereitet und hat seinen Sinn.“ 

„Was meinst Du damit“, fragte ich, bekam aber keine Antwort.

Er nickte mir zu, drehte sich um und ging. Er hatte einen weiten Weg vor sich. Es waren 80 Muslime in seiner Begleitung, die ihr Camp auf der großen Ebene in der Nähe des Vulkankegels bezogen hatten. Dort gab es alte, verfallene Hütten, die sie sich fertig machten. Wir hatten bisher nur einige dieser Menschen zu Gesicht bekommen, aber Angelina und Thomas hatten die Gegend erkundet und uns berichtet, dass es sich zum größten Teil um jüngere Männer handelte. 

Die Matrosen waren auch an Land gegangen und hatten begonnen, ein Gebäude zu errichten. Es sah nicht aus, als hätten sie vor, die Insel in Kürze wieder zu verlassen. Sie besaßen Waffen und sie waren kampfkräftig. Aber wir waren davon überzeugt, dass wir, auch wenn es so wirkte, keine leichten Gegner sein würden. Die Neuankömmlinge, so dachten wir, sollten uns besser nicht unterschätzen. Nur zu gerne hätten einige von uns die erlernten Fähigkeiten erprobt. Mein Gott, wir waren jung und voller Kraft und Leidenschaft. 


Der Zweifel wächst


„Mir gefällt das nicht“, sagte Peter. „Eine merkwürdige Situation.“ Pauls langes, rötliches Haar hing ihm wirr auf die Schulter. „Wenn Du mich fragst, ist hier etwas ziemlich Beängstigendes im Gange. Wir sollten die Augen aufhalten.“ Ich erzählte was Mahmoud mir anvertraut hatte. 

„Das klingt ziemlich mysteriös“, sagte Peter. „Ich verstehe nur, dass sie hier bleiben wollen und sich sicher sind, dass sie keinen Widerstand erleben werden. Aber egal, ob diese Seeleute oder die Fremden: wir sind in der Lage, sie aufzuhalten.“ 

„Sie sind nicht verbündet, das könnte man ausnutzen“, sagte Linda. „Ich hatte den Eindruck, die Matrosen stehen nicht so deutlich hinter ihren Kapitänen, wie diese vielleicht glauben.“ 

„Und die anderen sind Moslems.“, sagte Angelina, „Nach allem, was Milton uns gelehrt hat, ist es wahrscheinlich, dass sie unter sich bleiben werden.“ 

„Wir bräuchten Waffen“, sagte Dolores. „Ich meine, es wird zu Konflikten kommen. Es ist doch möglich, dass Gregorius mit seinen Matrosen hierher kommt und das Schloss einfach besetzt. Es ist im Grunde doch erstaunlich, dass er das noch nicht getan hat. Irgendetwas muss ihn davon abhalten.“ 

„Vielleicht hat Milton noch ein anderes Ass im Ärmel“, sagte ich und wies auf Milton, der in aller Ruhe in der Kathedrale herum schlenderte und den Künstlern bei der Arbeit zusah. Er wirkte dabei provozierend gelassen. „Wir können ihn nicht fragen, was es mit allem auf sich hat“, sagte Peter. „Er wird uns keine unserer Fragen beantworten. Wir sollen ihm vertrauen, wird er sagen. Das ist das einzige, was ihm einfallen wird. Oder wir sollen den Herren vertrauen. Irgendwem sollen wir immer vertrauen. Es ist zum Kotzen.“ Er warf einen zornigen Blick zu Milton herüber.

„Vielleicht hat sich etwas in der Welt draußen geändert“, sagte ich. „Es ist doch noch nie jemand von dort auf die Idee gekommen, diese Insel zu besuchen, geschweige denn, sie zu besetzen oder zu besiedeln. Es ist unsere Insel.“

„Genau“, sagte Peter. „Es ist unsere Insel und deshalb brauchen wir Waffen, um sie zur Not zu verteidigen. Ich kann Milton einfach nicht verstehen, dass er so gleichgültig bleibt. Wir sollten zumindest verteidigungsbereit wirken.“

Sabine zuckte die Achseln: „Mir ist es im Grund egal, was passiert. Hauptsache, es passiert endlich mal was. Ich habe schon oft daran gedacht von hier zu flüchten. Es gab nur kein Schiff, das einen mitgenommen hätte. Jetzt gibt es zwei davon. Sie werden sicher nicht ewig bleiben. Man wird einige Leute hier lassen, eventuell einen Gouverneur, wie auf anderen englischen Besitzungen. Vielleicht ist Milton deshalb so ruhig. Wenn jemand für Ordnung sorgt, ist es sicher möglich, dass hier mehrere Menschen unabhängig voneinander siedeln. Vielleicht sollte man schon mal Kontakt zu diesem Kapitän Gregorius aufnehmen. Wenn er halbwegs in Ordnung ist, wird er sicher einige von uns mitnehmen, wenn er weiter segelt.“

„Und wohin willst Du segeln?“, fragte Peter. 

„Nun, in die Welt“, antwortete Sabine. „Es gibt ja wohl mehr, als diesen Vogelkäfig. Der Matrose, mit dem ich gesprochen habe, machte einen netten Eindruck. Hier hätte sich doch niemals etwas geändert. Egal, was geschieht, JETZT ist eine Veränderung da. Das heißt, wie haben eine neue Hoffnung.“

„Ich weiß nicht“, sagte Dolores. „Ich finde, das hier ist unsere Insel. Es ist unglaublich, dass die einfach hier anlegen und sich festsetzen. Außerdem haben sie gleich neue Siedler mitgebracht. Das ist doch ein Unding. Solche Menschen können nichts Gutes im Schilde führen.“ 

„Sei es, wie es will“, sagte Peter. „Ich finde auch, dass es ungeheuerlich ist, diese Insel zu okkupieren. Wir leben von klein auf hier und haben alles hier aufgebaut. Unsere Hände haben den Boden bearbeitet, das Vieh großgezogen. Das Land kultiviert. Ich sehe gar nicht ein, nun andere die Früchte unserer Arbeit genießen zu lassen. Mit welchem Recht kommen sie hier an und wollen in Besitz nehmen.“ 

Ich hatte diese Kontroverse schon mehrfach verfolgt. Wir waren verunsichert. Uns wurde drastisch vor Augen geführt, dass wir im Grunde gar nichts waren. Bisher hatten wir als Künstler gegolten, als Träger einer neuen, höheren Kultur. Aber wer scherte sich darum? Diese Matrosen sicher nicht und auch die Muslime waren offenbar nicht unsere Freunde. Milton entschied über unser Schicksal, oder ab jetzt dieser Gregorius oder der zweite Kapitän Mercator, der einen unheimlichen Eindruck machte. Wir waren offenbar nur dumme, unwissende, junge Bewohner. Dass wir all das geschaffen hatten, was hier nutzbar war, interessierte niemanden. Milton hatte uns alles gelehrt, aber unsere Hände hatten alles erbaut. Auch die Kunstwerke gehörten uns. Unsere Fähigkeiten hatten wir selbstständig entwickelt. Konnte man einfach über uns verfügen? Sabine hatte allerdings auch in gewisser Hinsicht Recht. Auch ich hatte seit geraumer Zeit Fluchtgedanken. Mit Dolores irgendwo anders ein eigenes Leben aufzubauen, Kinder zu bekommen, als Autor zu arbeiten und selbstständig zu leben, das war ein Traum, der nun tatsächlich zu verwirklichen war. Schiffe lagen in der Bucht vor Anker, die hochseetüchtig waren, und mit denen man fort segeln konnte. Man konnte also fliehen, wenn man sich diesem Gregorius oder dem anderen Kapitän, Mercator, anbiederte. Aber andererseits: Peter hatte auch recht. Die Insel war von uns bearbeitet worden. Wir hatten alles kultiviert und wir hatten unter Milton eine kleine, aber stabile Lebensgemeinschaft aufgebaut. Wer von uns wollte das alles aufgeben, zumal die Welt außerhalb, nach Miltons Worten, eine Welt des Hasses und der Furcht war. Dieser Gregorius machte auch keinen wirklich freundlichen Eindruck. Ein aufgeblasener, fetter Kerl, der redete, als ob ihm hier bereits alles gehörte. Ein arroganter Halsabschneider. Wie kam er dazu, unsere Insel für England in Besitz zu nehmen. Wie kam er dazu, uns neue Mitbewohner vor die Nase zu setzen. Konnte man sich mit so jemandem verbünden? 


Die Herren zeigen, dass sie tatsächlich existieren


Am nächsten Morgen erhielten wir erneut Besuch von Kapitän Gregorius, der dieses Mal mit mehreren Männern seines Schiffes zum Schloss herüber marschierte. Wir erschraken, als wir diesen bewaffneten Trupp herankommen sahen. Sie wirkte bedrohlich. Aber irgendwie schienen sie auch verunsichert oder ängstlich zu sein. Ihre Blicke wanderten immer wieder die Schlossfassade empor, als erwarteten sie dort das Erscheinen mächtiger Kontrahenten. Auch Gregorius wirkte nicht so selbstsicher wie beim ersten Besuch. Er klopfte sogar und wartete, bis Milton ihnen Einlass gewährte. Die Matrosen hatten einen Gefangenen dabei, den Gregorius hereinbringen ließ. Es war ein etwa 30 jähriger Schwarzer, den sie gefesselt hatten. Milton wartete am Treppenaufgang und nickte den Ankömmlingen zu. Gregorius war gezwungen zu ihm hinauf zu schauen, was ihn offenbar ärgerte. 

„Diesen Burschen hier haben wir von dem Versorgungsschiff eurer Insel gerettet. Es ist vor der Küste gesunken. Der Kapitän und die übrige Mannschaft sind tot. Ich denke, ihr solltet ihn bei Euch aufnehmen.“ Ein Raunen ging durch unsere Reihen: Heinrich war tot? Ich hatte sicher nicht als einziger das Gefühl, dass dieser Gregorius etwas damit zu tun hatte. Milton blieb einen Augenblick verdächtig stumm, dann wendete er sich an uns: 

„Ich habe es noch nicht gesagt, weil ich nicht wollte, dass ihr unruhig werdet. Es ist wahr, die Astonia ist gesunken. Heinrich ist tot, aber ein anderes Schiff wird unsere Versorgung übernehmen“. Er wendete sich Gregorius und seinen Männern zu und man spürte, dass er sich nur mühsam beherrschte: „Ich habe bis jetzt nichts gegen sie und ihre Unverschämtheit, hier einfach ungefragt an Land zu gehen, unternommen. Sie sind sich ein wenig zu sicher, dass ich nicht die nötigen Mittel habe. Ich denke aber, sie wissen, dass diese Insel noch von anderen Kräften geschützt ist. Täuschen sie sich nicht, diese Kräfte sind in der Lage, diese Insel zu verteidigen. Ich würde Ihnen raten, ihre Männer auf die Schiffe zu rufen und wieder davon zu segeln. Bis zum Abend müssen sie davon gesegelt sein, wenn Ihnen Ihr Überleben am Herzen liegt.“ Als würde der Himmel Miltons Worte unterstreichen, brach draußen ein Sturm los und ein gewaltiger Donner rollte über den Himmel. Es begann zu regnen. Wir schauten uns beeindruckt an. Milton hatte eine uns verborgene Macht Seite gezeigt. Seine Autorität beeindruckte uns. Gregorius schien die Warnung äußerst ernst zu nehmen. Er und seine Männer verließen hastig das Schloss, mitten in den heftig los prasselnden Regen hinein. Wir sahen ihnen nach, wie sie fast fluchtartig zum Pfad hinunter hasteten, der zu ihren Schiffen führte. Was genau ihnen Angst gemacht hatte, konnte ich nicht sagen. Milton stand dort oben wie eine Statue. Es stimmte schon. Er konnte von Zeit zu Zeit leicht dämonisch aussehen, insbesondere, wenn er wütend war. Und jetzt war er wütend gewesen. Er hatte sich aber schnell wieder gefangen, wendete sich zu uns und sagte: 

„Wir müssen Vorkehrungen treffen. Ich habe das eben nicht zum Spaß gesagt. Es wird eine schlimme Flut kommen und hier alles unter Wasser setzen. Packt schon einmal das Wichtigste zusammen. Wir werden noch in dieser Nacht in die Bergfestung aufsteigen.“

In die Bergfestung? Das war unsere Zuflucht für den Notfall. Wir hatten die ausgedehnten Höhlen liebevoll eingerichtet, so dass man dort längere Zeit wohnen konnte. Der Zugang war durch Palisaden gesichert. Man musste über eine Leiter steigen, die bei Gefahr nach innen geholt wurde. Warum wir eine solche gesicherte Festung brauchten, hatte Milton uns mit dem drohenden Hochwasser bei Zyklonen erklärt, aber in all den Jahren hatten wir nie so etwas erlebt. Trotzdem waren Wasser und Verpflegung der Bergfestung immer frisch, und sie wurde bewacht. Von der Bergfestung aus konnte man die Türme des Schlosses sehen. Sie lag aber über 300 m hoch. Es gab in diesem Gebirge, wie wir es nannten, ausgedehnte Höhlensysteme, die gefährlich waren. Der Teil, den wir bewohnten, war begrenzt und gesichert. Es gab dort Zimmer für jeden von uns. Ein Aufenthaltsraum, eine Art Küche mit Kochstelle, mehrere Aborte, die in den Fels geschlagen waren, und von denen der Kot tief fiel in ein Gewässer, das unterirdisch floss. Licht spendeten Fackeln und Öllampen. Es gab Möbel, Tische, Schränke, Betten und es gab einen Brunnen mit sauberem Wasser. Im Grunde besaßen wir eine komfortable, gesicherte Alternative zum Schloss. Jetzt beruhigte uns diese Tatsache. Dort oben waren wir in Sicherheit. Wir waren aufgeregt, und freuten uns darauf, dort hinauf zu steigen, um ein paar Tage Urlaub zu haben.

Aber was waren das für Kräfte, die die Insel schützten? Hatte er von den Herren gesprochen? Gab es sie wirklich?



Phase 2: Der Verlust


Ted wird ein Freund. Der Sturm verändert alles.

Vorerst aber waren wir noch im Schloss, und lauschten dem Grollen des Gewitters. Der Schwarze machte uns neugierig. Er war ein Matrose Heinrichs. Wir näherten uns neugierig dem Gefangenen. 

„Sprichst Du unserer Sprache“, fragte ich. 

„Was glaubst Du“, erhielt ich zur Antwort. „Bin ich mit Heinrich gesegelt oder nicht?“ Die Stimme klang nicht unsympathisch. Unsere Blicke trafen sich. Ich meinte einen Anflug von Spott zu bemerken. 

„Wer bist Du, und warum haben sie dich gefesselt? Ich wies auf das Seil. 

„Eine komplizierte Sache. Bin wohl zwischen die Fronten geraten.“ Er lachte. „Hast wohl noch nie einen Schwarzen gesehen. Und dann noch in Fesseln.“ Ich schüttelte den Kopf. 

„Nein, hab ich wirklich nicht. Ich frage mich nur, was Du hier sollst.“ 

Er schaute mich mitleidig an: 

„Völlig naiv, was. Ihr wisst gar nicht, wo ihr seid und wie wichtig ihr seid. Man sucht nach Euch, soviel ist klar.“ 

Ich dachte, ich hätte mich verhört. „Nach uns?“ 

„Ja, durchaus. Ihr habt eine gewisse Berühmtheit. Ich bin mit Heinrich gesegelt, glaub mir. Ich war ihm treu bis zum Tod. Ich heiße übrigens Ted“ 

„Ich bin Joseph“, erwiderte ich. Peter löste Teds Fesseln, Linda, Dolores und die anderen waren neugierig näher gekommen. 

„Du bist mit Heinrich gesegelt?“, fragte Peter. Ted nickte. 

„Also warst Du schon einmal hier auf unserer Insel?“ „Nein, leider nicht. Ich war für die Kombüse zuständig und bin immer auf dem Schiff geblieben. Ich war nie auf dieser Teufelsinsel. Weiß Gott nicht. Es gibt Orte, wo ich lieber wäre.“

„Wieso Teufelsinsel“, fragte Dolores. „Hier ist ein ruhiger, schöner Ort, das wirst Du bald sehen.“ 

„Oh ja“, sagte Ted. „Es ist wohl das Paradies, schwebend über den Wolken. Nichts für ungut, aber wir hielten diesen Ort immer für etwas unheimlich.“

„Aber jetzt bist Du hier“, ertönte die tiefe Stimme Miltons, „Und Du siehst, hier ist es alles andere als unheimlich. Wir haben es nur für nötig gehalten, diesen Ort zu schützen. Ich denke, Du weißt inzwischen, dass das nötig ist.“

„Sicher, Sir“, sagte Ted. „Ich wollte sie nicht beleidigen. Ich bin natürlich froh, hier sein zu dürfen.“

„Erzähl den anderen ruhig, was mit Heinrich geschehen ist. Sie dürfen es erfahren“, sagte Milton.

„Nun ja“, sagte der Schwarze, „sie haben ihn in den Selbstmord getrieben. Durch Folter, nehme ich zumindest an. Sie haben uns abgefangen und alle Matrosen getötet. Die Leichen wurden über Bord geworfen. Nur ich habe überlebt. Man glaubte, ich wüsste über Euer Inselchen Bescheid. Ich war doch neben dem Kapitän der einzige Deutsche an Bord. Nun schaut nicht. Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Na ja. Ich konnte Ihnen nichts erzählen. Im Grunde weiß ich ja nichts. Irgendwie bin ich dann bis hierher mitgenommen worden und jetzt bin ich hier.“

„Warum haben sie Dein Leben verschont?“ 

Ted zuckte die Achseln. 

„Sie haben Dir einen Auftrag gegeben, nicht wahr.“ 

„Ja. Haben sie. Sie sind fest davon überzeugt, Euch schnell zur Kapitulation bewegen zu können und dann soll ich Ihnen mitteilen, mit wem Ihr Euch hier trefft und wo sich die Männer aufhalten, die man die Herren nennt.“ 

Milton lächelte und tätschelte Teds Wange: „Du bist klug, deshalb lebst Du. Du weißt, die richtigen Antworten zu geben. Ich wusste, dass Du hier spionieren sollst. Aber Du hast Recht. Sie unterschätzen uns und sie werden uns nicht besiegen.“ Man sah ihm an, dass er noch andere Gedanken hegte. „Ich verlasse Euch jetzt für eine Stunde. Ihr braucht keine Angst zu haben. Niemand wird einen Angriff wagen. Joseph nimmt Ted mit auf dein Zimmer. Du hast Platz genug. Sorg dafür, dass er zu essen bekommt, gebe ihm neue Kleidung. In einer Stunde treffen wir uns alle in der Kathedrale. Ich werde rechtzeitig zurück sein und euch holen.“

Er drehte sich um und schritt die Treppe hinauf zur Geschlossenen. 

Mein Zimmer lag im Westflügel. Dort hatten die Räume eine Deckenhöhe von 5 Metern. Ein mannshohes Fenster erlaubte einen freien Blick in den Park. Es war ein Privileg, ein solches Zimmer zu haben. Im Männertrakt gab es wenige vergleichbare Räume. Warum ich dieses Zimmer erhalten habe, weiß ich nicht. Eventuell hatte Milton besondere Sympathien für mich. Vielleicht war es auch nur Zufall. 

„Ein ganzes Schloss für Euch“, fragte Ted, der interessiert die gepflegten, weitläufigen Gänge betrachtete, an deren Seiten die einzelnen Zimmertüren lagen, auf denen die Namen der Bewohner standen. „Ich hab ja schon  davon gehört, aber so etwas gesehen habe ich noch nie. Was macht ihr hier eigentlich?“

„Was meinst Du“, fragte ich. „Wir leben hier.“

„Und das kommt Euch gar nicht seltsam vor, dass ihr hier außerhalb der Welt in einem Schloss wohnt, das auch in England stehen könnte?“

„Wieso, ist das ungewöhnlich“, fragte ich und war jetzt wirklich überrascht über das Erstaunen des Schwarzen.

„Ob das ungewöhnlich ist“, Ted blickte mich spöttisch an: „Das ist völlig verrückt.“

Ich wusste nicht, was er meinte. Ich sah mich um und bemerkte nichts Besonderes. Die langen Gänge, die hohen Fenster, die Zimmertüren. Alles war so vertraut. Wieso fand er das so überraschend?

„Du bist noch nie woanders gewesen?“, fragte er ungläubig: „Ihr alle nicht? Das ist unglaublich.“

„Wir sind ja mit einem Auftrag hier“, sagte ich. 

„Das stimmt, aber im Grunde seid ihr doch nur Spielfiguren?“ er begann er zu lachen. „Das ist ein dummes Spiel, in das ihr da geraten seid. Aber ihr seid anscheinend sehr wichtig. Möchte gerne mal wissen, was die von Euch wollen. Ihr seid doch wirklich nicht so sonderlich gefährlich, Aber weil ich etwas zu viel gelauscht habe, bin ich hier. Ich bin damals mit dem alten Heinrich gekommen. Er hatte eine Route, die schnurstracks durch die Hölle führte. Nur die Unerschrockenen segelten mit auf diesem Schoner. Beim letzten Mal tauchten wir auf und unmittelbar vor uns manövrieren die Merci und die Endevaour. Da gab es keine Möglichkeit zur Flucht. Ihr habt noch verdammtes Glück, dass man immer nur ein Schiff nach dem anderen durch dieses Nadelöhr bekommt, sonst würde es hier nur so wimmeln von diesen Typen. Ich sage Dir, sie haben gehörig Angst vor Eurem Milton. Er soll ja auch nicht ganz allein hier sein Zepter führen. Gregorius und dieser ekelhafte Snob Mercator ließen mich in Ketten legen und ich war gezwungen, Ihnen allerhand zu erzählen. Aber was wusste ich schon. Das ist doch, verdammt noch mal, die irrste Geschichte, die ich jemals gehört habe. Na ja. Du schaust mich etwas verwirrt an. Kann ich verstehen. Wenn Du wirklich wüsstest, was hier abgeht, wärst Du wahrscheinlich reif für die…“ er stockte und lachte dann, “Insel.“ Er schaute sich in meinem Zimmer um und pfiff anerkennend durch die Lippen: „Meine Güte, du lebst ja wie ein Fürst. Nichts ist für Euch zu schade, was.“ Ich wusste nicht, was er meinte. Mein Zimmer war normal eingerichtet, das Mahagoniebett, der schöne alte Schreibtisch, die Petroleumlampe, das Hochbett, aus Tropenholz geschnitzt. Auf dem Schreibtisch standen eine Karaffe mit Wasser und eine Schüssel voller Obst. Ted nahm sich ungefragt einen Apfel und biss schmatzend hinein. Ich schaute wohl etwas angewidert. „Oh, der Herr hat noch keinen einfachen Schwarzen bei sich gehabt, was.“ Er lachte wieder. In diesem Moment klopfte es und Dolores kam ins Zimmer. Ted starrte sie aus großen Augen an und dieser Blick gefiel mir nicht. Dolores war schön und sie bewegte sich anmutig wie eine Göttin. „Oh, Du hast Besuch“, sie nickte dem Schwarzen zu. 

„Hallo, ich bin Dolores“. 

Der grinste von einem Ohr zum anderen: „Hallo ich bin Ted und werde eine Weile euer Gast sein.“ Er zwinkerte Dolores zu, die leicht zurück zuckte. So animalisch hatten wir uns noch nie begrüßt. 

„Du sollst in die Kathedrale kommen“, sagte sie zu mir und blickte mich verunsichert an. „Peter hat uns zusammen gerufen. Er will uns etwas sagen.“

Ich nickte. Ich werde kommen.


Vor dem Aufbruch zur Bergfestung 


Alle kamen in robuster Kleidung, mit Rucksäcken, in denen Kleidung für einige Tage war. 

„Es ist eine völlig andere Situation eingetreten“, sagte Peter. „Ihr habt gesehen, was geschehen ist. Was denkt ihr, was das zu bedeuten hat?“

„Milton hat Gregorius aufgefordert zu verschwinden, sagte Thomas. „Es war eine echte Drohung.“

„Wir gehen in die Festung. Ihr wisst, was das bedeutet?“

„Nein“, sagte Linda. „Sag es uns.“ 

„Ich denke, er rechnet mit einem Zyklon. Ihr hört doch, wie der Wind tobt.“ Es war wahr. Der Sturm fegte über das Schloss und seine Stärke nahm zu.

„Verdammt. Ich will nicht, dass dieser Gregorius davon segelt“, sagte Sabine. „Wer weiß, wann das nächste Mal ein Schiff kommt.“

„Wahrscheinlich wird es das neue Versorgungsschiff sein“, sagte Paul. „Und wenn der Kapitän wie Heinrich ist, sind deine Pläne, die Insel zu verlassen, wohl ausgeträumt.“ 

Alle lachten. Sabine ärgerte sich. Ihre Freunde standen in ihrer Nähe. Sie hatte durchaus das Potential unsere Gruppe zu spalten. 

„Warten wir es ab“, sagte ich. „Wir sollten uns jetzt eher auf den Zyklon vorbereiten. Ich hoffe, wir brechen in Kürze auf. Bei dem Sturm wird das Meer ungeheuer aufgepeitscht sein, und wenn es das Land überflutet, kommen wir in Schwierigkeiten.

„Auch, wenn sie weg segeln, wird uns das nicht retten. Es sollen noch mehr Schiffe kommen, habe ich gehört. Milton hofft sicher, dass die Schiffe gar nicht entkommen sondern sinken“, sagt Paul. Er strich sich durch die roten Haare und schaute heraus fordernd in die Runde. 

„Meinst Du, er will sie töten?“, fragte Dolores empört. „Das kann ich nicht glauben.“ 

Paul zuckte die Achseln: „Was sind das eigentlich für Leute, die so heiß darauf sind, unsere Insel zu besetzen. Das sollten wir uns mal fragen. Es sind doch im Grunde unsere Feinde. Sie wollen uns erobern.“ 

„Erobern“, sagte Sabine, „Hast Du wirklich etwas dagegen, dass man uns gefunden hat. Vielleicht will man uns befreien.“

„Es war wirklich beängstigend, so vielen anderen Menschen in so kurzer Zeit zu begegnen“, sagt Peter. „Wenn ich etwas dazu sagen darf?“ sagte Ted „Ich kenne Euch zwar nicht, aber eines sehe ich, ihr seid alle naiv wie Kinder. Entschuldigt bitte. Aber es ist wahr. Auch wenn Milton Gregorius vertreibt, werden andere kommen. Sie haben Euch nun entdeckt und sie werden alles daran setzen, diesen Ort zu besetzen. Sie regieren Welten. Das könnt ihr mir glauben. Heinrich hat mir allerhand erzählt. Selbst er fürchtete sie und ihr wisst, dass auf seinem Schiff die zähesten und stärksten Matrosen segelten. Und was diese Muslime angeht: Sie sind nicht aus freien Stücken hier. Ich könnte wetten, sie wissen gar nicht, was sie hier sollen. Sie haben Ihnen irgendein Geschwätz vorgesetzt, es gehe um  Ihre Religion, ihren Gott oder was weiß ich. Sie sind dumm genug, darauf herein zu fallen und sie brennen darauf, sich im Kampf zu bewähren. Ich könnte mir denken, dieser Gregorius WILL, dass ihr miteinander auf Leben und Tod kämpft. Es geht Ihnen um das Verschwinden dieser Insel UND dieser Muslime, ohne Zweifel aber soll es gut aussehen. Deshalb seid ihr noch hier. Sie wollen, dass ihr dieses Leben mit Freuden wegwerft und ihnen folgt. Nur DAS wäre für sie ein Triumph.“ Es kam erneut Unruhe auf. Sabine war Milton gegenüber nur scheinbar ergeben. Was sie wirklich dachte, hatte sie ja bereits gesagt. Sie war im Grunde verlogen. Dass sie nun einmal die Wahrheit über ihre Pläne gesagt hatte, hatte uns alle überrascht. Sie hatte viele Freunde. Man konnte keinem dieser Freunde trauen. Sie hatten den Kontakt zu den Matrosen aufgebaut und sie würden uns ohne Zweifel an diese verraten, wenn die Furcht vor Miltons Fähigkeit, uns zu bestrafen, nachließ. Sie war nicht loyal. Wer konnte wissen, was sie bereits mit den Matrosen vereinbart hatten. Wir mussten sie im Auge behalten. Das war die Fraktion, die für unseren Zusammenhalt am Gefährlichsten war. Selbst Peter, der wirklich die Größe besaß, Meinungen und Menschen vorurteilslos zu betrachten, reagierte ihr gegenüber zunehmend gereizt. Sabine hatte diesen herben Gesichtsausdruck, der Selbstsucht spiegelt. Sie schaute streng in die Runde und erwiderte: „Dieser Schwarze weiß doch im Grunde NICHTS von der Insel“. Ihre Verbündeten standen dicht beieinander: Karla, Herton, Martin, Claudia. Die ganze Gruppe. In Wahrheit verachteten sie den Schwarzen, wie sie wahrscheinlich auch Peter, Paul, Johannes, Linda, Dolores und mich verachteten. Wir waren freie Denker und bildeten sozusagen den Kern der Insel. WIR fühlten uns verantwortlich. Wir waren nicht intrigant oder illoyal, das wussten sie. Sie waren einfach ekelhafte Menschen. 

„Richtig“, murmelten ihre Freunde wie zur Bestätigung und begannen ihre dummen Worte zu beklatschen. Ted schien die Situation augenblicklich zu erfassen. Sein Blick wanderte von der Gruppe zu Peter und mir. Dann wandte er sich wieder an Sabine. 

„Pass mal auf, dass Du Dich nicht vertust. Diese Matrosen, mit deren Hilfe zu zweifellos kokettierst, stammen direkt aus der Hölle?“ Er spuckte verächtlich aus. „Ich kenne Euch zwar nicht, aber da draußen“, er wies zum Meer, „zählt das Leben eines arroganten Mädchens ziemlich wenig. Ihr werdet sehen, entweder versucht ihr alles, um euch hier zu behaupten oder ihr werdet vernichtet werden, vielleicht von den Muslimen, die glauben, damit ihrem Gott gedient zu haben, in jedem Falle aber von diesen Ungeheuern auf den Schiffen. Ihr werdet euren Milton und seine seltsamen Verbündeten noch dringend brauchen.“

„Ungeheuer?“, Sabine wirkte empört. „Es sind kluge, gebildete Menschen. Ich habe mit Ihnen oft genug gesprochen, um das beurteilen zu können.“

„Der Teufel hatte Kreide gefressen“, sagte Ted. 


Die Herren greifen ein


Jetzt erst sahen wir Milton, der in der Kathedrale angekommen war. 

„Macht Euch bereit, wir verlassen das Schloss. Gregorius und seine Truppe werden morgen verschwunden sein. Mag sein, dass sie wieder kommen. Es sind unangenehme Gegner, aber wir sind dann besser vorbereitet. Ich habe es euch nie gesagt, aber es war mir klar, dass wir irgendwann Besuch kommen würden. Es gibt außerhalb der Insel böse Kräfte. Ihr habt gesehen, dass sie die Insel in Besitz nehmen wollten. Immer noch sind die Truppen, die sie dazu benutzen wollen, auf der Insel. Ich unterstelle diesen muslimischen Menschen, dass sie gar nicht wissen, dass sie nur benutzt werden. Sie wurden auf Euch angesetzt. Wenn sie getan haben, wozu man sie herrief, werden sie vernichtet werden. Sie sind dumm genug, das nicht zu erkennen. Gregorius und Mercator gehören zu einer sehr gefährlichen und mächtigen Geheimgesellschaft und es ist besser, sie zu vertreiben. Die Herren und ich sind bereit. Es wird eine Flut kommen, wie ihr sie noch nie erlebt habt. Deshalb flüchten wir in die Berge. Dort werden wir die Flut abwarten. Mahmoud wird seine Gefährten retten. Er kennt die Insel. Auch wenn diese Menschen gefährlich sind, wollen wir nicht ihren Tod. Ihr wisst, dass Eure Eltern noch Diebe, Mörder und bösartige Menschen waren. Seit vielen Jahren seid ihr nun schon hier, und, ihr habt Euch verändert. Ihr seid all das geworden, was Euren Eltern versagt war. Ihr habt Eure Fähigkeiten entwickeln dürfen, ihr seid friedlich, zivilisiert, gut ausgebildet und ihr habt gelernt, Eure rohen Instinkte zu bändigen. Das war ein langer Weg. Dafür musstet Ihr Eltern und Heimat verlassen und ihr musstet mir vertrauen. Aber auch ich war nur Teil eines Ganzen, angetreten, den Willen der Herren zu erfüllen. Nicht Göttern oder einem Gott, also einem nicht menschlichen Wesen, sondern einer Gruppe von weisen, anständigen Menschen, die teilweise schon sehr lange auch in unserem Schloss wohnen. Ihr habt sie nie zu Gesicht bekommen. Das liegt daran, dass sie sehr alt sind. Ein wahrhaft guter Mensch stirbt nicht nach hundert Jahren. Er lebt sehr lange. Aber als völlig geläutertes Wesen ist er gerne unter seinesgleichen. Sie sind Wirklichkeit, die Herren, sie sind mächtig, sie sind hier und sie wachen. Ich erhalte von ihnen meine Befehle. Also habt keine Angst. Die Welt ändert sich, aber Ihr seid bereits weit genug fortgeschritten, um zu siegen. Und Siegreich-Sein bedeutet, einen inneren Kampf zu überstehen. Trotzdem will ich Euch sagen, mit wem ihr es unmittelbar zu tun habt. Mahmoud ist kein Moslem. Er hat schon lange einen neuen Herrn. Er ist ein Adept und Glaubender. Aber es ist nicht der Prophet der Muslime, den er verehrt. Die Gruppe, die hinter Gregorius steht, hat ihn in ihrem Geiste erzogen. Es gibt mächtige Gegenkräfte zu den Herren, das will ich Euch nicht verschweigen. Diese Kräfte haben nichts mit den Religionen zu tun.“

Wir hatten alle gebannt zu Milton geblickt. Seine langen  schwarzen Haare hingen ihm auf die Schulter. Seine tiefblauen Augen schienen jeden einzelnen anzusehen. Er sah aus wie ein Gott. 

„Lasst uns aufbrechen. Es eilt. Bald wird hier alles überschwemmt sein.“ Wir nahmen unser Gepäck und folgten ihm nach draußen, wo der Sturm unglaubliche Kräfte entwickelte. Gebückt bewegten wir uns durch die Dunkelheit den Berg hinauf. Warum Milton uns nicht DURCH den Berg führte, weiß ich nicht. Es wäre der sicherere leichtere Weg gewesen, aber er verbarg  die ganze Wahrheit vor uns bis zum Schluss.

Während des Aufstiegs erinnerte ich mich an mein letztes Treffen mit Mahmoud. Er hatte gesagt: „Meine Leute haben sich vorerst im Innern der Insel eingerichtet. 80 Menschen warten und sie sehen es nicht ein, dass ihr in diesem Schloss wohnt und sie, die Gläubigen des wahren Gottes, in Hütten. Ich warne Euch, ihre Stimmung ist gereizt. Sie werden sich holen, was ihnen versprochen wurde.“

Ich war überrascht gewesen. Warum sagte er mir das? Selbst wenn es so war, war es doch ein Nachteil, wenn ich es wusste. 

„Warum sagst Du mir das“, hatte ich gefragt. 

„Es sind Muslime und es gibt keinen unter ihnen, der auch nur einen Hauch Achtung vor Euch empfindet. Aber ich habe bereits einmal mit Euch gelebt. Ich will Euch deshalb warnen“, sagte Mahmoud. „Am besten wäre es, ihr würdet einfach zu unserem Glauben übertreten.“

Zu einem Glauben übertreten, das hatte er gesagt. Ich hatte ihm kopfschüttelnd hinterher gesehen, als er stolz kehrt machte. Bereits da hatte ich mich gefragt, auf wessen Seite er eigentlich stand. Es gab aber noch ein wirkliches interessantes Thema: die Herren. Milton hatte zum ersten Mal ausdrücklich bestätigt, dass es sie gab, dass sie auf uns aufpassten und dass es Menschen waren. Das war eine Sensation und veränderte alles. Dann war noch nicht alles verloren. Wir waren Elemente eines größeren, gefährlicheren Spiels. 


Der Sturm


Der Sturm wurde gefährlich. Wir kämpften uns mühsam nach oben. Plötzlich verlor Katharina den Halt und rutschte ab. Wir sahen ihr nach, wie sie im Dunkeln verschwand. 

„Folge ihr“, brüllte Milton gegen den Sturm und schickte Ted hinter ihr her. Ich sah, wie er im Dunkeln verschwand. 

„Los weiter“, schrie Milton und wir kämpften uns den Berg hinauf. Als wir die Festung erreicht hatten und in Sicherheit waren, blieben Ted und Katharina verschollen. Milton hielt uns davon ab, ihnen zu folgen. 

„Sie werden zweifellos gerettet werden“, sagte er, „Aber jetzt kann ich niemanden von Euch mehr heraus lassen.“

In jener Nacht ereignete sich auf See zu allem Überfluss ein Erdbeben. Das Beben war im Berg zu spüren als ein tiefes, anhaltendes Brummen, das aus dem Erdboden zu kommen schien. Wir sahen über den Palisaden am Himmel grüne, blaue und rote Lichter wie Blitze wandern, als ob ein gewaltiges Kriegsschiff seine Kanonen abfeuerte. Dann begann der Horizont zu leuchten. Wenig später begann der Ozean Teile der Insel zu überschwemmen.


Ted erzählte uns später, dass er im Dunkeln nach Katharina suchte. Er fand sie zusammengekauert hinter einem Felsen. Sie konnten nicht mehr in den Wind. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als in Richtung Krater zu wandern. Dieser Weg war halbwegs vor dem Sturm geschützt. Es war ein Fußmarsch von gut sechs Kilometern bis zum Vulkankrater, in dem man Schutz finden konnte. Als Ted sich umdrehte sah es, dass das Meer wie eine dunkle Wand heran flutete. Katharina und er kletterten wie die Gämsen und waren froh über jeden Meter, den sie an Höhe gewannen. Auf halbem Weg  sahen sie zurück  auf die überschwemmte Insel und sturmgepeitschte Wogen. Das Ausmaß der Katastrophe war unbeschreiblich. 

Katharina wurde von Angst gepackt und weigerte sich weiter zu gehen. Sie klammerte sich panisch an einen Felsen. Da packte sie eine Sturmbö und riss sie mit sich davon in die Nacht. Ted sah sie niemals mehr wieder. Er kämpfte sich allein durch die Nacht bis zum Vulkankrater, in dem er Schutz fand. Der Krater war dicht bewachsen, aber es gab einen Pfad, der hinab führte. Hier waren also Menschen gegangen. Er folgte dem Pfad in die Tiefe. Es war weiter unten nicht so dunkel, wie erwartet. Das Licht stammte von leuchtenden Steinen, die zum Fels zu gehören schienen. Endlich mündete der Pfad in eine Öffnung am Boden des Kraters und von da mitten in den Vulkan hinein. 


Das Vertrauen in Milton schwindet


Wir hatten die Festung erreicht und waren über die Palisade ins Innere gelangt, wo wir sicher waren. Fackeln brannten und spendeten ein angenehmes Licht. Die Höhle bestand aus vielen, verbundenen Kammern. Wir hatten Lebensmittel für viele Tage gelagert. Auch Getränke. Es würde kein Problem sein, hier mehrere Tage auszuhalten. Milton hatte sich in die Tiefe des Berges zurückgezogen und uns unter dem Kommando von Peter zurückgelassen. Peter ließ Lebensmittel und Getränke holen und wir aßen gemeinsam zu Abend. Es wurde nicht viel geredet. Uns gingen allerhand Gedanken durch den Kopf. Dolores saß neben mir. Sie lehnte sich dicht an mich. Irgendwann erloschen die Fackeln. Milton weckte uns am nächsten Morgen: 

„Die Flut ist vorbei“, sagte er. „Esst etwas und lasst uns dann nachsehen gehen, was der Sturm bewirkt hat. Unserem Schloss konnten die Fluten wenig anhaben, aber den Schiffen des Gregorius dürfte es übel ergangen sein“ 

Wir eilten zur Palisade und sahen hinunter auf die Hochebene. Die Flut war offenbar bis an den Rand des Berges gestiegen. Weit unten sahen wir die Turmspitzen des Schlosses. Milton hatte Recht. Das Schloss stand noch. Peter sollte sich drei Begleiter aussuchen und dort die Lage erkunden. Er nahm Paul, Thomas und Angelina mit. Als er die Festung verließ und vorausging, 1,90 m groß, blond und muskulös wirkte er wie ein echter Anführer. Paul war kaum kleiner. Seine wilden, lockigen roten Haare hingen ihm auf die Schulter. Er war schmaler, aber wir wussten, wozu er in der Lage war. Er war unglaublich zäh und ausdauernd. Angelina war für eine Frau sehr groß. Sie wog über 80 kg, aber sie war 1,85m groß und beherrschte jede Kampfkunst. An ihrer Seite schritt Thomas, der mit 2 Metern Größe der größte von uns war. Sein pechschwarzes Haar trug er sehr kurz. Auch er war furchtlos und zäh. Allerdings hatte keiner von uns sich bisher in einem echten Kampf gemessen. Ob so ein Kampf drohte, war ja nicht ganz klar. Die Neuankömmlinge hatten uns gedroht, aber wer konnte wissen, wie es Ihnen ergangen war. Gefährlichere Gegner waren zweifellos die Männer der Endevaour und der Merci, die allesamt bewaffnet waren. Milton hatte zur Vorsicht geraten. 

Der Sturm hatte sich gelegt und der Himmel war wieder unverfänglich blau, aber umgeworfenen Bäume säumten den Weg unseres Spähtrupps. Ich wurde einem anderen Trupp zugeteilt, der die Aufgabe hatte, nachzusehen, ob die Endevaour oder die Merci den Sturm überstanden hatten. Milton ernannte mich zum Anführer der kleinen sechsköpfigen Schar: 

„Du bist umsichtig genug Josef. Ich setze auf deine Intelligenz. Nähert Euch den Schiffen nicht, ehe ihr nicht sicher seid, dass keine Soldaten dort sind. Ich kann es mir nicht erlauben, einen von Euch an Gregorius zu verlieren. Man würde Euch zu meiner Erpressung benutzen. Ich bin aber davon überzeugt, dass beide Schiffe zerstört sind. Sie sind gegen den Tsunami ausgelaufen und müssen unter der gewaltigen Woge begraben worden sein. Wer überlebt hat, den hat der Sturm umgebracht. Ich will, dass ihr nach Spuren der Neuankömmlinge sucht. Mahmoud ist nicht dumm. Er wird seine Leute in Sicherheit gebracht haben. Folgt dem Pfad in das Tal, aber geht nicht bis zum Vulkan. Die Grenze liegt an dem kleinen Waldstück, in das der Weg mündet. Wenn ihr bis dorthin kommt, stoppt ihr. Wer dort weiter geht, ist in höchster Gefahr. Ich will, dass ihr dann zurückkehrt. Wenn ihr niemanden findet und Peter mit seinen Leuten  signalisiert, das keine Gefahr mehr besteht, versucht ihr ins Schloss zu gelangen.“

Ich nickte und gab den anderen ein Zeichen. Wir marschierten los, den Pfad zum Felshafen hinunter. Der Weg war steil und bestand aus losen Steinen. Seitlich ging es stellenweise 20 oder mehr Meter in die Tiefe. Wir waren vorsichtig. Dolores ging an meiner Seite. 

„Ich finde, wir sollten uns, wenn wir unten ankommen, aufteilen. Es ist sicher besser, wenn sich eine Gruppe von Westen und eine sich von Süden her nähert. Vier Leute können sich gedeckt durch die Büsche vorwärts bewegen. Im Süden ist es schwieriger, unentdeckt zu bleiben. Wenn wir aber wissen wollen, ob Gregorius und seine Männer noch irgendwo lagern, müssen wir auch dort die Lage in Augenschein nehmen. Ich würde das gern machen. Ich nehme Linda mit. Wir sind klein und beweglich. So leicht werden sie uns nicht entdecken. Wir treffen uns dann am Felshafen. Falls jemand entdeckt oder gar gefasst werden sollte, sollte er einen Schuss abgeben. Jede Gruppe nimmt eine Pistole mit. Was meinst Du?“, sagte sie.  Der Weg gabelte sich vor uns und führte von zwei Seiten zum Felshafen. Wenn wir den linken Weg nahmen, waren wir gut geschützt. Bäume, Gestrüpp und Felsen. Bei einer Begegnung wurde es allerdings eng. Rechts herunter führte nur ein Pfad. Es gab frei einsehbare Stellen, wo man gesehen werden konnte. Der Pfad mündete in einem kleinen Wäldchen und führte dann weiter zum Vulkan. Dieser Weg war recht ausgebaut. Er besaß wenige Möglichkeiten zur Deckung. Aber es stimmt schon, die beiden eher zierlichen Frauen konnten sicher bei Gefahr am Wegesrand in einem der Büsche Zuflucht suchen und sich verstecken. 

„Gut, so machen wir es“, nickte ich. Mario kam an meine Seite. Wir sahen den beiden jungen Frauen hinterher, die flink den Weg entlang eilten. Dolores dunkelblondes Haar glänzte in der Sonne. Linda bewegte sich an ihrer Seite. Sie bewegten sich geschmeidig wie Katzen. 

„Lasst uns weitergehen.“ Mario nickte. Wir gingen hintereinander im Schutz der Felsen. Nichts war zu hören, außer dem Zwitschern der Vögel, dem Surren der Grillen und dem leisen Rauschen des Windes in den Bäumen. Immer wieder stockte unser Weg, wenn Bäume über den Weg gestürzt waren. Auch wurde der Boden immer schlammiger. Hierher war die Flut gekommen und es ging immer noch steil abwärts. Wir kämpften uns voran. Das Wasser musste teilweise die Baumwipfel erreicht haben, denn im Geäst der Bäume hingen noch Reste von Treibholz. Tote Tiere lagen auf dem Weg. Endlich sahen wir in der Ferne das unschuldig blau leuchtende Meer durch die Bäume. Wir erreichten den Weg zum Schloss, der an den Klippen entlang zum Felshafen führte. Hier konnte man schnell auf Überlebende treffen. Doch da war niemand. Wir erreichten den Felsen, hinter dem ein Pfad abwärts in jene schmale Bucht führte, die Heinrich irgendwann einmal gefunden hatte. Ein natürlicher Hafen mit Zugang zum offenen Meer. Gut 400 Meter lang, und mit einer Tiefe, die ausreichte, auch Großsegler anlegen zu lassen. Dort hatte die Astonia geankert, während Heinrich und seine Männer zum Ufer hinüber gerudert waren, dessen Strand aus dunklem Vulkangestein bestand. Die Endevaour und die Merci waren große Schiffe, aber auch sie sollten dort geankert haben. Jetzt war die Bucht mit Trümmern von Holz übersät. Tsunami und Sturm hatten den Ankerplatz völlig verwüstet. Ein Schiffswrack lag weiter draußen auf einem Riff. Ich erkannte die Aufschrift Merci am Heck. Die Endevaour aber war nicht zu sehen. In der ganzen Bucht gab es keinerlei Anzeichen für Überlebende. Das wütende Meer hatte für Kleinholz gesorgt. Wer auch immer hier hatte an Land gehen wollen, war jämmerlich ertrunken und wenn sie ein Beiboot ausgesetzt haben sollten, dann hatte es der Sturm zerlegt oder die ablaufende Flut mit sich genommen, hinaus in die Unendlichkeit der See. 

„Hier gibt es niemanden mehr“, murmelte Mario. Ich schaute Theodor und Ludwig an. Wir waren erschüttert. Noch nie waren wir dem Tod wirklich begegnet. Hier aber hatte er geerntet. Wir gingen den Pfad entlang, der oberhalb der Bucht lag und trafen dort auf Dolores und Linda, die uns entgegen kamen. 

„Hier lebt niemand mehr“, sagte Dolores. Schweigend starrten wir in dieses Grab so vieler Menschen hinunter. „Grauenhaft, das so zu sehen“, murmelte Linda. 

„Habt ihr Spuren der Neuankömmlinge gefunden?“ Wir schüttelten den Kopf. 

„Das Meer war hier oben, und es ist nochmal hundert Meter höher gestiegen. Es hat alles mitgenommen, was auf seinem Weg lag.“ 

Wir dachten wohl alle das Gleiche. Milton konnte das doch nicht gewollt haben. Vielleicht war es wirklich ein Zufall gewesen. Auch wenn es Feinde gewesen waren, so waren es doch Menschen und zwar die ersten, die den Weg zu uns gefunden hatten. Wir konnten nichts mehr tun. Tief berührt wendeten wir uns um, und kletterten den Pfad wieder hinauf, vorbei an den Spuren einer ungeheuren Verwüstung.

Am Schloss war die Lage ganz erstaunlich gewesen. Peter berichtete, dass das gesamte Schloss völlig intakt war, als habe es außerhalb der Wogen gestanden. Es gab aber keinen Weg hinein. Die Türen waren versperrt und nicht zu öffnen. Sie hatten nachdem sie vergeblich versucht hatten ins Schloss oder in eines der Nebengebäude zu gelangen, kehrt gemacht und auf dem Pfad zum Vulkankegel nach Ted und Kathrin gesucht, aber die beiden waren verschwunden. Schließlich waren sie zurück zur Bergfestung gegangen, die Milton verlassen hatte, angeblich, um sich mit den Herren zu treffen. Die anderen waren froh, Peter wieder in der Bergfestung zu haben, sogar Sabine und ihre Freunde hatten sich verlassen und unsicher gefühlt.

Das Schloss konnte eigentlich nicht unbeschädigt sein. Aber es war völlig intakt, keine Scheibe war zersprungen, kein Wasser hatte das Innere benetzt. Durch die Fenster konnte man sehen, dass im Innern alles in bester Ordnung war. Es war auch völlig rätselhaft, warum man die Gebäude nicht betreten konnte. Obwohl Peter und die anderen versucht hatten, Türen und Fenster einzuschlagen, war kein Zugang möglich, als schütze eine unsichtbare Kraft den gesamten bewohnbaren Trakt. 

Da Milton nicht da war, konnte uns niemand eine Erklärung geben. Das alles war beängstigend, alles, was geschehen war. Man segelt über einen Ozean, von einer bekannten Insel zur anderen. Das Wetter ist gut. Das Risiko kalkulierbar. Was aber, wenn alles, was so sicher und gewiss wirkt, plötzlich Risse bekommt, wenn eine andere Realität durch den Saum der vertrauten Welt schimmert.

Das, was ich beschreibe ist nichts, das gestern geschah und das weit weg ist. 



Auf der Sea Gull: Wahrheit und Traum


Irritiert hielt ich beim Lesen inne. Hier wurde mir ganz offensichtlich eine Botschaft mitgeteilt. Aber wie konnte das sein? Ich erhob mich, verließ die Kajüte und stieg an Deck, wo ich Mad im Gespräch mit Moris fand. Moris rauchte einer jener Zigarren aus Kuba, die er für unverzichtbar hielt. Die beiden schauten auf, als ich näher kam. 

„Du siehst etwas verstört aus, möchte ich sagen“, sagte Mad. „Ist die Story, die dir der Deutsche zu lesen gegeben hat, es wert“, fragte Moris. 

Ich zuckte die Achseln: „Es ist ein seltsames Buch. Es lässt mich nicht kalt. Es ist gar nicht der Inhalt, aber irgendetwas stimmt nicht mit dem Buch.“ 

„Setz Dich zu uns“, Mad rückte auf der Bank etwas zur Seite. „Es ist der erste Abend auf See, den soll man nicht mit schwieriger Lektüre verbringen.“ 

„Richtig“, sagte Moris. „Ein alter Grundsatz des Juristen. Alles zu seiner Zeit.“

Ich setzte mich zu Ihnen und ließ mir einen Cognac und eine Zigarre geben. Die Nacht war sternenklar und es war immer noch drückend schwül. Ich blickte mich um. Das Boot lag vor Anker. Im Hintergrund sah man das Festland. Es war nichts Unheimliches oder Fremdartiges zu bemerken. Ganz allmählich wich das bedrohliche Gefühl. Ich hatte mir alles eingebildet. Ich würde später noch einmal in Ruhe  nachlesen. 

Wir begannen ein Gespräch, das sich um unsere Heimatländer drehte, deren politische Entwicklungen wir bedrohlich fanden. Aber bald schon wechselten wir zu interessanteren Themen. Wie würde die zweite Frau an Bord aussehen? 

Je mehr wir tranken, desto anzüglicher wurden unsere Gespräche, bis sie schließlich um lange versunkene Affären auf Segeltörns drehten, bei denen ich mir nicht sicher war, ob sie jemals wirklich stattgefunden hatten. Erst als Karin dazu kam, wurden wir wieder ernsthafter und wechselten die Themen. Ich glaube wir begannen sogar, um ihre Gunst zu buhlen.

Erst sehr spät begaben wir uns in unsere Kojen.

Ich schlief sofort ein. 

Mitten in der Nacht schreckte ich hoch, wie meistens, wenn ich zu viel getrunken habe. Ich hatte Durst und fühlte mich unruhig. Ich trank eine Flasche des Mineralwassers, das wir heute an Bord geschleppt hatten und betrachtete dann das Buch, das ich auf den Boden gelegt hatte. Es war eben das Buch, das mir Küppers gegeben hatte. Ich suchte nach den persönlichen Stellen, konnte sie aber nicht finden. Da ich, einmal wach, nur schwer wieder einschlafe, las ich weiter.



Zwei Matrosen der Merci werden gerettet, sterben dann aber einen unerwartet schnellen Tod. 

Sollten wir zurück zum Hafen und versuchen zur „Merci“ zu schwimmen. Milton hatte uns das ja nicht verboten. Schließlich gingen Mario, Theodor, Ludwig und ich zurück zur Bucht. Dolores und Linda folgten uns ein wenig später. Als wir den Felshafen erreichten, überlegten wir, wer es als erster wagen sollte, zu dem Schiff rüber zu schwimmen. Da ich der Beste Schwimmer war, sollte ich zuerst ins Wasser. Das war nicht ungefährlich. Es gab hier tückische Strömungen und Unterströmungen. Man musste sie zu nutzen wissen. An der richtigen Stelle ging es fix hinaus. An einer anderen kam man leicht zurück. Ich musste an den Klippen höllisch aufpassen. Sehr leicht konnte man sich schwer verletzen. Ich schwamm den Rumpf des Schiffes entlang und konnte durch ein Loch im Rumpf in das Innere der „Merci“ gelangen. Die Wogen hatten alle Aufbauten zerschlagen. Ich schob mich auf das Deck und schlich vorsichtig in Richtung Zwischendeck. In diesem Moment hörte ich ein Stöhnen. Zwei Männer lagen auf dem Deck hinter einem der Treppenaufgänge. Sie waren furchtbar verletzt. Ich beobachtete die beiden, die für mich keine Gefahr mehr darstellten. Dann kroch ich langsam zu ihnen herüber. „Hilfe“, murmelte der eine. „Bitte helfen sie uns.“  

„Sind noch andere Menschen an Bord?“ 

„Nein, alle mausetot“, murmelte der andere. „Das verdammte Meer hat sie geholt. Der Teufel selbst war hier.“ 

„Warten sie, ich werde Hilfe holen“, sagte ich. Ich winkte zum Ufer herüber. Die anderen 5 kamen zum Schiff geschwommen. Wir bastelten eine Art Floß und es gelang uns, die beiden schwer verwundeten Matrosen an Land zu bringen. Dort versorgten wir sie mit Wasser und trugen den ersten den Berg hinauf zur Festung. Auf halbem Weg kam uns Milton entgegen. Er sah sich kurz den Matrosen an und ließ und weiter gehen, während er zur „Merci“ hinunter ging. Was hatte er vor? Als wir die Palisaden der Festung erreicht hatten, trugen wir den Mann in die Festung, wo wir seine Wunden versorgten. Kurz darauf kam Milton zurück. Der andere Matrose war nach seinen Worten bereits verstorben, als er die Bucht erreicht hatte. Linda, die bei dem Mann geblieben war, bestätigte Miltons Worte. Milton war näher gekommen und der Mann verlor an Kraft. Er starb mit einem Ausdruck des Schreckens auf dem Gesicht. Sein Tod bei Miltons Erscheinen war seltsam. Der Mann war der stärkere von beiden gewesen. Wieso war er in diesem Moment verstorben? Milton saß in unserer Nähe und blickte zu dem anderen Matrosen hinüber. Er wirkte verändert. Ich betrachtete ihn neugierig. Bisher hatte er immer als ein Teil unserer Welt gewirkt. Hier aber saß ein Fremder. Er saß angespannt in einem Stuhl und ließ sich von den geheimnisvollen Ereignissen am Schloss berichten. Er wirkte nicht erstaunt. Er erklärte uns aber auch nicht, was er zu wissen schien. 

„Wir werden sowieso hier bleiben müssen“, sagte er. „Das alte Leben ist vorbei.“ Was meinte er? Peter saß an die Wand gelehnt und Paul war an seiner Seite. Dolores hatte die Wunden des Mannes verbunden. Er war schon älter. Ein einfacher Matrose, der mit Sicherheit unbedeutend war. Milton verlangte, allein mit ihm zu sprechen. Wir überließen ihm den Mann. Als Milton mit dem Verhör fertig war, und wir wieder die Pflege übernahmen, wirkte der alte Mann noch kraftloser als zuvor. Trotz unserer Bemühungen, ihm zu helfen, starb er wenig später.

Der Tod des Mannes ging uns sehr nahe. 

„Milton war es“, flüsterte Peter. „Ganz sicher. Er war das. Ich weiß nicht, wie er es angestellt hat, aber auch diese Flut war von ihm erzeugt. Ich sage Euch, das alles hier geht nicht mit rechten Dingen zu.“ Paul kam näher und setzte sich zu uns, dann auch Linda. 

„Nach dieser überraschend auftretenden Flut sind all seine Feinde verschwunden: ertrunken und die Menschen, die wir gerettet haben, sterben, kurz nachdem Milton mit ihnen geredet hat. Ihr wisst, dass ich schon seit einiger Zeit misstrauisch gegenüber Milton bin. Unsere Lehrer zum Beispiel. Ihr wisst, wie sehr sie uns mochten. An dem einen Abend sitzen wir noch mit ihnen zusammen beim Abendessen und am nächsten Tag sind sie weg. Wort- und grußlos. Wo sind eigentlich diese Muslime? Sind sie auch ertrunken?“ 

In diesem Moment kam Milton aus den Tiefen des Berges zurück. Er sah aus wie ein Dämon. Seine langen schwarzen Haare hatte er im Nacken zusammengebunden. Seine Augen funkelten.

Er beachtete uns nicht. Er schien bereits mit uns abgeschlossen zu haben.


Das Geheimnis des Vulkankegels


Mahmoud hatte den Sturm mit seinen Leuten im Schutz des Vulkankraters verbracht. Er kannte die Insel ein wenig, aber dorthin war er als Junge nie gekommen. Die Vegetation im Innern des Kraters war zuerst üppig, wurde weiter unten aber karg, Erkaltete Lava bedeckte den Boden. Der Pfad, den sie gefunden hatten, führte aber mitten hindurch. Der Weg war gut befestigt und während der Zyklon über Ihren Köpfen donnerte, stiegen sie in eine andere Welt hinunter. Der Pfad mündete in einen Vulkanschlot, der zweifellos erweitert worden war, so dass man in ihm aufrecht gehen konnte. Der Weg führte in die Tiefe des Berges. Das Innere des Berges wurde erhellt von Steinen, die aus sich selber heraus leuchteten. Sie betasteten diese Wunder. Die Steine waren kalt, aber es schien im Innern ein Feuer zu brennen, das Licht spendete. Der Boden des Pfades bestand aus einem Glas ähnlichen Material, das aber festen Halt bot. Sie betraten das Innere des Berges und stießen auf ein Plateau. Dort konnte man lagern. Seitlich gähnte ein Abgrund. In der Tiefe schien Wasser zu fließen. Man hörte das Rauschen und Gurgeln. Zu sehen war nichts. Der Weg führte steinig und kaum erleuchtet weiter in die Tiefe. Er war schmal und man konnte ihn nur einzeln beschreiten.

„Wir sind hier erstmal in Sicherheit“, sagte Mahoumed. „Weiterzugehen scheint mir unnötig zu sein.“ Er hatte nicht die Absicht, sich in dem Bereich zu bewegen, der ihm nur nach Mercators ausdrücklichem Befehl geöffnet werden würde. Es kam ja alles auf den richtigen Zeitpunkt an. Dieser Milton hatte Verbündete, jene Herren, die sogar Mercator und Gregorius fürchteten. 

Er spürte, dass Malouf nur darauf gewartet hatte, seine Führungsstärke zu offenbaren. 

„Du fürchtest Dich?“, fragte er und schaute ihn herausfordernd an. „Hab keine Angst. Ich werde voraus gehen und nachsehen, ob es voraus irgendwelche Gefahren gibt.“ Malouf war ein kräftiger 35 jähriger Araber, dessen Familie extrem reich war. Er hatte Mahmoud vom ersten Augenblick an misstraut. Als Gregorius mit seinen Männern vor dem Fürsten erschien und dieser bereitwillig, und ohne Misstrauen zu zeigen, einwilligte, einige Menschen auf eine weit entfernte Insel zu bringen, die sich in der Hand von Feinden befand, um dort die ewige Wahrheit des Koran zu Ungläubigen zu bringen, hatte Malouf überrascht gesehen, dass Mahmoud das Kommando anvertraut werden sollte und nicht ihm. Einem Moslem, der sich mit Christen einließ, war generell nicht zu trauen, er verstieß gegen Allahs Gebot. Hatte der Prophet nicht vor Vertrauensseligkeit mit Christen gewarnt. Diese Europäer mochten mächtig sein, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis die Fesseln unsauberer Verträge und Abmachungen mit ihnen abgeschüttelt waren. Bis dahin machte der wahrhafte Muslim ein helles Gesicht, während er im Rücken den Säbel schärfte. Kapitän Gregorius hatte mächtige Hintermänner. Auch Moslems darunter, meist aus den Wüsten, in denen die große Kaaba stand. Mahmoud sollte ja der Sohn eines Ungläubigen sein, der sein eigenes Leben weggegeben hatte, um seinen Sohn  in die Obhut von Mächtigen zu geben, die Feinde Allahs waren. Dass dieser Mann noch lebte, nachdem er als Kind bereits auf dieser Teufelsinsel gewesen war, war ein Zeichen dafür, dass er mit Zauberei im Bunde stand. Er war mit Sicherheit kein Muslim, denn die Gebete verrichtete er beiläufig und man spürte, dass er Allah nicht wirklich verehrte. 

Bisher hatte er Mahmoud die Gruppe führen lassen, weil dieser die Insel kannte, aber jetzt änderten sich die Dinge? Er fürchtete sich nicht vor dem anstehenden Konflikt. Er wusste, dass im Zweifelsfalle alle Muslime ihm gehorchen würden. Sein Ruf war untadelig. 

„Wer von Euch begleitet mich“, fragte er in die Runde. Sein Blick streifte über die Gesichter der Männer. „Ich komme mit Dir mit Malouf“, sagte Karim. Allah sei Dank. Karim war ein echter Krieger. Er kannte keine Furcht. Sobald sie auf der Insel angekommen waren, hatte es ihn gereizt, diesen anmaßenden Anführer, diesen Milton, der sich offenbar für eine Art Inselkönig hielt, zu Recht zu stutzen. Wenn Köpfe rollten, dann war schnell eine Autorität hergestellt. Es war einfach nicht hinzunehmen, dass dieses seltsame Mann Allah ins Handwerk pfuschte. Malouf und Karim nickten sich zu. 

„Ich werde Euch begleiten“, sagte Ben Yussuf. Ben spürte die gleiche Abneigung gegen Mahmoud, wie die anderen beiden. Er war jung, erst 25 Jahre alt, aber er war ein erfahrener und geachteter Krieger. Sie nickten sich zu und betraten den Berg.


Mahmoud war erleichtert, die beiden eine Weile los zu sein. Er spürte ihr Misstrauen, und er wusste um ihre Autorität. Er machte sich keine Illusionen darüber, dass er die Tatsache, dass er noch der Anführer war, dem Fürsten zu verdanken, hatte, der im Geheimen schon lange kein Muslim mehr war, sondern ein Adept des Amaleks. Die Welt mit dessen Hilfe neu zu ordnen, das war der Gedanke, den alle Weißkutten teilten. Da mochte der eine Philosoph, der andere einfacher Krieger, der Dritte Fürst, der Vierte Priester sein. Sie alle einte ein Ziel. Aber was hatte es mit dieser Insel auf sich. Es war schwierig gewesen, hierher zu finden, auf diese vor der Macht des Amaleks in einer Zeitfalte geschützte Enklave, in der die Gegner eine Art Gegenkosmos errichtet hatten. Solange diese geistig unabhängige Welt, die jedem Zugriff und jeder Beeinflussung entzogen war, existierte, konnte der Lichtbringer nicht alle Welten beherrschen und seine Stunde ausrufen. Die Kraft des Amalek war gewaltig angewachsen. Die Welten veränderten sich: die Auflösung der Familien, der Geschlechter, der Nationen und Kulturen, all der Dinge, derer sich die Menschen seit je her rühmten, war sein Werk. Er wollte sein Licht über alle verbreiten. Und er hatte viele Verbündete, die an dem einen, dem großen Hermaphroditen arbeiteten, dem Wandelbaren, der kommen musste, um alles zu sein und doch nichts: Der große Mensch, gestützt vom Amalek, dem allmächtigen Lichtbringer, dem Luzifer. Es war ein mächtiges Netz gewachsen zwischen hier und dort, zwischen heute, gestern und morgen.

Mahmoud erinnerte sich nur noch schwach an die Zeit auf der Insel. Sein Vater war Kaufmann gewesen und sie waren mit mehreren Männern auf einem Handelsschiff gesegelt. Ein Sturm kam auf. Meterhohe Wogen türmten sich und alles schien verloren, als das Schiff kenterte, doch ihm und seinem Vater gelang es, an eine Holzbohle geklammert, den Untergang zu überleben. Da war ein Licht, auf das sie zutrieben und plötzlich war die See ruhig und voraus lag diese Insel. Sie schwammen an Land, dankten Allah, und begaben sich auf die Suche nach Einwohnern. Sie suchten einen Weg ins Inselinnere. Dabei orientierten sie sich an dem Vulkankegel, der die Insel überragte. Schließlich kamen sie völlig ausgehungert auf die Westseite der Insel, wo sie auf Pfade stießen und damit auf Spuren der Zivilisation. Sie folgten den teilweise befestigten Wegen und standen überrascht vor einem europäisch aussehenden Schloss. Was machte ein solches Gebäude hier, am Rande der Welt? Sie hatten Kinder gesehen, ein paar Männer, Frauen und schließlich Milton. Sie waren ihm zu Füßen gefallen, weil sie ihn für den Fürsten dieser Insel hielten, und er hatte sie freundlich aufgenommen, bewirtet und ihnen einen Platz zum Schlafen gegeben. Sie fragten nichts. Sie bemerkten, dass viele kleine Kinder hier waren, die versorgt wurden von Frauen, die wie Asiatinnen aussahen. Mehrere Männer arbeiteten am Haus. Sie wurden angeführt von einem bärtigen Mann, der sich Heinrich nannte. Wenige Tage nach ihrer Ankunft erkrankte sein Vater schwer und verstarb. Mahmoud hatte sehr getrauert. Er war erst 8 Jahre alt gewesen und nun war er Waise, verschollen in der Fremde. Milton nahm sich seiner an. Mahmoud hatte mit den Kindern gespielt, mit Josef, mit Peter, mit Paul. Joseph war damals etwa vier Jahre alt gewesen. Er erinnerte sich noch an diesen aufgeweckten, klugen Jungen. Mahoumeds Vater war auf dem Inselfriedhof begraben worden. Damals gab es mehrere frische Gräber, die inzwischen fast unkenntlich waren. Irgendwann hatte Milton ihn mit Heinrich fortsegeln lassen. Sie waren dann bis nach Surinam gesegelt, wo Heinrich ihn von Bord brachte und in die Obhut eines Muslims namens Ahmed gab, der mit seinen zwei Frauen und fünf Kindern dort lebte. Dort sollte er aufwachsen. Es war dort sehr ärmlich zugegangen. Aber der Aufenthalt wurde jäh beendet. Eines Morgens waren zwei Männer in das Haus gekommen, die Ahmed Geld gaben und Mahmoud mit sich nahmen. Es waren Weißkutten gewesen, Anhänger des Meisters. Sie hatten gewusst, dass jemand von der Insel gebracht worden war, und da sie nach dieser Insel suchte und alles über den Herrscher, Milton, wissen wollten, war Mahmoud interessant für sie. Eine Waffe, die man schmieden konnte. Man brachte ihn nach Boston, wo er bei Leon Sachs Aufnahme fand. Sachs war ein hoher Diener des Amalek. Er hatte es zu einem gewaltigen Vermögen gebracht, das er einsetzte, um das Licht des Meisters zu verbreiten. Er war in allen Geheimgesellschaften vertreten, und er spannte das Netz, an dem auch andere webten. Mahmoud lebte von da an wie ein Fürst. Jeder Wunsch wurde ihm von den Augen abgelesen. Er war für Sachs wie ein Sohn. Tatsächlich hatte Sachs keine Kinder und Mahmoud dachte, er sei als Erbe auserkoren. Doch irgendwann hatte Sachs damit begonnen, ihn einzuweihen. Sie waren in Elendsgebiete gereist, in Kriegsgebiete, und er hatte gesehen, wie grauenhaft Menschen andere Menschen behandelten. Egal in welchen Ländern, egal welche Religion dort verehrt wurde, es gab überall Gier, Macht und Mord. Sachs hatte ihm das alles gezeigt und dann von der Welt gesprochen, die er und seine Brüder anstrebten: in der neuen Welt seien alle Grenzen verschwunden, alles sei allen erlaubt, unendlicher Reichtum sei auf der Welt. Es gäbe weder Nationen, Unterdrückung, noch Benachteiligung mehr. Behinderte, Schwache, Arme, Reiche, alle Menschen leben unter der Herrschaft des Lichtbringers, Luzifer, dem Amalek, der die Menschen befreite aus ihrem Elend. Er hatte sich begeistert für diese Vision. Er war muslimisch erzogen, aber Allah hatte nur die Gläubigen gemeint und die Ungläubigen in die Hölle verbannt. Der Lichtbringer wollte alle retten, alle gleich machen und allen ein wunderbares Leben ermöglichen. Da, wo Allah den Menschen gedroht hatte, gab der Lichtbringer den Menschen mit vollen Armen. Sachs und seine Freunde waren der Beweis. Keiner von Ihnen, der nicht unendlich reich gewesen wäre und mächtig. Sie trafen sich weltweit untereinander, Weißkutten, auch wenn sie anderen Geheimverbänden angehörten. Letztlich waren die Anführer alles Adepten des Amalek. Mahoumed war bei den Messen dabei gewesen, bei denen man Steine fort nahm, Kreuze umdrehte, beim Gebet aufstand, bei dem man also all das rückwärts machte, was die tyrannischen Götter an Unterwerfung verlangten. Er hatte Menschen getroffen, bei denen man nicht mehr sehen konnte, ob es Frauen oder Männer waren. Zart aussehende, wunderschöne Menschen, die fast wie Götter wirkten. Eine zauberhafte Welt war ihm eröffnet worden und einmal hatte er ihn sehen dürfen, den Hermaphroditen, der bei einer Zusammenkunft erschienen war. Groß, strahlend und mannweiblich. 

Sachs hatte ihm dann von den Gegnern erzählt, finsteren Gestalten, die festhalten wollten am Individuellen, am Spaltenden und Trennenden. Sie arbeiteten auf vielen Zeitebenen. Sie hatten in älteren Ebenen die Oberhand über die Welt gehabt: Stärke, Mut, Leistung von Einzelnen, von Gruppen, von Völkern verteidigten sie und förderten sie. Es waren Menschen gewesen, die die große Schleife des Lebens einmal durchschritten hatten, den Weg über die Auflösung ins Alleine, den jeder Mensch beim Sterben geht. Sie waren wieder gekommen als Menschen, die nicht starben, die mühelos die Zeitebenen wechseln konnten, und die versuchten, die Vision des Lichtbringers zu hintertreiben. Es waren zwölf Männer, die Herren, wie sie sich nannten oder die Schwarzen, wie Sachs sie nannte. Solange im Kontinuum noch Kräfte ins Individuelle strebten, war die Macht des Lichtbringers begrenzt. Er konnte sich nur ganz ausbreiten, wo diese dunklen Flecken erloschen und die Herren hatten außerhalb der Zeiten den Heiligen Gral geschaffen, eine Insel auf der sie Menschen in einer sehr festen Ordnung aufwachsen ließen, unangreifbar für jede Vision und jedes Verlangen nach dem immer unerreichbaren Glück.

Das aber war die Verleugnung des Prinzips. Das ungeteilte Kontinuum ist die Geistes Sphäre, die der Amalek erst gründen musste. Sie musste Abstand zu dem haben, was bereits existiert, ein Licht, das erst leuchten kann, wenn von Horizont zu Horizont und in allen Zeitzonen dorthin gestrebt wird. Dort würde es Reichtum, Land und Besitz im Überfluss geben,

Mahmoud hatte sich für diese Vision, die sein Verlangen ergriffen hatte, begeistert, und er hatte diese Herren gehasst. Sie waren Diebe und Mörder. Sie hielten die an Dingen fest, die Vereinzelung der Menschen bedeutete. Durch diese alten Werte kam Hass, durch Hass kamen Rang und Unterschied. Das alles musste verschwinden. Und Milton? Milton war ein Mensch, den sie erwählt hatten. Ein Philosoph, der ihren Ideen nahe stand. Die Art der Erziehung der Adepten auf der Insel war seine Idee. Die Herren hatten ihn in Deutschland gefunden. Er war mittellos und voller Tatendrang gewesen und sie hatten ihn gefördert. Nun hatte er sein Reich. Aber Mahmoud hatte die Aufgabe, es zu stürzen. Mittel dazu waren seine muslimischen Wurzeln. Er sollte Unfrieden und Zwist auf diese Insel bringen und in dem zu erwartenden Krieg würden diese Adepten das Verderbliche ihres Denkens erkennen. Freiwillig mussten sie zu Weißkutten werden. Denn Freiwilligkeit des Übertritts war der Schlüssel. Niemand durfte gezwungen konvertieren. Er musste im Herzen Ja sagen zum Amalek. Freiwilligkeit änderte alles und gab Amalek den Schlüssel zu ihrer Seele.

Es gab viele reiche, nur scheinbar Allah ergebene, Muslime unter den Weißkutten. Auf der arabischen Halbinsel gab es genügend Familien, die mächtig waren und die über die alte Religion insgeheim lachten. Sie beteten viel, aber im Herzen waren es Feinde ihres Gottes, aber sie mussten sehr vorsichtig sein. Ihre Völker dämmerten im tiefen dumpfen Schlaf. Sie huldigten barbarischen Riten die einer ihrer Vorfahren in Wahn und Fieberträumen ausgebrütet hatte. Ein Fürst hatte die Aufgabe übernommen, Männer zu rekrutieren, um diese Insel zu erobern. Es mussten Gläubige sein. Es mussten kampferprobte Krieger sein. Sie mussten unerbittlich sein. Es durften aber nicht so viele sein, dass Gegenwehr unmöglich war. Beide Gruppen sollten miteinander kämpfen. Es musste ein blutiger Kampf werden, ein hasserfüllter Kampf, der möglichst unentschieden endete.

Diese Männer waren es, die der Herrscher losschickte zu dieser Insel, mit dem Auftrag, sie für Allah zu erobern. Die dort lebenden Ungläubigen seien zu unterwerfen. Die einzigen Kapitäne, die den Übergang zur Insel finden konnten, waren zwei Europäer, Gregorius und Mercator. Diese Insel war ein Ort außerhalb der Zeit, es war ein besonderer Ort, den Allah geschaffen hatte, und es war frevelhaft, dass Kufr ihn besetzt hielten. Sie begaben sich also an Bord der Endevaour und der Merci, 80 Seelen, und segelten mit diesen Europäern los. Mahmoud war ihnen als Führer zugeteilt, aber viele misstrauten ihm. Sein Arabisch hatte gelitten und man spürte, dass er lange bei Europäern gelebt hatte. Insbesondere Malouf, Karim und Ben Yussuf hatten ihm von Anfang an misstraut. Es war Mahmoud kaum gelungen, ihre Zweifel an seiner Person zu zerstreuen. Sie hatten die Schiffe verlassen und waren in ein Tal gezogen, in dem es Hütten gab. Sie hatten das Schloss inspiziert, und es mit finsteren Augen betrachtet. Abscheuliche Abbildungen von Menschen und Dinge standen dort herum. Das Schloss sah aus wie eine gewaltige Moschee und man würde es dazu machen, wenn man es erobert hatte. Außerhalb gab es bestelltes Land. Es gab Hühner und die Schweine. Schweinefresser waren sie, selbst hier. Es gab auch Schafe und Hunde. 

Im Tal fanden sie genügend Obst, aber man konnte auch Vögel schießen und wilde Ziegen. Hunger litt man nicht. Die Männer waren alle kampferprobt und es waren gute Jäger. Bis vor Kurzem waren die Matrosen des Schiffes noch in der Nähe gewesen. Das hatte Mahmoud beruhigt. Der Meister hatte ausdrücklich Befehl gegeben, dass Gregorius und Mercator sich dem Milton gegenüber als Weißkutten zu erkennen geben sollten, dass man aber auf keinen Fall einen Konflikt provozieren solle. Dieser hätte nur zu Solidarisierung der Hausbewohner mit ihrem Anführer geführt und letztlich zur Ablehnung des Meisters. Man hatte kalkuliert, dass die Herren nicht untätig bleiben würden. Es musste ihnen ein Anliegen sein, die Schiffe, die den Weg zu diesem Heiligen Gral gefunden hatten, zu zerstören. Dass sie die Macht dazu hatten, wusste man. Die Endevaour war also hastig abgesegelt, gerade noch rechtzeitig, um dem gnadenlosen Sturm zu entkommen und sie hatte ALLE Männer an Bord gehabt. Nur eine Notbesatzung war auf der Merci verblieben. Die Merci hatte wasserdichte Kammern und die Merci war ein besonders starkes Schiff, das eventuell eine Chance hatte den Sturm zu überstehen.  Der Tsunami, der auf das Seebeben folgte, hatte das Schicksal der Merci besiegelt. 

Mahmoud war rechtzeitig von Mercator  gewarnt worden. Er hatte seine Leute aus dem Tal zum Vulkankrater geführt. Dort liefen Kraftlinien zusammen und man wusste von einem Übergang zu allen Zeitebenen, der im Innern des Berges lag. Mahoumed hatte die strikte Anweisung erhalten, erst nach Mercators Aufforderung das Innere des Berges zu betreten. Alles war bisher so gekommen, wie Mercator es prophezeit hatte. Seine Widersacher in der Gruppe schlossen sich zusammen und ließen ihn mit den anderen allein. Wenn alles nach Plan weiter lief, würden spätestens am Abend alle Muslime ihm allein gehorchen.

Begegnung mit der Moderne

Malouf, Karim und Ben tasteten sich im flackernden Lichtschein der Fackel voran. Karim war furchtlos und ein wahrer Muslim. Er fürchtete sich nicht vor Dämonen und Teufeln, aber etwas stimmte nicht. Es war, als würden sie von jemandem begleitet, der nicht sichtbar war. Oder waren es zwei Begleiter. Ab und an hörten sie einen leisen Atem, Wortfetzen wie von unendlich weit entfernt. Der Weg wand sich entlang einer Felswand, an der anderen Seite aber gähnte ein Abgrund. Als sie einen Stein hinunter warfen, schlug er erst nach einigen langen Sekunden auf. 

„Sollen wir zurück gehen, hier ist nichts außer Verderben“, sagte Malouf. 

In diesem Augenblick sahen sie ein Licht in der Ferne. Sie blickten sich kurz an und gingen dann vorsichtig weiter. Schließlich sahen sie voraus eine gewaltige Höhle, deren Ausmaße nur zu erahnen waren. Steile Klüfte, durchzogen von Graten und Felsspitzen, türmten sich. Die ganze gespenstische Szenerie war in ein gelbliches Licht getaucht, das aus den Wänden selbst zu kommen schien. Sie standen am Rande eines Abhangs, der zum Grund der Höhle führte. Der Pfad führte in Schlangenlinien abwärts. Der Boden war bedeckt mit losem Geröll. Vorsichtig machten sie sich an den Abstieg. Malouf hatte die Führung übernommen. Der Weg führte um einen Felsvorsprung und endete urplötzlich im Nichts. Malouf taumelte und stürzte. Er glaubte, dies sei sein Ende, doch er fiel nicht ins Bodenlose. Am Fuße des Abhangs befand sich ein See. Das Wasser war eiskalt, aber tief genug, so dass er sich nicht verletzte. Prustend tauchte er wieder auf. Oberhalb sah er Karim, der ihn aber offenbar nicht sehen konnte, weil es hier unten sehr dämmrig war. Es gab eine Strömung, die ihn mit gewaltiger Kraft mit sich zog. Der See mündete offenbar in einen Fluss, der irgendwo im Berg donnernd in die Tiefe stürzte. Da sah er voraus eine flache Stelle. Ein Felsbrocken ermöglichte ihm, der Strömung zu entkommen. Er klammerte sich an den Fels und versuchte verzweifelt hinauf zu klettern. Tatsächlich gelang es ihm, und er riskierte einen Sprung, der ihn ans Ufer brachte. Mit letzter Kraft zog er sich an Land. In diesem Moment sah er, dass er nicht alleine war. Zwei Männer standen ihm gegenüber. Ehe er wirklich begriffen hatte, was geschah, erhielt er einen heftigen Schlag auf den Kopf und verlor das Bewusstsein. 

Karim und Ben hatten nicht wirklich gesehen, was geschehen war, aber sie hatten das Gefühl, irgendjemand klettere zu ihnen hinauf. Sie waren unerschrockene Männer, aber als das Prasseln von Steinen direkt unterhalb ertönte, keimte Furcht in ihnen auf. In diesem Moment hob sich ein Kopf aus der Tiefe. Sie erkannten den Schwarzen, den sie als Gefangenen auf dem Schiff gehabt hatten. Der Schwarze sah ich an, legte einen Finger auf die Lippen und bedeutete ihnen still zu sein. Er zog sich ganz empor und zeigte mit dem Finger hinunter in die Höhle. Karim schob sich neben ihn und sah nun am Fuß des Abgrunds mehrere Männer, die einen Mann davon trugen und dieser Mann war Malouf. „Vorsicht“, flüsterte der Schwarze auf Arabisch. „Der Schall wird hier weit getragen.“ Jetzt spähte auch Ben in die Tiefe, in die Malouf gestürzt war. 

„Er stürzte ins Wasser eines Sees“, sagte Ted. „Er ist hoffentlich unverletzt geblieben. Wir sollten uns diesen Männern nicht zeigen.“ Er schob sich an Karim vorbei und lehnte sich an die Felswand, die weit genug zurück lag, um nicht aus der Höhle einsehbar zu sein. 

„Wir müssen Malouf befreien“, sagte Karim. 

„Langsam“, erwiderte Ted. „Die Männer da unten sind anders als die Männer, die du kennst. Ich hab sie jetzt eine ganze Weile beobachtet. Ein paar Meter den Hang hinunter gibt es einen kleinen Felsvorsprung mit einer Höhle. Da hab ich gesessen, als dein Freund baden ging. Es gibt noch andere Wege hinunter, aber wir müssen zurück.“ Er erhob sich und schaute auf die Araber hinunter, die sich den Staub vom Gewand klopfte. Ted überragte sie um Haupteslänge. Er lächelte die beiden an und sagte: „Ich helfe Euch, Euren Freund zu befreien, aber wir müssen einen geeigneten Pfad hinunter suchen.“ Die beiden nickten und folgten ihm den Weg wieder hinauf. Sie bewegten sich vorsichtig, bis sie zu einer Abzweigung kamen.

Mahmoud hatte den Aufschrei gehört. In diesem Moment erhielt er von Mercator den telepathischen Befehl, die Männer in den Berg zu führen.  


Auf der Sea Gull. Neue Mitreisende, die Crew vervollständigt sich.


Ich war dann doch eingeschlafen und hatte wild geträumt. Ich erwachte, nachdem wir bereits abgelegt hatten. 

Die Sea-Gull durchschnitt das tiefblaue Wasser wie ein Messer. Ein starker Wind blähte die Segel und wir machten gute Fahrt, einem ewig weit entfernten Horizont entgegen, an dem sich Himmel und Ozean berührten und verschmolzen zu einer tiefblauen Unendlichkeit. Die anderen saßen auf dem Achterdeck beisammen und frühstückten. Richardson hob kurz den Kopf, als ich verschlafen näher kam. Das Boot verfügte über einen Autopiloten und so hatten wir alle Muße, eine Weile beieinander zu hocken. Karin lächelte mir zu. Mad nippt an einem Glas Sekt und Moris zündete sich eben eine Zigarette an. 

„Komm, setz Dich zu uns, mein Lieber“, Richardson schwenkte einladend den Arm. Ich hatte unser Ablegen um mindestens eine Stunde verschlafen. Zu lange hatte ich mich mit diesem Text beschäftigt. Die Insel, Milton, Muslime, Herren und Weißkutten. Mir schwirrte der Kopf. Wieso hatte dieser Text Franz Küppers so beschäftigt. Vielleicht würde ich es noch erfahren. Der Deutsche war jedenfalls nicht da. Karin hatte meinen Blick bemerkt. 

„Er hat sich zurückgezogen. Ist übel gelaunt.“ Am Horizont konnte man eine Inselgruppe erahnen. Wahrscheinlich die Solomon Inseln. Dort irgendwo sollten wir Heidi an Bord nehmen. Wie ich Richardson kannte, hatte er noch andere Überraschungen für uns geplant. Meine Güte, wir hatten Urlaub, wir hatten Geld, wir hatten allen Grund jene Freiheit zu genießen, die nur noch wenigen gegeben war. 

In diesem Moment erschien Franz Küppers. Er war aufgeregt und wies auf das Meer und da bemerkten wir die Himmelserscheinung. Ein Riss schien sich plötzlich durch den Himmel zu ziehen, an dessen Rändern es grün schimmerte. 

Ein seltsames, beunruhigendes Naturschauspiel, das wohl keiner von uns jemals beobachtet hatte. 

Die Luft war regelrecht elektrisch aufgeladen. Kleine Elmsfeuer tanzten an Mast und Schoten. Erstaunt sahen wir zum Himmel empor, der sich verdüsterte. Dabei war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen. Die See, die eben noch glatt wie ein Spiegel gewesen war, wurde unruhig. Richardson eilte hastig zum Ruderhaus und übernahm das Steuer. Ich sah, dass er nach dem Funkgerät griff. Waren wir in Gefahr? Die Schale mit dem Brot rutschte über das Deck, die Kaffeekanne kippte um. Das Schiff taumelte. Doch so unvermittelt, wie der Spuk begonnen hatte, endete er auch. Urplötzlich, als habe jemand am Lichtschalter gedreht, wurde es wieder hell. Die See war wieder ruhig und alles wirkte wie zuvor. Uns allen war der Schrecken in die Glieder gefahren. 

„Was war das?“, fragte Richardson mit ungewohnt zitternder Stimme. Karin war der Schreck so sehr in die Glieder gefahren, dass sie in den Armen von Mad Schutz suchte. Wir alle waren zu Tode erschrocken. 

„Ich habe das alles schon einmal erlebt“, murmelte Küppers. 

„Zum Teufel, dann erzähl. Ist es gefährlich?“ „Gefährlich. Kommt drauf an. Töten wird es uns nicht. Entschuldigt bitte. Aber danach habe ich so lange gesucht“ 

„Was ist es?“ 

„Ich kann es Euch nicht sagen. Es ist ein Magnetismus hier oder ein energetisches Feld. Niemand weiß etwas davon, niemand hat je etwas davon gehört und wer etwas gehört hat, dem wurde nicht geglaubt.“ 

Das ist wahr, sagte Mad, ich habe es gelesen. Es ist vorgekommen, dass hier Schiffe wie nichts verschwunden sind. Ich meine nicht so Nussschalen wie diese hier, sondern große Pötte, schwere Containerschiffe. Zack, verschwunden. Nicht gesunken, sondern weg, als habe der Ozean sie verschluckt. Ich habe viele dieser Geschichten gehört.“ 

„Spukgeschichten“, brummte Richardson. Vielleicht war es eine Art Nordlicht. So etwas kommt vor. Elmsfeuer auch. Also, lasst Euch keine Angst einjagen.“

Da die See wieder ruhig war, beruhigten sich auch unsere Gemüter. Richardson zuckte die Schulter und begann die Position auf einen Zettel zu kitzeln. Hier, damit Du wieder her findest, sagte er. Küppers nahm den Zettel und steckte ihn ein. Man fühlte, dass es ihm unangenehm war, sich so deutlich offenbart zu haben. Er murmelte eine Entschuldigung und verschwand unter Deck. Wir nahmen unsere Tätigkeiten auf, säuberten das Deck, standen dann beieinander, aber die Stimmung war bedrückt. 

Am Abend erreichten wir Bougainville. Wir ankerten vor Kieta. Heidi wartete schon am Hafen. Sie war in Begleitung zweier junger Frauen, Rucksack Touristen und Abenteurerinnen. Doch keiner von uns war in der Stimmung, sich mit ihnen eingehender zu beschäftigen. Der Deutsche hatte wohl Kontakte, denn er wurde nicht mehr gesehen. Wir aber suchten den Hafenmeister und wollten Informationen, die uns niemand geben  konnte oder wollte. Nirgends war das Naturphänomen beobachtet worden. Die Sea-Gull allein war in diese Anomalie gesegelt. Mein Gott, ein hochseetüchtiges Schiff mit einer erprobten Besatzung, aber jetzt war uns doch ein wenig der Mut gesunken. Dieser verdammte Deutsche. Richardson machte sich auf den Weg, nach ihm zu suchen. So schwierig konnte das je nicht sein. Es handelte sich ja nicht um New York City. Wir anderen begrüßten jetzt erst die drei Frauen in Ruhe und begaben uns mit ihnen in einer der kleinen Bars. 

Heidi war Meeresbiologin, eine kluge, gestandene Frau Mitte dreißig, die ihre Doktorarbeit über das Verhalten von Walen geschrieben hatte. Die beiden anderen Frauen hatte sie auf der Insel getroffen und reisewillig gefunden. Die Sea-Gull war groß genug, zwei weitere Crewmitglieder an Bord zu nehmen und warum sollten wir etwas dagegen haben, zwei junge, hübsche Engländerinnen an Bord zu nehmen. Catherine war 28 und lebte auf den Philippinen. Sie war in London aufgewachsen, war aber irgendwann aus Europa aufgebrochen, wie so viele, um ihr Glück anderswo zu versuchen. Sie hatte Mathematik und Informatik studiert und sie hätte überall arbeiten können. Warum ausgerechnet die Philippinen? Sie war jung und sie hatte sich einen Ort gesucht, der ihr gefiel und wo es sich zu leben lohnte, und jetzt war sie voller Tatendrang weiter zu ziehen. Unsere Reise mit der Sea-Gull war für sie eine gute Chance nach Neuseeland zu gelangen, wohin wir letztlich wollten und das auch noch in angenehmer Begleitung und auf einer hochseetauglichen Yacht. Ihre Freundin hieß Ann. Sie war eine kräftige, große Frau, die aussah, als fürchte sie weder Tod noch Teufel. Sie war Karatemeisterin Englands gewesen. Tatsächlich hatte sie mit Schaukämpfen Geld verdient. Seitdem sie bei Catherine war, fühlte diese sich erheblich wohler. Wem wäre es wohl nicht so gegangen. Ich mochte ihre tiefblauen, tapferen Augen. Wahrscheinlich konnten wir etwas zusätzlichen Mut gebrauchen. Tatsächlich verschwamm uns im Laufe des Abends die Erinnerung an das Geschehene. Wir lachten viel und endlich kam auch Richardson in Begleitung des Deutschen zurück. Der schien sich ebenfalls gefangen zu haben. Das Treffen mit einem alten Freund hatte ihn offenbar beruhigt. Wir saßen bis tief die in Nacht und feierten. Der Himmel war sternenübersät. Erst gegen morgen wankten wir zur Sea-Gull zurück, in Begleitung unserer neuen Crew- Mitglieder. Keiner von uns, der nicht erfreut gewesen wäre. Vier junge Frauen an Bord, da mochten alte Hornochsen wie wir schon in Begeisterung verfallen.

Wir sanken in die Kojen und schliefen tief und traumlos ein.


Nun ging es in die Coral-Sea in Richtung Neukaledonien. Ein aufregender Trip.

Die Santa Cruz Inseln waren unser nächsten Ziel, von dort ging es Richtung Vanuatu und dann ging es auf den weiten Weg nach Kingston.

Die ganze Zeit über geschah nichts. Das Wetter war gut, die Stimmung nicht minder. Richardson interessierte sich für Ann, Mad für Catharine, Moris bemühte sich vergeblich um Heidi und Karin ebenso vergeblich um Franz. Schließlich wurde ich mit Heidi vertrauter. Es war in erster Linie unser wissenschaftliches Interesse, das uns verband. Ich hatte mich mit Mikroorganismen und Einzellern beschäftigt und hatte ja auch eine Weile Biologie studiert. Ich war schon so lange allein. Frauen hatten mich einfach wenig interessiert nach der Trennung von meiner Frau. Das war schmerzhaft genug gewesen. Meine Tochter war bei der Mutter geblieben und nicht mal den Hund hatte man mir gelassen. Haus weg, Job weg, Frau weg, Hund weg, was blieb mir noch, außer Arbeit. War es das wert, es noch einmal anzugehen. Eine Liaison war möglich, aber hier vor so vielen Zeugen und bei der Enge, die auf einem Boot herrscht. Trotzdem gefiel mir Heidi. Sie machte nicht den Eindruck einer Frau, die es darauf anlegte, einem Mann Fesseln anzulegen, um ihm dann Hörner aufzusetzen. Sie hatte einen guten Job und Charakter, obwohl sie, wie wohl alle Frauen, im Grunde jemanden suchte, mit dem man Kinder machen konnte und das bedeutete ja wohl erneut die alte Leier: Familie, Verantwortung und all das, was nur gedeihen kann, wenn absolutes Vertrauen herrscht. Aber dazu war ich nicht bereit. Ach, diese Sehnsucht nach Körperlichkeit. Was soll man sagen. Ich roch sie, ich spürte ihre Wärme. Mein Körper sehnte sich nach Sex und meine Seele nach Nähe. Langsam kamen wir einander näher: hier eine scheue Berührung, dort ein Lächeln, ein Aufeinander Eingehen. Ich ertappte mich dabei, unentwegt zu überlegen, wie ich ihr eine Freude bereiten konnte. Bald schon war sie eine der Hauptdarstellerinnen in meinen Träumen. Richardson hatte weniger Probleme als ich. Er und Anne waren ein Paar, ganz offen und das war in gewisser Weise eine Belästigung. Allerdings bezahlte er die Party. Moris saß mürrisch allein und las oder spielte Schach gegen seinen Schachcomputer. Mad hatte mit Catherine eine knisternde Beziehung und Karin war offenbar verliebt in diesen seltsamen Kauz. Man konnte es nicht übersehen.



„Erzähl mir von Dir“. Ich hatte mit ihr am Achterdeck gestanden. Die anderen waren am Vordeck zu Gange, lachten und alberten. Hier war es still. Die Sonne stand wie ein großer roter Ball über dem Horizont und versank in einer Glorie von Licht. Fliegende Fische spritzen in silbernen Pfeilen aus dem Wasser und tauchten blitzend viele Meter weiter wieder in den tiefblauen Ozean. Vorsichtig berührten sich unsere Hände, suchten nacheinander und endlich schlossen sich unsere Hände umeinander. Das war der Moment als wir zusammen fanden. Wem wäre es nicht so gegangen. Alle Bedenken und Zweifel, all das Sperrende, Bremsende waren in einem Augenblick verschwunden. Wir sanken uns in die Arme und küssten uns und dieser Kuss öffnete andere Kanäle brennenden Verlangens. Es ist mehr als der Körper, mehr als dieses mechanische Zerstören jeden Zaubers in den gängigen pornographischen Filmen. Das Verlangen will zum anderen und sucht sich den Weg und wird im Grunde enttäuscht, weil es nicht weiter geht als bis zur sexuellen Vereinigung. Sind Welten möglich, in denen zwei Menschen in ihren Seelen verschmelzen? 

„Erzähl mir von Dir.“ Ich wollte alles von ihr wissen.

„Aufgewachsen bin ich in Liverpool. Mein Vater war Pakistani, meine Mutter Britin. Mein Vater war Moslem, aber ein moderner Mann, der noch fasziniert war von der europäischen Kultur. Ein Verehrer britischer Dichter und deutscher Musik. Er hatte Jura studiert und arbeitete als Rechtsanwalt. Meine Mutter war Lehrerin, die jüngste von fünf Geschwistern. Ach weißt Du, es hatte sehr viel Ärger gegeben, als sie den Moslem heiratete, aber man lernte ihn kennen, und, was soll ich sagen, lieben. Im Grunde war er ein größerer Verteidiger westlicher Werte als die Briten, die wie alle Europäer am liebsten die Hautfarbe gewechselt hätten. Sie lachte leise. Ich sollte Muslima werden, was meine Mutter nicht verhindert hätte. Mein Vater war der Umma entfremdet und unterstützte mich, obwohl ihm das Schwierigkeiten einbrachte, auf meinem westlichen Weg und so wuchs ich völlig ohne Gott auf. Ein Teenager, der auf Partys herum lungerte, der kiffte und allerhand Mist baute, aber ich war auch fleißig, hatte Ziele und lernte. Männer gab es für mich zu jener Zeit nicht. Ich war einmal verliebt, doch er war es nicht wert und so steckte ich schließlich viel Zeit und Mühe in meine Arbeit. Einmal im Jahr flogen wir nach Malta oder nach Thailand oder sonst wohin. Fast immer ans Meer. Meist in luxuriösen Hotels.
Damals hatte ich mein Erweckungserlebnis.“ Sie streichelte mein Haar und gab mir einen Kuss. „Ich war weit raus geschwommen. Es war sicher zu weit. Meine Eltern hatten nicht aufgepasst. Als ich mich umdrehe sehe ich, dass ich ziemlich weit weg vom Ufer bin. Plötzlich spüre ich eine gewaltige Bugwelle, als nähere sich ein Schiff. Unvermittelt, hebt sich ein gewaltiger Kopf aus dem Wasser vor mir. Ein riesiger Körper folgt, groß wie ein Haus. Ich spüre Gott in meiner Nähe, unendliche Kraft und dieser Wal, denn es war ein Buckelwal, weiß Gott, wie er so nah ans Ufer gekommen war und warum er gerade in meiner Nähe auftauchte, sah mich an! Ich schwöre Dir. Er sah mir direkt in die Augen und es war, als blickte ich in das Auge Gottes. Ein Blick, so alt wie die See. Dann taucht er weg und diese gewaltige Flosse hebt sich, bedrohlich, wie eine Fliegenklatsche und er musste wissen, dass er mich zerquetschen konnte, aber sanft, unendlich vorsichtig, senkt sich diese gewaltige Fluke und der Wal taucht ab, wobei sein Sog mich fast ein Stück mit in die Tiefe zog. Einen Moment war ich wie erstarrt, dann tauchte ich, um ihn noch einmal zu sehen und was soll ich Dir sagen, er schwebte mir gegenüber und sah so gewaltig aus, aber auch so friedlich, als wolle er mich beschützen. Ich kann es gar nicht sagen. Ich schwebe da im hellsten, saubersten Wasser, das vom Licht wie von tausenden Silbernadeln zum Glänzen gebracht wird und vor mir schwebt in völliger Ruhe dieser Koloss von einem Wal. Dann dreht er leise ab und verschwindet in der Tiefe.

Das war mein Erweckungserlebnis. Damals war Größe beeindruckend, später waren es auch kleine Tiere, Muscheln, Schnecken, Fische, Anemonen, all diese Wunder der See und in allem sah ich immer nur Gott, jenes unendliche Wirken, das sich in Milliarden Formen zeigt und um uns spielt und auch wir selber sind ja ein Wunder, so aus einer Doppelzelle zu all dem geworden, was nun unser Körper heißt, eine Vielfalt von Organen aus einem, Milliarden Zellen, die doch im Ursprung eins sind, die unentwegt sterben, aber immer neu geboren werden und in all diesem Sterben und Geboren Werden bleibt doch unsere GESTALT immer gleich. Das ist das Wunder. Deshalb bin auch ich zu den Philippinen ausgewandert, als der Westen immer muslimischer wurde, was mein Vater völlig bekämpfte. Allein vergebens. Ich bewarb mich also auf den Philippinen und arbeitete dort für die Regierung. Dort ist das Christentum noch geschätzt. Mehr aber noch reizte mich natürlich der Ozean. Man gab mir dort die Möglichkeit an Korallenriffen Umweltschäden zu erforschen. Verzeih mir bitte, dass ich so wild erzählt habe. Viele Menschen fühlen sich genervt von meiner Leidenschaft, sicher das pakistanische Blut in mir.

Aber erzähl mir von Dir. Ich kenne Dich ja nun schon eine Weile. Ich weiß, dass Du aus New York City kommst, dass Du gerne segelst und ein Schriftsteller bist. Aber da hört es auch schon auf.“

Ich hatte ihr wirklich nicht alles erzählt. Wohl hatte ich angedeutet dass ich verheiratet gewesen war und dass es eine Tochter gab. Aber ich musste selbst nachdenken. Ich selber war mir fern geworden, bei all dem Flüchten. Ja. Ich war nur geflüchtet. Weg von diesem alten, zerbrochenen Leben.

Ich wollte Sie nicht damit belasten: „Ich bin Jesus auch oft begegnet. Nein. Lach nicht. Es ist die Wahrheit. Stell Dir einen Jungen vor, der mit Eltern aufwächst, die allerhand zu tun haben, die es aber hassen, sich um ihren kleinen Sohn zu kümmern. Meine Mutter war Kolumnistin bei der New York Times und mein Vater leitete irgendeine unbedeutende Firma. Er wollte sie immer nach vorne bringen. Ich muss lachen, wenn ich daran denke. Ich hatte früh ein mexikanisches Kindermädchen. Sie war da, aber sie war Sadistin und das mit vollem Einverständnis meiner Eltern. Ich wurde von morgens bis abends reglementiert und abgestraft und wenn meine Eltern nach Hause kamen, ging das weiter. Als ich 9 war, saß ich allein in der Kirche und wartete auf den Pastor. Ich sitz also da, schau mir den Altar an und plötzlich meine ich, eine Stimme zu hören, die mir zuraunt: „Wünsch Dir was, Du hast einen Wunsch frei.“

Ich dachte sofort an Conchita und ihre widerwärtig kreischende Befehlsstimme. Ach Gott. Ich war so naiv. Aber ich wünschte mir nichts mehr, als dass sie sich den Hals brach. Der Witz war, drei Tage später fällt sie beim Fensterputzen von der Fensterbank und bricht sich das Genick. Mausetod! Was soll ich sagen: ich bin sofort zum Pastor beichten, doch der hatte nur billigen Trost. Letztendlich glaubte er wohl selber nicht an Wunder. Na ja. Ich war dann jeden Tag in der Kirche und stellte Kerzen auf und auf einmal höre ich wieder dieser Stimme: „Mein lieber Junge. Hast Du einen Wunsch frei?“ Ich dreh mich um, aber niemand ist da. Ich schwöre es. Es ist so weitläufig und finster in dieser Kirche. Am Altar brennen die Kerzen. Maria steht in einer Ecke und schaut mit entrückten Augen und da, am Kreuz hängt Jesus und blickt mich an. Ich schwöre es. Er blickt mich an und redet: „Fürchte Dich nicht!“ Aber ich fürchtete mich. Ich drehte mich um und sauste davon.

Gewünscht hab ich mir übrigens nichts.

Einige Wochen später wechselte ich zur Highschool auf ein Internat. Es war teuer und gut. Auch dort gab es einen Jesus. Mich hatte die Erinnerung aber nie verlassen. Niemals mehr würde ich mir so etwas Grässliches wünschen. Um mehr zu verstehen studierte ich später neben der Biologie auch Theologie und Philosophie. Geholfen hat es wenig. Das war alles so dunkel und sinnlos. Eines Tages, ich gehe gerade durch den Central Park, kommt mir die Idee, Jesus einmal anders zu sehen. In seiner menschlichen Seite. Er war ein guter Typ, freundlich, warmherzig, und überhaupt nicht spießig. Hat er nicht seinen Kumpels empfohlen die Schaubrote zu essen, als sie hungrig waren. Er setzte sich zu Huren und Zöllnern. Im Grunde war er halt Anarcho und keinesfalls ein Spießer. Und als ich darüber nachdachte, kam mir in den Sinn, dass er ja von der Mutter her Mensch war und vom Vater her Gott und das all dieses irdische Dasein, völlig menschlich war und gipfelte in der größten menschlichen Einsamkeit, als er rief: Mein Gott, warum hast Du mich verlassen, und als er tot war, war es, als drehte sich der Meeresspiegel und das Meer war oben und der Himmel unten, wenn Du weißt, was ich meine. Jetzt war das Göttliche in ihm erwacht, und er gehörte zu einer anderen Wirklichkeit. Und seither glaube ich, dass es nur eines Schrittes bedarf und die Welt ist eine andere. Weißt Du, was ich meine?

Ich fühlte, dass sie näher rückte, dass unser Atem im Gleichklang ging. Unsere Hirnwellen und unsere Körperschwingungen waren zweifellos im Einklang, denn die Zeit blieb für uns stehen und als wir einschliefen, befanden wir uns in der Ewigkeit.

„Erzähl mir von diesem ominösen Buch“, Moris hatte sich zu uns gesellt. Er wirkte wie immer etwas schwerfällig, aber ich wusste, dass er auch sehr geschmeidig sein konnte. Ein Mann mit sehr starker Persönlichkeit. Jahrelang hatte er als unbestechlicher Richter gegolten, bis irgendein Skandal, politischer Natur, ihn aus dem Amt gedrängt hatte. Er erhielt eine Pension, soweit ich wusste, von der er gut leben konnte, außerdem war er vermögend, der Spross einer alten Familie mit Einfluss. Er war Franzose und kam aus Lyon. Er fühlte sich inmitten dieser sich neu anbahnenden Affären offenbar verlassen. Heidi und ich hatten unsere Koje verlassen und saßen auf dem Achterdeck. Die tiefblaue See wirkte wie die Hand Gottes, die uns sanft zu einem unendlich weit entfernten Horizont trug, der wie eine Ewigkeit wirkte, die niemals näher kam. „Ich habe ja schon gehört, dass Du unserem Deutschen den Gefallen tust, sein Familienerbstück in Augenschein zu nehmen. Hast Du schon heraus gefunden, was dieses Buch mit uns und dieser Reise zu tun hat. Küppers macht ja einen geradezu verstörten Eindruck, insbesondere nach dem Naturphänomen neulich. Man könnte denken, er sei geradezu besessen von German Angst. Er lachte leise. In Frankreich gab es Zeiten in denen wir uns vor der dem deutschen Sinn für das Phantastische fürchteten. Und zurecht: wer glaubt, bloßer Wille könne eine zehnfache Übermacht wertlos machen, wer glaubt, man müsse ein Volk eliminieren, um das Böse aus der Welt zu schaffen, ist nicht wirklich zurechnungsfähig. So haben wir es immer gesehen, die Kühe gehen brav zum Gemolken Werden, aber es braucht den französischen Melker, nicht wahr. Unsere Nation hätte den Kontinent zu Besserem geführt, zweifellos und ein Napoleon war tausend Hitler wert, wo der eine aufbauen wollte, hatte der andere nur tumbe Vernichtung im Auge. Aber viele von uns ließen sich ja auf den Boche ein. Die tapfersten Truppen im Russlandfeldzug waren, soweit ich weiß, Franzosen. Na ja. Trau niemals einem Boche. Die Romantik ist Ihnen so etwas wie das Viagra der Seele. Aus Impotenz etwas Großes machen, das war ihrer Dichter höchstes Pläsier. Aber natürlich gab es auch Größe. Sie haben zum Beispiel die größte Kanone der Welt erfunden, ehe die USA mit ihrer Atombombe das Machtwort sprachen. Bums, ein Südseeatoll verschwunden. Da war Krupps Kanone ja geradezu ein Spielzeug dagegen. Überhaupt haben die Amis der Welt einmal richtig gezeigt, wie Weltherrschaft geht. Da war das Gemetzel, das die Deutschen anrichteten, ja bestenfalls ein Dilettantenstück. Entschuldigt, ich war immer Zyniker“. 

Wir schauten zum Horizont, wo die Unendlichkeit die Sonne verschluckte. Augenblicklich begannen die Sterne am Himmel zu glänzen.

Ein warmer, sanfter Windzug strich über das Schiff. „Warum bist Du eigentlich damals entlassen worden? War es diese Haltung?“, fragte Heidi und lehnte sich neugierig zu Moris herüber. 

„Ach wisst ihr. Ich war wie die meisten Franzosen als junger Mann begeisterter Anhänger des Sozialismus, de Bouvoir und Sartre waren unsere Helden. Meine Frau Marie war eine Sozialistin, wie sie im Buche steht. Ihr wisst schon, die Welt gerechter machen, Frauen mächtiger und nur bei Dior einkaufen. Ein teures Vergnügen…für den Mann, wenn dieser seine Frau verehrt. Mon Dieux! Sie war schön. Mit den Jahren wurde sie leider nicht schöner. Sie war keine Deneuve, wenn ihr versteht, was ich meine, eher schon eine Bardot. Das Gesicht legte sich in Falten und das weckte wohl ihren Zorn. Sie legte sich nun mit den Rechten an, ja, sie wurde geradezu totalitär. Geld von meinen Konten wurde genommen, um linksradikale Jugendliche zu stützen, die dann den Rechten an den Kragen gingen. Was soll ich sagen. Mein Bruder, Rechtsanwalt, ein gediegener Mann, ehrlich, loyal, ein wenig zu nationalistisch vielleicht, engagierte sich für Le Pen. Mein Gott, er war kein Faschist. Eher katholisch würde ich sagen, im klassisch französischen Sinne, vielleicht auch ein wenig Monarchist. Mag sein: ein Romantiker. Nichts Böses in ihm. Er also wird auf dem Weg zur Arbeit vor seinem Auto von einem bösartigen linken Mob gestellt und, ohne dass er die Chance gehabt hätte, überhaupt ein Wort zu sagen, niedergeschlagen. Sie traten auf ihn ein, und er brach sich den Schädel. Geschah ihm recht, las ich in den linken Postillen meiner Frau. Nun gut, sie hat nicht eben geklatscht, aber sie sagte: warum musste dieser Idiot sich denn mit dem Teufel einlassen. Sie glaubte es wirklich. Er war Schuld und meine Schwägerin, die zusammen brach vor Verzweiflung, die ihre beiden Kinder über alles liebte, und ihren braven Mann, wurde gleich mit in den Topf geworfen. Ihr könnt Euch denken, dass das Konflikte zwischen mir und meiner Frau wach rief. Oh ja. Ich war schon lange abgewichen. Es war ja pervers, geradezu penetrant, wie diese weiße Frau der Oberklasse, mit einem Konto auf dem ein Vermögen ruhte, sich für die armen Brüder und Schwestern von Erdteilen einsetzte, in die sie nie gefahren wäre, wegen all des Schmutzes. Sie hatte Freunde genug, die sie lobten ob ihres Einsatzes. Nun gut. Man muss den Frauen ihre Marotten lassen, aber ich entstamme einer alten französischen Familie, alles hoch gebildete Männer und Frauen, niemals untätig oder schmarotzend, sogar Erfinder gehören zu meiner Familie. Und nun sollte ich die Schande des weißen Mannes büßen. Ich, der ich niemals einer Fliege etwas zu leide getan hatte, sowenig wie mein Bruder. Es war ja geradezu eine Epidemie. Diese Guten, allesamt Europäer, in Roben und in Anzügen, in den Redaktionen und in der Politik. Man hörte ja nichts anderes mehr, während Hektakomben von Hoffenden in die heiligen Hallen Europas strömten, in denen man ihnen in Wahrheit die Rolle des Handlangers zusprechen wollte, des billigen Lohnsklaven. Oh ja, ich kenne meine Leute. All dieses Pfaffengeseiere. Speiübel wurde mir. Da bekam ich plötzlich freundliche Ratschläge, wie Straftaten zu behandeln seien. Man wolle ja niemanden verschrecken, man müsse das Maß wahren. Und das mir, einem unabhängigen Richter. Ihr wisst, wie sehr wir unsere Traditionen pflegen. Die Politik griff uns in die Speichen. Man kann es nicht anders sagen. Und da bekam ich indirekt zu hören, dass es ein höheres Interesse gebe, einen neuen Plan. Man stelle sich das vor. Einen Plan, der über dem nationalen Interesse stehe. Und es schien mir nicht, als seien es die edelsten Motive, die hier im Hintergrund wirkten. Weiß Gott nicht. Während vorne Mutter Theresa werkelte, standen im Hintergrund die Satane des großen Gottes Mammon und wetzten ihre Klingen. Sollte ich mich selbst überflüssig machen? Ich schwenkte, nicht nach rechts, eher in meine Autonomie. Noch gab es Recht und Ordnung. Ich wurde konsequenter, nutzte das Strafmaß voll aus. Nun ja. Ihr wisst, wie es endete, als ich mich öffentlich äußerte, in dem Sinne, dass ich nicht begrüßte, wohin sich das Land entwickele, wurde ich ein Opfer von böser Nachrede. Kurz darauf wurde ich aus dem Richterstand entlassen. Ich war 55. Ruhestand und Schweigegeld, wie ich es nenne. Aber ihr seht, wohin Europa gedriftet ist. Heute wären sie froh, es wären damals mehr Männer wie ich aufgestanden, die glaubten, etwas zu verteidigen zu haben. Meine Frau wohnt übrigens mit einem Politiker aus Afrika zusammen. Er soll es zu gewaltigem Vermögen gebracht haben, korrupt wie er war. Die Hauptsache ist, er ist farbig, meinte meine Tochter. Ihr habt von ihr gehört, sie ist Anti Faschistin. Immer noch. Sie hat das Studium abgebrochen und ist zum Islam konvertiert, jetzt lebt sie mit ihrem Mann und dessen beiden anderen Frauen in Mali. Ich habe ihr gesagt, es wird schwierig, dort wieder zu gehen. Aber sie wollte mir nicht glauben. Solange genügend Geld auf ihrem Konto ist, wird sie aber die Freiheit besitzen, die die anderen beiden Frauen nur erträumen, will ich hoffen.

Jetzt sitze ich hier, quasi verbannt, ein Mann des alten Schlages und weiß nicht was als nächstes kommt. Wir haben ja Kolonien, auch hier. Eventuell habe ich dorthin Kontakte. Das werden die Boche nie verstehen, als sie loszogen gegen die Welt, besaßen wir sie schon. Die Engländer waren uns voraus, aber auch die Grande Nation hat ihre Kolonien und die Spanier und selbst Holland und Dänemark. Die Boche dachte immer an Kraft und Größe, aber wir besaßen sie. Nicht wahr.

Also was kann dieses Buch uns erzählen, was wir nicht schon lange besäßen oder wüssten.“

Ich zuckte die Achseln: „Ich weiß es nicht. Es scheint mir etwas wirr zu sein, eine Art Abenteuergeschichte, die hier spielt. Es mag sein, dass Teile davon wahr sind. Ihr wisst, dass die Deutschen eine Weile mitzuspielen versuchten und hier in der Nähe Fuß fassen wollten. Mag schon sein, dass einer von ihnen im britischen Territorium gewildert hat. Das Buch erzählt von einem Konflikt, von Muslimen, die eine Insel erreichen, in denen verbannte Deutsche leben. Auch in diesem Buch werden Naturphänomene beschrieben. Die ganze Geschichte könnte sich auf Rarotonga ereignet haben. Die Insel war dicht bewaldet und galt als von Menschenfressern bewohnt. Man mied sie. 1813 entdeckte die Endeavour unter Kapitän Walker das Eiland. Das war, bevor er in Tahiti den Laskare Amile wegen Meuterei hinrichten ließ. Er war an Rarotonga vorbei gesegelt und hatte Sandelholzbäume gesehen, die damals hoch im Kurs standen. Der Versuch die Insel auszubeuten traf auf heftigen Widerstand von Eingeborenen, denen es erstaunlicherweise gelang, die Europäer abzuwehren. 

Die Besatzung der Cumberland behauptete, abgesegelt zu sein, als sich die Eingeborenen als Menschenfresser entpuppten. Danach war die Insel wieder einige Jahre sich selbst überlassen. Ob man dort ein europäisches Schloss oder dessen Überreste gefunden hat, ist mir nicht bekannt. Aber es gibt durchaus viele Inseln zwischen den Philippinen und Neuseeland, die unbewohnt sind und auf denen alles Mögliche passiert sein kann.“

Heidi hatte sich dicht an mich gedrängt. Wir füllten unsere Gläser mit Wein und lauschten dem Wind, der das Boot leise Laute von sich geben ließ, als schnurre es unter dem Streicheln des Windes.

Ich schloss die Augen und meine schriftstellerische Fantasie webte das bisher Gelesene weiter, als ob ich im Text lesen würde.


Teds Rettung vor dem Sturm


Ted hatte den Sturm früh nahen sehen. Er kannte die heftigen Taifune, die sich immer wieder in diesen Breiten zeigten. Er spürte, wie sich die Luft  mit Energie auflud. Das Meer lag wie ein Tiger bereit zum Sprung. Als Milton ihn aufforderte, die junge Frau zu retten, hatte er gewusst, dass dieser Rettungsversuch ihn das Leben kosten konnte. Er hatte es trotzdem gewagt, die Deckung zu verlassen und sich dem Sturm auszusetzen. Er war kein Feigling und er hatte noch nie jemanden im Stich gelassen. Er hatte auch von Tsunamis gehört, die als Folge von Seebeben auftrete können. Man hatte stets vor der zweiten Welle gewarnt. Erlebt hatte er die Wucht einer solchen Welle noch nie. Was er aber unter sich wüten sah und hörte war eine gierige, unermessliche wütende See. Das Wasser stieg höher, als es möglich schien. Es war geradezu unnatürlich, dass das Wasser den Berg hinauf kletterte. Da sah er, im Halbschatten mehrere Männer, in dunklen Roben, die etwa hundert Meter entfernt standen und das Meer zu beeinflussen schienen. Er hatte gleich vermutet, dass es sich nur um die Männer handeln konnte, die Heinrich ehrfurchtsvoll die Herren genannt hatte. In diesem Moment erreichte er Kathrin und versuchte vergeblich sie zu retten. Schließlich hatte er allein den Weg zum Vulkankrater gefunden und war auf dem von Menschen angelegten Pfad durch immer spärlicher wachsende Vegetation abgestiegen. Wer auch immer diesen Pfad angelegt hatte, er hatte das Innere dieses Schlotes oft betreten. Teddy sah sich kurz um und trat dann in die matt erleuchtete Öffnung des Schlotes. Nach einem kurzen Augenblick gewöhnten sich seine Augen an die Dämmerung und er konnte den vor ihm liegenden Weg recht gut erkennen. Es war nur wenig Licht, aber es reichte aus, ihm eine Orientierung zu ermöglichen. Vorsichtig bewegte er sich über feuchtes Geröll. Seitlich ging es in einen Abgrund, dessen Boden man nicht sehen konnte. Der Weg war glitschig, und er musste aufpassen, nicht zu fallen. Die Decke war anfänglich niedrig. Teilweise so niedrig, dass er den Kopf einziehen musste, aber dann wurde es bequemer. Teddy war die Nähe des Abgrundes recht. Falls Wasser den Schlot flutete, würde es zuerst in diese Klamm stürzen und da sie sehr tief war, bestanden gute Aussichten hier oben geschützt zu sein. Er folgte dem Pfad, der aus Vulkangestein bestand. Das Gestein war glasig und fühlte sich glatt an. Nachdem er immer tiefer in den Vulkan vorgedrungen war, konnte er plötzlich in eine Höhle sehen, die gewaltige Ausmaße hatte. Sie war wie ein Gewölbe, oder eine Halle, deren Ende man nur erahnte. Die Wände bestanden aus einem gelblichen Material. Die ganze Höhle war in ein schattenloses, dämmriges Licht getaucht, das Abgründe und Grate scharf hervortreten ließ. Ein Bereich der Höhle lag hingegen im Dunkeln. Eventuell veränderte sich dort das Gestein. Von dorther aber ertönte das Rauschen und Gurgeln von Wasser.  Der Pfad war so weit vom Boden wie von der Decke entfernt. Teddy schätzte die gesamte Höhe der Höhle auf 80 bis 100 Meter. Der Pfad führte um einen Felsvorsprung herum. Er hatte gut daran getan, so vorsichtig zu sein. Hinter dem Felsvorsprung endete der Pfad jäh. Mühsam gelang es Ted das Gleichgewicht zu wahren und nicht abzustürzen. Er hockte sich an den Rand und starrte in diese erstaunliche Höhle hinunter. Die Luft war klar und sauber. Irgendwo musste ein weiterer Zugang sein, denn man spürte eine Luftströmung. Rechts von ihm gähnte schwarz der Höhlenteil, der im Dunkeln blieb. Teds Blick suchte nach einer Möglichkeit, vielleicht doch in die Höhle absteigen zu können. In diesem Moment sah er am anderen Ende der Höhle eine Bewegung. Es gab keinen Zweifel. Dort bewegten sich, ameisengleich, Menschen. Er beobachte sie mit Befremden. Was machten diese Menschen hier. Er entdeckte eine Möglichkeit tiefer zu gelangen und er fand einen Felsvorsprung, auf dem er stehen konnte. Eine Einbuchtung im Fels ermögliche Schutz und sicheren Halt. Plötzlich hörte er ein leises Flüstern über sich. Schritte näherten sich. Diese Männer waren offenbar weniger vorsichtig als er. Ein Schrei ertönte und ein Mann stürzte an ihm vorbei in die Tiefe, wo er seinen Körper kurz darauf auf einer Wasserfläche aufschlagen hörte. Der Schrei war auch anderswo gehört worden. Lichter näherten sich. Kurz darauf sah man mehrere Männer, die einen leblosen Körper trugen. Der Mann, der da getragen wurde, kam ihm bekannt vor. Es war einer der Muslime, der, wie er sich erinnerte, Malouf genannt wurde. Er sah, dass sie ihn davon trugen. Teddy hörte seine Begleiter nach ihm rufen. Er musste fürchten entdeckt zu werden, deshalb kletterte er den Hang wieder hinauf und traf auf Karim, den treuen Begleiter dieses Malouf und dessen Schatten Ben Yussuf. Zwei Männer, die er bereits kennen gelernt hatte. Er vermutete, dass einer der abzweigenden Gänge in die Höhle hinunter führte und schlug vor, zurück zu gehen und weiter oben eine Abzweigung zu finden, die nach unten führte. Gott sei Dank vertrauten ihm die Araber. Sie kehrten gemeinsam um und stießen sie auf einen Seitengang, der abwärts führte. 

Auf ihrem Weg abwärts trafen sie Mahoumed und einen Teil seiner Männer. Da Mercator die Ereignisse, die ihn erwarteten gut vorausgesagt hatte, akzeptierte Mahoumed die Anwesenheit des Schwarzen, ohne viele Fragen zu stellen. Er hatte vier Männer mitgenommen, so dass sie jetzt zu acht waren. Gemeinsam folgten sie einem engen Geröll Pfad, der mit mildem Gefälle abwärts führte. Der Weg war ausgetreten, also oft benutzt worden. Endlich näherten sie sich dem Fuß der Höhle und verließen erleichtert den Schlot. Der Boden der Höhle war aus Glas. Er schimmerte in glänzendem Schwarz. Es gab genügend Sichtschutz durch Felsen und Steinbrocken, zwischen denen sie sich einen Weg suchten. Es war kalt und sie begannen zu frösteln. Auch war ein Luftzug zu spüren. Neugierig beäugten sie die leuchtenden Wände.  Das Licht des Steins war nicht sehr leuchtstark, aber da die Flächen gewaltig waren, war es in der Höhle recht hell. 

Ted hatte so etwas noch nie gesehen. Dieser schmächtige Mahmoud wirkte hingegen wenig beeindruckt. 

Mahmoud war tatsächlich nicht beeindruckt. 

Dies war einer der Orte, die man Übergänge nannte. Dort waren die Naturgesetze verändert. Er hatte schon Menschen in der Luft schweben sehen. Im Grund war an solchen Orten nichts unmöglich. Es war ein Phänomen, das die Weißen dem Wirken des Amalek zuschrieben, aber es mochte auch sein, dass es schon immer bestanden hatte. Mahoumed war gut ausgebildet worden. Er hatte so viele okkulte Bücher lesen müssen, dass ihm seltsame Begebenheiten in der Realität nicht ungewöhnlich vorkamen. In der Bibel der Christen war von Feuern aus denen Gott sprach berichtet worden, von Gottes Herrlichkeit, die wie ein flugfähiges Fahrzeug beschrieben wurde, von Dämonen, die sich auf Kommando in Schweine stürzen und von Toten, die auf Anruf wieder erwachen und noch von einigem mehr, das unglaubhaft zu sein schien. Ähnliche Geschichten gab es aber auch im Islam, von Engeln, dem Teufel, der Hölle. Auch Buddhisten und Hindus sprachen wie selbstverständlich von Übernatürlichem, seien es Höllen- oder Götterwelten.  

Was auch immer diese Phänomene der Übergänge erzeugte. Irgendwann würde ALLES dem Meister gehorchen und dann war es nur noch dessen Stimme, die aus den Dingen redete.



Welten berühren sich


Sie hörten seltsame, machtvolle Geräusche. Gewaltige monströse Maschinen bearbeiteten den Fels, brachen Material heraus und luden es auf andere Maschinen, die aussahen wie urweltliche Monstren. Diese Maschinen bewegten sich von allein, wie Lokomotiven, aber es war kein Dampf zu sehen. Mahoumed beobachtete diese Männer, die keinen Männern glichen, die er je gesehen hatte. Hier unten konnte sich manches mischen und man musste darauf gefasst sein, Überraschendem zu begegnen. Zweifellos waren diese Menschen aus einer anderen Welt. Sie sprachen in kleine leuchtende Bücher, die sie in der Hand trugen. Auf dem Kopf hatten sie Helme mit Lampen. Sie wirkten geschäftig und abgelenkt, irgendwie fremdartig in ihrer penetranten Beharrlichkeit. Diese andere Zeitebene hatte andere Menschen hervorgebracht. Sie suchten nach einem Weg, an den arbeitenden Männern unbemerkt vorbei zu kommen und folgten einem schmalen Weg am Höhlenrand. Da sahen sie voraus Häuser. Er waren nicht wirklich Häuser, eher rechteckige Schachteln aus Holz, mit Fenstern.  Mahoumed ging mit Teddy voran. Wenn Malouf irgendwo gefangen war, dann zweifellos in einer dieser Hütten. In diesem Moment jaulte eine Sirene. Licht flammte auf. Plötzlich standen sie hell angestrahlt im Scheinwerferlicht und bewaffnete Männer stürmten herbei. Sie hoben die Hände und blickten in diese Gesichter, die europäisch, aber auch völlig fremdartig wirkten. Die Zukunft hatte sie gefangen genommen.


Ein langer Weg durch den Bergkegel folgte, der in einer Höhle endete, in der sich eine Art Käfig befand, in dem sie eingesperrt wurden. Malouf lag dort bewusstlos auf einer Liege. Er hatte sich offenbar am Kopf verletzt, doch er war offenbar gut versorgt worden. Im Arm hatte er einen Schlauch, durch den eine Flüssigkeit in ihn hinein lief. Karim zögerte nicht, die Nadel heraus zu ziehen. Er roch an der Flüssigkeit. Es war Salzwasser. In diesem Gefängnis standen mehrere dieser flachen Betten. Es gab auch einen Tisch, auf dem eine Schale mit Obst stand und es gab einen Behälter voller kühlem Wasser. 


Teds Herkunft

Seltsame Dinge hatte Ted auf der Endevaour gehört, die er nicht verstanden hatte. Was er aber verstanden hatte, waren Mercators und Gregorius Wünsche nach Macht. Er hatte ihnen die Geschichte seiner Herkunft wohlweislich verschwiegen. 

Er war als Dreijähriger von einer Hamburger Reederfamilie aufgenommen worden. Herr und Frau Rathenoff waren in Afrika gewesen, wo sie ihn gefunden hatten. So war er nach Deutschland gekommen, und es war ihm dort gut gegangen. Er wurde angestaunt, aber weil er ein guter, fleißiger Schüler war, hatten alle ihn akzeptiert und geradezu hofiert. Er war etwas Besonderes und seine Stiefeltern waren wohlhabend. Was mehr hätte er sich wünschen können. Und doch begann er irgendwann das Leben in Deutschland zu hassen. Das Betuliche, Gediegene, Geordnete langweilte ihn. Er war mit 15 Jahren einfach davon gelaufen. Er hatte auf einem Schiff angeheuert. Er war weit herum gekommen, bis er schließlich auf Heinrichs Schiff als Gehilfe des Kochs anheuerte. Ein guter Job. Das Schiff war sauber und die Matrosen waren freundliche Leute. Er segelte zwischen den Inseln, und er hatte dort allerhand erleben dürfen. Die Heuer war gut, die Mannschaft zuverlässig und sie sprach deutsch. Das war ausschlaggebend. Er hatte inzwischen fließend arabisch und englisch gelernt, aber deutsch war seine Muttersprache. Er liebte die trockene norddeutsche Art von Heinrich. Heinrich war nervenstark und der beste Kapitän, den man sich denken konnte. Er hatte Ted wie einen Sohn behandelt. Und Ted hatte das begrüßt. Sie waren viel gesegelt, ehe Heinrich ihn bat, ihn auf eine seiner geheimnisvollen Reisen zu begleiten, auf denen er mit einem Waren bepackten Schiff lossegelte und manchmal mit fremden Männern oder Frauen an Bord wieder kehrte. So war er mehrmals durch Übergänge zur Insel gelangt, ohne sie auch nur einmal zu betreten.

Heinrich war eine Legende. Nun war er tot. Und dieser Gregorius und sein Anführer waren verantwortlich. Sie würden ihre Strafe schon noch erhalten. 

Was hatte Gregorius eigentlich mit dieser Insel zu schaffen? Einem Ort jenseits der Welt. 


Amaleks Ankunft 


„Hey, Du, Nigger!“ Ein Mann stand am Gitter und winkte ihn heran. „Ich weiß, dass Du unsere Sprache verstehst. Also mach keine Schwierigkeiten. Komm heraus und folge mir. Der Boss will Dir ein paar Fragen stellen.“

Der Mann legte ihm eine Handschelle an, mit der er an seinen Begleiter gekettet wurde. Dann folgte er ihm zu einem der Häuser. Er war größer und stärker als der Mann, aber er dachte nicht an Flucht. Zu neugierig war er, wem er hier begegnen würde. Außerdem war er ein wenig stolz, dass er auf Deutsche getroffen war. Vielleicht wussten sie etwas von Hamburg. Obwohl sich viel verändert haben musste, so wie diese Leute aussahen. 

Sie durchquerten fast die gesamte Höhle. Sie hatte enorme Ausmaße. Kaum zu glauben, dass man sich im Innern des Berges befand. Steil ragten die Wände empor und verloren sich in einer Unschärfe, als löse sich oberhalb die Welt auf. Das Licht war bemerkenswert. alles war in ein gelbliches, fast schwefliges Licht getaucht, das von überallher zu kommen schien, gleichzeitig war ein Brummen zu hören, das direkt aus dem Stein zu kommen schien. Ted fühlte, dass sich seine Haare aufrichteten. Es knisterte und die Füße erzeugten beim Gehen Funken. Es standen einige Männer herum, die mit irgendwelchen Tätigkeiten beschäftigt waren. Es wurden Gesteinsbrocken vom Fels geschlagen und in Kisten verpackt. Die Kisten waren anders, als alles, was Ted jemals gesehen hatte. Sie waren aus einem glänzenden Metall, der blitzte wie frischer Stahl. Die Männer waren seltsam gekleidet, in blaue Hosen, sie trugen enge Jacken, auf die ihre Namen genäht waren. Sie wirkten seltsam fremd in dieser Welt. Waren sie aus dieser Welt. Er wirkte auf sie offenbar ebenso fremd, denn ihre Blicke folgten ihm und man lachte, offenbar über seine Kleidung oder seine Hautfarbe. Er konnte das nicht einschätzen. Aber es war nicht das abfällige, erstaunte Gelächter, das er gewöhnt war, es war ein spottendes Lachen, so wie man über seltsame Kreaturen lacht. Das störte Ted. Sie erreichten das Ende der Höhle und betraten eines der Häuser. Zwei Männer saßen vor leuchtenden Scheiben, auf denen Dinge wie durch Zauberei erschienen: Schriften, Bilder, Menschen. Vor sich hatten sie Tafeln mit Buchstaben, auf die sie mit gekrümmten Fingern eindroschen. Manchmal griffen sie nach einer Art Kieselstein und schoben ihn hin und her, dabei trommelten sie mit dem Zeigefinger auf eine Taste und die Bilder vor ihnen änderten sich. Was zum Teufel ging hier vor? Er musste sich auf einen Stuhl setzen und warten. Nach einiger Zeit öffnete sich eine Türe und er wurde gebeten einzutreten.

Der Mann, der vor ihm saß wirkte anders als die anderen. Sein Gesicht war glatt rasiert, seine Augen waren aber hellwach und freundlich. Er trug ein Hemd. Selbst in Boston hatte er niemals so jemanden gesehen. Auf dem Tisch standen seltsame Geräte, die Lichter absonderten oder selber leuchteten. Ted war ein unerschrockener Mann, aber das hier war ihm fremd.

„Ich möchte mich dafür entschuldigen, sie in diese Lage gebracht zu haben“, sagte der Mann. „Möchten sie etwas trinken?“. Ted nickte. Der Mann  gab ihm ein Glas und schenkte Wasser aus einer Karaffe ein. „Sie sind nun leider mitten in unser Projekt gestolpert und das hat Konsequenzen, für sie und für uns. Verstehen sie mich nicht falsch. Wir werden ihnen nichts antun, aber wir können sie auch nicht zurücklassen.“ Er lächelte Ted an. „Es ist ihnen sicher aufgefallen, dass das hier ein seltsamer Ort ist und dass wir, nun sagen wir, etwas ungewöhnlich sind, in dieser Gegend. Ich will ihnen nichts vormachen. Stellen sie sich einfach vor, es gäbe neben ihrer Welt andere Welten. Ich meine nicht, andere Länder, sondern stellen sie sich die Welt wie eine Apfelsine vor, die geschält ist und wie eine Kugel aussieht, aber aus vielen einzelnen Stücken besteht, die zusammen ein Ganzes ergeben. Jedes dieser Stücke ist eine Welt und stellen sie sich nun eine Apfelsinenkiste vor. Was ich gesagt habe, trifft auf jede einzelne Apfelsine zu und stellen sie sich dann eine Lagerhalle vor, voller Apfelsinenkisten. Dann haben sie das, was wir Welt nennen, unendlich viele Stücke, die sich zusammen fügen, die aber auch nur Teile sind, eines unendlich Vielen. Können sie mir folgen.“ Ted verstand ehrlich gesagt nichts. Er sah diese Apfelsinen vor sich. Millionen Apfelsinen. Aber was der Mann ihm sagen wollte, war ihm unverständlich.

„Nun, sagte der Mann, der Teds Verunsicherung bemerkt hatte. „Eure Welt ist ein Apfelsinenstück und unsere ein anderes, aber sie gehören zu einer Apfelsine und das bedeutet, dass man von einem Stück zum anderen gelangen kann und wieder zurück. Ähnlichkeit ist wahrscheinlich ausschlaggebend. Man kann immer nur zu den Nebenstücken, nicht zu völlig anderen Apfelsinenkisten. Ähnlichkeit heißt aber auch, dass vieles hier wie bei uns aussieht und dass man kann es auch bei uns verwenden kann. Dadurch hat es einen Wert. Deshalb sind wir hier. Sie haben auf ihrem Seeweg hierher sicher bemerkt, dass es seltsame Naturphänomene in diesen Breiten gibt, plötzliche Unwetter, Meeresphänomene, elektrische Phänomene, Lichtphänomene. Der Grund liegt hier. In dieser Höhle befindet sich ein Übergang. Sie hat irgendeine Quelle in der Tiefe, die wir nicht analysieren können, die dafür verantwortlich ist. Hier kann man von der einen Welt in die andere überwechseln. Das haben wir getan. In gewisser Hinsicht könnte man sagen, wir kommen aus ihrer Zukunft, was aber so nicht stimmt und auch problematisch wäre. Wir kommen aus einer der möglichen Zukünfte, das trifft es schon eher. Eines der vielen Apfelsinenstücke. Wir haben diesen Übergang entdeckt und erforschen ihn gerade. Dabei bauen wir ein seltenes Metall ab, das für dieses Lichtphänomen sorgt. Er wies nach draußen, wo das Licht noch gelber, noch schwefliger geworden war. Dieses Licht hat keine unmittelbar zugängliche Quelle. Es scheint aus der Atmosphäre selbst zu stammen. Erstaunlich, nicht wahr.“ Der Mann erhob sich und trat an das Fenster. 

„Wir werden sie mitnehmen in unsere Welt. Keine Sorge. Dort werden sie es gut und komfortabel haben. Es wird ihnen besser gehen, als sie es sich heute vorstellen können, aber hier lassen können wir sie nicht. Wir haben den Zugang hierher von innen geöffnet und wir werden ihn wieder verschließen. Niemand darf hier hinein. Wer weiß, welche Ungeheuerlichkeiten die Folge wären. Ich habe sie hierher gerufen, um ihnen etwas zu zeigen.“

Er winkte Ted heran und wies auf eine der farbigen Spiegel, auf denen jetzt, wie durch Zauberei, Personen zu sehen waren. Es war die Endevaour, Kapitän Gregorius. Er selbst und Heinrich. Das Vergangene war aufgezeichnet. 

„Erstaunlich, was hier alles möglich ist, nicht wahr. Wir haben ihre Erinnerung benutzt und konnten so ihre Vergangenheit sehen und aufzeichnen. Es ist mehr als ihre Erinnerung, es ist ein Feld, wenn sie verstehen, was ich meine. Haben sie auf der Endevaour etwas Ungewöhnliches bemerkt.“ Ted überlegte „Ich habe von einer Gruppe sprechen gehört, die sich die Weißkutten nennt. Eines der Merkmale sind die weißen Mäntel mit Kapuzen, die sie tragen. Sie sprachen von einem Meister, einem sehr mächtigen Gegenspieler der Männer, die auf dieser Insel herrschen sollen. Ich habe nicht nachgefragt. Viele reiche Menschen haben Marotten und welcher Matrose mischt sich in die Angelegenheiten anderer. Das bringt nur Unglück.“

In diesem Moment ertönten Stimmen und ein Mann kam aufgeregt herein: 

„Einer der Gefangenen ist geflohen.“ Sie sahen, dass ein schmächtiger Mann – es war Mahoumed - den schmalen Pfad erklomm. Mehrere Männer folgten ihm, aber sie waren zu langsam. Dem Mann gelang offenbar die Flucht. 

In diesem Moment bildete sich ein Lichtbogen, der quer durch die Höhle reichte. Er wechselte die Farbe von rot zu grün und violett. 

„Ein Übergang entsteht“, hörte Ted den Mann neben sich rufen. „Irgendetwas kommt von außerhalb in diese Höhle.“ 

Ein Lichtkranz umgab die Silhouette eines riesigen Mannes, der durch das Tor zu gelangen versuchte. Er war offenbar noch innerhalb des elektrischen Feldes. Aber seine Ankunft wurde von erschreckenden Phänomenen begleitet. Mahmoud war stehen geblieben und sank auf die Knie. Ted fühlte eine Schwere in den Gliedern, die ihn zu Boden zwang. Wie von Fäden gezogen bewegten sich die Menschen von ihren Tätigkeiten fort und knieten nieder. Die Rangeleien am vergitterten Käfig, die nach Mahmouds Ausbruch erfolgt waren, wurden beendet. Alle starrten in das Licht, das jedem von Ihnen anders erschien. Der Moslem erlebte die Ankunft des Propheten, der Christ sah Jesu Wiederkehr. Sie alle fühlten eine tiefe Freude und fühlten sich gerettet. Verzückt starrten sie zu diesem Wesen, halb Mann, halb Frau, halb Tier, halb Gott. Es war in allen Facetten vorhanden 

„Hebt Eure Köpfe“, ertönte eine machtvolle Stimme in ihren Köpfen. Ted, der immer von seinem schwarzen Vater geträumt hatte, sah einen kräftigen Afrikaner mit einem so edlen und vertrauenerweckenden Gesicht, dass ihm die Tränen in die Augen schossen. Ein schwarzer Gott regierte die Welt. Er hatte es immer vermutet. Er war areligiös, aber wie verblüfft würden die Menschen sein, Gott war schwarz, pechschwarz, so wie Ted es oft geträumt hatte. Karim, der schon immer äußerst gläubig gewesen war, sah Mohammed. Es gab keinen Zweifel. Erhaben blickte der Prophet. Er war erschienen. Viele der anderen Männer sahen das, woran sie glaubten, aber alle spürten glühende Liebe und Freude im Herzen. 

„Erhebt Euch jetzt“, ertönte es nun in ihren Köpfen. Und sie stellten sich hin und lachten und weinten und umarmten sich. Das hier war ein großer Tag.

„Ich bin gekommen, um alle Ungleichheit der Welt wegzunehmen. Alle sollen Brüder und Schwestern sein. Grenzen soll es nicht mehr geben. Es steht Euch frei, zu lieben, wen oder was ihr wollt, zu sein, was ihr sein wollt. Alle Grenzen werden sinken und das Licht wird überall sein. Mein Reich beginnt. Der Ankömmling breitete die Arme aus.“

Mahmoud hatte Amalek sofort erkannt, seinen Herrn, der vieles erlebt hatte, verleumdet, verborgen, verflucht. Seit Jahren war Mahoumed auf diesen Moment vorbereitet worden. In dieser Höhle, einem magischen Ort, würde der Übergang vonstattengehen und von da an würde die Welt sich verändern. Wo vorher noch Völker hausten, würden es nun Menschen sein. Gold und Silber würde unendlich vermehrt. Reichtum ohne gleichen würde entstehen, Männer könnten Frauen sein, Frauen Männer. Was sicher war und fest, würde wanken, denn der Schöpfer dieser Welt war böse gewesen und neidvoll, eingesperrt hatte er seine Schöpfung in tausend Grenzen, so war einer des anderen Feind und einer fraß den anderen, aber alles rottete sich zusammen, um zu töten oder andere Menschen in Armut zu halten. So entstand Leid und aus dem Leid entstand Widerwille und daraus der Wunsch, diese Welt zu verlassen, so kehrten die gequälten Seelen zurück in die Ergebenheit und das Nichts, das sie vor dem allmächtigen Gott waren, der nun entthront war, denn Amalek würde die Welt zu einem neuen Zuhause formen.

Die Muslime, die für ihren Propheten ihr Leben geben würden, sahen in Amalek den Propheten, der Mahoumed ein Schwert überreichte. Was anderes konnte das heißen, als dass Mahoumed die Herrschaft auf dieser Insel übertragen wurde.

In diesem Augenblick begann das Licht um den Ankömmling zu flackern. Die Intensität des Lichts nahm ab, die Macht des Amalek wurde schwächer. Die Männer konnten sich wieder bewegen. Der Übertritt des Amalek war verhindert worden. Ted sah den Mann, der eifrig an seinen Maschinen weiter gearbeitet hatte. 

„Ich habe das Portal in diese Richtung verschlossen“, sagte er. „Es hat funktioniert.“ Technik ist stärker als Dämonie, würde ich sagen. Er lachte erleichtert.




Was dann geschah


In der Höhle herrschte immer noch Schweigen. Die Männer waren noch zu beeindruckt von der Halluzination. Die Muslime allerdings waren beschwingt. Sie drängte sich an den Wachen vorbei und eilten den Pfad hinauf zu Mahoumed. Malouf lag tot auf seiner Liege, Amalek hatte ihm, während seiner Ankunft, das Leben genommen. Es sollte nur einen Führer geben und der stand nun triumphierend, nickte seinen Leuten zu, und sie flüchteten gemeinsam und siegesgewiss aus der Höhle.

Zwischen den Arbeitern entstand ein Streit darüber, was man da gesehen hatte. Aber Hoffmann, der Wissenschaftler und Leiter der Mission, beruhigte den Aufruhr. Es waren Halluzinationen gewesen, ausgelöst von irgendetwas, das den Übergang versucht hatte. Doch es war ihm gelungen ein Störfeld zu erzeugen und den Übertritt zu verhindern. 

Ted hatte die Chance zur Flucht ebenfalls genutzt. Er bewegte sich an den erregt diskutierenden Arbeitern vorbei, die ihn bemerkten, aber nicht auf ihn reagierten. Dann erreichte er den Ausgang. Er glaubte nicht, dass man ihm folgen würde.

Dr. Thomas Hoffmann verließ den Zweckbau und begab sich in einen versteckten Bereich der Höhle, wo er durch mehrere gesicherte Türen in einen ausladenden Raum gelangte, in dem große Server standen, die gewaltige Generatoren im Innern des Berges steuerten. Ein Mann saß dort und wartete. Er drehte sich langsam um. Hellwache Augen leuchteten im Gesicht eines Greises. In diesem Zimmer konnte man in alle Richtungen der Zeit sehen. Man sah die Verbindungen und Übergänge und wusste so, wie die „Apfelsinenstücke“ verbunden werden konnten. An der Wand hingen zwei schwarze Übermäntel mit Kapuzen und in schweren Sesseln saßen drei Männer, von denen einer dem Leser nur allzu gut bekannt ist. Es war Milton. 


Die Männer in der Höhle aber, die aus einer gar nicht so fernen Zukunft gekommen waren, eventuell aus einem Paralleluniversum, suchten in Hast ihre Besitztümer zusammen, entfernten ihre Sensoren und flohen zu dem Tor, durch das sie gekommen waren. Glücklich fanden sie es noch in Funktion. Sie überschritten die Schwelle und folgten einem Pfad, der in einer Höhle in den Anden endete. Dort begannen sie den Aufstieg an das Licht ihrer Zeit, denn dass sie zu Hause waren, erkannten sie an den Geräten, die sie auf dem Hinweg mitgebracht hatten. Ihre Welt war gerade in Aufruhr. Völker kämpften um ihr überleben, Menschen um ihre Identität. Sie hatten einen Gott gesehen, der Ihnen geraten hatte, die Welt durch Auflösung von Strukturen zu heilen. Diese Botschaft hatten sie mit sich genommen.


Die Herren


Hier, unterhalb dieser Insel, die schwer gefunden werden konnte, hatten die Herren ihr Zuhause.

„Ihr habt es gesehen, er versucht den Übergang.“ Nigromontanus trug die dunkle Kutte der Herren. Bei ihm stand Irinäus.. 

„Wie ist es ihm nur gelungen, beinahe durch die  Zeitspalte zu kommen?“, fragte Irinäus.

„Der erste, der den Heiligen Gral entweihte, waren dieser Mercator und dieser Gregorius. Letzterer besaß die Frechheit, persönlich am Schloss zu erscheinen und mir zu drohen. Er war übrigens in Begleitung von Mahmoud und seinen Leuten. Mahmoud ist sicher einer der Gründe, warum er die Zeitspalte durchdringen konnte. Mahoumed war schon einmal hier. Außerdem hatten sie die Astonia in ihrer Gewalt und auch wenn ich glaube, Heinrich beging Selbstmord, um uns nicht zu verraten, so denke ich doch, dass sie von der Astonia profitierten. Der Schwarze, der sich auf der Flucht befindet, könnte die Position der Insel gekannt haben. Außerdem gibt es noch einen Doppelgänger meines Joseph. Einen Zwilling, der auf einer Yacht jenseits der Zeitfalte hierher gelangen möchte. Er ist ein Kind einer Parallelwelt, die dieser gleicht. Auch er könnte den Weg hierher kennen.“

„Wenn diese Insel fällt, ist die Menschheit verloren“, sagte Nigromontanus. „Die Welten versinken im Hass. Ordnungen zersetzen sich, Selbstverständlichkeiten werden fragwürdig. Er schafft Wunschbilder einer besseren Zukunft und zerstört damit alle Bilder des Anfangs in den Menschen, die nötig sind, um ein völliges Absinken zu verhindern.“ 

„Noch hat er nicht gewonnen. Wir haben die Höhleneingänge jetzt getarnt und verschlossen. So leicht wird niemand mehr ohne unser Einverständnis hierher gelangen.“

„Aber wird das etwas ändern. Sie sind ja auf der Insel und es wird schwer werden, sie wieder zu vertreiben“, sagte Milton. „Ich habe mir, ehrlich gesagt, mehr von Eurem Angriff versprochen. Ihr habt nichts erreicht.“

„Sie sind da“, nickte Nigromontanus. „Aber keiner von uns weiß, wie es letztlich enden wird. Es gibt andere Kräfte, die eingreifen werden.“

„Und welche? Soweit ich euch verstanden habe, gab es keinen Gott, zumindest keinen, der aktiv in ein Geschehen eingreifen würde.“ 

Milton ärgerte sich über diese senilen Greise. Solange er sie kannte, waren sie ihm suspekt geblieben. Er hatte ihre Macht respektiert und benutzt und in ihrem Schutz hatte er seine eigenen Ideen umsetzen können. Er war jedoch ein Feind alles Mystischen. Es mochte ja sein, dass diese Menschen etwas gefunden hatten, das ewig war, aber da sie hier in diesen Welten so munter mitmischten, war es wohl recht eintönig in der Ewigkeit. Er konnte seinen Spott immer weniger verbergen. Aber er wollte es auch gar nicht mehr. Sie konnten ja Gedanken lesen. Sollten sie doch. Mehr als die Wahrheit würden sie nicht zu lesen bekommen.

„Denk daran, Milton, die große Schleife ist jedem Menschen nahe. Niemand, der ihr entrinnt. Auch Dir ist ein Ende bestimmt“, sagte Irinäus.

„Ehrlich gesagt ist jetzt nicht der Zeitpunkt, sich untereinander zu bekriegen“, sagte Nigromontanus, „Er bedroht diese Insel, die uns aus anderen Gründen wertvoll ist, als dir Milton, aber jeder von uns hat ein Interesse, den Amalek und seine Verbündeten wieder los zu werden. Er steht vor der Tür und will hinein. Aber wir werden ihn abwehren. Der Dämon ist mächtig, allmächtig ist er nicht.“


Auf der Sea Gull: Vermischungen


Ich war in meine Kajüte zurückgekehrt und hatte das Buch aufgeschlagen. Diese ganzen Ereignisse, die ich, wie im Traum, in meinem Kopf mit verfolgt hatte, als sei ich im Begriff, einen Roman zu schreiben, standen nicht im Buch. Diese Seiten blieben leer. 

Es wunderte mich gar nicht mehr. Das Thema war etwas verschroben, aber ich hatte mich als Schriftsteller tatsächlich selbst mit solchen Themen beschäftigt. Es war unmöglich, nicht auf das zu reagieren, was sich in der Welt vollzog. Die Reaktion konnte politisch sein, philosophisch oder fantastisch oder auch alles zugleich. Als Autor war ich seit langem verstummt, aber meine Antennen empfingen immer noch Schwingungen und Signale aus der Welt. Konnte es sein, dass ich eine Art Schizophrenie entwickelt hatte, eine zweite Natur, die nun angeregt worden war, diese Story im Geiste zu vollenden. Wenn ich schrieb, dann war die Außenwelt immer schon ausgeblendet gewesen. 

Ich ging zurück an Deck. Mad und Richardson saßen mit Moris zusammen. Am Bug des Schiffes hockte Küppers und blickte auf den Ozean hinaus. Karin brachte gerade Getränke. Sie lächelte mir zu.

„Hallo Karin. Ich wollte Dich fragen, ob ich irgendwie seltsam auf Dich wirke.“

„Seltsam“, sie lachte. „Du bist schon etwas seltsam. Aber das ist wohl bei Schriftstellern so. Was meinst Du mit seltsam?“

„Ich meine, ob ich geistesabwesend gewirkt habe, oder weggetreten.“

„Oh“, sagte sie, „Ich weiß echt nicht, was mit Euch Männern los ist. Schau mal zu Franz. Der ist weggetreten. Nein. Du bist es nicht.“

Ich lächelte ihr zu und leistete Franz Gesellschaft.

„Hast Du zu lesen begonnen?“, fragte er. 

„Ich wollte eben mit Dir drüber reden“, sagte ich.

„Es hat einen magischen Einfluss, nicht wahr. Ich wusste, dass es dich packen würde.“

„Hör zu.“, sagte ich. „Das ist kein Spaß mehr. Was ist mit diesem Buch. Ich scheine darüber verrückt zu werden.“

„Wirst du nicht“, sagte Küppers. „Es spricht zu dir.“

„Aber was“, fragte ich. Er lächelte mich an: „Du wirst zum Beobachter. Lass es einfach geschehen.“ 

Ich wurde wütend. Aber die Realität des Romans begann sich erneut zu entfalten.


Die neuen Schlossbewohner


Mahmoud hatte es geschafft. Das Misstrauen seiner Muslime war verschwunden. Man behandelte ihn mit Ehrfurcht, und er wusste, er konnte alles befehlen. Sie würden ihm gehorchen. Sie konnten in dem Zwielicht, das der Taifun erzeugte, den Eingang in den Berg nicht mehr finden, also kauerten sie sich hinter Felsen und warteten. Irgendwann legte sich der Regen. Diese Insel war den Muslimen zum Geschenk gemacht worden: ein Land mit Bergen, Seen und grünen Pflanzen. Als das Meer sich beruhigte und in sein Bett zurück strömte, machten sie sich auf den Weg zum Tal, in dem sie ihre Hütten gehabt hatten, doch es gab keine Hütten mehr. Auch der Hafen war zerstört. Die Endevaour war verschwunden, die Merci zerstört. Sie zogen weiter zum Schloss dieses Milton. Wie durch ein Wunder war es völlig intakt geblieben. Das kleine Haus, etwas abseits, war allerdings ziemlich zerstört. Sie betraten das Schloss und jubelten, als sie die gesamte Inneneinrichtung so vorfanden, als sei nichts geschehen. In den Zimmern fanden sie weiche Betten, Karaffen voll trinkbarem Wasser, noch nicht verfaultes Obst. Es gab Vorratskammern, aus denen sie sich bedienten. Dann versuchte man oberhalb des Treppenaufgangs das Tor einzureißen, doch das gelang nicht. Egal, was sie versuchten, sie konnten keinerlei Schäden bewirken. 

Das Schloss aber gehörte ihnen.


Die Flucht der Endevaour aus dem Sturm


Mercator hatte den Sturm kommen sehen. Er befahl die Flucht. Sie steuerten die Endevaour zurück auf die hohe See, um den gewaltigen Wellen zu entgegen. Gregorius ließ unbeirrt Kurs halten und wirklich schimmerte plötzlich ein Licht durch die Wellenberge, das den Übergang anzeigte. Die Endevaour stieß hindurch und befand sich augenblicklich in ruhiger See. Gar nicht weit entfernt ankerte ein schlankes, schneeweißes Schiff. Sein Name war Sea-Gull. 

Auf der Sea Gull

Ich erschrak!

An Bord zeigte sich kein Leben. In dieser Welt ging eben die Sonne auf. Wahrscheinlich schliefen die Menschen, die sich an Bord befanden. Der Übergang war ganz in der Nähe. Man sah hier und dort leichte Lichtreflexe. In diesen Breiten konnte man die Insel leicht finden, wenn man aufmerksam war. Sie glitten an der Brigg vorbei und sahen, dass ein Mann am Bug saß, der neugierig zu ihnen herüber blickte. Sie konnten sich denken, welchen Eindruck ein Schiff des 19 Jahrhunderts auf diese Menschen einer anderen Zeitebene machen würde, aber der Mann schien seltsam ungerührt Dieser Mann kam Gregorius bekannt vor. Er hatte ihn erst vor Kurzem gesehen. Er überlegte. Das war in diesem Schloss des Milton gewesen. Der Mann war einer der Adepten. Er war sich sicher. Er teilte seine Beobachtung Mercator mit, doch der erinnerte ihn daran, dass das Unmögliche möglich war. Der Krieg um die Menschheit hatte begonnen und die festen Bastionen der Wirklichkeit lösten sich auf.

Er ließ die Endevaour auf eines der Lichtphänomene zu steuern. Jäh tauchte das Schiff inmitten des abklingenden Sturms wieder auf. Nur wenig voraus lag die Insel. 

„Wir sind zurück“, dachte Gregorius erleichtert. Die Endevaour segelte in ruhiger See wieder der Insel entgegen.


Inzwischen auf der Sea-Gull


Auf der Sea-Gull hatte Franz Küppers an der Reling gesessen, als wie aus dem Nichts dieser 4 Master auftauchte, an der Sea-Gull vorbei segelte und wieder in der Geisterwelt verschwand, aus der er gekommen war. An Bord des altertümlichen Schiffes hatten Männer gestanden, die zu ihm herüber gesehen hatten.

Er wusste, dass sie sich ganz in der Nähe der Insel befanden, und er hoffte, dass sie den Weg dorthin fanden. Zeit war ein Phänomen, das er gelernt hatte zu relativieren. Wie viele Jahre war es nun her, dass er von der Insel geflohen war. Wie Vexierbilder lagen Zeiten und Wirklichkeiten übereinander. Aber der Übergang war das Problem. Viele Menschen wanderten unbemerkt von Möglichkeitsebene zu Möglichkeitsebene. Es geschahen ihnen Dinge, die unabwendbar waren, aber eben das, was ihnen nicht geschah, geschah anderswo doch. Es war verwirrend, man durfte nicht darüber nachdenken. Was sein Leben anging, so hatte er gut Fuß fassen können in dieser letzten Welt, die so viel mehr Bewegungsmöglichkeiten zu haben schien, als die Welt aus der er gekommen war. Letztlich war er aber doch an einen Ort gebunden gewesen durch den Zwang, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn er nicht herumziehen wollte von Job zu Job, zitternd, ob er in der Zukunft ein Auskommen haben würde. Wie viel komfortabler hatte es sich auf der Insel gelebt, geschützt und geborgen. Er hatte seine Jugendfreunde immer sehr vermisst, Peter, Paul, Linda, Johannes, Angelina, Thomas, aber vor allen Dingen Dolores. Seine Liebe zu ihr war nie erloschen. Im Gegenteil, von Jahr zu Jahr sehnte er sich mehr nach ihr. Sie war seine Seelenverwandte, der einzige Mensch, mit dem er leben wollte. In der Wirklichkeit, aus der er gekommen war, war sie gestorben, als er vor Milton von der Insel flüchtete, aber Milton hatte ihm verraten, dass es eine Wirklichkeitsebene gab, auf der die Ereignisse völlig anders abgelaufen waren. Er hatte sich die Koordinaten des Übergangs gut gemerkt und viele Jahre nach Möglichkeiten gesucht, in diesem Teil des Ozeans nach dem Übergang suchen zu können. Wenn er ihn finden könnte, würde er eine Möglichkeit haben, Dolores und die anderen wieder zu sehen. Das war eine ungeheure Verlockung. Was war der Tod? Wahrscheinlich gab es Wirklichkeitsebenen, wo er überwunden war. Leider konnte man nach Miltons Worten immer nur zur nächsten Parallele wechseln, in der Ähnlichkeit die Abläufe bestimmte.

Er war immer in der Nähe der Coral Sea geblieben, in der Hoffnung, zurückkehren zu können, doch ohne Geld reist es sich schlecht. Er hatte auf den Solomon Inseln gelebt, dort hatte er den Weg zum Christentum gefunden. Vielleicht war es Miltons Autorität, die er vermisst hatte, die ihn den Weg zum Katholizismus wies. Ohne die eingeübten Wege hatte er sich wie ein Blatt im Winde gefühlt. Es war ein schmerzlicher Prozess gewesen, sich von Milton zu lösen, und es war ihm letztendlich nie ganz gelungen. Ein alter Pater, Josef Jones, hatte ihm einen neuen Weg geebnet. Dessen ruhige Autorität und die strenge Ordnung in seiner Gemeinde hatten ihn beruhigt Er war dort geblieben und hatte viel vom Pater gelernt. Christus schien ihm etwas sehr Wertvolles zurück zu geben: einen Halt und eine Orientierung. Er hatte den starken Glauben der Gemeinde bewundert, und er war schließlich, trotz aller anerzogenen Vorbehalte gegen Religionen, selbst Christ geworden. Sein Glaube blieb allerdings immer frei von den Ritualen des Katholizismus, die Pater Jones vollzog. Ihm war der innere Kern der christlichen Botschaft wichtig. Die Botschaft zielte ja auf Transzendenz. Jesus war im Fleisch der Mutter geboren, das Stück für Stück gewandelt wurde, bis Jesus am Kreuz seine menschliche Natur erhöhte in die Göttlichkeit, die seine andere Seite war. Damals war er in innere Opposition zu den Heilslehren des kapitalistischen Westens getreten, die in diesen Weltgegenden zunehmend Verbreitung fanden: Jeder habe ein Recht auf Glück und Befriedigung, jede Lust solle gelebt, jedes Verlangen gestillt werden. Ihm war rasch klar, dass das Auflösung der Ordnung dieser Welt bedeuten musste.

Staunend hatte er bemerkt, dass diese Botschaft der Zerstörung immer vehementer auftrat, dass seine Schüler sie mitbrachten, auf ihren Handys, ihren Tablets: Alles sei offen. Man dürfe keine Grenzen setzen. 


Waren diese Botschaften anfangs noch durch Zeitungen verbreitet worden, so flimmerten sie nun über tausende von Bildschirmen, auf denen bewegte Bilder von Menschen lächelnd das Grauen predigten und es als neue Heilsbotschaft verkauften. In der letzten Zeit waren diese Lehren immer aggressiver verbreitet worden und ihre Anhänger begannen damit, jeden zu bekämpfen, der sich ihnen in den Weg stellte. Für Franz war es völlig eindeutig, dass durch all diese dämonischen Angebote Gier angestachelt wurde, die alle Menschen an einer inneren Entwicklung hinderte. Er erinnerte sich an Miltons letzte Worte: 

„Auch wenn Du es wagst, Dich von uns zu lösen und den Weg in einer anderen Wirklichkeit suchst, wirst Du auf die Feinde treffen, die wir hier gemeinsam bekämpft haben.“

Dieser Feind war da, aber es gab für Franz keinen Milton mehr und wenn es ihn doch gab, in einer anderen Zeitebene oder Realitätsebene, war es nicht klar, ob ihre Geschichten noch zueinander passten. Das war ein Trost, weil er immer noch hoffen durfte, alle, die er hatte sterben sehen, lebendig wieder zu treffen, aber es war auch ein Fluch: war er jetzt nicht der Fremde und würde es immer sein. Niemand hatte seine alte Wirklichkeit überlebt. Selbst Milton war vor dem Übergang aus dem Boot gestürzt und ertrunken. Das aber hieß nicht, dass er nicht lebte, in ähnlichen Verstrickungen, denn der Grundkonflikt blieb. Es war unendlich kompliziert, sich das vorzustellen, aber er dachte immer an eine Fahrt im Auto bei Nacht, wo im Scheinwerferlicht Gegenden erscheinen und verschwinden, Menschen gesehen werden, mit denen man an einem Rastplatz ins Gespräch kommt. Man war selber dieses Fahrzeug, das immer wieder neue Gegenden ansteuerte, aber immer nur antraf, was schon immer auf der Route gelegen hatte. Dabei war es möglich, dass die Strecke, die eben noch rechts herum befahren wurde, nun links herum befahren werden wollte. Man bewegte sich und war ursächlich mit dem verbunden, was geschah. So hatte es Milton erklärt. Egal. Jetzt war er hier und er hatte einen Alltag gehabt, aber diese hartnäckige, ja dämonische Stimme, gegen die Milton gearbeitet hatte, war hier auch zu hören, lautstärker, böser, fordernder, und sie war schließlich gar zu einer Moral geworden, die jeden ermahnte: wenn Du verhinderst, dass man diese neue Lehre annimmt, bist du böse und begehst ein Verbrechen gegen ein ungeschriebenen Weltgesetz, das alle Menschen ab jetzt bejahen müssen.

Er hatte sich von den Adepten dieser Botschaft abgewandt, die offenbar immer reicher und mächtiger wurden. Er hatte beschlossen, sich um die einfachen Menschen auf den Inseln zu kümmern und ihnen die tröstliche Botschaft zukommen zu lassen: Löse Dich von Deinem Verlangen und Du wirst frei werden. Wer an Jesus glaubt, der hat das ewige Leben. Er war freikirchlich unterwegs, aber auch in diesen freien Kirchen hatte das Böse Fuß gefasst. Er hörte von Patern, die Kinder missbraucht hatten, und er hatte solche verirrten Christen aufgesucht und gefunden, dass sie nicht ohne Auftrag handelten. Es gab eine starke Strömung in der geistigen Welt, die alles vernichten wollte, woran Menschen glaubten. Irgendwie geriet er ins Visier dieser Kräfte. Er wurde von einem Journalisten als Hochstapler entlarvt, der sich den Beruf des Predigers nur angemaßt habe. Es gab ein Gerichtsverfahren, ein Verbot. Er floh in ein Alltagsleben in Canberra, verkaufte zuerst technische Geräte, dann Autos, schließlich Häuser. Irgendwie rutschte er ins Maklergeschäft, und er kam erneut zu einem bescheidenen Wohlstand. Er hatte in all den Jahren wie ein Mönch gelebt. Er sah gut aus, er war vermögend, aber er wollte keine Frau. In seinen Träumen gab es nur eine Frau, die er liebte, und seinen Gott, dem er immer unerschütterlich die Treue hielt, ohne dass er noch einmal den Versuch machte, andere Menschen anders zu bekehren als durch die gute Tat. Er war freundlich, hilfsbereit, und er betrog oder übervorteilte niemanden. Eines Tages begegnete er Richardson in Wollongong an der australischen Küste. Richardson war in sein Büro gekommen und hatte Interesse für ein Haus gezeigt, das er schließlich doch nicht kaufte. Die beiden hatten sofort einen guten Draht zueinander gefunden. Richardson besaß eine Yacht, und er lud den Deutschen ein, mit ihm zu segeln. Das geschah und wiederholte sich dann mehrfach. Man fuhr hinaus zum Fischen oder kreuzte zwischen den Inseln. Franz Küppers konnte sein Glück kaum fassen. Es kam alles darauf an, Richardson zu einem ausgedehnten Segeltörn in diesen Gewässern zu überreden. Das war nach vielen Monaten schließlich gelungen. Sie beschlossen mit einigen Freunden eine große Yacht zu chartern und einige Wochen auf See zu bleiben. Franz hoffte, es würde sich die Möglichkeit ergeben, eine Zeitlinie zu kreuzen. In seinen Träumen war das oft geschehen, und es war ihm, als leiteten ihn diese Träume. Er konnte es nicht mehr für einen Zufall halten, dass Richardson gekommen war und dass er nun mit ihm und anderen Freunden wochenlang in dem Seegebiet herumsegelte, in dem die Insel verborgen lag. Das Naturphänomen hatte ihn bestärkt, jetzt aber hatte er gesehen, dass sie ganz nahe am Übergang waren und er bereitete sich innerlich darauf vor.


Charly erzählt


Ich begab mich unverzüglich zu Küppers. Der saß am Bug des Schiffes und blickte mir freundlich entgegen. 

„Hör zu. In welchen Mist ziehst Du mich da herein“, sagte ich aufgebracht. 

„Das ist kein Mist. Glaubst Du, es ist Zufall, dass wir hier auf diesem Schiff sind. Verabschiede Dich von dieser Vorstellung.“

„Aber was ist das“, fragte ich. „Das ist doch alles Wahnsinn.“

Er zuckte die Achseln: „Klar ist es das. Mit der Zeit lernst Du, es zu akzeptieren.“

„Was zu akzeptieren“, frage ich. 

„Na, das alles“, sagte Küppers, und er wies auf Richardson, der an Backbord stand und zu uns herüber blickte. Augenblicklich stürzte ich zurück in die  Ereignisse auf der Insel.


Die Insel


Die Endevaour war nicht unbeobachtet geblieben. Richardson hatte am Heck des Schiffes gesessen. Er hatte ein Signal vom Festland bekommen, dass die Wissenschaftler seines Teams eine ungewöhnliche Verzerrung des Raum-Zeit-Kontinuums entdeckt hatten. Er war an Deck geschlichen und hatte Franz Küppers gesehen, den Deutschen, der auf irgendetwas zu warten schien. Richardson gehörte zu einem geheimen, von der US Regierung beauftragten Team, das den Auftrag hatte, die seltsamen Vorkommnisse zu erforschen, die seit einigen Jahren die Welt durcheinander brachten. Hervorragende Wissenschaftler waren im Team, die inzwischen hatten beweisen können, dass es viele Wirklichkeitsebenen gab, zwischen denen die meisten Menschen wie Träumer wechselten. Es gab aber offenbar auch andere Kräfte und die waren interessant, weil sie das Geschehen in der Welt massiv in ihrem Sinne beeinflussten. Vor Jahren hatte es begonnen. Menschen traten auf den Plan, die unerhörte Vermögen angehäuft hatten und die ein System von Herrschaftsinstrumenten aufbauten. Sie hatten fast unbegrenzte Geldmittel, die ihnen Unerhörtes ermöglichte. Entwurzelte Menschen stolperten jenem Licht hinterher, das Ihnen auf ihre Handtelefone als verlockende Bilder gesendet wurde. Alle Grenzen wankten. Selbst Mächte wie die USA waren diesem Angriff nicht gewachsen, der zunehmend die Herzen der Menschen besetzte, der sich moralisch gab und jede Gegenwehr als unmoralisch beschimpfte.

Viele Geheimdienste der Welt arbeiteten inzwischen zusammen, denn man wusste, dass die Auflösung der moralischen Strukturen zu Entwurzelung, Hass und  Gewalt führen musste.

Darüber hinaus war auch bekannt geworden, dass in den großen Häusern der Religionen neue Herren Fuß gefasst hatten. Muslime und Christen huldigten einem neuen Gott, den sie den Lichtbringer nannten. Es ging Richardsons Meinung nach letztlich nur um Geld. Er hatte gesehen, wie gleichgütig diese angeblich zum Guten strebende Kräfte gegenüber dem Leid von Menschen waren, die alles verloren. Mit Gewalt und List sorgten diese „Wohltäter“ für Kriege und neue Entwurzelung.

Warum Richardson auf Küppers angesetzt worden war, der ja nur ein winziges Licht war, war ihm erläutert worden. Küppers war der erste und einzige Mensch, bei dem man genau wusste, dass er bewusst aus einer anderen Wirklichkeitsebene kam, auf der sich etwas verbarg, das als der Heilige Gral bezeichnet wurde. Man wusste, dass er Verbindungen zu Männern gehabt hatte, die sich die Herren nannten und die offenbar Gegenspieler der Mächte waren, deren Einfluss in der Welt unaufhörlich wuchs. Dieser Franz Küppers wollte zurück in seine Welt. Richardson wurde auf ihn angesetzt. Sie machten mehrere gemeinsame Segeltörns, bis Franz Küppers endlich auf eine Reise in das Seegebiet drängte, aus dem er gekommen war. Richardson organisierte den Segeltörn. Man wusste, dass Küppers den Ort des Übergangs zu diesem Heiligen Gral suchen würde. Man wollte wissen, was wer sich hinter diesen Herren verbarg.


Gregorius Aufstieg in der Loge


Gregorius war ein ehrgeiziger Mann. Kindheit und Jugend verbrachte er in London. Sein Vater war ebenso zur See gefahren wie sein Großvater. Viele Vorfahren waren Kapitäne gewesen. Sie hatten es zu Wohlstand gebracht und Gregorius, der damals noch James Smith hieß, war großbürgerlich aufgewachsen. Schon früh hatte er sich für Okkultismus interessiert. Er wurde Mitglied einer Freimaurerloge und traf dort auf die ersten Anhänger der wahren Erleuchtung, wie sie sich damals nannten. Er stieg auf und durchlief viele Stufen der Einweihung, bis er eines Tages den Meister sah, der Macht besaß und Macht verleihen konnte. Als er Adept wurde, begann sein Aufstieg. Gregorius war bereits Kapitän eines Schiffes, dann wurde er Reeder und viele Schiffe gehörten ihm. Er wurde reich und er hatte Einfluss. Es gab keinen Zweifel, dass der Meister selbst dafür sorgte. Mercator war damals eine Legende. Man sagte, er verfüge über magische Kräfte, die ihm erlaubten an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Er sollte über 300 Jahre alt sein, am Leben gehalten von einem Elixier, das Amalek selbst gemischt hatte. Als er ihn das erste Mal leibhaftig sah, war er beeindruckt. Es war bei der Inthronisation des Lichtbringer im Vatikan dabei gewesen, die von Mercator organisiert und eingefädelt worden war, der ein weltweites Netz von Adepten in den Reihen der katholischen Priester aufgebaut hatte. Diese gewendeten Priester fielen öffentlich auf durch Missbrauch von Kindern und satanische Handlungen, was aber letztlich dienlich war, weil es den Ruf der Kirche beschmutzte. Den Schwächling Jesus hatte man lange aus seinen Hallen verdrängt und dann die Inthronisation des Lichtbringers unter Anteilnahme vieler Politiker, insbesondere der Politiker der Europäischen Union, durchgesetzt. Mercator war im Hintergrund geblieben, aber er war der entscheidende Mann gewesen. Mercator selbst hatte damals vom Lichtbringer Amalek den Auftrag erhalten, diese Insel, die den absoluten Triumph verhinderte, ausfindig zu machen und zu erobern. Mittel dazu waren Muslime. Die Irrationalität des Islam hatte Adepten geschaffen, die zu jeder Tat bereit waren, die man Ihnen im Namen Allahs auftrug, und auftragen konnte man ihnen alles, wenn man begriffen hatte, dass diese Religion bedingungslosen Gehorsam indoktrinierte, Denken aber unterdrückte. Es galt ja, einen geistigen Sieg zu erringen. 


Der Weg in die Dunkelwelt


Gregorius ließ den Felshafen der Insel ansteuern. Die See war immer noch sturmgepeitscht, aber die Endevaour fand ihren Weg und legte gegen Abend in der Bucht an, in der auch das Wrack der Merci lag. Gregorius und Mercator verließen gemeinsam das Schiff und machten sich auf die Wanderung zum Vulkankrater, der den Übergang verborgen hielt. Sie spürten die Anwesenheit starker Energien und feindseliger Kräfte, aber sie waren im Schutze des Amalek, ihres Meisters. Zwar war auch der Meister nicht dazu in der Lage, den gesperrten Zugang zu öffnen, doch er führte sie zu einem Höllenpfad, der gelbliche Schwefeldämpfe absonderte, und der so groß war, dass die beiden aufrecht hinunter gehen konnten. Der Pfad war uneben und führte durch Höllenwelten, in denen sich Menschen vor Schmerz und Angst wanden. Sie waren hier unten gefangen, wo niedere Dämonen hausten, die sich von den Emotionen träumender Menschen ernährten. Diese Menschen lebten in ihren Welten tagsüber in der Normalität und niemand konnte sich ihre Depressionen oder ihre Angst erklären. Manche Menschen lebten ja in Wirklichkeitsebenen, in denen das Wissen noch weit hinter dem Glauben rangierte. Diese Menschen litten doppelt, weil sie von ihren Mitmenschen als Besessene behandelt wurden. 

Mercator gab dann und wann einen Befehl und die Dämonen wichen erschreckt zur Seite. Gregorius sah einen Dämon, der einen Mann in einer Kiste barg, in der er ihm immer wieder in verschiedener Gestalt erschien, bis dieser dunkle Wolken der Angst absonderte, die der Dämon gierig einatmete. Wie lange dieser Mann schon in dieser Hölle lebte, während er in seiner Welt zweifellos als wahnsinnig galt, mochte Gregorius sich gar nicht ausmalen. Aber Mercator hatte ihm erklärt, dass Hunger etwas war, das alle Lebensformen kannten und dass der Dämon nicht anders handelte als ein Mensch, der Tiere schlachtete, um zu essen. Auch gebe es an manchen Orten Bräuche, Bären in engen Käfigen zu halten und ihnen wie aus einem Fass Körperflüssigkeit abzumelken. So ähnlich handelten auch die Dämonen. Auch wenn sich die Persönlichkeitsanteile in Gregorius, die noch menschlich waren, gegen die Qual für seine Mitmenschen wehrte, so ließ ihn sein Wunsch nach Macht und Ehren doch diese Weichheit bekämpfen, die er immer als inneren Schweinehund betrachtet hatte. Schon als Kind hatte er Mitgefühl entwickeln können, eine Eigenschaft, die für Mercator zu den großen Abscheulichkeiten zählte. Mercator war weit überdurchschnittlich groß und hager wie ein Skelett. Er stolzierte voraus durch diese Schattenwelt, in der die Dämonen immer bösartiger wurden. Schließlich kamen sie zum großen Knochenbrecher, den jeder Gestorbene irgendwann zu sehen bekommt. Dieser Dämon packte Menschen, zerriss sie und verschlang sie wie Leckerbissen, ohne sie indessen zu vernichten. Wer hierher gelangte war nur noch Schatten und der großen Schleife nahe. Hier verlor er Form und Individualität, aber die Opfer wehrten sich und fürchteten sich und kämpften um den erbärmlichen Rest, der ihnen geblieben war. Der Knochenbrecher war in gewisser Hinsicht kein Dämon. Er war ein Engel der Umwandlung. Mercator machte einen Bogen um ihn, und führte sie weiter zu  Öffnungen im Boden. Mercator nahm den gelblich rauchenden Durchgang zur Höllenwelt und sie näherten sich dem Meister, der vornübergebeugt über den See der Qualen auf sie wartete. Amalek  war von gewaltiger Größe und abscheulicher Hässlichkeit. Hier unten gab es kein Licht, um Menschen zu täuschen. Er wendete seinen gewaltigen Kopf und blickte die beiden Ankömmlinge aus seinen gelblich leuchtenden Reptilienaugen an, während seine gespaltene Schlangenzunge tastete, um Witterung aufzunehmen. Mercator warf sich flach auf den Boden. Gregorius hatte sich still im Hintergrund gehalten, legte sich jetzt aber ebenfalls. 

„Dieser Mensch, der Dich begleitet, wäre sicher ein gelungener Schmaus für meine Diener, lachte der Dämon bösartig und Mercator lachte mit. Gregorius wusste, dass er hier keine Gefühlsregungen zeigen durfte. Angst würde die Gier der anwesenden Dämonen anstacheln und er würde zerfetzt werden. Nein, sagte er sich, Angst musste man nicht haben. Diese Wesen waren aus der Sicht des Opfers betrachtet abgrundtief böse, aber objektiv betrachtet waren sie Kreaturen wie Mücken, Zecken, Gottesanbeterinnen, Spinnen oder andere Räuber. Der Hunger trieb sie, und vor Notwendigkeiten gibt es kein Mitgefühl. Er spürte irgendwo in sich Traurigkeit, versuchte sie aber sogleich zu verbergen, doch der Meister hatte dieses Gefühl gewittert. Seine Zunge wanderte zu Gregorius und tastete seinen Körper ab.

„Ich spüre die Regungen des Menschen in Dir. Zweifellos hast Du noch zu viel seelisches Fleisch, das man abnagen könnte, Gregorius. Aber noch brauche ich Dich. Die Zunge zog sich zurück, aber der Meister beugte sich sehr tief über den vor Angst schlotternden Gregorius. 

„Ich habe Neuigkeiten“, sagte Mercator. Die Herren haben versucht, uns zu vernichten, doch dank deiner Hilfe haben wir ihren Angriff überstanden und sind durch den Übergang zurück gekehrt und nun sind wir hier, um neue Instruktionen zu erhalten.

Der Meister ließ ab von Gregorius.

„Sie haben das Tor verschlossen. Sie haben noch Reste ihrer alten Kraft, aber ich werde stärker. Hier werden sie untergehen und sich auflösen in das Nichts, aus dem sie kamen. Meine treuen Muslime werden ihre Funktion erfüllen. Sie sind meine Soldaten, die in der Lage sind zu lügen, wenn es angebracht ist, oder zu töten, um mich zur Herrschaft zu bringen. Lasst sie nur machen. Jetzt schon machen sie aus der Gralsburg einen Tempel für mich. Nur noch wenige Hindernisse trennen sie vom Zugang zu den innersten Hallen. Aber ich habe einen anderen, besseren Plan. Es gibt ein Menschlein unter den Adepten, das in zwei Zeitebenen agiert. Ein Erstgeborener, den das Verlangen nach einem Weib treibt. Er kann sich nicht selber begegnen, und wenn er hier sein Ende findet, dann auch da. Er ist meine Waffe gegen diesen Milton. Ich werde ihn in die Hallen des Milton führen, und er soll ihn kennen lernen als das, was er wirklich ist. Das wird Ihnen den Halt nehmen, und sie werden sich gegen diesen Milton wenden. Haltet Euch bereit für den Moment, an dem ich Euch brauche: geht jetzt.“

Er machte eine herrische Bewegung mit der Hand. 

Mercator und Gregorius krabbelten rückwärts, bis sie den Meister nicht mehr sehen konnten, dann erhoben sie sich und eilten aus dem Höllenpfad. Sie kamen an den See der Entscheidungen und wählten den Pfad zur Menschenwelt. Gemessenen Schrittes wanderten sie zurück durch die Dämonen- und Geisterwelt. 

Mercator aber ließ Gregorius allein zur Endevaour gehen und begann mit der Ausführung des Auftrags. Er hatte sofort verstanden, was Amalek beabsichtigte. Die jungen Menschen waren allein. Ihr Herr Milton war mit Lagebesprechungen beschäftigt. Sein seltsames Verhalten hatte bereits den Argwohn der jungen Menschen geweckt. Amalek hatte ihm die Information zukommen lassen, dass sich im Schloss, in dem jetzt die Muslime Einzug gehalten hatten, in den verschlossenen oberen Etagen ein Tagebuch des Milton lag, das zeigte, dass er alles andere als ein Menschenfreund war. Der Weg zu dieser oberen Etage führte von der  Bergfestung zum Schloss. Ein verborgener Gang, den dieser Milton und die Herren benutzten. Der Meister hatte ihm mitgeteilt, dass dieser Weg zum Arbeitszimmer des Milton frei war. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen, diesen Josef Küppers auf einen Weg zur Wahrheit zu bringen. Mercator mied die von den Herren geschützten Bereiche und bewegte sich, für diese unsichtbar, zwischen den jungen Menschen in der Bergfestung, die von ihrem Herrn Milton verlassen, verunsichert warteten, zu der Mauer, die diese Höhlen von dem viel genutzten Pfad zum Schloss trennten. 


Das Warten auf Miltons Rückkehr


Als die Muslim, ohne daran gehindert zu werden, das Schloss betreten hatten, um dort zu wohnen, hofften alle auf eine rasche Reaktion Miltons, die jedoch ausblieb. Milton war, wie er sagte, bei den Herren, Niemand von  ihnen konnte sich erklären, wie es möglich war, dass die Muslime das Schloss betreten konnten, die eigentlichen Bewohner aber nicht. Es wurde immer offensichtlicher, dass Milton der Fortbestand ihrer bisherigen Welt völlig gleichgültig war. Offenbar hatte er sich in einen Krieg begeben, der hinter ihrem Rücken eventuell schon länger tobte. Sie waren allein. Niemand führte sie oder fühlte sich für sie zuständig. 

Aus eigenem Antrieb hatten sie wiederholt die Merci aufgesucht, um Waffen und Material zu bergen, aber jetzt sie hatten die Endevaour dort wieder vor Anker liegen gesehen. Die Matrosen waren von Bord gegangen und hatten begonnen Behausungen zu bauen. Offenbar wollten Mercator, Gregorius und ihre Männer auf der Insel bleiben. Die Muslime bewohnten das Schloss und zerstörten alle Kunstwerke. Die Schweine und die Hunde ließen sie einfach laufen. Das alles vollzog sich, ohne dass Milton oder die Herren eingriffen. Milton blieb untätig. Die Insel war okkupiert worden und sie, die bisherigen Bewohner, lebten, machtlos und verlassen, in einer unkomfortablen Felsenfestung. 

Peter hatte einen Angriff auf das Schloss vorgeschlagen, doch waren alle der Meinung, dass ein solcher Angriff letztlich nur durch Milton befohlen werden konnte. Es war ihnen ja gelungen, Waffen aus der Merci zu bergen, ehe die Endevaour wieder angelegt hatte. Sie konnten mit Waffen umgehen. Aber sie waren sehr verunsichert. Ein Spähtrupp, zu dem Linda und Thomas gehörten, war von den neuen Schlossherren entdeckt und verjagt worden. Es gab eine neue Wirklichkeit, der sie sich vorerst fügen mussten.


Josephs Erwachen


Joseph hatte stumm am Rande gesessen, während alle miteinander diskutierten. Der Tod der beiden Seeleute und Miltons eigenartiges Verhalten ihnen gegenüber waren ebenso zur Sprache gekommen wie diese Naturkatastrophe. War Milton etwas völlig anderes, als er vorgegeben hatte zu sein. Zweifellos hatte er von dem Sturm und der anschließenden Flut gewusst, denn er hatte sie rechtzeitig hierher geführt. Aber was hatten sie eigentlich mit den Ereignissen zu tun? Miltons Konflikte waren ja nicht ihre Konflikte. Sollte man mit den Matrosen verhandeln? Vielleicht würde man von diesen Männern Auskunft erhalten, was hier wirklich geschah und warum.

Joseph lag mit dem Kopf in Dolores Schoß. Sie schaute aufmerksam zu Peter herüber, während ihre Finger unbewusst in Josephs Locken spielten. 

Im Grunde vertraute Joseph Milton immer noch. Wenn Milton in den Europäern Gegner sah und eine Gefahr witterte, dann hatte er sicher seine Gründe. Es war Verrat, so rasch, und ohne Milton zu fragen, Entscheidungen zu treffen, die weitreichende Konsequenzen hatten. Er konnte Peters Anmaßung verstehen, aber er glaubte nicht, dass er Recht hatte. Sie konnten jetzt nicht einfach losziehen und auf eigene Faust handeln. Es war einfach zu ungewiss, was Milton plante. Sie wussten ja nicht mal, wo er sich befand. 

Dolores wusste, welche Gedanken ihn quälten.

„Milton wird sicher wieder kommen und Hilfe mitbringen“, sagte sie. „Er würde uns niemals im Stich lassen.“ 

In diesem Augenblick sah Josef einen Mann, der in der Tiefe der Höhle stand und zu ihm herüber sah. Er hatte diesen Mann noch nie gesehen. Er wirkte fremdartig und unheimlich. Er war spindeldürr und sehr groß. Jetzt hob er seine rechte Hand und winkte ihn heran. Er setzte sich auf. Dolores sah ihn erstaunt an. 

„Siehst Du den Mann dort hinten?“, fragte er. Sie schaute sich um und wendete sich dann wieder verständnislos an ihn: 

„Nein. Ehrlich gesagt, sehe ich keinen Mann. Wo soll er sein?“ 

„Na, dort“, er wies zum Ausgang, wo der seltsame Fremde stand. „Siehst du ihn nicht?“ 

„Nein, ich sehe nichts“, antwortete sie. 

Die anderen diskutierten zu angeregt, um etwas von diesen Ereignissen mitzubekommen. Joseph erhob sich. Er spürte ein brennendes Verlangen, zu diesem Mann zu gehen. 

„Josef, bleib bitte hier“, sagte Dolores, „da hinten ist niemand.“

Aber Josef hatte seine Umgebung vergessen. Wie in Trance eilte er auf diesen Mann zu, dessen Gesichtszüge ein leichter Nebelschleier verdeckte. Dolores folgte Josef, ohne dass einer der anderen es bemerkte. Sie rief leise seinen Namen, aber er hörte sie nicht. Es war, als habe er sie vergessen. 

Der Fremde drehte sich um und ging einfach in den Felsen hinein. Josef  fühlte, dass er ihm folgen konnte. Er steckte die rechte Hand in den Fels, machte einen Schritt und plötzlich stand er in einem völlig unbekannten Gang auf der anderen Seite des Felsens und der Fremde war verschwunden. Es war ein rüdes Erwachen.

„Dolores“, rief er, nachdem sein Kopf wieder klar wurde, „wo bist du.“ Aber Dolores war verschwunden und hinter ihm war massiver Fels, durch den er offenbar hier her gekommen war. Er schaute sich um. Er stand in einem im Fels verlaufenden Gang, der von Steinen erhellt wurde, die im Innern Leuchtkraft besaßen, so dass es recht hell war. Der Boden des Ganges bestand aus dunklem Vulkangestein. Er rief nach Dolores und den anderen, aber offenbar konnte ihn hier niemand hören. Der Gang führte abwärts. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. 

Dolores stand auf der anderen Seite des Felsgesteins und war ebenso verdutzt wie Josef. Sie hatte es selbst gesehen, er war einfach durch den Fels hindurch gegangen. Sie rief nach ihm, was die anderen aufmerksam machte, die bald schon gemeinsam mit ihr das Höhlensystem nach Josef absuchten. Aber er war verschwunden. Keine Spur war mehr von ihm zu entdecken.

Tatsächlich war Mercator gezwungen gewesen, sich  rasch aus diesen Räumen, die die Herren energetisch kontrollierten, zurück zu ziehen. Die Macht seines Meisters hatte ihm geholfen, sich kurzfristig zu tarnen. Es war ihm gelungen, den jungen Mann durch eine Zeitspalte zu bringen, die die Herren überall gelegt hatten, wo es etwas zu verbergen galt. Milton und den Herren dienten diese getarnten Wege zu ihren wechselseitigen nächtlichen Besuchen. 

Milton hatte Aufzeichnungen über dieses Experiment, wie er es nannte, aus denen hervorging, wie skrupellos und kaltschnäuzig er fremdes Leben manipuliert hatte, um einen Plan zu realisieren, in dem die jungen Menschen eine zentrale Rolle spielten. Wenn Josef die Wahrheit erfuhr, dachte Mercator triumphierend, war das Ende des Milton zweifellos gekommen. Die jungen Leute würden sich, voller Abscheu von ihrem Milton abwenden und auf der Suche nach Hilfe zu ihm kommen. Der Abscheu vor allem, was Milton sie gelehrt hatte, war gewiss, und sie würden sich zu seinen Männern gesellen, und schließlich an dem großen Werk des Meisters mit arbeiten. Wenn das geschehen war, würden Gregorius und er die Muslime unter dem Befehl von Mahoumed auf dieser Insel zurück lassen. Er würde seinen arabischen Brüdern die neuen Regeln zu lehren wissen und auch sie zu Adepten des Meisters machen. Der Glaube und der Gehorsam aller Menschen entsprechen immer dem Ausmaß der Furcht, die man ihnen ins Herz gelegt hat. Man darf nicht den geringsten Zweifel an Anordnungen und Gesetzen zulassen. Das war ihm, als Kenner der menschlichen Natur, bisher immer perfekt gelungen. Diese Insel, die ein geschaffenes Paradoxon war, eine Kleinwelt inmitten der unendlichen Vielfalt der Welten und Dimensionen, würde dem Meister gehören und die zwölf Herren, wie sie sich hochtrabend nannten, würden sich zurückziehen müssen aus den Welten. Sie waren im Schweigen gewesen, das weder Ich, noch Du, noch Zeit kennt. Dort würden sie auf ewig bleiben. 

Joseph folgte dem Pfad eine ganze Weile. Wohin der Weg führte, vermochte Joseph nicht zu erkennen. Es ging langsam abwärts. Nachdem er eine gute Stunde gegangen war, änderte sich die Beschaffenheit des Pfades. Die Wände bestanden nun aus einem schwarzen Naturstein, in dessen ungleichmäßige Struktur in regelmäßigen Abständen Leuchtsteine eingefügt waren. Dann stieß er auf eine Treppe, die er hinauf stieg. Es roch plötzlich so vertraut, als befinde er sich im Schloss. Tatsächlich stieß er auf eine Treppe aus Mahagoniholz, die zweifellos zum Schloss gehören musste. Sie führte spiralförmig nach oben. Die Wände waren weiß getüncht. Er kam an einem Fenster vorbei, durch das er nach draußen sehen konnte. Er sah in den Park hinunter. Er befand sich zweifellos in einem der beiden Türme. Die Türe, die er schließlich öffnete, knarrte leise. Er betrat die „Geschlossene“, den Trakt Miltons, der ihnen allen immer verborgen geblieben war. Er gelangte in eines der Zimmer, deren Fenster er vom Park aus stets mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Scheu betrachtet hatte. Von dort oben sollten die Herren die Fortschritte der Adepten beobachten. 

Trotz des Dämmerlichtes erkannte er, dass er sich in einem feudal eingerichteten Zimmer befand. Aber erst, als er die Lampe entzündet hatte, die auf einem Tisch stand, erkannte er das ganze Ausmaß einer niemals für möglich gehaltenen Pracht. An den Wänden reihte sich Buchrücken an Buchrücken. Es mussten Tausende von Büchern sein. Ein roter Teppich mit goldenen und blauen Ornamenten bedeckte den Boden. Dieses Zimmer war irritierend groß. Wie konnte es in dem schmalen Turm liegen. Dahinter befand sich ein weiterer Raum. prachtvoller und schöner als der erste Saal, in dem sich Milton wahrscheinlich oft aufgehalten hatte. Es gab persönliche Sachen von ihm. Hier hing eine Jacke, dort standen Schuhe. Es gab handschriftliche Notizen, die Joseph neugierig in Augenschein nahm. Ein Schränkchen mit Getränken, eine Schachtel Zigarren. Hier spürte man die Anwesenheit Miltons noch. Joseph überlegte, was er ihm wohl sagen würde, wenn er ihm plötzlich gegenüber stand. Würde es wie eine Ausrede klingen, wenn er sagte, einer habe sich auf die Suche machen müssen. Außerdem konnte er ja von dem Mann berichten, der ihn hierher gebracht hatte. Zumindest den Weg hatte dieser Mann gewiesen. Er lauschte, aber es war völlig still. In diesem Augenblick sah er im Bücherregal ein Dokument: „Das Experiment“ stand auf der Titelseite und die Schrift war eindeutig die Schrift Miltons.

Er nahm das Buch aus dem Regal und begann darin zu lesen:


ZWEITES BUCH

Vom Untergang und einer unfassbaren Wahrheit

Tagebuch Miltons

15.03.1849


Nach all den Jahren mühsamer Arbeit ist es an der Zeit, ein Resümee dieses Experimentes, das mein Lebenswerk ist, zu ziehen, wobei ich hoffentlich weit genug entfernt von moralischen Kategorien aller Art bin, um dieses Protokoll in einer Form abzufassen, die der Menschheit Gewinn verspricht. Dabei bin ich mir zutiefst darüber bewusst, dass die Zeit nicht reif ist zur Veröffentlichung der Ergebnisse dieses Experimentes. Ein neues Zeitalter wird heraufziehen müssen, ein Zeitalter, das moralische oder ethische Bedenken nicht kennt und das mannhaft genug ist, der Wahrheit, in welcher Form sie sich auch präsentiert, ins Gesicht zu schauen. Trotzdem will ich meine Beweggründe und den Werdegang dieses Plans verdeutlichen, um das Experimentierfeld (die Rahmenbedingungen dieses Versuchs) zu verdeutlichen.

Das Abschluss Dokument werde ich in die Obhut jener Männer geben, die mich mit aller Kraft unterstützen und die mir versprachen, mit der Veröffentlichung der Ergebnisse zu warten, bis jenes neue Zeitalter angebrochen ist, dessen Gestalt wir bereits erahnen. Mag es auch eines unserer Kinder sein, das schließlich das Werk den Menschen zugänglich macht, meine Mission hat sich erfüllt. Ich bin fest davon überzeugt, dass mein Wagnis der Menschheit unendlich viel Leid ersparen wird.


Mein Name ist Walter Trughausen. Ich bin das dritte Kind eines brandenburgischen Pastors. Früh wurde ich konfrontiert mit der protestantischen Theologie. Vielleicht war das der Grund dafür, dass ich mich bereits in meinem sechzehnten Lebensjahr zu einer sehr kritischen Haltung gegenüber dem christlichen Glauben bewegte. Ich erkannte nur zu deutlich die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Bild, das mein Vater von sich zu vermitteln versuchte, und seiner tatsächlichen Art mit den Dingen umzugehen. Es schien mir, als wandele er seine Person je nach Belieben und je nach dem Umfeld in dem er sich bewegte. Zu Hause war er ein rechter Tyrann und von christlicher Nächstenliebe sind mir nur heftige Schläge im Gedächtnis geblieben. Trotzdem liebte ich meinen Vater und liebe ihn noch. Solche Widersprüchlichkeiten beobachtete ich mit der mir eigenen inneren Distanz. Niemals ließ ich mich von meinen Affekten und Gefühlen dazu verleiten, meinen Beobachtungsposten im Innern zu verlassen. Das prädestinierte mich schon früh zum Forscher, dessen Forschungsgebiet die menschliche Seele ist. Insbesondere meiner eigenen Seele lauschte ich so manche Unstimmigkeit ab, bis ich zu dem Schluss gelangte, dass Unwahrheit, Illusion, Selbstbetrug und Furcht das eigentliche Wesen eines jeden Menschen verdecken. Meine Mutter, eine sehr gütige Frau bäuerlicher Abstammung, die aufopferungsvoll die Familie versorgte und duldsam den Wutausbrüchen meines Vaters begegnete, gestand mir einmal, dass sie früh beschlossen habe, ihr Ich hinter die Pflicht der ehelichen Gemeinschaft zu beugen. Tatsächlich entdeckte ich in langen Gesprächen die Diskrepanz zwischen dem Begriff Mutter, den ich im Herzen trug und der wahren Person, die unter diesem Begriff verschwand. Je mehr ich diese erkannte, desto deutlicher spürte ich den Käfig aus Konventionen, in dem sie gefangen war. So sehr meine Mutter es begrüßte, sich mir zu öffnen, so eilig verlangte es sie dann aber doch nach der vertrauten Rolle, die sie zu spielen gewohnt war. Geradezu begeistert löste sie sich von mir und war wieder Mutter, Haushälterin, Ehefrau, mit anderen Worten also: ein  ihr eigentlich fremder Mensch. Solche Beobachtungen dehnte ich bald auf die übrige Familie aus. Da waren Onkel, Großonkel, Tanten, aber auch meine Geschwister, die, mit zunehmenden Alter, bereitwillig Meinungen über sich wie Kleider überzogen und ihre Dienste zu verrichten begannen, wobei sie vollständig aus den Augen verloren, was oder wer sie vormals gewesen waren. Diese offensichtliche Lüge, die alle Bereiche, in denen sich Menschen bewegten, wie ein dichter Schleier umschloss, stieß mich ab. Ich war Sohn, Pastorensohn, aber ich war auch noch etwas anderes. Ich spürte Schuldgefühle, wenn ich meinen „Pflichten“ nicht nachkam, in mir wachsen, bis ich beschloss, mich radikal dem „Guten“ zu verweigern. Ich wollte, ich musste Klarheit haben. Was in meinem Denken, in meinem Sein war denn nicht Gefallsucht, Maske, Wunsch mitspielen zu dürfen? Ich beschloss, einen radikalen Weg zu gehen, weil ich mich nicht mit vordergründigen Behauptungen zufrieden geben wollte. Ich selber geriet dabei in ernste seelische Probleme, als ich meine Unerbittlichkeit der Selbstbeobachtung, mittels einer neuen Methode, verschärfte. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich mich, auch wenn ich Bereitschaft zur Wahrheit in mir trug, unentwegt über mich selber belog. Ich kam zu dem Schluss, dass ich nur die „Meinung“ von mir, die ich am entschiedensten von mir schob, für MEINE Wahrheit zu halten hatte. Warum sonst hätte ich diesen „einen“ Gedanken über mich so entschieden verneinen sollen. Ich begann, mich unentwegt in Frage zu stellen, und beschloss jeden Verdacht gegen mich, der mich beunruhigte, für möglicherweise begründet zu halten. In Frage jedoch stellte ich die „Moral“, die diesen Verdacht erst bedrohlich machte, schließlich jede Moral überhaupt. 

Nun verursachte dieser Wille zur Selbstverdächtigung in meiner Seele, dass ich in der Lage war über mich wie über einen Fremden zu denken und zu reden. Ich war mir ein Forschungsobjekt unter vielen. Und doch spürte ich, während sich die moralischen Fesseln lösten, dass die Verführung mich gehen zu lassen, an nichts und niemanden mehr zu glauben, „böse“ zu werden, mit der Auflösung der Moral in mir wuchsen. Nun erkannte ich, dass in der Freiheit, in die mich meine Entwicklung geführt hatte, auch eine große Gefahr begründet lag. Da ich vorangeschritten! war, würde die Menschheit in Kürze zweifellos ebenfalls an diesen Punkt der Entwicklung gelangen.

Dass eine neue Welt entstand, schien sich deutlich abzuzeichnen. Die Regeln und Konventionen der Gesellschaften wankten und lösten sich auf. Die moralische Welt war in Bewegung geraten. Der Selbstbetrug allerdings war geblieben oder hatte sich noch verschärft. Ich vermutete, dass die Menschen jenes kommenden Zeitalters der Gefahr erliegen würden, sich, bei dem immer und überall unter Menschen vorherrschenden Bedürfnis zur Bequemlichkeit, mit der Aufdeckung und Auslebung ihrer selbstsüchtigsten und eitelsten Persönlichkeitsanteile zu begnügen, die vormals von der Moral eingedämmt worden waren. Ich befürchtete, dass sie sich darauf eine letzte Wahrheit, eine neue Norm und damit eine neue, schwieriger zu entdeckenden Moral schaffen würden.

„Wir sind frei!“, würde man denken und nicht verstehen, dass mit der Aufhebung der Moral noch gar nichts gewonnen ist.

Aus diesem neuen Selbstbetrug würde eine gefährliche Gleichgültigkeit gegen jenen verborgenen, immer noch unentdeckten Kontinent der individuellen Wahrheit resultieren und damit ein Absterben jeder Ehrfurcht vor und jedem Glauben an den Menschen.

Ach! Um die wirkliche Eigenheit zum Leuchten zu bringen, bedarf es eines gefahrvollen Weges der Loslösung von jeder! fremden Anforderung, von jedem Spiegel, von jedem DU SOLLST!

Wer, außer ganz besonderen Menschen, ist bereit, diesen schmerzhaften, diesen mutigen Weg zu gehen? Wer hat den Mut, immer wieder gegen Konvention und allgemeines Urteil, gegen eine fremde, zugeordnete ROLLE aufzubegehren? Wer hat den Mut, über das Akzeptierte hinauszusteigen und auf die eigene innerste Stimme zu hören, die ruft: „Dieses alles, was andere in mir sehen wollen, bin ich nicht!“

Ich hatte mein Elternhaus früh verlassen und war, zu Studienzwecken, in den Süden Deutschlands gezogen. Doch jede bürgerliche Karriere stieß mich ab. Ich hatte zu Schreiben begonnen und meine Texte fanden den einen oder anderen Bewunderer. Unter anderem war es ein Mann namens Schwarzberg, der zu einem glühenden Verfechter meiner Thesen wurde. Er war Mitglied einer Gruppe, die sich die Herren nannte. Ich war Ihnen bereits aufgefallen, und sie hatten nach mir gesucht. Das mag seltsam klingen, aber sie besitzen außergewöhnliche Fähigkeiten, und wenn es stimmt, was sie sagen, leben sie sozusagen außerhalb der Zeit. Nigromontanus war der Logenname des Mannes. Er lauschte mir und klärte mich darüber auf, dass es gefährliche Zeiten seien, in denen wir leben, Zeiten, die in Kürze einen noch viel schlimmeren Kurs einzuschlagen drohten, als ich vermutete. Meine Philosophie sei genau das, was sie suchten.

Da ich in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte und auf Geldspenden angewiesen war, gewährten sie mir finanzielle Mittel, die ich dankbar annahm. Das Schreiben hat mir auf Dauer nicht genügen können. Ich entwickelte einen Plan, der es mir ermöglichen sollte, meine Thesen in der Wirklichkeit zu überprüfen.

Nigromontanus und seine Kampfgefährten sind über jede Moral hinaus gewachsen. Was sind sie? Nun, es sind Menschen, die ein Geheimnis entdeckten, welches sie die große Schleife nennen. Es ist offenbar ein Weg, der es Menschen ermöglicht, ewig zu leben. Ich sei noch nicht bereit dazu, diesen Weg zu gehen. Der Mensch habe Möglichkeiten, die ihm nicht wirklich bewusst seien, und um die ihn selbst der Teufel beneidete. Sie wollten den Weg zu dieser letzten Wahrheit offen halten. Deshalb suchten sie nach Menschen wie mir. Es gebe nicht nur eine Zeit, nicht nur eine Wirklichkeit und es sei ihnen möglich eine ganze Insel zwischen den Welten und Zeiten in einer von anderen Menschen nicht zu erreichenden Zeitfalte, zu postieren. Sie berichteten mir von mächtigen Gegnern: Männern und Frauen, die daran arbeiten, dem Menschen Würde und Individualität zu nehmen. Sie könnten an ihrem Plan, die Menschheit zu kontrollieren nur dann gehindert werden, wenn es eine unangreifbare Bastion außerhalb der Zeit gäbe voller Menschen, die unerreichbar für Manipulation waren.  Es gelte sei bisher unmöglich gewesen, solche Menschen zu finden, doch mein Plan führe ja dazu, dass man solche Menschen erst heranziehe. Man müsse Kinder auf dieser Insel gemäß meinen Ideen erziehen. Als Erwachsene würden sie nur diese Regeln verinnerlicht haben. Man besitze dann unbeeinflussbare Adepten. 

Die Herren aktivierten ihre Netzwerke. Es gab unter diesen Anhängern junge Männer, die als Lehrer dienen konnten und junge Frauen, die die erste Erziehungsphase lenken würden, denn den Kindern durfte es an nichts fehlen. Ich wollte, dass sie am Ende meiner Erziehung geprägt sein sollten von tiefem Glauben an sich selbst. Es war eine pazifische Insel, die den seefahrenden Nationen noch unbekannt war. Sie wurde in Zeit und Raum verschoben und es wurde auf ihr dieses Schloss errichtet, das Verbindung zu einem geheimnisvollen Kraftquell hat, der in der Tiefe der Insel schlummert. Das Schloss selber ist unzerstörbar. Es wurde in einer eigenen Zeitfalte gesichert, die so schmal ist, dass man den Übergang kaum merkt.   

Ich suchte über Mittelsmänner in Deutschland, Russland und England nach Eltern, die bereit waren mit ihren Kindern zu dieser Insel zu kommen, um dort zu leben. In jenen Jahren verließen viele Menschen Europa, so dass es nicht weiter auffiel, als diese Menschen auf unserem Schiff, der Astonia, aufbrachen, um ihr Glück in einer neuen Welt zu suchen. 

Wir sorgten für eine komfortable Überfahrt, so dass alle optimistisch und glücklich hierher gelangten. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben wurden diese Menschen,  gut behandelt. Es mag sein, dass einige sich über meine Freigebigkeit wunderten, aber man hielt mich für einen Wohltäter. Der Kapitän, Heinrich, war ein alter Gefolgsmann der Herren. Er hat die Schleife nicht vollendet, aber er soll weit über hundert Jahre alt gewesen sein, ohne dass man es ihm ansah. 

Es ist den Herren möglich, Lebensläufe zu verlängern und Krankheiten zu heilen.

Heinrich erhielt die Aufgabe, uns regelmäßig Proviant und benötigtes Material zu bringen. Es gab viel zu tun. Die neuen Siedler schufen den Grundstock. Sie legten Felder an, pflanzten Bäume, bauten Ställe für die Tiere. Es war eine optimistische, fleißige Gemeinschaft. Mitten in den Aufbau hinein, musste ich erkennen, dass es doch bisweilen möglich war, ungewollt zu dieser Insel zu kommen. Ein arabischer Händler, der in Seenot geraten war, trieb, an ein Brett geklammert, in der Begleitung seines kleinen Sohnes in einen der Übergänge und erreichte die Insel. Der Junge hieß Mahoumed. Sein Vater war ein frommer Muslim. Er war etwas zu neugierig, so dass wir verursachten, dass er unvermittelt erkrankte und starb. Sein Sohn lebte dann eine Weile bei uns. Doch er hatte einfach zu viele Erinnerungen an sein früheres Leben, so dass etwas geschehen musste. Auch die Eltern der anderen Kinder waren nun im Wege. Wir hatten lange überlegt, was mit ihnen machen sollten. Ermorden wollten wir sie nicht gerade. Das war ein Gedanke, der uns allen fern lag, doch wir hatten ja die Möglichkeit sie in eine andere Zeitebene zu versetzen. Das geschah. Sie leben alle recht gut in ihren neuen Welten. Sie wissen zwar nicht, wo ihre Kinder sind, aber wir haben ihnen versichert, dass diese noch leben und bei uns in bester Obhut sind. Einige Familien bekamen in ihrer neuen Welt wieder Kinder. Es ist ihnen bis heute wohl unverständlich, was damals geschehen ist, und warum sie niemals zurück finden konnten. Den muslimischen Jungen nahm Heinrich mit und brachte ihn nach Surinam, wo er bei einem unserer Verbündeten lebte, ehe er von den Weißen entdeckt und entführt wurde. Es wird berichtet, er arbeite nun im Dienste unserer Feinde. 

Der eigentliche Gedanke meines Experimentes ist folgender: Was würde geschehen, wenn man Kinder, ohne den unvermeidbaren gesellschaftlichen Einfluss, einer ganz neuen Wertigkeit aussetzt. Würde nicht, wenn sie von Anfang an lernten, das, was sie oberflächlich waren, als unvollkommen zu sehen, ohne dass sie es wegen irgendeiner Moral verleugneten, schließlich ein tieferes, klareres Ich zum Vorschein kommen? Dass das, was sie in sich fühlten, nicht ihre letzte Wahrheit ist, würde ihnen selbstverständlich sein. Sie sollten ihre edelsten Anteile erkennen. Sie würden nach oben, zu ihrer höchsten Individualität streben. 

Jedes meiner Kinder musste seinen intakten Menschen selber finden und entwickeln. Das Unzulängliche, Triebhafte ihres Wesens immer vor Augen, sollten sie diesen Menschen selber entdecken.

Ich gebe zu, dass ich damit in die Nähe religiöser Werte komme, allerdings bitte ich zu bedenken, dass nicht Ewigkeit für die „Seelen“ der Kinder mein Ziel war, sondern Menschen, die niemals innehalten, in ihrem Werden. - 

Ich nannte mich Milton und schuf für die Kinder die Instanz „Herren“, eine Art Gottheit, die den Fortgang der Entwicklung beobachtete. Die echten Herren bekamen sie hingegen nie zu Gesicht. Diese Schein-Herren, - ein ebenso leerer Begriff wie Gott, Vater, Mutter, Herrscher, König, Vaterland usw. - sind eine moralische Instanz, doch schien sie mir bedrohlich und fern genug, jene starke Triebfeder zu schaffen, die einzig den Menschen unentwegt nach oben zwingt. 

So wuchsen die Kinder heran, und ich beobachtete und protokollierte ihre Entwicklung.

Bald schon bestätigte sich mir, dass Eigenheit angeboren und nicht vermittelt ist. Obwohl die Kinder allesamt den gleichen Rahmenbedingungen ausgeliefert waren, entwickelten sie sich äußerst unterschiedlich. Die einen wurden zu Anführern, die anderen zu Philosophen, viele zu Mitläufern. Ich schweißte sie durch das Band eines Zieles zusammen. Sie sollten höhere Menschen werden, um dann zu den anderen Menschen zurückzukehren. 

Niemals kamen Fragen nach den Eltern. Mein System funktionierte so perfekt, dass es ihnen alles war: Vater, Mutter, Staat, und doch verformte ich sie nicht. Ich förderte sie immer nur nach ihren Fähigkeiten. Ich liebte meine Kinder. Ich liebte jedes einzelne von ihnen. Sie gehörten in einer sehr intensiven Art und Weise zu mir. Ich ahne, wie das moralische Bewusstseins des Lesers erschauern wird bei meiner Erzählung, aber habe ich den Kindern nicht etwas Unschätzbares gegeben? Sie durften erkennen, was sie sind, sie durften es leben, ohne dass sie in Gefahr waren, sich vor dem Druck entwickelter, vererbter, behaupteter, gesellschaftlicher Normen beugen zu müssen. Das hat außergewöhnliche Menschen geschaffen. Ich habe außergewöhnliche Menschen geschaffen, und doch war ich nur ein Mittel, niemals ein Erzieher. Ich stand im Dienste der Wahrheit. 

Wem das zu pathetisch klingt, dem gebe ich Recht. Es ist pathetisch, aber ich hoffe, man verübelt mir ein wenig Begeisterung nicht, denn ich habe diesem Plan mein ganzes Leben verpfändet.

Und noch etwas möchte ich anmerken. In der bürgerlichen Welt, die über mein Tun zweifellos die Nase rümpfen wird, ist es alltäglich, dass Menschen unbeachtet in Abgründen verschwinden. Wo das Mäntelchen des Gewohnten und Akzeptierten darüber gedeckt werden kann, werden unvorstellbare Grausamkeiten geduldet und gefördert. Der Nachbar, der seine Wohnung verliert, weil er trinkt, hat im gleichen Augenblick auch jedes Recht auf Freundschaft verloren. Der „gute“ Mensch überlässt ihn mit einem Achselzucken dem Straßendreck. Wer strauchelt, wer die Maske nicht halten kann, wer vergisst, die ihm zugedachte Rolle zu spielen, ist verloren. Dass ich Menschen von ihren Kindern getrennt haben, um einen Plan durchzusetzen, mag fragwürdig erscheinen, vielleicht hält man mich für teuflisch, und doch trage ich die Konsequenzen meines Handelns, schaue ihnen ruhig entgegen. Ich konnte ihnen dieses Leben nicht auf Dauer lassen. Großes stand auf dem Spiel. Aber ihre Kinder habe ich heranreifen lassen; ohne Zukunftsangst, ohne Erniedrigung, ohne Verhöhnung durch bürgerliche Regeln, die Menschen wie ihnen, „Menschen zweiter Klasse“, doch immer nur geschadet hätten. Ich bin vollständig im Reinen mit mir. Man mag es glauben oder nicht: Kein Bedauern, kein Mitleid, das doch nur Selbstmitleid wäre. Ich habe gehandelt wie ich handeln musste. 

Es folgten unzählige Seiten psychologischer Studien: Dokumenten unserer Entwicklung. Milton hatte ganze Arbeit geleistet.

Joseph erfuhr, dass seine Eltern in Köln, einer deutschen Stadt, gelebt hatten und in großer Armut lebten. Er hatte drei Geschwister, von denen zwei auf der Überfahrt gestorben waren. Ein Bruder sollte noch in Deutschland leben. Milton schrieb, dass er und die Herren die Kandidaten der Reise persönlich besuchten und ihnen den Vorschlag auszureisen unterbreiteten.

Da Joseph ihn kannte, hatte er keinen Zweifel an seinen Worten.

Seinen Eltern begegnete er unter einer Brücke. Milton setzte sich zu ihnen und machte sein Angebot. Sein Vater muss ihm weinend um den Hals gefallen sein. Er und seine Frau waren in großer Sorge darüber, dass Joseph und seine Geschwister verhungern oder erfrieren würden. Es war wohl Winter und äußerst kalt. Nachdem sie eingewilligt hatten, nahm Milton sie mit in ein Gasthaus, gab ihnen Kleider und Geld und ließ sie zwei Wochen später nach Hamburg kommen. Man kann sich denken, dass sie keine Sekunde zögerten, dieses Angebot anzunehmen. Milton erwähnte, dass in jenem Winter in Köln hundertzwanzig Obdachlose, Menschen die wie meine Eltern kein Zimmer hatten, erfroren. Das klingt unglaublich.

Schlimmer jedoch war es Peters Eltern ergangen. Sein Vater hatte im Streit eine Wache erschlagen und war im Gefängnis geendet. Milton erklärte den Fall sehr ausführlich.   - Hat Milton es auch für seine Zöglinge erklärt? -

Demnach hatte er eine Meinung geäußert, die man in diesem Land nicht haben durfte. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und fand nie mehr den Weg zurück in ein normales Leben. 

Joseph las die ganze Nacht hindurch. Diese Welt, die Milton beschrieb, war  niedrig und verkommen. Es gab dort Käuflichkeit, Anmaßung, Größenwahn und Gier. Es wurde wirklich nichts ausgelassen. Ein elender Sumpf, der keine hohen Ziele erkannte oder zuließ. Diese Welt bedurfte offenbar wirklich Menschen, die edle Werte in sich trugen. Geld war der einzige Maßstab für gut und böse. Die Armen waren ebenso verkommen, verlogen und käuflich wie die Reichen. Wie edel und gut waren dagegen alle Bewohner dieser Enklave, am Rande der Welt. Es gab diese Niedrigkeit nicht. Man achtete sich gegenseitig, weil man sich selbst achtete. Und jeder war stolz, auf das, was er sich erarbeitet hatte. Lag das alles an Milton? Milton hatte sie geführt und bestärkt. War er nun ein Ungeheuer oder ein Retter?

Er las weiter in diesem Dokument, das wie eine wissenschaftliche Abhandlung verfasst war. Es war ja wohl auch so etwas wie ein Experiment, das sie zu dem gemacht hatte, was sie nun waren.

Peters Mutter war mit ihren Kindern allein. Ihr Mann hatte sie verlassen. Sie war zu dem Zeitpunkt, als Milton sie aufsuchte, ziemlich weit unten. Sie arbeitete unregelmäßig und sie war eine Trinkerin. Vielleicht kam dieses Elend von der Abwesenheit ihres Mannes, der sich wohl mit einer jüngeren Frau herum trieb und offenbar keine Lust mehr auf Verantwortung hatte. Peters Mutter war schnell dazu bereit, auf Miltons Angebot einzugehen. Sie und ihre beiden jüngeren Söhne sollten mit zur Insel kommen. Der älteste Bruder Peters war zu diesem Zeitpunkt schon achtzehn Jahre alt. Er begleitete seine Mutter, musste aber, auf der Insel angelangt, ebenso in die Verbannung wie die anderen Erwachsenen. Paul war der Sohn eines nach Miltons Einschätzung abstoßenden Mannes, der im kriminellen Milieu einen Namen hatte. Die Mutter war Prostituierte. Milton kaufte Paul für einen nicht genannten Betrag. Weder Vater noch Mutter zeigten eine Gefühlsregung, als der kleine Paul übergeben wurde. Miltons Interesse galt in der Regel dem Fortbestehen der bei den Eltern beobachteten Charakterzüge in den Kindern. Er wollte sehen, ob sich wertvolle Eigenschaften, unter den richtigen Bedingungen, auch bei Kindern charakterschwacher Eltern entwickelten. Über Paul gab es seitenlange Studien. Ja. Er habe Ansätze von aggressivem, asozialem Verhalten gezeigt, aber nachdem es gelungen sei, diese Energien zu kanalisieren, und Stolz auf eigene Leistung in ihm zu erzeugen, sei er immer lenkbarer geworden. Joseph hätte diese Entwicklung bestätigen können, wenn es nicht geradezu widerwärtig gewesen wäre, sich Paul, der ja ein Freund war, als Studienobjekt Miltons vorzustellen. Er mochte Paul, seine Widerspenstigkeit, seine Kraft und Zuverlässigkeit. Es stimmte schon, er konnte sich noch schwach daran erinnern, dass Paul eine Weile unangenehm aufgefallen war. Aber das war lange her. Die nächsten Seiten beschäftigten sich mit Dolores. Sofort fühlte er Sehnsucht. Wo mochte sie jetzt sein? War sie gut zurück gekehrt zu den anderen. Er hoffte, dass ihr nichts geschehen war.

Dolores war in einer begüterten Familie aufgewachsen. Man war eingeweiht und zählte zu den Unterstützern der Herren. Es waren vornehme, gebildete Menschen, die Dolores in Miltons Obhut gaben, weil sie daran glaubten, dass Milton ihr tatsächlich zu all den Eigenschaften verhelfen konnte, die die Eltern in ihr vermuteten. Sie erhofften sich für Dolores, dass sie von den Herren in die große Schleife geführt würde. Lindas Eltern hingegen waren Fabrikarbeiter. Sie besaßen wenig Geld, waren aber durchaus stolze Menschen, die sich vor niemandem beugten. Sie überlegten nicht lange und nahmen Miltons Angebot an. Auf der Insel angekommen waren sie die fleißigsten Handwerker, die man sich denken kann. So reihte sich eine Geschichte an die andere und präsentierte das Bild einer bisher verborgenen Welt, in der Menschen, die irgendwo in einem fremden Universum lebten, das man aber nie zu Gesicht bekommen würde, jetzt eben vielleicht an ihre zurückgelassenen Kinder dachten.

Je mehr er darüber nachdachte, desto ungeheuerlicher erschien ihm alles. Milton hatte sie all die Jahre betrogen. Alle seine Belehrungen waren in der Absicht gegeben worden, seinen Plan umzusetzen. Selbst das Schloss und die Insel waren nur eine Fassade einer völlig anderen Wirklichkeit. 

Er besaß also Eltern und Geschwister. Nun ja. Er hatte hier viele Geschwister oder sollte er besser sagen, Mitgefangene. Sie waren bisher seine Familie gewesen. Er fühlte dass die Wut in ihm aufstieg. Was für ein Betrug.   Dieses gigantische Spinnennetz, das er plötzlich erkannte, raubte ihm fast den Atem.

Milton hatte viele Belege zusammengetragen, die bewiesen, dass die Welt, aus der die Kinder stammten eine Hölle gewesen war, aber die Umsetzung seines Planes hatte die Hölle erst vollkommen gemacht, oder hatte er in Wahrheit einen Himmel geschaffen? Es kam Joseph fast unvorstellbar vor, dass sich ein Mensch eine solche Machtvollkommenheit zusprach. Milton war für sie alle so etwas wie ein „Vater“ gewesen, aber er war auch der größte Abgrund, den man sich vorstellen konnte.


Er las und las und weinte unzählige Tränen. Milton schrieb so klar, so distanziert, so selbstherrlich. Wusste er nicht, was er angerichtet hatte? Konnte er nicht sehen, dass er fremde Seelen auf einen Papierpfad geführt hatte, in eine Scheinwirklichkeit, und dass er seine Geschöpfe damit in gewisser Hinsicht vernichtet hatte? Mit ihm würden sie leben und sterben. So hatte er es sich wohl gedacht. Hatte er wirklich etwas Positives für seine Zöglinge gewollt? Er konnte es nicht mehr glauben.

Wer war er? Was in ihm hatte Bestand? 

Sein Name war Josef Küppers. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, der Sohn von Karoline und Klaus Küppers. Er hatte Geschwister. Er war das Kind deutscher Eltern, die eventuell immer noch um ihn trauerten. Er war von einem größenwahnsinnigen Schriftsteller und Philosophen entführt worden, der an einem Experiment arbeitete. Er wuchs mit vielen anderen Entführungsopfern zusammen in einer Welt, die einem kranken Hirn entsprungen war. Sein Name war Josef Küppers. Er war Deutscher. Er hatte auf dieser Insel Wissen und Fähigkeiten gelernt, die er in Deutschland niemals gelernt hätte.  Er war Philosoph und Schriftsteller mit guter Ausbildung. Sein Ziehvater Milton hieß in Wahrheit Walter Trughausen. 

Milton schrieb:

Josef ist eine sehr erfreuliche Person. Er hat großes Potential. Wer hätte jemals geglaubt, dass einfachen Menschen solche Kinder gelingen. Ich habe sein Talent früh gefördert. Er ist ein Außenseiter, wie es alle großen Begabungen sind und sein müssen. Die anderen mögen ihn nicht, hacken aber auch nicht auf ihm herum, wie man es so oft erlebt hat bei Außenseitern.

Dadurch, dass ich die Kinder nach ihren Fähigkeiten fördere, entsteht kein Neid. Einschränkend muss ich allerdings hinzufügen, dass Josef keine Möglichkeit hat, mit seinen Texten zu glänzen. Da der Maßstab fehlt, fehlt also die Eitelkeit. - Aber so wollte ich es. Jede Eigenheit sollte sich entwickeln dürfen. Das Band meiner Regeln sollte diese Eigenheiten zusammenbinden. -

Ich weiß, dass sein „Fremd Sein Unter Den Anderen“ Josef schmerzt, wie es noch jede große Begabung geschmerzt hat. Ohne Schmerz wird es keine Entwicklung geben. Dass er etwas Besonderes ist, bemerkte ich schon früh. Er war stiller als die anderen, ängstlicher, scheuer. Ich fühlte mich sehr zu diesem Kind hingezogen. Vielleicht weil ich ähnlicher Natur bin. Ich beschloss, seine Texte auszuwerten. Es ist äußerst interessant, dass sich dort Dinge artikulieren, die er nicht wissen kann, von denen er niemals gehört hat. Ich denke, dass in ihm ganz deutlich wird, dass im Menschen verschiedenartige Kräfte um die Dominanz ringen. Was sich schließlich durchsetzen wird, ist höchst interessant. Ich begeistere mich an ihm, seiner Zurückgezogenheit, seiner Empfindsamkeit, seiner Zerrissenheit. Das alles ist Typus. Es ist nicht anerzogen. Man betrachte nur Peter im Vergleich. Ich habe Peter niemals herausgehoben. Ich habe allerdings auch nicht verhindert, dass seine Führungskünste zum Durchbruch kommen. Er ist geborener Führer. Pragmatisch, klug, aber nicht genial; vermittelnd aber bestimmt. Er war das schon mit vier Jahren. Das klingt absurd, aber einem Menschen wie mir, der seelische Gestalten erahnt, der auf kleinste Nuancen der Wesensäußerung reagiert, wurde schnell deutlich, wer dort heranwuchs. Tatsächlich verstärkten sich diese Eigenschaften mit den Jahren, und plötzlich war der natürliche Führer da; der Mensch also, der, ohne Herrschsucht oder Grausamkeit, von allen anderen Menschen in der Umgebung als Leittier angenommen wird, weil er, ohne sich darum zu bemühen, Übersicht und Autorität besitzt. Er kämpfte nicht darum. Er wurde, was er werden (wollte)?

Auch die Beobachtung der Frauen ist interessant. Hier, wo keine gesellschaftliche Norm sie verformt, sind sie zu echten Persönlichkeiten geworden. Das Weib in ihnen ist zwar klar zu erkennen: sie sind zänkischer, rechthaberischer, in geistigen Dingen oberflächlicher als die Männer. Sie sind aber auch komplexe, vielschichtige Wesen geworden, mit ausgeprägten Eigenarten unter denen Gewalttätigkeit nichts Fremdes ist. Angelina zum Beispiel ist körperlich dominant und versäumt es nie, sich mittels ihrer Kraft durchzusetzen. Man kann sagen, dass das gewohnt Hinterhältige der Weiber fehlt. In dieser Gruppe haben es die Frauen nicht nötig, sich mit Tücke durchzusetzen. Sie sagen ganz offen, was sie fühlen, was sie wollen. Ich glaube, mir sind die ersten Frauen gelungen, die Persönlichkeit haben, ohne in ihren Rollen zu verschwinden. Man kann auch beobachten, dass sie sich niemals dem Stärksten an den Hals werfen, was in Europa ja einziger Ausdruck weiblichen Machtwillens ist. Hierarchien im gemeinen Sinne gibt es zwischen meinen Kindern gar nicht. Jede Eigenart ist gleich wertvoll, also finden sich immer die rechten Eigenarten zueinander. Josef hat ebenso seine Verehrerin, wie auch der kleine Johannes. Allerdings hat Peter die größten Chancen bei den Frauen, das aber ist sicher ein Ausdruck seiner harmonischen Natur. Mit dem Heranwachsen der Eigenheit scheint die weibliche Neigung zur Hysterie nachgelassen zu haben. Meine Mädchen sind wenig hysterisch. Man weiß allerdings nicht, wie sie reagieren würden, wenn es zum Ausbruch der Sexualität kommen sollte.

Bewusst habe ich Sexualität unter negative Vorzeichen gesetzt. Ich kenne die Sprengkraft, die von sexuellem Besitz ausgeht. Noch habe ich kaum einmal eine besorgniserregende Eifersucht bemerkt. Wo sie auftrat, hielt ich denjenigen an, sich durch Selbstbesinnung zu „reinigen“. Natürlich haben die Kinder Zärtlichkeit ausgetauscht. Das war auch notwendig. Sie sollten, wenn auch in Maßen und kontrolliert, körperliche Zuneigung erfahren. Richtigen Beischlaf aber hat es, soweit ich weiß, bis heute nicht gegeben. Ich musste dort psychologische Sperren einbauen, auch, weil ich kein Interesse daran habe Nachwuchs zu bekommen. Dass es möglich war, diesen elementaren Trieb zur Sexualität so lange zu unterdrücken, beweist die große Kraft einer eingesehenen Norm. Ist eine Entwicklungsrichtung vorgegeben, so ist die Kraft der Sinnlichkeit sogar der Motor des geistigen Wachstums. Trotzdem wird eine Zeit kommen, wo der Sexualtrieb zugelassen werden muss. Ist aber die geistige Ausrichtung gelungen, kann er nicht mehr seine zersetzende Kraft entfalten. Er wird dann als eine Äußerung der eigenen Person angesehen werden. Den Beweis dieser Behauptung bin ich bis jetzt zwar schuldig geblieben, doch sehe ich bei mir, dass die Hündin Sinnlichkeit an Bedeutung verliert, wenn man ein gewisses Stadium der menschlichen Entwicklung erreicht hat. Ich hatte in meiner Jugend eine recht wilde Zeit, die ich in Bordellen auslebte, doch im Zuge meiner Reifung verlor sich das Interesse am sexuellen Kontakt. Spüre ich solche Regungen aufkommen, so bin ich ganz pragmatisch in der Handhabungen von Praktiken, diese schnell abzubauen.

Bemerkenswert ist also, dass mit den verschwundenen bürgerlichen Normen, Eigenheit entstehen konnte, gezähmt vom Band meiner Grenzen. Es wird der Zeitpunkt kommen, wo die Kinder reif zur Freiheit sein werden. Dann muss sich beweisen, was von dem Geschaffenen bleibt und was nicht.

Die Herren geht es allein darum, DASS in dieser Welt etwas existiert, das nicht angegriffen werden kann. In vielen Welten brechen die Dämme. Menschen verlieren den Glauben an das, was sie sind. Es sind Welten bekannt, in denen es den „Weißkutten“ gelungen ist, die Menschen glauben zu lassen, es gebe mehr als zwei Geschlechter. Hier geht die Entwicklung anders herum. Das Eigene gewinnt an Kraft. Meine Schüler entwickeln sich, gerade WEIL sie an meine Ordnung glauben. Wenn die Ordnungen fallen, werden die Fähigkeiten der Menschen fallen. Wer sieht, wie die Menschlichkeit wächst, wenn Menschen in Ruhe entdecken können, was sie sind, wenn sie lernen in der Betrachtung von Dingen oder Ideen den richtigen Maßstab anzulegen, der wird völlig immun gegen das Gift der Moderne.

Ich habe hier eine Welt geschaffen, die wirkliche Menschen bewohnen. Das ist etwas, das mich stolz macht.

Joseph spürte in seinen Texten wirkliches Interesse an ihnen allen. Wie aber hatte er sie geliebt? Als Versuchsobjekte? Meinte er wirklich ihre Eigenheiten? Wenn alles, was er gelehrt hatte unter dem Vorzeichen des Betrugs stand, war dann nicht alles woran sie glaubten ein gigantischer, sinnloser Betrug? War dann das, was sie jetzt waren die Folge dieses Betruges oder etwas Eigenes, das immer schon da war und das werden wollte, und dem Milton, wie er behauptet, erst den Raum verschafft hatte?

Dieser Stunde des Lesens, die ihn in Abgründe führte, folgte eine große, innere Leere. 

Das Gelesene wirkte auf ihn mit verwirrender Macht. In der Tiefe seines Bewusstseins stellten sich immer neue Fragen. Wie sollte er mit Milton umgehen. War es ihm möglich, Milton zu sagen, was er nun wusste? Wie würde Milton drauf reagieren? Würde er nicht befürchten müssen, dass seine Zöglinge sich geschlossen gegen ihn erhoben, wenn sie die Wahrheit erfuhren? Mercator und Gregorius waren noch auf der Insel. Es war also wahrscheinlich, dass Milton versuchen würde, ihn zum Schweigen zu bringen. Und was war mit diesen ominösen Herren? Unbekannte, fremdartige Geschöpfe aus einer Wirklichkeit, die er sich nicht einmal vorstellen konnte. Mit der Instanz der „Herren“, als Miltons unsichtbare Begleiter, war es zwar vorbei, dafür musste er sie jetzt als reale Größen mit einkalkulieren. Wie würden so seltsame, mächtige Wesen auf ihn reagieren? Es war unheimlich, sich diese neuen Bedingungen vorzustellen, zumal er sich offenbar mitten in deren Machtbereich befand. 

Am besten würde es sein, diesen Ort zu verlassen.

Er legte das Tagebuch zur Seite und wendete sich zum Gehen.

In diesem Moment hatte er den Eindruck, jemand sitze in einem der Sessel am Kopfende des Tisches und schaue zu ihm herüber. Tatsächlich erkannte er nun einen großen, schlanken Mann, der sich langsam erhob. Sein Herz begann wild zu schlagen. Er spürte, dass ihm schwindelig wurde. Milton! Er war es. Er stand dort und blickte Joseph aus vertrauten, durchdringend blauen Augen an.

„Hallo Joseph.“ 

Joseph taumelte. Am liebsten wäre er weggerannt. Aber er musste in jedem Fall an Milton vorbei, der überhaupt nicht überrascht zu sein schien.

„Nun hast Du ja alles erfahren. Wie ich sehe. Ich bin übrigens nicht alleine gekommen.“

Joseph sah nun die beiden Männer im Hintergrund, die gar nicht besonders auffällig wirkten. Sie hatten graues, gepflegtes Haar und waren unauffällig gekleidet. Sie setzten sich an den Tisch und drehten den Lampendocht etwas heraus, so dass es heller wurde. Milton sah aus wie immer. Auch er setzte sich wieder hin. Joseph stand nun wie ein Angeklagter vor den dreien, die ihn mit einer Handbewegung aufforderten, sich ihnen gegenüber zu setzen.

Die drei Männer mochten unauffällig aussehen, aber sie waren gefährlich.

„Hallo Joseph. Du bist nicht zufällig hier. Du wurdest hierher gelockt, um Unfrieden unter uns zu stiften. Dafür kannst Du nichts, und deshalb macht Dir auch niemand einen Vorwurf. Es ist aber nicht ganz in unserem Sinne, dass Du eingeweiht bist. Das kannst Du Dir sicher denken“, sagte Milton. „Nun, wo du alles weißt, erwarten unsere Gegner, dass du mich ablehnst oder sogar hasst. Ist es so, oder hast du verstanden, warum ich so handeln musste?“

Alles in Joseph sträubte sich dagegen, mit dem Mann zu sprechen, dessen Abgründe nun aufgedeckt waren. Er wollte schweigen, doch sein Verstand begann, wie auf Kommando, auf Miltons Worte zu reagieren.

„Ich weiß es nicht...“, hörte er sich stammeln. Wie kann das richtig gewesen sein? Ich bin sicher der Falsche, wenn es darum geht, Verständnis zu finden.“

„Du enttäuschst mich“, sagte Milton kopfschüttelnd. 

„Wie hätten wir denn anders handeln können, Josef. Die Welt brennt! Die große Welt und auch die kleine Welt hier unten!“ Er wies auf den Boden. „Was meinst Du, was ein Menschenleben im Inferno zählt. Jetzt schon wetzen sie die Krallen gegen Euch. Was werden sie tun? Sich mit Euch versöhnen? Es geht Ihnen nicht um Euch, um diesen Witz einer Gruppe auf einer kleinen Insel? Es geht Ihnen darum, ein letztes Machthindernis zu beseitigen, deswegen sind sie hier. Die Welten sind nicht besser dran. In vielen Welten zerfallen die Ordnungen, Kräfte der Finsternis rüsten zum Krieg. Niemand glaubt. Niemand hofft. Niemand strebt zur Wahrheit. Sie gieren alle nach Macht, Geld und Einfluss. Sie scheren sich einen Dreck um das eigentliche Ziel des Lebens. Und, in ihren Augen zu Recht! Was ist ein isoliertes Leben in Unwissenheit schon wert, wenn sich niemand findet, es zu leiten und zu formen. Der Mensch lebt, frisst, säuft, zeugt Kinder und stirbt. Er wird degradiert zum Produzenten und Konsumenten, zum subatomaren Teilchen in den Weiten der Hoffnungslosigkeit. Aber die wahre Natur jedes einzelnen Menschen ist kein Misthaufen. Sie kann zur Vollendung führen, die nur uns Menschen, nie aber dem Dämon, möglich ist. Wer den Sumpf erkennt, in den dieser Dämon uns locken will, wird Wege suchen müssen, ihn auszutrocknen. Was werden die einfachen, gierigen Menschen tun, wenn sie ihre Götter nicht mehr fürchten? Und Du glaubst, sagen zu dürfen: Nicht so!? Wie denn? Das frage ich Dich. Irgendein Mensch muss versuchen, eine Rettung für uns alle zu finden. Was bedeutet schon das Leben irgendwelcher kleiner Menschen, Euer Leben, das Eurer Eltern? Auch mein Leben hat keine Bedeutung. Ich stehe im Dienst. Weißt Du, was das bedeutet? Das Leben selber sucht nach einem Ausweg!“ 

Ich habe euch ermöglicht, was Generationen von Menschen verwehrt blieb: sich selber anzunehmen! Es ist aber eine Krise eingetreten. Der Gegner hat auf der Insel einen Stützpunkt errichtet und zwei seiner gefährlichsten Offiziere hier postiert. Ich brauche Dich jetzt und Deine Vernunft“.

Joseph verstand, dass Milton um ihn warb. Es gab also den bösen Gregorius und diesen Mercator und noch andere finstere Gestalten. Vorerst sah er aber nur einen Menschen vor sich, der selber ein Ungeheuer war. Wie viele Jahre hatte er gelogen und getäuscht und sein Spiel gespielt. Er hatte nun keinen Zweifel mehr daran, dass der arme Seemann der Merci von Milton höchstpersönlich getötet worden war. Dieser MORD diente sicher höheren Zwecken. Er schaute zu den Herren herüber, die ihn ruhig und wissend betrachteten, als seien sie in der Lage, seine inneren Kämpfe zu lesen. Aber sie sagten nichts. Sie verteidigten nichts. Sie wirkten bei näherem Hinsehen uralt, nicht menschlich. Ungeheuer auch sie. Er machte sich keine Illusionen. Sie mussten ihn beseitigen. Hier wurde ja um Welten gepokert. Er wusste nicht, wer jetzt wirklich der Böse war. Ein Schachspiel das Ganze. Es war ihm unangenehm, dass Milton ihn um Hilfe bat. 

Er blickte den entzauberten Milton an, dessen Gesicht von innerem Fieber glühte. Seinen Augen entströmte eine wilde Kraft, Mut, Entschlossenheit, der Wille, diesen schmutzigen Strom kleiner Emotionen, den er in Joseph vermutete, einzudämmen.

Was dachte er, wer er war? Ein Gott? 

Er sagte nichts, er schaute nur tief in die Augen des Walter Trughausen, die alles Menschliche verloren hatten. Er beobachte dieses Gesicht, die feinen Linien, die sich bei jedem Satz bewegten wie Teile einer mechanischen Spieluhr. Diese Augen lebten nicht. Trotz der Aura von Macht, die ihnen entströmte. Diese Augen waren kalt, und er ahnte, dass es Trughausen gefreut hätte, das zu hören.

„Du bist doch intelligent genug, schnell wieder vernünftig zu werden, denke ich.“

Milton nickte den beiden älteren Herren zu, die sich erhoben und Joseph in ihre Mitte nahmen.

„Wir werden Dich jetzt noch tiefer einweihen“, sagte er. „Wir haben erfahren, dass Peter Vorbereitungen getroffen hat, das Schloss auf eigene Faust zurück zu erobern. Das kann nicht geduldet werden. Du wirst von Irinäus und Eckhard in das heilige Zentrum geführt. Du hast nur einen Teil der Wahrheit gehört. Die ganze Wahrheit wird Dich sicher etwas verwirren: Wir wollten, dass Mahoumed das Schloss besetzt, deswegen haben wir es vor Euch verschlossen. Gefährlich war und sind in erster Mercator und Gregorius und ihre Matrosen. Es gibt mehrere Männer unter den Muslimen, die leicht zum Aufruhr anzustiften sind. Der Luxus, den das Schloss bietet, gibt ihnen die Ruhe und die Zeit ihre Konflikte zu erkennen. Es gibt diese Konflikte und wir werden sie ausnützen. Es darf aber vorher kein Angriff von unserer Seite aus erfolgen. Wenn Peter einen Angriff startete, würden Sie sich zusammen schließen und ihren Zwist aufschieben. 

Gregorius und Mercator machten es ähnlich. Sie wollten, dass unsere Gruppe uneins ist. Du warst ihre Waffe, aber es gibt auch Sabine und Ihre Freunde, die bereits jetzt mit einer Flucht von der Insel liebäugeln. Die Matrosen wurden von den beiden Kapitänen dazu angehalten, freundlichen Kontakt zu euch zu pflegen. Ich werde also gebraucht. Auch den Hass zwischen den Matrosen und den Muslimen kann man leicht entfachen. Man wird sehen, welche Taktik aufgeht. 

Du kannst jetzt nicht zu den anderen zurück. Das musst Du verstehen.“





Das Wiedersehen mit Ted


Sie gingen bergauf zum Zentrum der Insel und passierten dabei die Felsbarriere, durch die Joseph in diesen Gang gelangt war, als sei sie nicht vorhanden, schließlich erreichten sie eine Höhle von gewaltigen Ausmaßen. Dort steuerten sie zielstrebig auf ein Gebäude zu, in dem ein scheinbar steinalter Mann in Begleitung eines gut gekleideten Europäers wartete, der außergewöhnlich freundlich wirkte. Man bot Joseph einen Stuhl an. „Joseph?“, nicht war, sagte der junge Mann. „Ich bin Thomas. Ich habe von hier aus verfolgen können, wie Mercator Dich in diese Falle lockte. Er wies auf leuchtende Scheiben, auf denen man die Gänge zum Schloss beobachten konnte. Verzeih, dass wir nicht eingegriffen haben, aber dieser Mercator war einfach zu plump. Seine Pläne zu durchkreuzen ist sicher auch in Deinem Sinne.“ 

Josef schüttelte den Kopf und erwiderte abwehrend: „ Ich bin nur ein einfacher Bewohner dieser Insel, der nicht einmal ahnte, dass etwas hier nicht stimmen könnte. Ich weiß nichts von diesem Mercator oder seinen Verbündeten, und ich wusste bis eben auch nicht, dass wir die ganze Zeit beobachtet wurden.“ 

„Im Grunde wusstest Du das schon“, sagte Milton, der sich eben anschickte, zu gehen. „Ich habe es Euch gesagt. ihr habt es nur nie geglaubt.“ 

Josef lächelte ein bitteres Lächeln und schaute Milton hinterher, der, den anderen zunickte und nach draußen eilte. Auf einem der glänzenden Scheiben konnte man ihm hinterhersehen, wie er in einem der Gänge verschwand, die in die Bergfestung führten. 

„Ich kann mir denken, dass Du etwas verwirrt bist“, sagte Thomas Hoffmann, „Ich wurde auch erst spät eingeweiht und war überrascht, als ich die Wahrheit erkannte“. Er lächelte dem alten Mann zu, der sich Nigromontanus nannte. Der verabschiedete sich gerade von Eckhard und Irinäus, die wie Gespenster verschwanden. 

„Immer wieder überraschend“, sagte Thomas und blickte zu dem Ort, an dem die beiden eben noch gestanden hatten. 

„Wie ist das möglich?“, murmelte Josef. 

„Das ist jedem Menschen möglich“, sagte Nigromontanus. „Das Staunen müssen wir alle lernen.“ 

„Was seid ihr? Seid ihr Götter?“ 

„Wir sind ebenso Menschen wie Du. Anstatt Dich über uns zu wundern, solltest Du Dich lieber fragen, warum Dir das Gleiche noch nicht möglich ist.“

„Er ist manchmal etwas sarkastisch“, sagte Thomas und lächelte Joseph zu. „Was er meint ist, dass es zu unseren Möglichkeiten gehört, ewig zu leben und alles zu sein. Das klingt überraschend und mir ist das auch noch nicht gelungen, aber sie sind der Beweis.“ 

Nigromontanus setzte sich Josef gegenüber und sah ihm tief in die Augen. 

„Du wirst diesen Ort und diese Zeitebene verlassen müssen, auch, wenn Du das jetzt grausam findest. Welten und Orte sind keine absoluten Wirklichkeiten. Du bist also nicht auf ewig verloren gegangen. Deine Freunde mögen Dich vermissen, aber es ist wahrscheinlich, dass Dich Dein innerstes Wollen wieder mit ihnen vereint. Also sei uns nicht böse. Das Spiel, das wir hier spielen, mag Dir grausam erscheinen, aber grausamer wäre es, wenn das Wissen um die wahre Natur des Menschen verloren ginge, denn dann gäbe es keine Hoffnung mehr. Es gibt ein Wesen, das aus dem Ursprung geboren wurde. Amalek, das die absolute Herrschaft über Menschen und Welten erlangen will. Amalek weiß, dass die Menschen in ihren Sehnsüchten gefangen werden können. Wir kennen ihn seit Äonen. Amaleks Welt der Dämonen besitzt eine andere Ewigkeit, eine Ewigkeit des Trinkens und Fressens menschlicher Emotion. Insofern sind wir aneinander gebunden und uns als Gegner seit Ewigkeiten vertraut. Es bedurfte eines Ortes, der von ihm nicht benutzt werden konnte, um ihn an der endgültigen Herrschaft über alle Welten zu hindern. Deshalb wurde diese Insel geschaffen.“ Josef verlor sich in den Augen seines Gegenübers. Er hörte gar nicht mehr, was der Mann sagte. Dessen Stimme war wie eine Welle die ihn mit sich trug. Er schien zu träumen, denn er stand nun auf dem Deck eines Schiffes namens Sea-Gull. Eine hübsche blonde Frau stand an seiner Seite. Er fühlte eine unglaubliche Spannung. Würde er den Übergang finden? In diesem Moment erwachte er. Er saß ja immer noch auf diesem Stuhl und ihm gegenüber saß dieser unheimliche Mann, der ihn forschen betrachtete und jetzt mit ruhiger Stimme sprach: „Was Du eben gesehen hast, ist ein Wechsel der Perspektive. Es gelang Dir, Dich selber von außen zu sehen. Das, was Du eben gefühlt hast, waren Deine Gefühle, wenngleich in einer völlig anderen Realitätsebene. Das Besondere ist, dass Du es wirklich warst. Dieser Mann bis Du, und Du bist es nicht. Es ist schwierig, das zu erklären. Du hast auch als dieser Doppelgänger um Dolores getrauert. Es ist der gleiche Wille, der gleiche Antrieb. Verstehst Du? Es gibt viele Ebenen. In dieser anderen Wirklichkeit fanden US-Forscher einen Weg zu  dieser Insel und in das Zentrum des Berges. Sie kamen allerdings nicht über die See sondern direkt zum Zentrum der Insel, durch einen Bergwerkstollen in den Anden.

Sie hatten den Auftrag seltenes Gestein für ihre Welt abzubauen. Thomas Hoffman kommt aus dieser Welt. Er ließ diese Anlage aufbauen, die uns mit einer Technik versorgt, die in der Welt des Thomas Hoffmann vorhanden ist.“ 

„Was würde denn passieren, wenn ich dem Doppelgänger begegne“, fragte Josef. 

„Wenn Ihr Euch begegnet, wird einer im anderen aufgehen. Sei beruhigt, verrückt wirst Du darüber nicht.“ Er erhob sich und winkte Josef, ihm zu folgen. Sie betraten einen Raum, in dem viele leuchtende Scheiben standen. Joseph erhielt einen Sitzplatz und wartete, während die anderen beiden Männer eines dieser Fenster betrachteten, in dem nun die Festungsräume zu sehen waren, in denen Milton gerade angekommen zu sein schien. Josef sah dass Dolores viel geweint hatte. Er ahnte, dass er sie eventuell nie mehr sehen würde. Eine tiefe Verzweiflung ergriff ihn. Er hatte nun hinter den Vorhang geblickt und das hatte alles verändert. Milton war enttarnt, ihr ganzes bisheriges Leben war eine Lüge. Es gab kein Zurück. Dolores und er würden getrennt werden. Er spürte eine unglaubliche Traurigkeit in sich aufsteigen. Konnte man flüchten? Er fühlte, dass das nicht gelingen würde. Die beiden fremden Männer bereiteten irgendetwas vor, und er ahnte, dass es um ihn ging. In diesem Moment drehte sich der Mann am Schreibtisch zu ihm um und sagte: 

„Ich glaube, in all deiner Trauer kann ich Dir eine Freude machen. Du bist hier nicht mehr allein. Wir haben einen Begleiter für Dich gefunden. Ein muskulöser hochgewachsener Schwarzer wurde von diesem Irinäus herein geführt. Es war Ted. 

„Mensch, Josef“, sagte er, sprang auf und eilte herbei, um Joseph zu umarmen. 

„Meine Güte, wie bist Du denn hier rein gekommen? Er setzte sich. 

Thomas Hoffmann und Nigromontanus ließen sie allein und begaben sich zu Irinäus, der ihnen etwas mitteilen wollte. 

„Hier unten geschehen Dinge, die du dir nicht mal im Traum vorstellen kannst“, sagte Ted. „Dieser Milton geht hier ein und aus, und diese unheimlichen Greise, die offenbar erscheinen können, wo und wann sie wollen, sind auch hier zu Hause. Verdammt. Ich kann Dir gar nicht sagen, was hier alles passiert ist. Hast Du diesen Thomas gesehen, den Mann an den Bildschirmen. Er ist aus New York. Aber aus einem New York, das in der Zukunft liegt. So sagt er zumindest. Du siehst, womit er arbeitet. Von unserer Welt stammt das nicht. Seine Männer sind zum großen Teil geflohen. Hier tauchte eine Art Gott auf, eine sehr beeindruckende Erscheinung. Die Männer, die hier für diesen Thomas arbeiteten, flüchteten. Zurück blieben nur wenige. Ich bin geflohen. Ich kam fast bis zum Krater. Da haben sie mich erwischt. Sie sind freundlich zu uns. Mach Dir keine Sorgen. Sie versorgen einen gut. Ich denke, es ist ganz interessant, hier zu sein. Es passieren laufend unerhörte Dinge.“

Joseph konnte der Redefluss kaum stoppen. Aber auch er freute sich Ted zu sehen. Zu zweit waren sie vielleicht in der Lage, doch noch zu flüchten. 

„Wie kommst Du eigentlich hierher“, fragte Ted und sah ihn neugierig an. 

„Eine lange Geschichte“, sagte Joseph. „Als Du weg warst kam dieser Sturm. Wir saßen in der Bergfestung. In der Zwischenzeit holten sich die Muslime das Schloss. Wir konnten nicht zurück. Ich bin dann irgendwie doch ins Schloss gelangt über einen Zugang durch den Berg und habe Unterlagen gefunden, darüber, warum wir auf dieser Insel sind und darüber, dass Milton nicht das ist, was er vorgibt zu sein.“ 

„Und jetzt weißt Du zu viel. Das ist übel.“ Ted machte ein besorgtes Gesicht. „Man sollte nicht zu neugierig sein. Wegen dieser verdammten Neugier bin ich ja damals zu Euch gebracht worden. Ich hatte noch Glück. Sie hätten mich auch töten können. Aber ich will Dir ein Geheimnis verraten“, er winkte Joseph herüber und flüsterte ihm ins Ohr. „Sie haben damals verlangt, dass ich für sie bei Euch spioniere. Ich habe mein Leben sozusagen durch einen Deal gerettet. Wir müssen es hier genauso machen.“ Er setzte sich wieder auf und sprach mit normaler Lautstärke weiter. „Im Grunde wissen wir ja nichts. Wir sind nur kleine Lichter. Nicht wahr. Wir können auch schweigen über Dinge, die wir sowieso nicht verstehen.“

Er setzte sich vor und senkte den Kopf zwischen die Arme. „Sie lauschen“, sagte er leise.


Der Gegenschlag


Gregorius saß neben Mercator, der davon berichtet hatte, dass es ihm gelungen war, Josef mit den nötigen Informationen zu füttern. Dieser Joseph war zum Schloss vorgedrungen und es war wahrscheinlich, dass er die nötigen Informationen erhalten hatte. Das Gift würde jetzt in ihm arbeiten. Es dauert manchmal, bis ein Gift seine Wirkung entfaltete, aber ein so eklatanter Vertrauensbruch wie der, den diese Menschen durch Milton und die Herren erlebt hatten, würde wie Sprengstoff wirken. Der Gegner hatte sich Mühe gegeben, ein geistiges System aufzubauen, das den Meister fernhielt, er hatte aber dazu Menschenleben dauerhaft manipulieren müssen und damit eine Art Experimentierfeld geschaffen, eine Scheinrealität, die nun zerbrechen würde. Diese aufrecht zu erhalten funktionierte halt nur, solange keine Information über die Wirklichkeit durch den Kokon drangen. Sie hatten diese Mauer durchbrochen. Wenn diese Insel fiel, würde eine ganze Welt fallen. Alle Bastionen des Gegners waren schwach. Der Angriff der Herren hatte letztendlich dazu geführt, dass die Bewohner das Schloss verloren. Auch die Zerstörung der Schiffe war den Herren nicht gelungen, nicht einmal das Errichten der Residenz hatten sie verhindern können. Sie verbarrikadierten sich. Im Schloss hielten sie Zugänge zu ihren Bereichen, aber sie waren nicht stark genug, von dort aus anzugreifen. Stattdessen ließen sie ihre Adepten in dieser unwirtlichen Gebirgsfestung hausen, einem reinen Notbehelf, den Mercator höchstpersönlich unerkannt hatte betreten können. Der Gegner war wesentlich schwächer, als man vermutet hatte. Aber andere Dinge machten eher Sorgen. Der eigene Siegeszug in allen Welten hatte offenbar irgendeinen Mechanismus ausgelöst. Die Grenzen zwischen den Welten wurden durchlässiger. Diese Insel selbst verwandelte sich. Selbst der Meister wusste nicht warum, aber die Insel wurde größer und Relikte anderer Welten fanden sich hier. Vor Kurzem war der Turm zu Babylon erschienen, jüdische Siedlungen waren tief im Osten von Dämonen gesehen worden. Die heilige Stadt erschien. Das waren beunruhigende Zeichen. Es näherte sich der Tag der Entscheidung: Armageddon. Noch konnten sie nichts andere tun, als das Spiel in kleinen Zügen weiter zu spielen. Eventuell sind es die kleinen Züge, die den großen Zusammenbruch einleiten. Die Residenz war errichtet, und die Matrosen, die ausgewählte Diener des Meisters waren, waren instruiert worden, die Adepten dieses Milton mit Freundlichkeit zu umwerben. In ihrer unwirtlichen Lage, gefangen in der Bergfestung, geführt von einem Milton, der sich offenbar nicht zu helfen wusste, angefressen von ersten Zweifeln an der Kompetenz und Macht ihres Anführers, waren sie leichte Opfer. Die Matrosen waren freundlich, zugewandt und man erhielt immer öfter Besuch aus der Bergfestung. Die Matrosen waren nett anzusehen und wirkten freundlich, aber sie waren im Grunde Mercator ähnlich. Auch sie hatten ihre Menschlichkeit schon vor langer Zeit freiwillig davon gegeben. Sie brannten vor Hass und Mordlust. Es gab Bewohner der Bergfestung, die das zu spüren schienen. Milton selber aber war zur Überraschung von Mercator, offenbar zu Verhandlungen bereit. Dann stand es wirklich schlecht um den Gegner, wenn die eigenen Generäle von der Fahne gingen. Milton versuchte heimlich, einen Kontakt herzustellen und zu verhandeln. Er hatte das Spiel wohl schon verloren gegeben. Mercator hatte mitbekommen, dass Milton eine Weile fort gewesen war und dass in der Zwischenzeit in der Gruppe seiner Adepten Differenzen aufgetreten waren, die ganz erheblich waren. Milton war ohne diesen Joseph erschienen, was bedeutet, dass dieser entweder von den Herren festgehalten wurde oder dass Milton ihn als Gefahr empfunden und beseitigt hatte. Mercator wusste um die wirkliche Natur der Welt. Er kannte Zeitebenen und Wirklichkeitsebenen, und er kannte die Höllenwelten. Weder Amalek noch die Herren verursachten das, was in den Welten geschah. Es gab vermehrt Hinweise auf den Zusammenbruch. Hier endete das Wissen Mercators. Selbst der Meister schwieg. Dieses Schiff vor der Küste würde eventuell zur Insel gelangen. Es war ein Mann namens Franz an Bord. Es war möglich, dass er noch eine Bedeutung haben konnte. Es war abzuwarten, welchen nächsten Zug der Gegner tun würde.


Mahoumed macht einen Fehler


Mahmoud war es gelungen, die meisten seiner Gefolgsleute zu überzeugen. Allah hatte Ihnen einen unblutigen Sieg beschert. Sie besaßen dieses wunderbare Gebäude und bauten es in ihrem Sinne um. Statuen und Bilder wurden zerschlagen. Aus der Kathedrale war eine prächtige Moschee geworden, die Allah zur Ehre gereichte. Man hatte aus den Zimmern alles entfernt, was an die alten Besitzer erinnerte. Man hatte Hunde und Schweine frei gelassen und fort gejagt, die Ziegen hatte man aber behalten, ebenso die Hühner. Sie hatten bewaffnete Posten aufgestellt und sendeten regelmäßig Späher aus, um die Ungläubigen zu beobachten. Man wartete auf einen Angriff, weil man befürchten musste, dass sich die Seeleute, die ja auch Europäer waren, mit den Ungläubigen verbündeten. Sie waren im Besitz von Schusswaffen und sogar von Kanonen. Es war also sinnvoll abzuwarten. 

Mahmoud, der Auserwählte, schien aus irgendeinem Grund nur geringe Berührungsängste zu diesen Europäern zu haben. Er redete mit den Kapitänen der Schiffe, diesen Teufelsdienern Mercator und Gregorius, als seien es Freunde. Ob das gut war, konnte niemand sagen. Der Prophet hatte ja seinen Jünger dazu geraten, Ungläubige zu täuschen, bis die Machtverhältnisse für die Muslime günstig waren. Es konnte eine Taktik von Mahmoud sein, aber Karim und Ben Yussuf waren innerlich zu ihm auf Distanz gegangen. Karim hatte anfänglich eine große Ergebenheit gespürt, weil er den Propheten mit Mahmoud im Gespräch gesehen hatte, aber je mehr Zeit verging, desto größer wurden seine Zweifel. Ein Muslim zeigt Ergebenheit, wo aber war die Inbrunst Mahoumeds beim Gebet. Er beobachtete Mahoumed unentwegt und tauschte sich aus mit Ben Yussuf. Sie beide waren wegen Ihrer bedingungslosen Hingabe an den Propheten ausgewählt worden. Sie bemerkten jede Unachtsamkeit und beide hatten sie schon so manchen vom rechten Wege abgewichenen Muslim zurück geführt. So sah es der Koran vor und daran hielten sie sich. Ben Yussuf behauptete, Mahmoud im Gespräch mit dem älteren der beiden Kapitäne belauscht zu haben. Mahmoud hatte sich tief verbeugt und die Hand dieses Teufels geküsst. Irgendetwas stimmte mit diesen Leuten nicht. Es waren keine Christen oder Juden, sie waren etwas viel Schlimmeres, das spürte er. Auch war eine dämonische Aura um das Gebäude, das sie errichtet hatten, das entfernt aussah wie die Kaaba in Mekka. Ein schwarzer Würfel, mitten in diesem Land, das seltsam fremd wirkte. Das hier war keine normale Insel. Auch dieses Schloss war suspekt. Es gab obere Stockwerke, die nicht zu betreten waren. Sie hatten alles versucht. Es lag ein Zauber auf den Zugängen. Zu gerne hätten sie mehr gewusst und die einzigen, die Ihnen helfen konnten, waren die jungen Menschen, die hier gelebt hatten. Diese waren zweifellos harmlose, unwissende, leichte Opfer. Es war so einfach gewesen, Ihnen ihr Zuhause weg zu nehmen. Da hatte auch ihr unheimlicher Anführer nichts tun können.

Karim und Ben Yussuf beschlossen, einen der bisherigen Bewohner zu entführen. Sie wussten, dass diese ständig Beobachter los schickte, meistens eine sehr große, grobschlächtige Frau und einen sehr großen Mann, der sich ziemlich ungeschickt bewegte. Die beiden waren bewaffnet, aber es sollte kein Problem sein, sie zu überwältigen.




Die Gefangennahme


Thomas und Angelina befanden auf ihrer täglichen Patrouille, der sie bis in die Nähe des Schlosses führte, wo sie die Araber beobachteten, die im Schloss entsetzlich viel verändert hatten. Insbesondere hatten sie die Hunde und Schweine laufen lassen. Während die Hunde den Weg zu ihnen gefunden hatten, waren die Schweine ins Innere der Insel verschwunden, wo jetzt vereinzelte Trupps versuchten, sie wieder einzufangen. Gut, dass Milton zurück war. Ganz plötzlich war er erschienen und hatte Ihnen von langen Gesprächen mit den Herren berichtet, die eine Antwort auf die veränderte Lage finden mussten. Er hatte von Josephs Erscheinen im Schloss erzählt und davon, dass die Herren beschlossen hatten, ihn in bestimmte Dinge einzuweihen. Deshalb werde er eine längere Zeit nicht zur Gruppe zurückkehren. Insbesondere Dolores war sehr glücklich, als sie erfuhr, dass Josef nichts Böses widerfahren war. Er würde also irgendwann zu ihr zurückkehren.

Milton hatte sie in seinen Plan eingeweiht, einen der Muslime zu fangen. Er hatte Ihnen berichtet, dass er erfahren habe, dass diese das Gleiche mit einem von Ihnen planten. Das würde man sich zunutze machen. Es gebe zwei Abweichler oder Skeptiker unter den Muslimen. Er beabsichtige, zumindest einen von Ihnen zu fangen und ihm etwas zu zeigen, das auch mit Joseph zusammen hinge.


Tatsächlich hatten die Herren und Milton beschlossen, den Plan von Gregorius und Mercator zunichte zu machen, indem sie nun ihrerseits Zwietracht und Zweifel säten. Wenn einer der Muslime erkannte, für wen man hier im Felde stand, dann würde er zweifellos entsetzt zurückweichen.  Man würde den Muslimen helfen, Mercator und Gregorius und ihre Matrosen zu überwinden und diese Insel wieder zu verlassen. Es war ein Plan, aber auch die Herren hatten bemerkt, dass sich die Welten veränderten. Sie spürten ein Absinken ihrer Macht. Sie hatten Milton davon in Kenntnis gesetzt. Es konnte sein, dass sie sich in den Kern zurück ziehen mussten. Das hatte Milton alarmiert. Es stand alles auf der Kippe. Nun hatte er seit geraumer Zeit ein zweites Projekt begonnen, das ihm am Herzen lag. Eventuell war es möglich, mit den Angreifern zu reden, denn diese waren es NICHT, die die Veränderungen bewirkten. Die Herren meinten, selbst der Böse sei überrascht. Es geschehe etwas, das aus dem Kern selber stamme. Was am Ende dabei herauskomme, werde man sehen. Aber auch Milton beschloss, wie seine Gegner, die Politik der kleinen Schritte fort zu führen. Er würde also einen Gegenangriff starten, mit den Kindern, die er großgezogen hatte. Er würde an ihnen so lange wie möglich festhalten. Seine Experimente waren ja noch nicht am Ende, aber er war auch dazu bereit, Opfer zu bringen. Dieses Experiment war letztlich von den Herren getragen und sie hatten IHN auch nur benutzt. Man musste das ganz deutlich erkennen. Kein Zweifel, dass ein EIGENES Projekt etwas ganz anderes war. Dieses Mal würde er es anders und besser machen.


Die Schlacht


Thomas und Angelina wurden von Peter und Paul begleitet. Sie trugen Schwerter, Messer und Pistolen bei sich und brannten im Grunde darauf, sich im Kampf zu bewähren. Auf der anderen Seite hatten Karim und Ben Mustafi 6 Männer mitgenommen. Man trug Säbel, Knüppel und ein großes Netz bei sich. Sie lauerten in der Nähe des Friedhofs. Dort waren einige Felsen, die sich drei Meter hoch auftürmten, auf denen Büsche und ein kleiner gebeugter Baum wuchsen. Unterhalb führte der Pfad vorbei in Richtung Schloss. Meistens gingen die Patrouillen diesen Weg, schwenkten dann links ab, wo zwischen weiteren Felsformationen ein schmaler Pfad wieder aufwärts führte zu einem Plateau, von dem aus man wunderbar zum Schloss blicken konnte. Der Pfad war gut getarnt, aber den Muslimen sofort aufgefallen. Sie waren kampferprobt und hatten den Gegner schon lange beobachtet. Sie hörten das Knirschen der Schritte, als Thomas und Angelina sich näherten. Hinter dem Felsen gab es allerdings noch einen Pfad, den sie nicht kannten, über den Peter und Paul in ihren Rücken gelangten. Angelina und Thomas näherten sich und drei Männer hielten das Netz bereit, um es über sie zu werfen. In diesem Moment griffen Peter und Paul die Übermacht an. Es gab einen kurzen, aber heftigen Schwertkampf, während das fallende Netz Angelina und Thomas verfehlte, die nun auch auf dem Felsen erschienen. Beide Seiten wunderten sich über die Kampfkraft der Gegenseite. Der Kampf blieb unentschieden. Als plötzlich ein sehr alter Mann scheinbar direkt aus einem der Felsen heraus trat, erstarrten die Muslime vor Schreck. Der Mann sah aus wie der verborgene Imam. Er wirkte heilig und erhaben. Und er stand offenbar auf der falschen Seite. Er hob seine rechte Hand und eine Feuerwand bildete sich zwischen den Kämpfenden. Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Die Muslime schauten sich erschreckt an und flüchteten. Karim und Ben Yussuf standen plötzlich allein und isoliert, aber sie waren bereit, auch gegen diesen Teufel zu kämpfen. Doch ihr Kampf war vergeblich. Man führte sie gefesselt über schmale Pfade in Richtung des Kraters. Dort schickte Milton seine Begleiter heim und führte die Gefangenen gemeinsam mit Inrinäus in eine Zelle, in der jemand saß, den sie kannten. Es war der Schwarze, der mit ihnen die Ankunft des Propheten erlebt, und den sie auf der Flucht verloren hatten. Er war in Begleitung eines der Schlossbewohner, den sie auch schon gesehen hatten. 

„Hallo Karim“, sagte der Schwarze auf Arabisch und nickte ihm zu. „So sieht man sich wieder.“ 

Joseph hatte das plötzliche Erscheinen dieser beiden schon nicht mehr gewundert. Auch die Tatsache, dass er ihr Arabisch verstehen konnte, erschien ihm nicht mehr allzu wunderbar. Es war klar, dass hier Dinge geschahen, die man rational nicht erklären konnte. Das ganze Leben, das er geführt hatte, war ja unter diesen Vorzeichen sehr fremdartig. Er wusste nicht, wo er sich befand, dass aber mächtige, skrupellose Kräfte auf beiden Seiten standen, war inzwischen deutlich geworden. Dabei waren er und die Schlossbewohner ebenso sehr Spielbälle wie diese Araber. Im Grund waren sie alle völlig bedeutungslos, auserkoren dazu, den Krieg anderer zu führen. Und diese anderen waren nicht mit normalen Menschen zu vergleichen.


Joseph betrachtete seine Zellengenossen. Eine seltsame Gruppe. Was verband sie? Er wusste es nicht. Wieder dachte er an Dolores und er fühlte tiefen Schmerz. Er musste zu ihr. Aber wie?

Er spürte, dass er Milton verachtete, diesen Philosophen, der sich angemaßte hatte, Gott zu spielen. Hoffmann hatte ihm mitgeteilt, dass man mit dem Gedanken spiele, ihn in die Welt seiner Eltern zu schicken. Seiner Eltern! Ob es seine Eltern wirklich noch gab, seine Familie? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass es Dolores noch gab und dass Milton alles daran setzen würde, ihn von Dolores und den anderen fern zu halten. Auch Ted war sicher nicht umsonst hier. Er wusste einfach zu viel. Er musste isoliert werden. Und die Muslime? Er konnte nicht sagen, was mit denen war. Eventuell wurden sie gebraucht. Irgendeinen Plan für ihr weiteres Leben würde es schon geben.


Phase 3

Armageddon beginnt. Ein Plan wird geschmiedet


Ein paar Meter entfernt saßen Nigromontanus, Milton und Hoffmann beisammen und besprachen sich. 

„Alle vier haben keine Vorstellung, mit wem sie es zu tun haben. Gut und Böse in diesem Spiel ist ihnen unbekannt. Wir sollten sie in Wirklichkeiten schicken, die Ihnen die Augen öffnen“, sagte Hoffmann.

Nirgromontanus hatte die Augen halb geschlossen, als sei er müde.

„Es wird zum Endspiel kommen“, sagte er leise.

„Was meinst Du?“, fragte Hoffmann.

„Die Insel verformt sich. Ebenen bauen sich an. Das Wiedererstehen von Jerusalem. Ihr werdet es erleben. Viele Kräfte streiten. Das Ende naht.“

„Du meinst Armagedon?“

„Ich spüre nur, dass die Insel wächst. Ted soll den Jungen begleiten und ihm Rückhalt geben. Wir schicken sie beide mit neuer Identität in die Welt von Josefs Eltern

Den Muslimen aber zeigen wir, mit wem sich ihr Mahmoud abgibt, und WAS er ist. Dann schicken wir sie mit ihrem gewonnenen Wissen zurück zu den anderen. Aber einen Sieger wird es nicht mehr geben. Hier hat ein Unbekannter das Ruder übernommen, ein anderer, den wir nicht kennen.“.




Mercator und sein Herr


Mercator hatte bemerkt, dass Milton und die Herren wieder tätig geworden waren. Er hatte mit Sorge vernommen, dass sie zwei wichtige Muslime gekidnappt hatten und gefangen hielten. Hier wuchs eine Gefahr heran. Aber es zeigten sich ganz neue Kräfte, die er nicht einordnen konnte. Auch er spürte das Anwachsen einer unbekannten geistigen Macht. Streitkräfte zogen aus allen Weltgegenden heran. Ihr Ziel war ein Ort im Zentrum der Insel, der plötzlich wie ein Magnet Menschen anlockte. Eine Stadt war im Entstehen, bewohnt von einem fremden Volk. Ihr Name war Babylon oder war er Jerusalem. Dort sammelten sich Hass und Verachtung, Lüge und Verrat. 

Mercator zeigte sich in seine wahre Gestalt und  betrat den Höllenpfad. In allen Abgründen der Furcht und des Hasses brodelte es. Überall hockten Dämonen und tranken menschliche Furcht, Hass, Geilheit und Gier. Man spürte, dass sie kräftiger wurden, größer, während die Pein der Menschen wuchs und das Stöhnen gequälter Seelen zunahm.

Der Meister saß voll gerüstet, inmitten wilder Flammen, die ihn einhüllten, den grauenhaften Schädel gekrönt von geschwungenen Hörnern. Dann wandelte er sein Erscheinen und zeigte sich als menschlicher Krieger, als Weib, als König. Es war, als spielte er seine Möglichkeiten durch. Mercator legte sich wie gewohnt ehrerbietig flach auf den Boden. 

„Irgendetwas verändert unsere Welt. Es drängt auf die Entscheidung. Doch über das Große darf man das Kleine nicht vernachlässigen. Du weißt, weshalb ich dich in den Bereich der Widersacher geschickt habe. Bisher ist dir alles, was ich auftrug, gelungen, aber sie haben deine Waffe nun gegen dich verwendet. Was Du dagegen tun kannst? Ich gebe deinen besten Männern dämonische Macht. Sie werden aussehen wie Götter und die Frauen  werden nur noch bei ihnen sein wollen. Damit sprengen wir ihre Hoffnung. Liebende Frauen haben die Menschheit schon einmal an mich ausgeliefert. Sie werden es wieder tun. Er lachte und aus dem Höllensud ringsherum stiegen makellose nackte Frauen, die verführerisch auf jeden Mann wirken mussten. Sie zeigten ohne Beklemmung ihre Scham und selbst Mercator spürte, dass sich seine lange vergessene Gier regte, woraufhin sich sofort ein Dämon auf ihn setzte um an seinen Emotionen zu trinken.

„Sie sind alle hier, bei mir und ich erfreue mich an Ihnen, wenn es mir beliebt“, sagte der Meister. Die holden Jungfrauen, die ich meinen Muslimen versprach. Manche werden sie zu sehen bekommen und ich verleihe Ihnen anstelle des Penis eine Palme, die sie in das Fleisch meiner Schönen stoßen können. Er beobachtete einen jungen Mann, der ganz verzückt auf sein enormes gerecktes Geschlechtsteil blickte. Jeden Tag treibt er es mit einer anderen, lachte der Dämon, wenn das für diese Tiere nicht das Paradies ist. Wie ich es liebe, dass er geil wird. Er stöhnte nun selber, als er von der glashellen Gier des jungen Kämpfers trank. Ja, auch die Huris dienen letztlich nur mir zum Vergnügen, den größten der Dämonen. Im Paradies, das ihnen vorschwebt, gibt es Seen voll eitriger menschlicher Gier, in denen ich, und nur ich allein, bade. Denn ich bin Amalek, der Meister und der Herr der Finsternis.



In der Bergfestung


Das Verschwinden ihrer beiden Anführer hatte die muslimischen Krieger erschreckt. Sie waren zurück gewichen und schließlich geflohen. Angelina und Thomas hatten Ihnen hinterher geblickt, als sie zum Schloss hasteten. Dann folgten sie Milton und den Gefangenen, bis diese im Krater verschwanden. Sie hatten die Gefangenen abgeliefert und waren brav zur Festung zurück marschiert.

„Pack“, sagte Thomas und spuckte verächtlich. Peter stützte Paul, der eine blutende Verletzung davongetragen hatte. 

„Warum nutzen wir eigentlich nicht diese Gelegenheit und holen uns das Schloss zurück“, sagte Peter. „Wir haben Ihnen einen gehörigen Schrecken eingejagt, denke ich.“

Milton hatte sich verändert. Sie zweifelten an ihm. Sabine und ihre Freunde waren während Miltons Abwesenheit bei den Matrosen gewesen und sie hatten freundliche, und uneingestandene attraktive Männer vorgefunden, die so gar nichts Böses an sich hatten. Sie hatten dort gegessen und getrunken. Mercator und Gregorius waren in den höchsten Tönen gelobt worden. Ja, die Muslime seien böse, aber diese beiden nicht. Man habe nur Befehle befolgt. Die Insel sei so isoliert, eine Art Gefängnis. Sie aber kämen aus der Freiheit, aus der großen Welt. Dort gebe es Kriege und Hunger und man habe Menschen in Not hierher gebracht. Es sei doch Platz genug hier. Die Flut sei ein Werk von Milton und den Herren gewesen, und sie hätten doch selbst gesehen, dass Milton das Leben von unschuldigen Matrosen in Kauf genommen hatte. Der Angriff auf die Schiffe habe dazu geführt, dass das Schloss verloren ging. Zweifellos werde sich das Verhältnis normalisieren, wenn Milton verschwinde. In jedem Falle könne man aber Leute, die von der Insel weg wollten, mitnehmen in eine bessere Welt. Sie hörten zu und das blieb nicht ohne Wirkung. Peter, Paul, Linda, Dolores, Angelina, Thomas, Johannes, verspürten einen unerklärbaren Widerwillen gegen die Matrosen. Für sie war klar, dass die Muslime hergebracht worden waren, um Unruhe zu stiften und man glaubte Milton, dass mit den Matrosen ihre Todfeinde auf der Insel Fuß gefasst hatten. Mario und seine Jungs waren auf ihrer Seite. Man wollte das Schloss und das alte Leben zurück und am besten verjagte man auch diese unheimlichen Typen dort unten bei dem Schiff. Das Gebäude, das sie errichtet hatten, wirkte unnatürlich und bedrohlich. Aber Milton unternahm nichts. Das war kaum zu erklären. Man hatte doch eben bewiesen, dass man in der Lage war, die Muslime zu besiegen. Sie waren in der Unterzahl gewesen und hatten trotzdem gesiegt. 



Miltons plant den Verrat


Milton dachte nach. Für ihn gab es keine räumlichen Beschränkungen. Im Grunde gab es zu jedem Ort der Insel Zugänge, die ihm oder den Herren offen standen.

Sie hatten aber erkennen müssen, dass Mercator und Gregorius nicht untätig geblieben waren. Es gab Zonen der Instabilität, wo das Zeitfeld, in dem die Insel geborgen war, geschwächt wirkte. Dort bildete sich neue Kraftlinien, Muster, die wie Risse über die Insel zogen. Vielleicht war dieser Bruch der Konsistenz dafür verantwortlich, dass die Insel größer wurde, dass sie sich inzwischen über hunderte von Kilometern erstreckte, die auch Milton oder den Herren unbekannt waren. Es handelte sich um ein Material, das aus vielen unterschiedlichen Seinsebenen zu stammen schien und das sich fügte, Stück um Stück, wie ein neues Universum. Milton hatte mitbekommen, dass die Herren erzählten, dass selbst der Böse überrascht war. 

In allen Zeit- und Wirklichkeitsebenen sammelten sich Kräfte. Irgendetwas war durch die jüngsten Ereignisse ausgelöst worden, dass keine der rivalisierenden Mächte beherrschte.

Die Menschen, die jetzt jenseits des Kraters wohnten, waren Milton suspekt. Es gab Hinweise, dass eine große Stadt aufgetaucht war, Babylon oder Jerusalem. Das wusste man nicht. Die Herren hielten diese Anomalie für ein Begleitphänomen. An der Ostküste befand sich aber auch die neue Siedlung, die er mit verschiedenen Anhängern seiner Philosophie erschuf. Kinder waren dort, Lehrer, Erzieher, ein paar Eltern. Er konnte nur selten dorthin. Er wusste nicht, ob die Herren informiert waren. Milton schaute zum Schloss herüber, wo Mahoumed, jetzt sicher aufgeschreckt, den Kontakt zu seinen Verbündeten suchen würde. Mahoumed musste aufpassen, dass den anderen Muslimen nicht auffiel, dass er Mercator und Gregorius gehorchte. Milton hatte von den Herren gehört, dass Mahoumed ab und zu Nachrichten von Mercator erhielt. Die Araber hatten lange damit begonnen, dieses Eiland als das ihre zu betrachten. Sie rüsteten sich mental und materiell zum Kampf mit den ehemaligen Bewohnern. Erstes Ziel ihrer Angriffsvorbereitungen war die Felsenfestung. Sie vermuteten einen Weg durch das Schloss und hatten allerhand unternommen, den Zugang zum oberen Stockwerk zu öffnen, doch es war Ihnen nicht gelungen. Milton hätte durchaus einen Angriff durch diese obere Etage gegen sie führen können. Es ging ihm im Endeffekt aber nicht um diese Menschen oder um das Schloss. Der Angriff war ein Angriff geistiger Art und er galt einem geistigen System, das er mühsam errichtet hatte und aufrecht erhielt. Jetzt schon war es am Wanken. Insbesondere Joseph konnte es zu Fall bringen, war er doch jetzt eingeweiht und wusste die Hintergründe. Es blieb ihm und den Herren nichts anderes übrig, als Josef wegzuschicken. Das würde aber für neue Zweifel und neuem Unfrieden sorgen. 


Thomas Hoffmann. Von der Elite in den Widerstand


Thomas Hoffmann war das Bindeglied der Herren zu vielen Welten. Er war 1958 geboren worden in Wesseling, einer Kleinstadt in der Nähe von Köln, Er war Arbeiterkind, klug, aber benachteiligt. Seine Eltern hatten ihn, trotz finanzieller Probleme, ein Gymnasium besuchen lassen, das er mit sehr gutem Erfolg abschloss. Es folgte ein Ingenieurstudium und eines der Informatik. Er hatte die beginnende Digitalisierung seiner Welt aktiv begleitet. Er war ein Genie, das die moderne Welt bald in Gänze überschaute und in führenden Positionen mit gestaltete. Die alten Hierarchien brachen zusammen. Menschenführung und Menschenbild passten sich den neuen Möglichkeiten an. Was einmal gegolten hatte, galt nun nicht mehr, wer viel gewusst hatte, gehörte plötzlich zu denen, die zu unflexibel waren, den ständigen Wandel des Wissens nachzuvollziehen. Bildung und Berufswelt änderten sich drastisch. Gewerkschaften wurden bedeutungslos, Parteien verloren an Macht. Wer nicht extrem beweglich war, verlor seinen Halt. Es war die Zeit der Tänzer, derjenigen, die die neuen Kommunikationsstandards verinnerlicht hatten und die blitzschnell reagieren konnten. War das Kapital einmal statisch gewesen, gebunden an Werte, so wurde auch dort alles mobil und bildete eine geistige Macht, die die Macht der immobilen Staaten bald weit übertraf. Das weckte das Verlangen, die Staaten aufzulösen. Warum sollte es noch Immobilien geben, wie Heimat, Glaube, Struktur, wo doch alles dynamisch geworden war. Althergebrachte Strukturen in Familie, in Sexualität, in Gemeinschaft verloren ihre Bedeutung und mussten in Frage gestellt werden. Der Meister der Fakten, der Schwimmer auf der großen Welle oder besser noch der Wellenreiter, der auf die Big Wave wartete und sie ritt, war der zukunftssichere Mensch. Und so hatte er aktiv an der Auflösung der Strukturen mitgearbeitet, unterstützt von prachtvollen, klugen Kerlen, die ihm das Gefühl gaben, bei der Elite zu sein. Man wusste, dass hinter den Besten noch andere Kräfte gab, die diese stützten. Verhasste Menschen, die über mehr Vermögen verfügten als die gesammelten Völker, denen sie nun das neue Leben verordneten. Er war diesen Männern aufgefallen und sie hatten ihn zu sich geholt. Nun war er im Zentrum, dort, wo Welt gemacht wurde. Es war ein grandioses Gefühl, auf diesem Gipfel zu stehen. Verbündet waren die Großmuftis von Arabien und Jerusalem, die hohen Würdenträger der Juden, der Papst, die Spitzen der evangelischen Kirchen. Es waren dort die Staatsoberhäupter und auch der tiefe Staat. Niemand mit Machtfunktionen konnte dort vorbei und er, Thomas Hoffmann, das Arbeiterkind, zog die Fäden. So dachte er zumindest. Schon damals fiel ihm auf, das Menschen, die widersprachen, verschwanden, dass sie öffentlich erniedrigt wurden, dass sie verachtet im Selbstmord endeten, und er hatte sich gedacht, dass es Ihnen recht erginge. Bis er gewahr wurde, dass eine ganze Reihe seiner Kollegen innerhalb der Elite seltsame Feste feierten, bei denen er anfänglich außen vor bleiben musste. Als er dann endlich eine Einladung erhielt, geschah das unter Anspielungen und der Auflage in jedem Falle Schweigen zu bewahren. Es geschah in einem der herrschaftlichen Paläste seiner neuen Freunde, dass sich hundert der besten Köpfe und der mächtigsten Herren und Damen trafen, die allesamt Masken trugen, als ginge es zu seinem Kostümfest. Es wurde eine getragene Musik von einem erstklassigen Orchester gespielt und dann wurden Kinder an der Hand von Frauen hereingeführt, die offenbar unter Drogeneinwirkung standen. Sie waren fast nackt, angetan nur mit goldenen Schärpen. Die Frauen, die sie an der Hand führten, waren in bodenlange Kleider gehüllt, die die rechte Schulter und die rechte Brust frei ließen. Sie führten die Kinder auf ein rundes Plateau, das in Kopfhöhe der Wartenden angebracht war. Es war eine Art gewaltiger Teller, den man mittels eines Schalters in eine langsame Drehung versetzten konnte. Von unten konnte man das schüchterne, unberührte Geschlecht der Kinder sehen. Nun drehte sich das Rad und die Kinder wurden von seinen Kollegen eines nach dem anderen vom Band gehoben und davon geführt in vorhanggeschützte Séparées, aus denen man bald schon Angst- und Schmerzensschreie hörte. Thomas war die ganze Zeit in Begleitung eines Senators namens Mercator gewesen . Der beobachtete das Grausen, das Thomas Hoffmann überkam und flüsterte ihm zu, dass es jedem beim ersten Mal so gehe. Es gebe unsichtbare Besucher, die die Skrupel und die Lust als Nahrung genießen würden. Mercator berührte seine Augen und dann sah er sie, grässliche, vor Lust und Geilheit grunzende und quiekende Ungeheuer, die sich an den wabernden Emotionen labten und in der Mitte des Saales saß ein mannweibliches Wesen, eingehüllt in langes blondes Haar mit einer perfekten Brust und einem gewaltigen Penis, das jetzt zu ihm herüber lächelte, als verlange es nach seiner Zuneigung. Da riss er sich von Mercator los und sah die Wahrheit, ein scheußliches Ungeheuer leckte sich die gespitzten Lippen.

Er drehte sich um und rannte davon.

Das war natürlich nicht unbemerkt geblieben. Mehrere Männer jagten ihn mitten durch den Wald, und es waren auch andere Kräfte, die ihn jagten. Er wusste, dass er verloren war. In diesem Moment erschien, wie aus dem Nichts, vor ihm ein älterer Herr, der ihn an der Hand nahm und mit ihm in einem Winkel verschwand, der in einer anderen Welt lag.

So hatte er Nigromontanus kennen gelernt.

Der hatte ihn in der folgenden Zeit unterrichtet. Sie waren durch Zeiten und Welten gereist, und er hatte verstanden.

Wirklichkeit war das, was einem einzelnen begegnete. Das, was der Mensch als Welt betrachtet, existiert nicht. Die Welten der einzelnen waren nicht kausal verbunden sondern durch Sympathien und Vorlieben. Man konnte es so verstehen, als ob das Leben aus vielen Träumen und Träumern gewebt war, die immer glaubten, alle den gleichen Traum zu träumen. Innerhalb dieses Traumes gab es die Möglichkeit zu erwachen, dann lösten sich die Dinge auf, und weder der individuelle Mensch noch dessen Wirklichkeit waren noch da. Er konnte aber auch erkennen, dass diese Welt, in der er lebte, nicht ohne sein Zutun existierte, dass das, was geschah, wie eine Spiegelung war und so konnte er wachsen, in dem Bewusstsein, jeweils dort zu sein, und die Ereignisse zu leben, die mit ihm selbst verknüpft waren. Die Auflösung der Ordnung, die er zuvor betrieben hatte, hatte also seine eigene Welt betroffen. Je leerer die Welt wurde von Regeln, desto stärker wurde aber etwas anderes, das echte Existenz besaß. Es war ein Gegenwille, eine Entität, so furchtbar und so wirklich, dass sie alle individuellen Wege und Wirklichkeiten verschließen konnte. Indem die Menschen ihre Grenzen verließen, wurde Kraft freigesetzt, die nur diesem anderen zufloss, der immer stärker wurde und zunehmend die individuellen Wirklichkeiten zu einer scheinbar objektiven One World machte, die seiner Natur entsprach.

Was der Mensch wirklich war, zeigten ihm die Herren. Sie waren ewig, konnten sich aber in jeder individuellen Wirklichkeit emanieren.

Schwer zu schlucken waren solche Behauptungen für einen Wissenschaftler. Er war es gewöhnt, in Systemen zu denken, Ursachen und Wirkungen im Blick zu haben, Zusammenhänge, zuletzt reine Systeme, die sich organisierten und deren Organisation man auch beeinflussen konnte. Technik war entwickelt worden, um Ereignisse voraus zu berechnen, Statistiken zu erstellen, Möglichkeiten im Voraus auszuloten und es war ihm gelungen, technische Systeme zu entwickeln, die sich selbstständig weiter entwickelten, Vorstufen zur künstlichen Intelligenz. Antrieb und Argument war immer der Aspekt des Lösens bisher unantastbarer Probleme gewesen, sei es des Umweltschutzes, sei es der Gesundheit, sei es der gesellschaftliche Entwicklung. Die Erfindungen sprudelten nur so und veränderten das Leben von Millionen: Computer, Handys, elektronisch-mechanische  Prothesen für Auge und Ohr, für Hand und Bein. Miniaturisierte Augen und Ohren in Form von winzigen Drohnen, die alles und jeden filmen und auch überwachen konnten. Informationen strömten endlos und der Mensch wurde transparent. Die Entwicklung denkender Maschinen, der Lebensverlängerung auf 300 und mehr Jahre, alles wurde denkbar, für den, der das nötige Geld besaß. Und die Elite brach Grenze um Grenze. Verbesserte sich etwas für den einzelnen Menschen? Er wurde zunehmend zum Element dieses Prozesses, und zwar zum schwachen Element, weil er individuell, unberechenbar und unvollkommen war und weil eben das die Perfektion des wunderbaren, entstehenden neuen Organismus störte. Also besann man sich auf die Funktion des Körpers als Ersatzteillager. Man weidete ihn aus, wenn Bedarf bestand, man benutzte Triebe, um neue Bedürfnisse zu generieren, so wurden die ersten Sexroboter entwickelt und bei alledem wuchsen auch die Fähigkeiten, die Menschen, als austauschbares Element mit immer wirkungsvolleren Waffen zu vernichten. Zuerst flogen vollautomatische Drohnen, die zum Schießen noch menschliche Entscheidungsträger brauchten, dann wurden Kampfmaschinen entwickelt, die alleine operieren konnten, angesetzt auf einen Feind, den sie anhand von Duftspuren, Atem oder Genmaterial erkannten und bis in die verstecktesten Schlupfwinkel aufspürten und eliminierten. Jede Emotion des Menschen wurde in Waren verwandelt, so dass nur noch wenige Menschen ein Gespür dafür besaßen, dass sie im Innersten Lebendigkeit besaßen, und dass es ein Lösen vom Äußeren verlangte, sich selber als Subjekt allen Geschehens auch nur ansatzweise wahrzunehmen. Die äußerlichste aller Religionen war der Islam, bei dem wenige Handlungen genügten, den immer das Außen regulierenden Gott zu befriedigen. Das kam dem Meister sehr zupass. Hier gab es keine Transformation und keinen Hinweis darauf, dass das Innere der Schüssel war, wie im Christentum. Hauptsache der Abdruck des Betteppichs war auf der Stirn zu erkennen. Thomas Hoffmann hatte so viele Fragen, gerade weil er Gewalt immer gehasst hatte, weil er geglaubt hatte, in der Vergangenheit sei beliebig gemordet worden, von Rassisten und völkisch denkenden Menschen.

Nigromontanus hatte ihn deshalb auf eine Reise geschickt, die er nicht vergaß.

Wie in Träumen glitt er durch Welten, die ihm fremd und doch auch vertraut waren.

Er war Soldat einer indischen Armee der ersten Jahrtausendwende. Der Mann, der an seiner Seite  kämpfte, war ein gläubiger Hindu. Ihnen gegenüber stand eine gewaltige Übermacht. Thomas betrachtete die Größe der eigenen Truppen und sah sofort, dass sie keine Chance gegen den Gegner besaßen. Der Mann neben ihm wirkte trotzdem völlig gelassen. Als er ihn in seiner Landessprache, die er in diesem Traum beherrschte, fragte, ob es nicht besser sei, diesem Kampf auszuweichen, verneinte der Krieger. Er wies auf den Gegner und meinte, dieser Kampf müsse stattfinden und in der Vernichtung enden, so sei es von den Göttern beschlossen, wer aber durch den Tod gehe, ohne zu zögern, der gewinne das Leben. Sein Nebenmann kämpfte tapfer, aber vergebens. Ein Schwerthieb tötete ihn und auch Thomas wurde getötet und befand sich augenblicklich wieder bei Nigromontanus. 

Nigromontanus zeigte ihm vieler solcher Situationen. Der Tod war nicht das Ende. Der Glaube, ihn abwehren zu müssen, führte zu Problemen.

Zuletzt führte ihn Nigromontanus in eine nähere Vergangenheit. Er, der Nazis immer gehasst hatte, rollte als Teil einer Panzerbesatzung in einem Kampfpanzer Tiger durch Russland. Der Einsatzbefehl lautete, den Kursker Bogen zu begradigen. Im Panzer saß ein junger, etwa 25 Jahre alter Kommandant, ein 35 jähriger Richtschütze, ein Mann, der fürs Laden zuständig war und er selbst. Es war heiß und der Lärm war ohrenbetäubend. Russische Schlachtflieger donnerten am Himmel. Sie rollten in einer Panzerformation. 

Was soll ich hier, hatte er gedacht. Der Kommandant trug eine SS Panzeruniform, und er hatte diesen fanatisierten Gesichtsausdruck, den man aus Filmen kannte. Sie bekamen einen Volltreffer, der Panzer blieb liegen. Ihre Sie verließen ihn hastig und wollten fliehen. Allein, wohin? Ringsumher wurde geschossen und gekämpft. 

„Kommt mit“, rief der junge Kommandant und sie folgten ihm über das Schlachtfeld. Sie trafen auf einen russischen Trupp, eröffneten das Feuer und blieben siegreich. Thomas wollte aus dieser alptraumhaften Situation entkommen, doch es gab für ihn im Moment kein Zurück. Für die Russen war er ebenso sehr Feind wie seine Begleiter, es gab nur diese Gruppe Männer als Schutz. Es gelang ihnen, sich hinter einem Hügel zu verstecken, während die Erde ringsumher bebte und Panzer gegen Panzer stieß oder auf einen anderen Panzer schoss. Erst in der Dunkelheit endete das Gefecht. Es war nicht still ringsumher. Man hörte Stöhnen und Wimmern.

Der Kommandant hieß Peter Meier und kam aus Paderborn. Die überlebenden beiden anderen Männer hießen Fred Schmitz und Karl Webknecht. Thomas stellte sich als der vor, der er war, doch sie erkannten in ihm einen anderen. Es befand sich in einer dieser Inszenierungen Nigromontanus. Sie rauchten, mussten aber aufpassen, dass weder Glut noch Rauch sichtbar war. Dann schlug der junge Kommandant vor, den Rückzug anzutreten. Sie bewegten sich leise durch die Nacht. Überall lauerte Gefahr und Thomas spürte das Herz klopfen. Aber sie erreichten einen Nadelwald und verschwanden in relativer Sicherheit. 

„Wir müssen morgen zur Einheit zurück“, sagte Peter. „Sie machen kurzen Prozess mit Deserteuren.“ 

„Meint ihr denn, der Kampf wird gewonnen?“, fragte Thomas. 

„Ehrlich? Ich weiß es nicht, und es ist mir inzwischen egal. Sag es aber nicht weiter. Wir marschieren und marschieren. Wohin? Wer weiß es. Es gibt nur diese ewige Einöde, der grauenhafte Winter, die Versuche, die Panzer in Gang zu halten und dieses Schießen und Kämpfen. Wir sind in einem ewigen Ringen gefangen. Glaub nicht, der Iwan ist unser Feind. Dem geht es ebenso. Fangen wir ihn, ist er tot, werden wir gefangen, sind wir tot. Es gibt nichts anderes, kämpfen und siegen oder sterben.“

„Und was ist mit dem Führer?“, fragte er, sich an seine Rolle erinnernd. Aber es interessierte ihn wirklich. 

„Mit dem? Die Männer lachten gequält. „Hast Du ihn irgendwo gesehen? Ich glaube nicht. Es ist einfach, Männer in die Hölle zu schicken. Ist wohl schwierig, sie wieder heraus zu holen. Schau mal den Himmel an. Hier über Russland hängt er tief wie ein Leichentuch oder hoch und weit wie dieses verdammte Land ist, unendlich.“


Am nächsten Tag erreichten sie die Einheit. Es gab einen neuen Panzer und man rollte noch einmal an, gegen einen Feind, der genauso verzweifelt und fatalistisch schien, wie man selbst. Plötzlich waren da aber keine feindlichen Panzer mehr zu sehen. Sie rollten Stunde um Stunde durch ein Niemandsland, das ihnen schon unheimlich wurde. Dann rasteten sie. Seltsamerweise rastete neben ihnen eine russische Panzertruppe. Es waren 5 Russen, mit denen man sich problemlos verständigen konnte. 

„Offenbar sind wir tot“, sagte Pjotr, der russische Kommandant. Das hier ist nicht Russland. Wenn Euch etwas aufgefallen ist, wir verbrauchen keinen Treibstoff. Der Panzer fährt und fährt. Und Hunger oder Durst haben wir auch nicht.“ 

Es war keine Feindschaft zwischen diesen beiden Gruppen. Sie weinten sogar und umarmten sich wie Kinder. Tatsächlich befanden sie sich auf einer endlosen Ebene, auf der weder Baum noch Strauch wuchs. 

„Lasst und gemeinsam weiter fahren“, sagte Peter zu Pjotr. Die Teams nickten. Jeder war froh, dass man nicht alleine war und der Tiger und der russische Panzer rollten nebeneinander in Richtung einer Ewigkeit, die jedem der tapferen Männer ein Grausen einjagte. Gemeinsam zog man weiter. Thomas Hoffmann spürte die Anwesenheit von Nigromontanus und erwachte in seiner Zeit. 


„Was war das?“, sagte er erschüttert. 

„Du hast nun gesehen“, sagte Nigromontanus, das Traum und Realität verschmelzen. Die Wahrheit aber bleibt trotzdem wahr. Wissenschaftliche Ergebnisse bleiben wahr, der Tod und der Schmerz bleiben wahr. Letztendlich wissen selbst wir nicht, wohin wir treiben. Aber das, was geschieht, wach zu beobachten, ist der Beginn des Erwachens. Wir brauchen Dich und Deine Technik. Wir wollen eine Insel im Ablauf der Zeiten binden, auf der eine von uns geordnete Wirklichkeit abläuft. Wir werden dort Menschen ansiedeln und alles wird so wahr sein, wie es nur wahr sein kann. Sie werden fühlen, sehnen, leiden. Sie werden sich entwickeln. Diese Insel liegt an einem Schnittpunkt vieler Wirklichkeitsebenen. Sie ist etwas Singuläres und Festes. Wenn Du dort Deine technischen Kenntnisse einbringst, werden wir in der Lage sein, mit diesen Hilfsmitteln das Äußere vieler Welten im Auge zu behalten und zu kontrollieren. Du hast unseren Gegner bereits in seiner wahren Gestalt gesehen. Was ist er? Ist er Teil dessen, was wir Wirklichkeit nennen? Nein. In der Schöpfung, wie ich sie jetzt nennen will, wurde eine eigenständige Entität geschaffen, die aus dem Kern gespeist wird, aber von diesem nicht beherrscht wird. Der Mensch ist die spätere Schöpfung. Dessen Schöpfung war problematische, da der Mensch sich in tausend Bedürfnissen verlieren kann und eben dadurch den Weg zu seiner Mitte verliert. Amalek aber kann nicht zu einem inneren Kern gelangen, und er muss es auch nicht. Er handelt frei. Er will die Menschen beherrschen oder töten und er nährt sich von dessen Lüsten und Bedürfnissen. Er hat unendlich viele Untertanen, Dämonen, die getrennt von uns Menschen in der Welt der Finsternis leben, aber unsichtbar bei Menschen über deren böse Emotionen eindringen können, um diese zu trinken. 


Die Vergangenheit von Nigromontanus, dem treuesten der Herren


Alexander Schwarzberg, genannt Nigromontanus war im dreißigjährigen Krieg in der Nähe von Braunschweig geboren worden. Er war das Kind eines Bauern gewesen und in völliger Bildungsferne und Unkenntnis aufgewachsen. Das nächste Dorf war das Ausland, der Kaiser eine Art Gott in der Ferne. Man war katholisch mit jener Selbstverständlichkeit, mit der man die Felder bestellte. Eine festgefügte Welt, in die entsetzliche Neuigkeiten drangen, als man darüber redete, dass es Menschen gab, die der heiligen Kirche den Kampf angesagt hatten, die einen Aufstand der Teufel inszenierten. Aber sie sprechen unsere Sprache, sagte man hinter vorgehaltener Hand. Es sind Hiesige darunter und sie halten Messen in deutscher Sprache. Das alles war unerhört und für einen Jungen vom Lande unverständlich. Verständlicher waren da schon die Berichte über wilde Horden, die über Land zogen und Menschen folterten. Es sollten Schweden darunter sein. Söldner eines fremden Königs. Auf der anderen Seite zogen Soldaten des Kaisers durchs Land, die ebenso raubgierig waren. Tatsächlich war dann ein solcher Tross ins Dorf gekommen und hatte alle Tiere und alle Ernte mitgenommen und die Bauern wurden gepfählt, oder kamen vor lachenden, fremdartigen Burschen unter den Jauchetrichter. Es begann ein Brennen und Morden aus lauter Raublust. Alexander war geflohen und er fand Unterschlupf bei einem Einsiedler, der sich Angelus Silesius nannte. Ein heute noch in vielen Welten geläufiger Name. Der Mann war viele Stufen auf dem Weg zur großen Schleife gewandert, und er kannte die Stille, den Ort, an dem sich Gott befand. Dorthin hatte er Alexander geführt. In der Windstille der Seele gebäre Gott seinen Sohn. Dorthin zu kommen, sei das Ziel. So hatte Alexander einen Lehrer gefunden, dem er vertraute. Er verstand nicht wirklich, was er erklärt bekam, obwohl mit dem Erlernen und Erkennen der eigentlichen Quelle auch Weisheit in ihm wuchs. Sie lebten einige Monate gemeinsam und die Welt mit ihren Grausamkeiten war weit entfernt. Eines Tages, als Alexander im Walde Beeren suchte, bekam Angelus Besuch. Das Rauschen von Flügeln ertönte und ein Mann betrat die Hütte, den Angelus zweifellos unmittelbar erkannte. Amalek selber war gekommen. In der Tiefe, die er gefunden hatte, dort in der Seele, wo Gott seinen Sohn geboren hatte, war auch der Meister entstanden, und er hatte den gesucht, der es wagte, in diese Tiefe vorzudringen. Als Alexander zur Hütte zurück kehrte, war Angelus Verschwunden. Es gab keine Leiche. Der Dämon hatte ihn getötet. Schwarzberg war Angelus später wieder begegnet. Der Dämon hatte ihn nicht überwältigt, aber er hatte sich in die Stille zurückziehen müssen. 

Damals saß ein junger, anziehender Mann am Tisch, der Alexander aus forschenden, blauen Augen betrachtete. Alexander hatte sofort gespürt, WAS dort saß. Anders als Angelus, war er auf die Herrlichkeit Gottes gestoßen, das Wort oder die Form. Wo sich alles auflöste in der Kraft und der Einheit, entstand der Sohn, die Herrlichkeit oder die Form, in der sich der Mensch gebar. Hier hatte er Macht gefunden, die Macht Zeitfalten zu legen. Alles was war, lief in Folgen innerhalb einer Zeit. Es gab keine Sprünge. Auch der Dämon musste im Rahmen dieser Grenzen bleiben. Wenn er erschien, dann musste alles in Folgen und ohne Brüche ablaufen, aber ihm, der in der Kraft stand, war es möglich, zwei Abläufe nebeneinander zu legen und eine Zeitfalte, wie Alexander es nannte, zu legen. Dem solcherart zwischen zwei Abläufen Gefangenen blieb keine Handlungsoption außer dem Rückzug.

Davon wusste der Dämon nichts. Er war hier, um ihn zu verderben: 

„Setz Dich zu mir“, sagte er mit schmeichelnder Stimme. „Dein Meister wurde von Söldnern des Kaisers geholt. Ich konnte ihm  nicht helfen. Aber ich bringe Nachricht aus Deinem Dorf. Dein Vater wurde unter dem Jauchetrichter gefoltert. Deine Schwester wurde verbrannt, deine Mutter geschändet. Wir waren zu wenige, um zu helfen. Doch es gelang uns, einen der Schuldigen zu fangen. Ich habe ihn Dir mitgebracht.“ Von draußen hörte man Klagerufe. Der attraktive Mann erhob sich, öffnete die Tür und bat Alexander nach draußen. Dort war ein Mann nackt an einen Baum gebunden. Er war bereits gefoltert worden. Er weinte und bettelte. 

„Du siehst ihn. Er ist der, der deine Schwester band und in Flammen steckte. Sie schrie nach dir. Nun kannst du dich rächen.“ Alexander sah auf dieses nackte, gequälte Fleisch. Er spürte ein tiefes Mitgefühl. 

„Bitte“, weinte der Mann, „zeigt Gnade!“ Der Fremde sah, dass Alexander zögerte. Er bewegte sich langsam zu dem Fremden, lächelte Alexander an, packte den Kopf des Mannes und brach ihm mit einem Ruck das Genick. „Ich sehe, Du weißt, wer ich bin“, sagte er und er zeigte sich als der Unhold, der er war. 

„Es wäre gut für Dich gewesen, Hass zu zeigen. Du wirst diesen Ort auf dem gleichen Wege verlassen wie Dein Meister.“ 

„Der ist für Dich unerreichbar“, hatte Alexander geantwortet, weil er wusste, egal, was mit dem Körper geschehen war, Angelus war nun eins mit dem Anfang. Der Tod war eine Illusion. Der Unhold bewegte sich in rascher Drehung auf ihn zu und da versuchte er sich das erste Mal an der Zeitfalte. Die Wut und die Verblüffung Amaleks klangen ihm noch heute in den Ohren. Es gelang ihm nicht, Alexander aufzuhalten, als dieser seine Sachen zusammen suchte, das Kreuz seines Lehrers küsste, die Hütte anzündete und weiter ging, während der Unhold in seinem Gefängnis tobte, das er erst durch Rückzug überwinden konnte. Das erste Mal im Leben des Amalek, das er vor einem Menschen weichen musste. Vor Jesus Christus hatte er wohl auch einstmals gezittert, weil der ihn toben ließ in der eigenen Wut, bis er das Bild den Unschuldigen, töten ließ, ohne indessen mehr als die Nichtigkeit seines Hasses zu ernten. Seine größte Niederlage! Das Wort war einst Fleisch geworden und das Fleisch war durch ihn und seine Wut göttlich geworden. Kraft und Herrlichkeit hatten sich verbunden. Der Dämon war geworfen. Aber jetzt war er in dieser Welt wieder erstanden. Die Menschen ließen sich verlocken, wurden bindungsloser, folgten jeder Versuchung und damit erwachte seine Macht erneut. Seine Fesseln lösten sich und seine Dämonen ernährten sich an der Wut und dem Hass der Menschen auf alles in ihren Welten, dass ihnen auf dem Weg zu ihren Träumen scheinbar im Wege stand. So gelang es Amalek, die Welt der Menschen wieder zu erobern. Das alles hatte Alexander ansehen müssen, und er konnte es nicht verhindern. Es gab andere wie ihn. Menschen, die mit ihm eine Bruderschaft bildeten. Warum es zwölf waren, wussten sie nicht. Sie hatten  niemanden sonst gefunden. Es waren ja auch zwölf Apostel gewesen, die den Herrn begleitet hatten. Es gab Grenzen und Strukturen, denen sich alle Kreatur unterwerfen musste, selbst der Unhold und sie, seine Gegenspieler. Man war offenbar allein im Kampf gegen die Hölle. 

Jeder einzelne Mensch war ein Wunder, wurde geboren aus einer Doppelzelle, die sich teilte und differenzierte um dann eine Gestalt zu bilden, den individuellen Menschen, in dessen Innern täglich Welten starben und wiedergeboren wurden. Ein wachsendes und sterbendes Universum, das unbeirrt bis zum Tode seine Gestalt bewahrte. Noch jeder Wurm beinhaltete dieses Geheimnis. Die Welt war wahr und doch war sie auch nur Welt, wenn ein Auge sie betrachtete. Beide Standpunkte, der Äußerlichste in der Wissenschaft und der Innerlichste im höchsten Subjektivismus waren gleichzeitig wahr und DAS war für Nigromontanus der Beweis für die Göttlichkeit des Universums. 

Das alles war Alexander Schwarzberg so vertraut und selbstverständlich geworden, wie der unentwegte Kampf mit dem Gegenspieler, so dass er inzwischen auch diesen Gegensatz hinterfragte. 

Amalek war stark, aber waren wirklich er und die Herren die einzigen Kräfte? Letztendlich waren sie Menschen geblieben, mächtig, ewig, fähig zu Vielem, aber auch voller Irrtümer und Zweifel.


Die Verbannung von Josef und Ted in eine Welt, in der sie Josefs Eltern treffen und mit Hilfe der Eltern von Dolores den Weg zurück finden


Die Muslime sollten die Wahrheit über Mahmoud erfahren, und zum Aufstand rufen. Dieser Joseph war im Grunde ein furchtbar betrogener Mensch. Er war zu Recht wütend auf seinen Milton, der sich wieder seinen Adepten zugewendet hatte, und der nichts mehr als die Wahrheit fürchtete. Der Schwarze war irgendein Ass in diesem Spiel. Er war niemandem zuzuordnen, weder den dunklen Kräften noch den Verteidigern. In den Höllenwelten rührte sich etwas. Aber Nigromontanus hatte immer mehr begriffen, dass auch diese Dämonen allgemeinen Gesetzen gehorchten. Er kämpfte, wie alle Lebewesen um seine Nahrung und das waren nun einmal Emotionen. Amalek erschien ihm manchmal wie ein Wesen, das in wütender Kraft um eine Existenz rang, ein Wesen, das von Zielen getrieben wurde, die, wenn er sie erreichte, als leer und nichtig erscheinen musste. Es war wahr: er war ein Menschenmörder von Anfang an. Das war er noch. In besinnungsloser Wut hasste er den Menschen, der etwas zu haben schien, was ihm versagt war. Aber letztlich blieb für alle die Frage nach dem Sinn. Es war eine großartige Bühne, auf der sie spielten, auf der sie sich bekriegten, in Rüstungen, die von der Genialität des Schöpfers kündeten, der sich fern hielt, der einmal erschienen war und gesagt hatte: Ich bin der Weg und die Wahrheit. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Tatsächlich war es eine Welt des Truges und der Unwahrheit, in der Furcht und Trauer mit Hass und Gewaltfantasien stritten. Irgendetwas fehlte. Er wusste nur noch nicht was. Er wusste nur, er musste dieses Spiel weiter spielen. Je mehr einer wusste, desto mehr würde verlangt werden.

Thomas Hoffmann öffnete die Gefängnistür und sie traten zu den Gefangenen, die sich bereits untereinander verständigt zu haben schienen. Sprachbarrieren waren in allen Welten verschwunden. Die Wut und der Hass der Entführten galt weniger den Entführern als ihrem Anführer Mahmoud, den sie verdächtigten, ein Doppelspiel zu spielen. Es würde leicht werden, sie zu überzeugen. Joseph aber war wohl nicht zu besänftigen. Es wurde Zeit, dass man über eine Lösung nachdachte.


Die Auflösung


Mahoumed hatte sich den Bericht der vier Krieger angehört: Eine Falle also. Ihm war sofort bewusst, welches Spiel hier gespielt werden sollte. Während es Mercator und Gregorius gelungen war, diesen Joseph mit Informationen zu füttern, die die Einheit zwischen Milton und seinen Adepten zerstören wurde, hatte Milton einen erfolgreichen Gegenschlag durchgeführt.

Die Aufregung unter seinen Leuten war groß. Zwei ihrer besten Leute waren gefangen und entführt. Er wusste, dass man nun von ihm erwartete, dass er wie ein Feldherr handelte. Es gab keine andere Antwort als einen raschen Angriff.

Es war wohl jetzt nicht möglich, die Gemüter zu beruhigen und zum Abwarten zu bewegen. Die Krieger, und das waren letztendlich die meisten von Ihnen, dürsteten nach Rache und Kampf. In dieser Situation kam ihm Gregorius zur Hilfe, der unerwartet im Schloss erschien.

Ihm war zugetragen worden, dass es einen Kampf gegeben hatte, der zu einer entscheidenden Wendung führen konnte. Spätestens, wenn man Karim und seinen Gefährten über die wahre Natur des Aufenthalts dieser Gruppe gläubiger Muslime auf dieser Insel und Mahmouds wahre Rolle in dem Spiel aufgeklärt hatte, würde es zu völlig veränderten Machtkonstellationen kommen. In dieser kritischen Situation hatte Mercator eine Nachricht Miltons erhalten, der sich jetzt endlich zu Gesprächen mit ihm treffen wollte.

Was das zu bedeuten hatte, konnte noch niemand sagen, aber es deutete sich eine Veränderung an, die so nicht erwartet worden war.

Gregorius betrat das Schloss und bewegte sich durch eine Gruppe hasserfüllter Menschen, die ihn böse betrachteten. Mahmoud stand an der Spitze seiner Leute und machte keine Anstalten, ihm entgegen zu kommen. 

„Was führt Sie hierher“, sagte Mahmoud betont kalt.

„Wir haben gehört, was geschehen ist und wir möchten Euch darum bitten, noch nicht zu handeln. Milton hat um ein Gespräch mit Mercator gebeten und das sollte abgewartet werden. Ich möchte also darum bitten, dass bis morgen Abend mit Aktionen gewartet wird. Wie wir mitgeteilt haben, ist es uns ja ebenfalls gelungen, einen ihrer Leute mit neuen Informationen zu füttern. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass unsere Matrosen unter Waffen stehen und dass es noch gar nicht entschieden ist, ob und wenn auf welcher Seite wir eingreifen. Seit einigen Wochen erhalten wir täglich Besuch von Miltons Schutzbefohlenen und es gibt eine ganze Gruppe der Adepten, die sich unter unseren Schutz stellen will, um die Insel zu verlassen. Ich weiß, dass das Blut ihrer Männer kocht, aber ich bitte um einen kleinen Aufschub. Milton will im Laufe der nächsten Stunden zu unserem Stützpunkt kommen Wir werden sehen, ob es uns nicht gelingt, Eure Gefangenen durch Verhandlung zu befreien.“

Mahmoud blieb kühl und distanziert. Er hatte die Nachricht verstanden, aber vor seinen Männern durfte er keine Schwäche zeigen. 

„Ich kann nicht warten. Sie sehen, wie meine Männer gestimmt sind. Es hat auch keinen Sinn zu warten, bis dieser Milton die beiden Gefangenen zurück schickt. Wir greifen an. Vielleicht gelingt es uns, Milton zu fangen.“

„Eine gute Idee“, antwortete Gregorius. „Ich werde deinen Beschluss Mercator mitteilen.“ Mahoumed ließ Gregorius aus dem Schloss geleiten. Kurz darauf verließ er, in Begleitung vieler Männer das Schloss.

Ihr Weg führte am Felshafen vorbei, dem Krater zu, von dort aus verteilte man sich und näherte sich von mehreren Seiten der Bergfestung.

Mahoumed hatte keinen direkten Angriff im Sinn. Er hatte den Besuch von Gregorius richtig gedeutet. Milton würde in den nächsten Stunden die Festung verlassen und sich in Richtung der Schiffe begeben. Was er plante und wie viele Männer und Frauen ihn begleiten würden, konnte man nicht wissen. Es gab aber eine Chance, Milton selber zu fangen. 

Er hatte seine Männer in seine Pläne eingeweiht: man musste versuchen Milton selber zu fangen. Das würde alles ändern – und die Gefahr, enttarnt zu werden verringern. Milton war sicher ein gutes Tauschobjekt.


Miltons Tod wird eingeleitet


Milton war ohne Joseph zurückgekehrt. Dolores glaubte Milton nicht, dass Joseph bei den Herren war, sie hatte Höllenqualen ausgestanden bei dem Gedanken an sein Verschwinden. Sie hatte vergeblich die ganze Bergfestung abgesucht und war tief in den Berg vorgedrungen. Konnte man jemandem trauen, der mit zeitlosen Ungeheuern über Jahre Kontakt pflegte, die Stürme entfesseln konnten und Menschen töteten. 

Sie konnte jetzt nichts tun, aber sie würde auf Josephs Rückkehr warten. Das würde sie unter Umständen allein tun müssen, denn viele wollten die Insel verlassen,

Es gab jetzt ja eine Möglichkeit. Das Schiff, das im Felshafen lag, wartete. Immer öfter zog es Einzelne oder Gruppen zum Schiff herunter. Man schlich dabei förmlich an dem schwarzen kubischen Klotz vorbei, in dem die beiden Kommandanten lebten. Aber man freute sich auf das Schiff. Inzwischen hatte fast jeder es besichtigen dürfen und die Matrosen waren überhaupt nicht feindselig oder furchterregend. Im Gegenteil. Sie tranken und aßen mit ihnen und bald schon entwickelte sich eine Vertrautheit.

Die Muslime im Schloss verloren dadurch ihre Bedrohlichkeit. Zur Not, da war man sich sicher, würde Hilfe von den Matrosen kommen.

Dann kam Milton zurück und forderte seine alte Macht. Milton spürte dass seine Rolle geschwächt war. 

Im Grund begrüßte Milton die Entwicklung. Es zeigten sich Früchte der jahrelangen Arbeit. Es war gut, dass seine Adepten erwachsen geworden waren. Auch er wollte kein Sklave der Herren bleiben. Er hatte seine eigenen Pläne. Was gingen ihn große metaphysische Konflikte an. Ob nun diese oder jene herrschten, es war ihm egal. Er benötigte nur einen Ort, an dem er ungestört arbeiten konnte. Tatsächlich war es ihm gelungen, heimlich eine neue Siedlung mit der Hilfe von Menschen zu bauen, die von seinen Ideen zur Schaffung einer geistigen Elite begeistert waren. Dieses neue Projekt war SEIN Projekt. Er brauchte die Herren nicht mehr. Er würde mit deren Feinden verhandeln. Das alte Experiment war beendet. Es war nicht abgeschlossen, aber es hatte  einiges bewegen können. 


Was Ted nach der Flucht aus dem Krater geschah und wie er von Milton gefangen wurde


Das Wissen um die Wahrheit arbeitete in Joseph. Milton war ihm ebenso fremd wie die Herren. Es mochte ja sein, dass es noch ein anderes Ungeheuer auf diesem Planeten gab, aber für ihn und seine Freunde war das doch im Grunde egal. Er verstand jetzt erst, warum Ted es so erstaunlich gefunden hatte, wie sie lebten. Als die beiden Muslime die Zelle betraten, empfand er fast schon brüderlich für sie. Denn auch sie waren ja nur Mittel, in einem Krieg, der sie nichts anging. Sie kämpften einen Krieg, der nicht ihr Krieg war und  ihr Glaube wurde benutzt. Im Geheimen hatten unbekannte Mächte diesen Konflikt geschürt, um Menschen aufeinander zu hetzen. 

Ted erzählte den anderen Gefangenen, dass er einem ungeheuerlichen Ereignis beigewohnt hatte, an dem auch Mahmoud und einige der Arbeiter beteiligt gewesen waren. Er konnte nicht wirklich sagen, was geschehen war, aber ein Gott war erschienen oder ein Engel, ein schwarzer Gott übrigens, der sich offenbarte. Den anschließenden Tumult hatten die Muslime zur Flucht genutzt und auch er war geflohen und gefangen worden. Doch es war ihm ein zweites Mal gelungen, zu entkommen. Das hatte er Joseph bisher nicht erzählen wollen. Es war zu niederschmetternd, zu sehen, dass man nun völlig ausgeliefert war. 


Seine zweite Flucht führte ihn auf die Ostseite der Insel. Nach einer schwierigen Wanderung erreichte er eine Bucht, in der er auf eine Siedlung stieß. Als er sich vorsichtig näherte erkannte er Kinder und Europäer, die dort zu leben schienen. Es musste ein Schiff geben, mit dem sie gekommen waren. Eventuell war das seine Möglichkeit, diese verfluchte Insel zu verlassen. Er begab sich also in diese Siedlung und war erstaunt, dass dort deutsch gesprochen wurde. Dort erfuhr er interessante Neuigkeiten. Man sei mit vielen Kindern aus Europa aufgebrochen, um in dieser Welt ein neues Leben zu beginnen nach den Ideen Walter Trughausens, eines deutschen Philosophen, den sie verehrten. Tatsächlich besitze man ein Schiff, die Grete, mit der man die Insel auch wieder verlassen könne. 

Ted hatte mit den Erwachsenen zu Abend gegessen. Es war eine distanzierte, etwas misstrauische Gruppe, die eine gewisse Kühle und Strenge ausstrahlte. Er hatte ganz naiv gefragt, ob man wisse, dass auf der anderen Seite der Insel bereits ein ähnliches Projekt bestünde, doch das wurde verneint. Wie sie denn zur Insel gekommen seien, wollte Ted wissen, da doch jeder wisse, dass es fast unmöglich sei, hierher zu gelangen. Es gebe Strömungen und Wetterphänomene, die man kennen müsse. Sie zeigten stumm auf einen älteren Mann, der wohl Kapitän der Grete war. Ein ausgesprochen schweigsamer Mann. Als es schon dunkelte, hörte man von draußen Schritte und ein Mann betrat den Raum, den er erst erkannte, als er seinen Umhang ablegte. Es war Milton. Ihm war sofort klar, dass seine Flucht beendet war. Milton zeigte ihm gegenüber keine feindlichen Gefühle. Es sei allerdings erstaunlich, dass es ihm gelungen sei, hierher zu gelangen. 


Miltons Verrat wird näher beleuchtet


Die Tatsache, dass Ted hierher gelangt war verstärkte Miltons Vermutung: Die Macht der Herren schwand. Niemals hätte es Ted möglich sein dürfen, die Zeitfalte zwischen dem Westteil der Insel und dem Osten zu durchqueren. Es war aber offenbar geschehen. Auch veränderte sich die Insel. Es war, als entstünde ein neuer Kontinent. Das sprach dafür, dass ein unaufhaltsamer Prozess der Veränderung eingesetzt hatte. Da die Erosion der Macht der Herren mit dem Erscheinen von Gregorius und Mercator begonnen hatte, vermutete er, dass gleichzeitig die Macht dieses „Meisters“, dem die Ankömmlinge gehorchten, zugenommen hatte. Dieses Wesen war mächtiger geworden und die Insel würde fallen. Milton wusste, wann es Zeit war, sich abzusetzen. Er war nur sich selber und seinen Ideen verpflichtet, und er hatte in den letzten Jahrzehnten ein eigenes Netzwerk von Unterstützern aufbauen können. Er hatte erste Kontakte zum Feind geknüpft. Zwar war ihm die Denkweise und das Handeln der Anhänger dieses falschen Gottes suspekt und er lehnte alles, was sie dachten und taten ab, insbesondere die abscheulichen Riten der Pädophilie, und den tumben Satanskult, aber er rechnete sich aus, dass er dem Anwachsen dieser Macht nur gewachsen war, wenn er sich ihr nicht entgegenstellte. Er war nun bereit, sein altes Projekt zu opfern. Sein Experiment endete ja nicht. Er würde Kontakt halten und sehen, was aus diesen Keimzellen einer besseren Wirklichkeit werden würde. Seiner Meinung nach verschätzten sich die Feinde. Sie mochten ja glauben, dass sie einem Gott dienten oder dass sie eine Religion begründeten, aber letztendlich versuchten sie sich nur am alten Spiel der Bewusstseinskontrolle. Er hatte beschlossen, diesem Mercator und seinem Untergebenen, dem Kapitän Gregorius ein Friedensangebot zu machen. Es war nicht zu erwarten, dass Mercator oder Gregorius sein neues Projekt begrüßten. Solange der geistige Krieg aber andauerte, würde man ihn in Ruhe lassen. Milton hoffte, ein Abkommen treffen zu können. Da er nicht religiös war, hatte er das, was die Herren Dämonen nannte, als natürliche Wesen aufgefasst, die ebenso sinnlos oder sinnvoll existierten wie Menschen oder Tiere, wenngleich in einer eher verdeckten, unsichtbaren Region, in der sie menschliche Emotionen schürten und diese tranken. Das PRINZIP war das Gleiche wie bei Mücken, Löwen oder Menschen. Man hatte seine Weidegründe, seine Nischen und seine spezielle Nahrung. Amalek war dabei etwa das, was ein Kaiser oder König bei den Menschen war. Er besaß Truppen, also Macht, und er liebte Macht. Macht aber will Ausdehnung. Im Endeffekt konnte Amalek aber auch nichts anderes tun, als verheeren, bedrohen, Angst verbreiten um seine Truppen und sich selbst ernähren. Das war die reale Gegenwelt, aus der die Menschen wieder religiösen Irrsinn zauberten. Wie bei allen Konflikten gab es hier Besitz und Preis und man konnte verhandeln. Tausend Märchen zeugten von der Verhandlung zwischen Dämon und Mensch, bei der der listige Bauer oftmals siegreich blieb. Der Dämon gewann nicht immer, obwohl er Anstalten machte, mit Hilfe seiner religiösen MENSCHLICHEN Verehrer Systeme aufzubauen, die an Systeme menschlicher Massentierhaltung erinnerten. Man züchtete Biotope in denen Lust erzeugt wurde, die umso nahrhafter war, je mehr Geilheit dort erzeugt wurde. Seine Kinder aber, und das hoffte er, hatten eine feste innere Basis und würden sich von den Verlockungen des Dämons fern halten. 

Nun war dieser Ted hierher gelangt und hatte das neue Projekt gesehen. Auch er konnte im Grunde nicht zu den anderen Bewohnern zurück kehren. Er würde Joseph begleiten müssen, bei dessen Reise in jene Wirklichkeitsebene, in der Josephs Eltern jetzt lebten. Von dort würden beide nie mehr zur Insel zurück kehren. 

Er brachte den Schwarzen zurück in den Westteil der Insel bringen. Dort wurde er zu Joseph gebracht. Der Rest ist bekannt.


Warten auf die Verbannung


Dass die beiden gefangenen Muslime Karim und Ben Yusuf zu den Franz und Ted gebracht wurden, war beabsichtigt. Das anfängliche Misstrauen und der Hass, den Karim und sein Partner gegenüber Joseph hegten, legten sich, nachdem Ted Ihnen von den Ereignissen erzählt hatte, deren Zeuge er gewesen war. Sie sollten nicht vorschnell urteilen. Ihr Anführer Mahoumed spiele ein Doppelspiel. 

„Dieser Europäer, Hoffmann, der hier unten residiert und seltsam futuristische Maschinen benutzt, ist kein Feind. Ich denke, man kann mit ihm reden. Ich weiß nicht, was sie mit uns vorhaben, aber es ist sicher kein Zufall, dass wir alle beisammen sind“, sagte Ted

Joseph warf den beiden Muslimen einen misstrauischen Blick zu, den Ted registrierte.

„Sie sind Gefangene, wie wir auch. Wir sollten uns nicht misstrauen. Jetzt kommt es wohl erst mal darauf an, zu sehen, ob wir hier wieder raus kommen können.“

„Ich weiß nicht, ob Du hier raus kommst oder diese beiden Männer, aber ICH werde hier wohl nicht so schnell raus kommen. Wenn ich zurück kann, dann würde ich den anderen erzählen, wer Milton tatsächlich ist. Ich glaube kaum, dass das in seinem Sinne ist.“

„Aber das ist es“, sagte Ted und klatschte in die Hände. „Überleg doch mal, die beiden Muslime hier waren doch schon immer GEGEN diesen Mahmoud. Das haben wir schon früher gesehen und jetzt sind sie hier. Und ich war dabei, als dieser Mahmoud von einem schwarzen Gott Befehle entgegennahm.“

„Und?“

„Worüber redet ihr“, fragte Karim misstrauisch.

„Es geht darum, dass wir langsam dahinter kommen, warum wir alle zusammen hier gefangen sind.“

„Was meinst Du“, fragte Karim

„Nun, er“, und er zeigte auf Joseph, „hat einiges über diesen Milton erfahren, das besser nicht bekannt wird, und ich habe einiges über Euren Mahmoud erfahren, das eure Einstellung zu ihm verändern wird.“

„Was hast Du erfahren“.

„Nun“, als ihr hier in der Höhle wart und glaubtest, er habe Euren Propheten gesehen, war es in Wahrheit ein schwarzer Gott, dem er zu Füßen fiel. Ich habe es genau gesehen. Ihr wart so ergriffen, und ich habe mich gewundert. Aber die anderen Männer haben noch ganz anderes gesehen. Es war nicht Euer Prophet, dem euer Anführer gehuldigt hat, es war etwas völlig anderes, das für jeden unterschiedlich aussah und ich habe mich an meinen Kapitän erinnert, der auf der Endevaour gestorben ist. Er sagte, dass Euer Mahmoud mit diesen teuflischen Kapitänen unter einer Decke steckt. Er ist einer von ihnen, und sie beten etwas völlig anderes an, ein Wesen, das sehr  mächtig ist, das sie Amalek oder den Meister nennen.“ 

„Bei Allah.“ Die beiden Muslime tauschten besorgte Blicke. „Wir waren ihm schon lange auf der Spur. Wenn wir hier herauskommen, werden wir Ihn töten.“

„Das ist es ja“, sagte Ted. „Ihm“, und er zeigte auf Joseph, „geht es ähnlich.“ Wir sitzen hier, weil wir etwas verändern würden.“ 

„Und was ist mit Dir?“

„Sie haben mich am anderen Ende der Insel ergriffen. Ich wollte weg. Es gibt dort Menschen und ein Schiff. Ihr könnt mir glauben, wenn es ginge, wäre ich schon lange von dieser Hölleninsel geflüchtet. Leider kam dieser Milton, der auch dort die Hände im Spiel hat, und setzte mich fest.“

In diesem Moment öffnete sich die Zellentür und Thomas Hoffmann betrat den Raum, gefolgt von einem der älteren Männer, die hier unten ein und aus gingen.

„Hallo“, nickte er. „Ich habe jemanden mitgebracht, der über die nötigen Fähigkeiten verfügt, Ihnen die Informationen zu geben, die wir Ihnen geben möchten. Sie haben sich ja sicher schon gedacht, dass es einen Grund gibt, warum wir gerade sie festhalten müssen oder wollen.“ 

Die Muslime hörten aufmerksam zu, beobachteten aber die beiden Männer, die unbewaffnet waren und nicht sehr wehrhaft aussahen. Es war sicher ein Leichtes, sie zu überwältigen. 

„Denkt nicht daran“, Sie hörten ganz deutlich eine Stimme in ihrem Kopf und diese stammte von dem alten Mann. 

„Ich bin Nigromontanus oder auch Alexander Schwarzberg, für Sie“, und er nickte Joseph zu, „einer der „Herren“. Was sind die „Herren“. Nun. Wir sind Menschen. Wir sind nicht an einen Glauben gebunden. Wir haben aber, zum Teil vor tausend Jahren, jeweils auf eigenem Weg ein Geheimnis entdeckt, die große Schleife. Es ist wie Sterben im Leben. Das hat uns unsterblich gemacht. Wir waren mitverantwortlich für diese Insel, auf der sie alle in gewisser Weise gestrandet sind, auch unsere beiden Freunde aus der muslimischen Welt. Es ist wahr, was Ihnen der Schwarze erzählt hat, es gibt einen Gegenspieler, der diese Insel – und auch viele Welten außerhalb – bedroht. Es ist kein Gott. Er ist nicht Euer Prophet. Er ist ein Dämon, wie ihr es nennen würdet, ein Teufel, und er hat Anhänger auf der Welt. Dazu gehören die beiden Kapitäne, deren Mannschaft und leider auch euer Mahmoud. Ihr wart bereits im Zweifel, und ich will Euch die Zweifel bestätigen. Als ihr hier in dieser Höhle zusehen durftet, wie Euer Prophet aus einer der Wände kam, geschah in Wahrheit das“: Wie im Traum wiederholte sich das Ereignis von Amaleks  Ankunft. Aus dem Lichtkegel trat ein mannweibliches Wesen von fast ätherischer Schönheit, das nun aber transparent wurde und dahinter zeigte sich ein Ungeheuer von bedrohlicher Abscheulichkeit. Mahoumed sah dieses Mischwesen ehrfurchtsvoll an und der Ankömmling näherte sich ihm und sie sahen, dass er Mahoumed berührte und ihm etwas in den Mund flößte. Das Traumbild verschwand.

„Hexerei“, murmelte Karim und spuckte aus. Thomas Hoffmann aber öffnete eine flache Platte, die zu leuchten begann und sie sahen die Szene erneut, nun auf diesem Stein. 

„Das ist ein Laptop. Eine Maschine, die Menschen entwickelt haben. Wir haben alles gefilmt. Da ich aus einer Zukunft komme, verfüge ich über Maschinen, die bei Euch erst noch entwickelt werden. Aber ihr seht auch hier das, was Nigromontanus real gezeigt hat. Was ihr damals gesehen habt, war eine Blendung.“

Die Muslime sahen sich den Film mehrmals an. 

„Was machen wir dann hier?“, fragte Karim. 

„Ihr seid von den Anhängern dieses Wesens hierher gebracht worden, um unsere Ordnung zu zerstören. Wenn es Euch gelingt, werden Sie euch töten. Das wird Euer Schicksal sein, wenn ihr nicht erkennt, welches Spiel hier gespielt wird.“

„Und woher weiß ich, dass ihr uns nicht betrügt?“.

„Du musst selber wissen, was Du glaubst, aber es werden in Kürze Kräfte wach, von denen ihr Euch keine Vorstellung macht. Ich werde Euch jetzt zum Schloss gehen lassen. Wir werden in jedem Falle dafür sorgen, dass ihr auf der Insel bleiben könnt.“ 

„Was für ein Teufel ist dieser Mann“, fragte Karim und zeigte auf Nigromontanus. Der lächelte und schwieg. Wie von einem fremden Willen gesteuert, verließen sie die Höhle. Wenig später befanden sie sich im Vulkankrater, während sich hinter ihnen jeder Zugang zum Zentrum der Höhle endgültig verschloss. Sie waren frei. Sie versuchten, das eben Erfahrene zu verarbeiten. Zu grauenhaft waren die Bilder gewesen, zu unglaublich der Grund für ihr Hiersein. Alles, was Mahmoud anging, war also eine Lüge. Aber Allah hatte Ihnen ermöglicht, die Wahrheit zu erfahren.

Joseph hatte den Ausführungen von Nigromontanus gelauscht. Sie waren nur Spielfiguren in einem größeren Spiel, und er besaß im Grunde weder ein Zuhause noch eine Identität. Er dachte an Dolores. 

„Du hast im Grunde die Möglichkeit, zu dem Punkt zu gelangen, an dem ich stehe. Das ist jedem Menschen möglich. Identität und Heimat verschwinden dann allerdings“, sagte Nigromontanus

„Was wollen Sie von mir?“, sagte Joseph.

„Du weißt, dass wir dich nicht zurück schicken können, genauso wenig wie Deinen Freund. Wir werden Euch auf eine Reise schicken. Würdest Du gerne Deine Eltern kennen lernen?“

„Meine Eltern? Ich habe doch Milton, meinen Vater“. Joseph lachte gequält. 

„Und was ist mit meinen Eltern?“, fragte Ted. „Ich würde gerne wissen, wer sie sind.“

„Ihr werdet zusammen gehen. Deine Eltern wohnen in einer Parallelwelt. Es geht Ihnen gut. Du hast Geschwister, Neffen und Nichten. Eine große Familie.“

„Und ich bin dann der schwarze Bimbo aus der Dienerschaft?“

„Diese Welt ist eine Welt, in der Schwarze völlig gleichberechtigt sind. Wir werden euch genügend Wissen mitgeben. Ihr werdet dort anerkannt sein. Keine Fremden. Das verspreche ich euch.“

„Und was ist mit Dolores?“, fragte Joseph. 

„Wir werden uns um sie kümmern.“

„Ihr wollt mich für immer wegschicken, nicht wahr.“ Joseph spürte eine lähmende Traurigkeit in sich aufsteigen. 

Nigromontanus lächelte. 

„Dazu kann ich nichts sagen. Wir beginnen jetzt. Ihr werdet das durchleiden, was alle Menschen irgendwann durchleiden müssen, den Tod. Aber fürchtet Euch nicht. Es ist nur ein Absterben der Realität und ein Erwachen in einer anderen Realität. Ich bin  in eurer Nähe, kann aber nicht eingreifen.  Ihr werdet jetzt gleich einschlafen, aber ihr werdet als Menschen aufwachen. Habt keine Angst.“

„Wir sterben?“, fragte Ted und sah den alten Mann ängstlich an. 

„Es ist eine Erfahrung, die jeder macht. Ihr könnt euch aber sicher sein, dass ihr wieder aufwachen werdet. Schlaft jetzt.“ Nigromontanus machte eine rasche Bewegung mit der rechten Hand und sowohl Ted als auch Joseph versanken in tiefem Schlaf.


Josephs Weg durch den Tod


Joseph stand am Ufer eines tintenschwarzen Ozeans über dem  eine schwarze Sonne stand. Er ging durch einen dichten Nebel und erreichte eine endlos wirkende baumlose Ebene. Plötzlich ertönte enormer Lärm. Eine Karawane aus Wesen von überirdischer Größe näherte sich. Es waren Wesen, die groß wie Berge waren. Sie beachteten ihn nicht. Er ahnte, dass er sich in einer Art Traum befand. 

„Das sind nur Emanationen deiner positiven Gedanken“, hörte er die Stimme von Nigromontanus sagen. Nach einer Weile ertönte wieder grauenerregender Lärm. „Erschrick nicht“, ertönte die Stimme von Nigromontanus, „Das sind deine negativen Gedankenmuster. In der Auflösung deiner Existenz manifestieren sie sich, wie Bilder in einem Traum. Sie werden alle deinen Schrecken darstellen. Fürchte dich nicht“, sagte die Stimme des unsichtbaren Begleiters. Groß wie Berge waren die Ungeheuer, die da heran marschierten. Der Schrecken kam und ging, wie es jeder Schrecken tut. Er war wieder allein. Er folgte einem Weg, der durch diese trostlose, graue Ebene führte, bis er auf ein Wesen von ungeheurer Hässlichkeit stieß. 

„Das ist der Knochenbrecher. Ein Engel der Umwandlung. Er wird Dich zerreißen und fressen. Achte darauf, dass Du den Schmerz zwar fühlst und das Grauen erlebst, dass Du aber immer unversehrt bleibst. Es ist in Wahrheit der Ort, an dem Du Deine alte Person verlierst, um eine neue zu erwerben, also fürchte dich auch jetzt nicht. Er kann Dir nichts tun. Alles was geschieht, fühlt sich real an, aber es ist wie in einem Traum. Das ist der Weg der großen Schleife, die JEDER nach dem Tod geht.“

Der Knochenbrecher ergriff Joseph, hob ihn empor und biss seinen Kopf ab. Joseph spürte Schmerz und Entsetzen, aber er lachte innerlich, denn er hatte seinen Kopf glücklicherweise kurz darauf wieder zwischen den Schultern. Langsam begriff er. Das alles war völlig real, aber es war auch eine Fiktion. Das Ungeheuer fraß ihn mehrfach. Aber er wurde immer gleichgültiger und fühlte plötzlich Sympathie: Du bist ich, nicht wahr? Du bist ein verborgener Teil von mir. Er betrachtete das Wesen. Es sah grauenhaft aus, aber es weckte sein Mitgefühl. Er streichelte über die von Warzen bedeckte Haut und plötzlich spürte er Schmerz und Traurigkeit. Das alles bin ja ich, dachte Joseph. Er verließ das eigenartige Wesen und erreichte wenig später einen See. In einem angrenzenden Wall gab es mehrere Tore, die in Wiedergeburten führten, wie Nigromontanus erläuterte.

Er ging zielstrebig daran vorbei und nahm den Weg, den ihm Nigromontanus zeigte. 


Joseph und Ted erwachen in unserer Welt


Er erwachte. Es fühlte sich unwirklich an. Er war ein anderer und doch er selbst. Er erhob sich und ging ins Badezimmer, wo er sich im Spiegel betrachtete. Sein Haar war kurz geschnitten. Er trug einen Bartschatten. Er ging zurück ins Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank. Dort hingen Hemden und lagen Hosen, Unterhosen, T Shirts, Socken. Er fand Schuhe. Pullover, Jacken.

Wo war das Handy? Er wunderte sich über das Wort, aber er erinnerte sich an etwas, das er noch nie gesehen hatte. Das Handy lag auf dem Nachtisch. Er fand eine neue Nachricht. Ted hatte sich gemeldet. Er war in einem Zimmer am anderen Ende der Stadt erwacht. Die Stadt hieß Bonn. Er erinnerte sich. Er kannte hier viele Straßen. Er wohnte  in der Estermanstraße, in Grau Rheindorf, in einer Wohnung mit Rheinblick. Er hatte an der Bonner Universität Literaturwissenschaft studiert und arbeitete jetzt für den Bonner General Anzeiger. Seine Familie lebte gar nicht weit entfernt in Troisdorf Bergheim. Ted wohnte sich in der Altstadt Bonns in der Dorotheenstraße. Er betrieb ein Handygeschäft, und er würde sich jetzt auf den Weg zu ihm machen. In einer Viertelstunde würde man sich treffen. Die Erinnerung an die Insel war seltsam unscharf, als habe er geträumt. 

Er lächelte und sah aus dem Fenster. Es war Herbst. Die Bäume trugen verfärbte Blätter. Der Rhein floss träge. Schiffe zogen vorbei.

In diesem Moment klingelte es. Er öffnete und wartete auf Ted. Dieser sah fantastisch aus. Er war ja sehr groß und athletisch. Jetzt trug er das Haar sehr kurz. Designerjeans, ein weißes Hemd, ein schöner Körper, ein nettes Lachen: Ein Mann, nach dem sich die Frauen umdrehten.

„Bin heute Morgen aufgewacht und hatte so ein seltsames Gefühl. Kam mir vor, als müsste ich mal nachsehen, wie es dir geht. Wollten wir nicht heute deine Familie besuchen?“

„Ich war schon Ewigkeiten nicht mehr dort. Ob man mich noch erkennt?“

Irgendetwas stimmte nicht. Er war lange weg gewesen. Aber hatte er nicht einen Beruf? Wieso musste er heute nicht arbeiten. Er kannte Kollegen. Aber kannte er sie wirklich. Er konnte sich nicht recht erinnern.

Und dieser Traum? Irgendwie kam ihm alles irreal vor. In diesem Moment sprach Ted es aus:

„Irgendetwas stimmt nicht. Hast Du auch so seltsam geträumt?“

In diesem Moment erschraken die beiden. Ein älterer Mann stand im Zimmer. Er erschien wie aus dem Nichts und lächelte ihnen zu.

„Ich möchte, dass ihr euch erinnert“, sagte er. Er blieb längere Zeit und erklärte ihnen, wer sie wirklich waren. Es dauerte eine Weile, bis die Erinnerung zurück kehrte. Sie waren Gefangene der Herren gewesen. Sie waren verbannt worden und hatten ein neues Leben bekommen. „Hört zu“, sagte Nigromontanus. Ihr seid hier völlig integriert. Ihr habt einen Platz, den niemand in Frage stellen wird. Ihr habt auch das Wissen, das man braucht, um hier zu überleben. Ich verlasse Euch jetzt. Es ist gut für Euch, dass ihr hier seid. Aber auch hier beginnt ein Krieg. Bis hierher habe ich Euch begleitet. Ich wünsche Euch alles Gute. Denkt daran, im Innersten bleiben wir alle verbunden.“

So plötzlich wie er gekommen war, verschwand Nigromontanus wieder, aber er hatte ihnen das Wissen zurückgegeben, wer sie wirklich waren.

Zuerst wollten sie die Eltern von Joseph  besuchen.

„Ich weiß, wo sie wohnen“, sagte Joseph.

Die beiden sahen sich an und wunderten sich, wie fremd sie jetzt aussahen. Aber sie gefielen sich. Sie verließen die Wohnung und stiegen in den Mini, der Ted gehörte. „Ein nettes Geschenk“, sagte Ted und ließ den Motor an. „Kannst Du so etwas fahren“, sagte Joseph. „Daran haben sie gedacht“, antwortete Ted. Ich habe das Gefühl, schon seit Jahren solch ein Auto zu fahren.“

„Es ist erstaunlich“, sagte Joseph. 

Sie fuhren über die Nordbrücke und nahmen die erste Ausfahrt Richtung Niederkassel. In Troisdorf Bergheim bogen sie ab. Die Siegstraße war ihr Ziel. Dort hielten sie vor einem Haus. Joseph sah eine ältere Frau, die vor dem Haus stand und in ein Gespräch vertieft war. Ein Mann stand in der Tür. Beide waren ihm völlig fremd.

„Lass uns weiterfahren“, sagte er zu Ted. „Ich kann das jetzt nicht.“ 

Ted sah ihn forschend an, startete dann aber den Motor und sie fuhren los, während die Frau ihnen erstaunt hinterher sah. Plötzlich gestikulierte sie und winkte. Der Mann trat auf die Straße. War er erkannt worden?

„Halte an“, sagte er. Ted stoppte den Wagen. Die Frau näherte sich langsam. Er öffnete die Wagentür und stieg aus dem Auto. In diesem Moment schien die Frau ihn zu erkennen. Sie rannte mit hochrotem Kopf auf Joseph zu. Tränen liefen ihr übers Gesicht:

„Du bist es, nicht wahr. Joseph. Ich erkenne Dich, Du siehst aus wie deine Brüder.“ 

Er nickte und die Frau sank ihm in die Arme. Dann kam ein Mann, der sichtbar aufgeregt war: 

„Joseph?“ 

Joseph nickte. Dem Vater liefen Tränen über das Gesicht: „Wie kann das sein?“ Joseph zuckte die Achseln. 

„Eine lange Geschichte.“ Seine Mutter im Arm und seinen Vater an der Seite begleitete er seine Eltern zu ihrem Haus zurück. Ted folgte ihnen langsam. 

„Wie ist das möglich?“ stammelte der Vater. Wir dachten, Du bist tot. Aber Du lebst. Ich werde Deine Brüder anrufen.“

Joseph bat Ted zu bleiben. Kurz darauf kamen Josephs Brüder. 

„Wir haben die Insel fast schon vergessen“, sagte sein Vater. „Es liegt so weit zurück. Wir lebten damals in ganz anderen Verhältnissen. Arm, hilflos und es war ein großes Geschenk mit zu dieser Insel reisen zu dürfen. Wir haben dort alles mit aufgebaut und dann kam der Tag, als sie uns verbannt haben und Dich behielten. Wir konnten nichts machen. Sie haben uns vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie gaben uns eine neue Identität, einen Beruf, eine Geschichte. Wir bekamen alles: ein Haus, ein Auto, aber Dich bekamen wir nicht. Wir hatten Dich als Preis bezahlt. Es war widerlich. Wie bist du Ihnen entkommen?“

Joseph erzählte von seinem Leben auf der Insel, davon, wie er mit den anderen Kindern aufgewachsen war. Davon, das Milton Ihnen eine Fantasiegeschichte erzählt hatte, von den Herren und von der Verbannung. 

„Es sind alles Nazis, nicht wahr“

Josef erinnerte sich an diese Welt, die er nicht kannte. Dort war der geistige Krieg in vollem Gange, die Anhänger des Dämons waren weit gekommen. Es war Ihnen gelungen, alle guten Absichten ihren eigenen Manipulationen zuzusprechen und alle bösen den Herren und ihren Anhängern und sie taten das, indem sie diesen Attribute zuschrieben, die Empörung weckten. Nationalsozialisten waren eine politische Gruppierung gewesen, die einen gewaltigen Krieg und unzählige Tote auf dem Gewissen hatten. Die Herren waren alles, aber keine Nazis. Aber das konnte er wohl nicht erklären.

„Nein, Nazis sind sie nicht. Sie wissen wahrscheinlich nicht mal, was ihr damit meint. Aber sie haben keine Rücksicht genommen, auf Euch und Euer und auf unser Leben. Sie haben uns benutzt in einem Krieg, den sie führen und vielleicht führen müssen.“

„Willst Du sie etwa verteidigen?“, fragte sein Bruder Anton. 

„Nein“, sagte Joseph, „bestimmt nicht. Ich war wütend, und ich hätte ihr Spiel verraten, deshalb bin ich hier. Aber böse sind sie nicht.“

„Ach ne“, sagte Ted, „aber sie haben eine Gefangeneninsel gebaut, auf der sie Euch wie Vieh gehalten haben. Wir alle hatten Angst vor dieser Spukinsel und vor diesem Milton. Und Du hast ja selber gesagt, er sei ein Betrüger. Außerdem hat man uns verbannt. Kannst Du mir sagen, was ich hier soll? Ich bin aus einer ganz anderen Welt und da hatte ich Freunde und Familie. Verstehst Du, die gehen über Leichen.“

„Dein Freund hat recht“, sagte Josephs Vater. „Sie machen, was sie wollen.“

„Aber für das Chaos hier in Eurer Welt sind sie nicht verantwortlich. Das verursachen andere, die wahrscheinlich noch erheblich grausamer sind.“

Joseph spürte, dass er hier auf Ablehnung stieß. Die geistigen Fronten in dieser Welt waren bereits verhärtet. Er schwieg. Er hatte begriffen, dass es ein gewaltiges Ringen um die Herzen der Menschen gab. Er beobachtete diesen Mann, der sein Vater war. In gewisser Hinsicht war ihm Milton näher als es dieser leibliche Vater war. Das würde auch Ted niemals verstehen. Milton  war kein Ungeheuer. Er war offenbar so von seiner Idee besessen, dass er darüber ungeheuerlich handelte. 

Spät am Abend zogen er und Ted sich zurück.

„Hast Du das ernst gemeint, mit Deiner Verteidigung dieser Verbrecher“, sagte Ted. 

„Ich weiß es nicht“, antwortete Joseph.

„Ehrlich, wenn Du diese Typen verteidigst, kann ich nicht Dein Freund sein“, sagte Ted. Joseph nickte: 

„ Ich weiß. Aber Du hast nicht bei uns gelebt.“ 

„Das macht nichts. Ich weiß aber, dass ich jetzt hier gefangen bin. In einem Luxusgefängnis, aber in einem Gefängnis. Du kannst Deinem Führer nachtrauern. Ich geh jetzt los, reiß mir ein Mädel auf und besaufe mich. Tschüs.“

Er ließ Joseph vor der Haustür heraus und fuhr mit quietschenden Reifen los. Joseph öffnete die Haustür und ging zu seiner Wohnung.


Miltons Tod


Milton hatte beschlossen, alleine zu gehen. Er nahm seinen schwarzen Umhang und bewegte sich durch das Höhlensystem zu dem Ausgang, der nur ihm bekannt war. Er mündete in einer versteckten Felsnische. Milton wusste, dass die Herren Gedanken lesen konnten und dass sie zweifellos wussten, dass er eigene Wege ging. Warum sie nicht handelten konnte er sich nur durch ihre Schwäche erklären. Überall waren ihre Anhänger auf dem Rückzug. Die Ankunft von Gregorius und Mercator hatte es gezeigt, der Zusammenbruch der Zeitfalte, die den Westen der Insel vom Osten trennte und das merkwürdige, unkontrollierte und ungesteuerte Wachstum der Insel in der Tiefe. Die Herren wussten offenbar selbst nicht mehr, was geschah. Das Projekt näherte sich dem Ende, damit sank aber auch der Wert, den sie ihm, Milton, zusprachen. So glaubte er zumindest. Er musste allerdings nicht befürchten, dass er von Gregorius oder Mercator gefangen genommen würde. Für die beiden war er von Wert. Sein Übertritt bedeutete für sie einen größeren Sieg, als ihn zu töten.

Milton schaute zum Himmel empor, an dem der Vollmond gerade hinter einer Wolke hervor trat. Sein Licht legte sich silbrig auf den Pfad zum Felshafen. 

Zum selben Zeitpunkt hatten sich Mahmouds Männer auf den Weg gemacht, die Niederlage und den Verlust zweier ihrer besten Männer zu rächen. Mahmoud hatte seine Truppen weit gestreut den Aufstieg beginnen lassen, um eventuelle Patrouillen abfangen zu lassen. Er hatte strikte Anordnung gegeben, lautlos zu bleiben. 

Milton stieß auf halbem Wege auf drei Männer, die aus der Dunkelheit traten und sich ihm in den Weg stellten. Als er sah, dass es Krieger der Muslime waren, flüchtete er und versuchte über die Geröllebene hinabzusteigen. Die Männer hatten ihn erkannt und ihr ganzer Hass brach sich Bahn. Er erreichte den Fuß des Hügels und versuchte um die Felsen herum zum Lager von Gregorius und Mercator zu gelangen. Schon sah er voraus die Lichter, als ihm plötzlich ein herkulischer Krieger gegenüberstand. Milton hörte den Schwerthieb mehr, als dass er ihn sah. Die Klinge traf ihn am Hals und trennte sauber seinen Kopf von seinen Schultern. Einen Moment stand der große Körper noch aufrecht, dann sackte er zusammen. Jetzt erreichten auch die Verfolger die Stelle, an der Milton gestorben war. In blinder Wut traten die Männer gegen den leblosen Körper, trugen ihn dann zu einem Baum und hängten den Torso an den Füßen auf. Dann nahmen sie den Kopf und steckten ihn auf einen Spieß. Triumphierend bewegten sie sich den Berg hinauf auf die Bergfestung zu, wo sie den Kopf über die Palisade warfen.


Niederlage und Flucht


Ein lähmendes Entsetzen verbreitete sich in der Festung.  Sie standen einen Augenblick wie gelähmt vor dem Kopf ihres Milton, aber für Trauer blieb keine Zeit. Mit wütendem Gebrüll griffen die Muslime die Bergfestung an.

„Los, an die Palisaden“, befahl Peter, der als erster wieder zu Sinnen kam, „das ist ein Angriff.“ Paul, Thomas, Linda, Dolores und Angelina, eilten zu der Palisade. Aus den Augenwinkeln sahen, sie, dass die anderen Sabine folgten, die zum Hinterausgang hastete. Die Muslime hatten damit begonnen, die Palisaden in Brand zu stecken. Rauch quoll empor.

Peter und Paul standen auf der Brüstung und wehrten die Angreifer ab, die versuchten in das Innere der Höhle vorzurücken. 

„Es sind zu viele“, rief Dolores. „Wir müssen fliehen.“ Tatsächlich erreichte der Angriff seinen Höhepunkt. Der Zorn und die Kampferfahrung der Muslime gegen viel zu wenige Verteidiger. Das gab den Ausschlag. Dolores hatte recht. Ihnen blieb nur die Flucht. Die Palisaden standen nun in hellen Flammen. 

„Wir müssen zu Miltons Ausgang“, rief Paul. Ich kenne ihn. Folgt mir.“ Sie wendeten sich zur Flucht und hasteten hinter Paul her. Der Weg führte abwärts und endete in einem schmalen Durchbruch. Sie erreichten das Freie und schoben einen Felsbrocken vor den Ausgang, der Ihnen allerdings nur einen kleinen Vorsprung verschaffen würde. 

„Wohin sollen wir flüchten“, rief Dolores. In diesem Moment sah sie den alten Mann, der auf einem der Felsen stand und in Richtung des Inselinneren zeigte. Sie überlegten nicht lange. Schon hatte die Gegner den Ausgang erreicht und versuchten den Felsen zur Seite zu schieben. In diesem Moment griff Nigromontanus ein und schuf eine Zeitfalte, die die Muslime am Durchbruch hinderte. Er sah dem blonden, hochgewachsenen Peter und seiner kleinen Truppe hinterher. 

„So beginnt es also“, sagte er. 

Es würde nun geschehen, was geschehen musste. Es lag nicht mehr in ihrer Hand.

Die Matrosen offenbaren ihre wahre Natur und Amalek erscheint persönlich

Als Milton starb, veränderte sich etwas auf der Insel. Mercator spürte, dass sich die Fesseln lockerten, die den Meister bisher fern gehalten hatten. Die Insel war gefallen. Mercator zeigte sich in seiner wahren Gestalt. Während er bisher seine Männer dazu angehalten hatte, so verlockend und freundlich wie möglich zu sein, um die Adepten dieses Milton zu blenden, so war das nun gleichgültig geworden. Der Bann war gebrochen. Auch die Muslime wurden nicht mehr gebraucht. Die Matrosen waren allesamt Diener des Meisters. Seit Jahren hatte sie ihre Seele dem Amalek verschrieben. Sie erwarteten die Ankömmlinge, hungrig und hasserfüllt. 

Sabine trat mit wehendem Haar aus der Dunkelheit und führte diese jungen Menschen heran, die bereits sehnsüchtig erwartet wurden. 

„Hallo, hier bin ich“, rief Sabine erleichtert. In diesem Moment sah sie was da im Dunkeln auf die Flüchtenden wartete. Entsetzt erkannte sie noch, dass hier der Tod auf sie wartete. „Flieht“, wollte sie rufen, aber da wurden sie bereits getötet. Es war ein gewaltiges Opfer, das man dem Meister brachte. Die jungen Menschen wurden geschlachtet. Die Insel gehörte jetzt dem Amalek, der sich aus seiner Finsterwelt aufmachte, die Insel persönlich zu betreten.

Mahmouds Ende. Das große Schlachten.

Mahmoud hatte mit Entsetzen gesehen, dass die Mordlust mit seinen Gefährten durchgegangen war. Er betrat die Bergfestung, in der seine Männer Miltons Kopf auf eine Stange gespießt hatten, die sie wie eine Fahne aufrecht stellten. Er spürte, dass das Massaker erst begonnen hatte. Die Hölle war erwacht. Seine Männer waren siegestrunken, aber brauchte der Meister sie jetzt noch? Mercator nahm ihm die Entscheidung ab. Während er auf den Meister wartete erschienen die Matrosen und töteten die Muslime, die wie hypnotisiert standen und keine Gegenwehr leisteten. Das war der Macht des Meisters zu verdanken, der durch Mercator wirkte, der jetzt die Bergfestung betrat und sich auf Mahmoud zu bewegte, der sich tief vor ihm verbeugte, ehe ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Im Schloss erschienen zu diesem Zeitpunkt die Männer des Gegorius und erschlugen die restlichen Männer, denen die Flucht dorthin gelungen war. 

Gregorius und Mercator gelang es kurze Zeit später, das Portal zur Geschlossenen zu öffnen. Sie drangen in diese heiligen Räume ein, die sie verlassen fanden. Sie zündeten die Bücher und Folianten an und verließen diesen Ort. Das Schloss, das einmal außerhalb der Zeit geschaffen worden war, brannte lichterloh und stürzte in sich zusammen.

Die beiden letzten Muslime verbünden sich mit Nigromontanus und den überlebenden Inselbewohnern. Nigromontanus und Thomas Hoffmann helfen.

Karim und Ben Yussuf waren auf dem Weg aus dem Berg auf ihre siegestrunkenen Brüder gestoßen, die bergauf zogen. Sie trugen den Kopf dieses Milton. Die beiden gaben sich nicht zu erkennen, sondern folgten den Männern in gebührender Entfernung. Im Siegesrausch war es gefährlich, an Mahoumed zu zweifeln. Sie hatten zugesehen, wie die Palisade brannte, wie der Gegner zerbrach und die meisten dieser Kinder einfach davon liefen. Sie hatten dann gewartet, während die Männer in der Bergfestung feierten. Dann hatten sie sehen müssen, wie diese Matrosen erschienen, die nichts menschenähnliches mehr besaßen. Die Brüder ließen sich schlachten, als schliefen sie. Als sie das Schloss brennen sahen begriffen sie, dass ihre Sache verloren war. Nun war der Feind enttarnt. Der alte Mann hatte recht behalten. Wo aber waren sie, diese Zauberer, die doch behaupteten über übermenschliche Kräfte zu verfügen. Doch es kam keine Hilfe. Die mordlustige Bande machte sich an die Verfolgung der Flüchtenden. Sie wirkten verändert, nicht mehr so harmlos, wie man sie auf den Schiffen erlebt hatte. Nun waren sie entfesselt. Sie folgten ihren unheimlichen Anführern ins Inselinnere.

Was sollten sie tun? Zu den Verfolgten stoßen und sie unterstützen oder sich alleine davon machen. Aber wohin? Im Grunde gab es für sie keine Möglichkeit, von dieser Insel zu entkommen. Es sei denn, sie begaben sich in den Schutz der Männer, die sie bis vor Kurzem noch gefangen gehalten hatten. Sie mussten in den Berg zurück, dessen Zugang allerdings verborgen war und von außen nicht gefunden werden konnte. Es blieb also nur der Weg durch das Schloss. Dort bestand allerdings die Gefahr, auf die Männer zu stoßen, die Gregorius und Mercator als Wache zurück gelassen hatte. Trotzdem schien dieser Weg der einzig mögliche zu sein. Sie schauten den Matrosen hinterher, die sich ins Inselinnere bewegten. Als diese nicht mehr zu sehen waren, begaben sie sich zum Schloss.

Überall lagen die Leichen ihrer Brüder. Die Körper waren entsetzlich zugerichtet. Köpfe und Gliedmaßen waren abgetrennt worden. Herze herausgeschnitten. Auch die Tiere waren nicht verschont worden. Ziegen, Schafe, Hühner, alles, was lebte, war getötet worden. Eine ungeheure Mordlust hatte sich hier ausgetobt. Es waren keine Wachen zurück gelassen worden. Offenbar hatte der Blutdurst die Männer voran getrieben. Sie betraten das Schloss und fanden auch im Innern grauenhaft verstümmelte Leichen. Der Boden war mit Blut bedeckt. Welche Ungeheuer hatten sich hier ausgetobt. Sie sahen schon von Weitem, dass das Portal, das nie zu öffnen gewesen war, sperrangelweit auf stand. Offenbar waren die Unholde auch dort eingedrungen. Vorsichtig näherten sie sich dem Aufgang. Sie hatten sich bewaffnet, aber offenbar hatten die Schwerter den Verteidigern nicht geholfen. Wenn einige der Matrosen dort oben eingedrungen waren, dann waren sie eventuell auch bis in die Höhle der alten Männer gelangt. Oder sie irrten noch in den oberen Etagen herum. Sie betraten die Treppe zu den oberen Stockwerken. Der scharfe Geruch eines gelöschten Brandes stieg ihnen in die Nase. Hier oben hatte es gebrannt. Sie betraten einen großen Saal, in dem das Feuer wohl am Heftigsten gewütet hatte. Bücher, Regale und Mobiliar waren verbrannt, aber das Feuer war wohl durch irgendetwas oder irgendwen eingedämmt worden. Es gab  noch Stühle, die unbeschädigt waren und auch der gewaltige Tisch war bestenfalls angesengt. Sie stießen auf eine Treppe, die hinunter zu einem Gang führte, der offenbar aus dem Schloss heraus führte. Die Wände waren in unregelmäßigem Abstand mit leuchtenden Steinen verziert, die den Gang in ein angenehmes Halbdunkel tauchten. Unvermittelt endete der Gang und entpuppte sich als Sackgasse. Nackter Fels versperrte den Weg. Sie wussten nicht, dass eben dort auch Mercator gestanden hatte, unfähig, weiter zu kommen. Er hatte selbstverständlich gewusst, dass es eine der Zeitfalten war, die die Herren zu legen wussten, aber es gab dieses Mal keinen Weg, diese zu überwinden. Er hatte die Kraft des Meisters beschworen, aber es hatte keinen Durchbruch gegeben. Er hatte mit seinen Männern kehrt gemacht und sie hatte alles getötet, was ihnen in den Weg gekommen war. Die Dämonen peitschten die Emotionen ihrer Wirte und trieben sie in grauenhafte Lust am Mord und an Blut nach vorne. Schließlich waren es die Dämonen selbst, die nun in menschlicher Gestalt alles, was lebte, jagten. Ähnlich hatten sie bereits früher in vielen Welten agiert. In allen Konflikten, in denen menschliche Grausamkeit zu Exzessen geführt hatte, waren Feste in den Höllen gefeiert worden, und Amalek selber labte sich an Hass und Mordgier, und er wurde immer größer und stärker. Aber bisher waren ihm immer Grenzen gesetzt worden. Es war den Herren gelungen, Gegenkräfte zu mobilisieren, die den Hass eindämmten, bis der Dämon besiegt war und ihm die Nahrung ausging. Die Herren hatten Einfluss genommen auf freie Menschen und freie Völker. Wenn die Bereitschaft zum Opfer groß genug war und die Bereitschaft zum Mord überwog, endete der Krieg. DESHALB war es dem Dämon in jahrelanger Arbeit gelungen, Lust und Eigennutz zum wertvollsten Prinzip unter Menschen zu machen und mit jeder Grenze, die wegfiel, mit jedem EIGENEN, das heilig war und auch Opfer verlangen durfte, war es den Herren unmöglich geworden, Opferbereitschaft zu generieren. Dazu musste der Mensch Größe besitzen, über sich selbst hinaus zu gelangen. Das Opfer auch Selbstopfer bedeutete, um ein hohes Ziel zu erreichen, war fast völlig vergessen. Und bei jedem Konsum von Drogen, bei jedem Konsum von Pornographie, von Killerspielen, von sexueller Beliebigkeit, tranken die Dämonen mit und schwächten die menschliche Widerstandskraft. Nun aber waren die Schranken gefallen und die Hölle selbst stürzte sich auf den Menschen. In allen Welten entbrannten Hass und Gewalt. Hier aber, vor diesem Felsen endete die Macht des Meisters. Weder Mercator, noch er selbst drangen hindurch.


Die Zwölf Herren

Nigromontanus, Irinäus, Emanuel, Eckhard, Ham, Japhet, Valentinos, Eugnostos, Thomas, Philipos, Angelus, Paulus


Joseph und Ted und ihre Erlebnisse in unserer Welt bis zur Rückkehr


Joseph schreckte im Schlaf hoch. Die Namen der Zwölf. Er hatte sie geträumt. Er nahm den Schreibblock vom Nachttisch und schrieb die Namen hastig auf. Dann schaltete er das Licht ein und nahm das Handy. Er suchte bei Google: Ein ganzes Wust von Informationen, aber nichts Konkretes. Waren diese Namen echt. Und wenn sie es waren, was hatte es mit diesen Menschen auf sich. Sie behaupteten ja, ewig zu leben, unabhängig von Zeit und Ort und doch hatten sie sein Schicksal bestimmt.

Eckhard: Meister Eckhard. Ein Mystiker des Mittelalters. Was hatte ein Mystiker des Mittelalters mit seinem Leben zu tun?

Er wusste jetzt wieder, wieso er so intensiv geträumt hatte. Er war nun bereits einige Wochen in dieser Welt. Er war als Redakteur beim Bonner General Anzeiger aufgetreten, wo jedermann ihn, wie selbstverständlich, kannte und davon ausging, dass er seit Jahren dort beschäftigt war. Seine Kollegen mochten ihn, er hatte Freunde, und er wusste über viele Menschen erstaunlich gut Bescheid. Es gab auch eine junge Redakteurin, die der Meinung war, eine Affäre mit ihm gehabt zu haben, was auf keinen Fall der Wahrheit entsprach, denn er sehnte sich jeden Tag stärker nach Dolores. Es verzehrte ihn geradezu. Eben weil er ahnte, dass es keine Möglichkeit gab, zurück zu kehren.

Die Herren hatten ihm ein ganzes Leben geschenkt. Seine Familie hatte ihn wieder aufgenommen. Diese Menschen wussten in Ansätzen von einer anderen Realität, die sie im Grunde aber lange vergessen hatten. Sie lebten ihre Leben, die Ihnen gegeben worden waren und fühlten sich darin zuhause. Wie bei jedem von uns waren alte Erinnerungen vorhanden, aber sie waren so fern, dass sie keine Rolle mehr zu spielen schienen. Die Vergangenheit war wie ein Traum. Sie hatten die Chancen, die sich boten, gut genutzt und Berufe erlernt, Familien gegründet. Sie waren in dieser neuen Welt zuhause und nur eine vage Erinnerung, kaum wirklicher als ein Traum, hatten sie in sich getragen. Vielleicht mieden ihn deshalb manche seiner Geschwister. Seine Existenz stellte manches in Frage. Er war eben nicht im Ausland gewesen, in einer anderen Heimat. Er kam aus einem anderen Universum. Das wäre nicht zu leugnen gewesen, wenn er nicht unmittelbar assimiliert daher gekommen wäre, richtig gekleidet, mit Wohnung, Handy und jetzt auch einem Auto, mit Job und Geschichte, mit Geld und guten Kenntnissen über diese Wirklichkeit. Seine Eltern liebten ihn, aber man mied Gespräche über die Insel. Gestern Abend jedoch war es zu einem Gespräch mit dem Vater gekommen, in dem Milton und die Herren ein Thema waren. Anlass waren die unerhörten Ereignisse, die diese Welt erschütterten. Ganz unerwartet waren gewaltige Flüchtlingsströme weltweit in Bewegung geraten. Menschen, die über Generationen hinweg in ihren Ländern gelebt hatten, sich mit diesen identifiziert hatten, ließen Haus und Hof zurück, nahmen all ihr Vermögen und bezahlten so genannte Schlepper, die sie über das Mittelmeer oder über Land in die Länder führten, in denen Ordnung und Sicherheit geherrscht hatten. Gleichzeitig veränderten Politiker, die seit Jahren und Jahrzehnten feste politische Positionen vertreten hatten, in einem immer gleichen politischen Spektrum ihre Sichtweise. Man wollte die Grenzen öffnen, man wollte die alte Ordnung umwerfen, um etwas Neues zu schaffen, eine neue Welt. Dieser Prozess wurde angeregt durch Kriege, bei denen im Hintergrund anonyme Mächte wirkten, die auch die Flüchtlingsströme initialisierten. In der Redaktion waren durchweg alle begeistert. Jede kritische Stimme galt als unfein. Es entstand eine gewaltige Zukunftsstimmung, als ob sich nun das Gute durchsetze gegen das Böse. Joseph hatte mit Kollegen beisammen gesessen, die ihm davon erzählten, wie sehr sie das alles begrüßten, und dass man neue Realitäten schaffen müsse. Nun hatte Joseph noch recht gut in Erinnerung, wie die Ankunft der Fremden auf der Insel die Ordnung erschütterte. Er konnte nicht glauben, dass alle, die diesen Prozess nicht begrüßten, ewig Gestrige seien, zumal er den Begriff Nation oder Nationalität nicht einmal verstand. Sie hatten keine Geschichte gehabt, sie waren keine Nation, also gab es keine Schuldgefühle. Sie hatten nur diese kleine Insel bewohnt, auf der sie alles gestaltet hatten, und auf der ihre Art zu leben unbedrängt gewesen war und dann waren Fremde gekommen, mit anderen Vorstellungen und es war in einen schreckliche Konflikt gemündet. Er hatte also zaghaft Einwände erhoben, war aber auf Abwehr gestoßen. Er habe rechte Gedanken. Das lag ihm natürlich fern. Er sah im Fernsehen, dass weltweit Tumulte losbrachen, zwischen Befürwortern und Gegnern und irgendwie wunderte es ihn nicht. Er hörte, dass im Hintergrund unbekannte Mächte, die finanzstark waren und eine One-World anstrebten, diesen plötzliche Wandel bewirkten. Es war unheimlich. Wie auf der Insel schien es, als sein eine fremde Macht am Werk, die es nach Zerstörung verlangte. Deshalb hatte er sich mit seinem Vater zusammen gesetzt. Unwillkürlich war ihr Gespräch zu den Ereignissen auf der Insel gewandert. Der Vater erinnerte sich an die Not, an das großzugige Angebot, an die Ankunft auf der Insel und die ersten arbeitsreichen Monate. Milton war stets präsent gewesen, aber von Herren hatte er weder etwas gehört noch gesehen, bis zu dem Zeitpunkt, als sie umgesiedelt wurden. Damals hatte er durch das Portal im Schloss den Weg ins Innere des Berges nehmen müssen und er erinnerte sich an die Gemälde, die zwölf Männer zeigten, von denen zwei ihm auch persönlich begegneten, der eine hieß Schwarzberg, der andere Irinäus. Die übrigen Namen erfuhr er nicht. Sie waren eingeschlafen, hatten die Reise zu den Regionen des Todes durchlaufen und waren in dieser Welt erwacht. Schwarzberg war ihnen noch einmal erschienen und hatte ihnen Instruktionen gegeben, versichert, dass es den zurückgelassenen Kindern gut gehen würde und hatte sie dann ihrem neuen Leben übergeben, dass so viel mehr und bessere Möglichkeiten als das alte Leben in Armut bot.

Die Eltern von Dolores sollten in München wohnen, habe er gehört. Vielleicht solle er dorthin fahren und fragen, was diese Anhänger Miltons über die Möglichkeiten dachten, zur Insel zurück zu kehren.

Der Gedanke erregte ihn. Die Eltern von Dolores zu treffen, war so, als bestünde noch eine Verbindung, als bekräftige er noch einmal ihre Liebe. Aber gab es eine Möglichkeit zur Rückkehr. Er wollte Milton hassen, aber es gelang ihm nicht. In ihm stritten Erinnerungen an einen weisen, tiefsinnigen Mann, der wie ein Vater war. Er konnte ihn einfach nicht hassen, obwohl letztlich er ihn aus seiner Heimat verbannt hatte.. 

Er meldete sich in der Redaktion krank und fuhr nach München. Die Autobahnen waren überfüllt, Staus, Baustellen, im Radio spielte Popmusik, fröhlich plapperten Moderatoren über belanglose Themen. Alles war so, wie er es in den letzten Monaten kennen gelernt hatte, aber er dachte nach über das letzte Gespräch mit Monika, einer jungen, hübschen Kollegin, die ihm erklärte, wie sehr sie die Veränderungen, die sich anbahnten, begrüße. Man habe wie die Made im Speck gelebt, obwohl man wusste, dass andere Menschen darbten. Nun, wo diese bittend vor den Toren erschienen, sei es eine heilige Pflicht, zu helfen. Es kam Joseph vor, als sei sie geblendet worden, denn es gab ja Gründe, warum Menschen sich in Bewegung setzten und diese wurden von irgendwem initiiert: Kriege, Vertreibungen. Was Joseph aber am meisten beunruhigte, war der geistige Sturm, der offenbar unkritisch angenommen wurde. Man war im Begriff Tabula Rasa zu machen, mit dem, was bisher als Common Sense galt: mit Ehe, Familie, den Rollen von Mann und Frau, der Sexualität. Überall brachen tradierte Strukturen und das machte den Vorgang für Joseph verdächtig. Er hatte noch allzu gut in Erinnerung, wie sie auf der Insel zum Spielball kämpfender geistiger Mächte geworden waren, die sich im Grunde keinen Deut um die Menschen, die auf der Insel groß geworden waren, oder um die, die man hin geschickt hatte, interessierten. Es ging ihnen um ein geistiges Ringen, das letztlich alle kleinen Menschen zu Opfern machte. Auch auf der Insel waren Muslime das Mittel gewesen. Aber auch sie wurden getäuscht und manipuliert. Er wusste, was Wahrheit bedeutet, denn er hatte in all den Jahren, in denen er haarwuchs, keine Ahnung davon gehabt, dass er in einer Scheinwirklichkeit festgehalten wurde. Milton allerdings, und diesen Gedanken konnte Joseph nicht von sich schieben, hatte neben seinen Manipulationen aber auch wirkliches Interesse an ihnen gehabt. Er musste Gründe gehabt haben, so drastisch zu handeln. Gerne hätte er noch einmal mit ihm geredet. Diese Herren allerdings waren suspekt. Sie verfügten offenbar über große Macht. Sie waren es ja gewesen, die die Insel möglich gemacht hatten, und sie waren es auch, die die wirklichen Pläne kannten. Insofern mochte es sein, dass seine Kollegin recht hatte. Vielleicht war eine Befreiung im Gang, aber sein Gefühl wehrte sich gegen diese Art der Befreiung. Er konnte nicht einmal sagen warum.

Als er das Haus, dessen Adresse er im Navigationssystem eingegeben hatte, erreichte, staunte er nicht schlecht. Es handelte sich um eine Villa, die von einem hinter einer Mauer versteckten parkähnlichen Grundstück umgeben war. Er stand vor einem schmiedeeisernen Portal und betätigte die Sprechanlage. Eine Kamera beobachtete ihn. Zu seiner Überraschung öffnete sich das Portal, als sei er erwartet worden. Er schritt über den kiesbedeckten Weg zum Haus herüber, wo ein älterer Mann auf ihn wartete.

„Wir haben schon mit Ihnen gerechnet, Nigromontanus hat uns bereits auf sie vorbereitet.“

Das war überraschend. Er nahm die entgegengestreckte Hand und spürte den erstaunlich festen Händedruck. Nun erschien auch eine ältere Frau im Türrahmen, der man ihre frühere Schönheit noch ansah. Ihre Augen ähnelten denen von Dolores.

„Kommen Sie herein“, sagte sie, zögerte einen Moment und umarmte ihn dann, mit einer Wärme, die ihn verlegen machte.

Er folgte den beiden ins Innere des Hauses, in dem Kartons und Koffer herum standen, als sei man im Begriff auszuziehen.

„Bitte entschuldigen sie das Chaos, aber wir sind dabei, dieses Domizil zu verlassen. Sie wissen ja, was los ist.“

Der Mann sah ihn fragend an. 

„Ich bin übrigens Henry. Das ist meine Frau Violetta und sie sind Joseph, nicht war.“

„Nigromontanus hat uns alles berichtet. Sie sind mit unserer Tochter befreundet, nicht wahr.“

Joseph nickte. 

„Ja. Es war sicher ein Schock für sie, das alles zu erfahren. Wir hatten gehofft, das Projekt unter ganz anderen Bedingungen zu beenden. So muss es auf sie wirken, als hätten sie es mit Ungeheuern zu tun.“

Die beiden vornehm wirkenden Gastgeber führten ihn in einen Salon, in dem noch Sessel standen, auf denen sie Platz nahmen.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten“, fragte Henry, „einen Cognac, oder ein Glas Wasser.“ 

„Sie können auch einen Kaffee haben. Oder etwas zu essen. Ich kann Ihnen etwas bringen lassen.“

„Ein Kaffee wäre nicht schlecht“, sagte Joseph. Dann schaute er sich interessiert um. Er bemerkte an den Wänden Porträtmalereien von zwölf Männern, von denen er einen kannte. 

„Sehen sie“, sagte Henry, „wir haben Thomas Hoffmann vermittelt. Er hat uns ebenfalls mit Informationen versorgt. Die Organisation lebte natürlich auch von den Rohstoffen, die wir auf der Insel abbauen ließen und hier verkauften. Auch in spirituellen Zirkeln ist es das Geld, das Einfluss sichert, sie verstehen?“

Joseph fragte sich, ob diese beiden wirklich von Anfang an alles gewusst und mit initiiert hatten, obwohl sie ihr Kind dazu abgeben mussten.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, sagte Violetta: 

„Sie werden sicher denken, wir seien schlechte Eltern, weil wir Dolores auf der Insel aufwachsen ließen. Aber sehen sie, wir betrachteten es als Chance. Die Herren haben einen Weg eingeschlagen und gefunden, der Menschen aus den Klauen des Todes befreit. Wir mussten Dolores die Chance geben, in ihrer Obhut aufzuwachsen“

„Haben sie ihr Kind denn nicht vermisst“, fragte Joseph erstaunt. „Sie konnte sie ja nie besuchen.“ 

„Sehen sie, wir waren glücklich, dass sie erwählt worden war. Wir hatten die ganzen Jahre Kontakt zur Insel. Wir erfuhren alles. Nigromontanus ließ uns Fortschritt beobachten, die Dolores machte. So haben wir auch sie das erste Mal gesehen.“

Joseph spürte, dass es ihm kalt den Rücken hinunter lief. Nigromontanus und seine Brüder hatten also von allem, was geschah, Kenntnis gehabt, und sie hatten zu allem Überfluss auch noch ihre Anhänger über die Entwicklungen informiert, als handele sich um ein Spiel. Auch Milton hatte Außenkontakte gehabt. Thomas Hoffmann hatte mit hunderten Mitarbeitern unter Tage Erze abbauen lassen, während er und seine Mitbewohner den Erziehungsübungen Miltons unterworfen waren. Ihr Leben war so völlig anders gewesen, als es sich darstellte.

„Urteilen sie nicht vorschnell, junger Mann“, sagte Henry, der offenbar spürte, dass Joseph im Begriff war, aufzustehen und zu gehen. „Sehen sie. Sie wissen ja, wie sich Realität darstellt. Sie glauben an eine große Welt, die zusammenhängend ist, in dieser Welt gelten Glaubenssätze, die Menschen von anderen Menschen übernommen haben. Es gelten Regeln und Erkenntnisse. In Wahrheit aber, und hören sie jetzt gut zu, ist ihnen ja immer nur ein winziger Ausschnitt dieser Welt begegnet, nur einzelne, nur bestimmte Regionen in einer bestimmte Zeit und so geht es jedem Menschen. Zu entdecken, dass es diese umfassende Welt nicht gibt, ist ein Schock, zu sehen, dass man mit dem, was geschieht, verbunden ist, dass man durch seinen Willen und seine Liebe dieses Spiel mitgestaltet, ist ebenfalls erschreckend. Die Wahrheit ist, dass es das alles sowohl gibt als auch nicht gibt. Shiva träumt die Welt, sagen die Hindus. Er träumt... Verstehen sie, was ich sagen will. Ich bin nicht dort gewesen, wo die Herren einmal waren, aber dort, wo sie waren, ist tatsächlich der Ursprung aller Welten. Sie gelten als Gnostiker oder Mystiker. Dort aber, wo sie waren und sind, gibt es weder Tod noch Leid und da wollen auch wir hin.“

„Also auf, zum vollendeten Egoismus“, sagte Joseph. „Ich liebe Dolores. Ich vermisse sie. Sie ist mit uns aufgewachsen und es war eine ziemlich reale Welt in der wir ohne Eltern aufwuchsen. Wir haben uns an Milton orientiert und ihm alles geglaubt. Ich denke, Dolores würde nicht verstehen, was sie mir da erklären wollen. Ich will eigentlich nur mit Dolores fort gehen aus diesem Alptraum, der Rest ist mir egal.“

„Unter anderen Umständen hätte ich gerne mit ihnen diskutiert, aber haben sie gemerkt, dass sich etwas verändert hat? Haben sie mitbekommen, dass diese Welt in Bewegung geraten ist. Es gibt leider Kräfte, die sehr böse sind, so böse, dass sie es sich nicht vorstellen können und die Insel und ihr Leben dort war ein Garant, diese Kräfte in Schach zu halten. Aber auf der Insel ist etwas Furchtbares geschehen. Milton ist getötet worden. Die Männer, die sie für harmlose Matrosen gehalten haben, haben fast alle ihrer Mitbewohner ermordet und die Leichen geschändet, dann sind sie losgezogen und haben die Muslime, die sie als Instrumente gegen Milton benutzen wollten, ebenfalls gemeuchelt. Nun ist der Krieg da. Aber ich darf Ihnen sagen, unsere Dolores lebt, aber sie ist auf der Flucht. Die Herren haben sich in den Kern des Berges zurück gezogen, um die Kraftquelle zu verteidigen, den heiligen Punkt. Sie haben heute Glück. Wir sollen sie zurück schleusen zu ihrer Insel. Sie sollen versuchen, den Weg zu den Flüchtenden zu finden und Dolores zu retten. Ich bitte Sie darum. Ich würde selber gehen, doch ich komme nicht durch den Tunnel des Todes, den sie schon einmal durchschritten haben, Wir haben einen Zugang im Haus. Kommen sie mit.“ Henry erhob sich und Violetta folgte ihm. Wie in Trance taumelte Joseph hinter ihnen her. Milton tot? Aber Dolores lebte. Und er würde sie wieder sehen. Er spürte, dass sein Herz heftig zu Pochen begann.

Sie betraten einen verdunkelten Raum, in dem Kerzen brannten. Mitten im Zimmer standen zwei ebenholzfarbene Särge.

„Legen sie sich dort hinein“, sagte Henry und wies auf den ersten Sarg. Joseph schaute fragend. 

„Es ist Teil der Zeremonie“, sagte Violetta. „Sie haben es doch schon erlebt. Über den Tod geht es ins Leben.“

Joseph zögerte einen Moment, dann stieg er in den Sarg. Plötzlich betrat ein dunkelhäutiger Mann das Zimmer. „Hallo, Alter“, sagte Ted mit vertrauter Stimme. 

„Du bist auch hier?“, fragte Joseph. 

„Sie haben mich hierher gerufen“, sagte Ted. „Ich bin ausgewählt worden, Dich noch einmal zu unterstützen. Und ich werde es gerne tun. Egal, was ich gesagt habe. Wir gehören zusammen, denke ich.“ Er legte sich in seinen Sarg. „Adieu, Du schöne Welt“, murmelte er, und Joseph hörte ihn mit tiefer Stimme fluchen: „Hier war es wirklich gerade nett. Tolle Frauen, gute Kumpels. Es hat mir gerade begonnen zu gefallen. Aber ich konnte Dich einfach nicht im Stich lassen.“

Henry hob ein Gefäß in die Höhe und schwenkte es über dem ersten Sarg, seine Frau tat das gleiche über dem zweiten Sarg. 

„Meine Frau und ich wünschen ihnen viel Glück“, sagte Henry, dann wurde es vor Josephs Augen dunkel. Dieses Mal war ihm der Anblick des Ozeans vertraut. Er bückte sich und berührte das Wasser mit den Fingerspitzen. Es war gar kein Wasser. Es war ein Abgrund der Schwärze, der ihn schwindelig machte. Auch die Sonne war im Grunde nur ein Schatten im Gesichtsfeld. Die Rauchzeichen waren wohl Elemente der Auflösung. Er spürte, dass das, was er wahrnahm ein Entfernen war von dem, was er eben noch verkörpert hatte. Da kamen auch schon, unter großem Getöse die guten Kräfte, die er augenblicklich als Bilder seiner liebevollen Gedanken erkannte. Er betrachtete sich selbst: den Untergang seines Bewusstseins. Er lachte. Im Tibetanischen Totenbuch führt das Erkennen im besten Falle zur Erkenntnis, dass es sich nur um Projektionen der eigenen Gedankenformen handelt, dachte er, aber ich werde nicht im Nirwana landen, ich muss zurück, in meine Welt. Mit Getöse zogen die bösen Dämonen heran. An der Spitze ein Unhold, wie ihn nur die Fantasie schaffen kann. Er versteckte sich nicht einmal. Er stand der Prozession im Weg und sie wanderte einfach durch ihn hindurch. „So viel zum Schrecken“, dachte er. Der Schrecken kommt aus der Abwehr. Man will nicht vergehen, deshalb die Angst. Es geschieht aber nichts. Der Knochenbrecher saß voraus und er ging ihm wie einem Freund entgegen. 

„Es ist wie Entlausen“, dachte er. Er entlaust mich von mir selbst, und er ließ sich fressen, zerbrechen und fressen und blieb doch intakt und ohne Furcht. Er erinnerte sich an die Mahnung, sich nicht vor den grauenhaften Todesarten zu fürchten, die er wirklich ohne Kratzer durchlebt hatte. Wirklichkeit war in dieser Zwischenwelt spürbar relativ. Wie in einem äußerst realistischen Traum. Da traf er jemanden, den er kannte. Es war Milton. Dieser Milton hatte Menschengröße und Joseph spürte Sehnsucht, sich diesem Mann, der so gar nicht böse wirkte, zu nähern. Obwohl er wusste, dass dieser Milton nur eine Projektion war, zog es ihn zu ihm. Dann standen sie sich gegenüber, und er konnte nicht anders, als ihn zu umarmen. Milton legte seine Hand auf Josephs Kopf und Joseph spürte, dass ihm Tränen über die Wange liefen. „Milton“, stammelte er, „Ich habe wirklich unter dir gelitten, du warst ein Ungeheuer. Aber ich habe Dir verziehen.“ Milton antwortete nicht, löste sich aus seinen Armen, fasste ihn an den Schultern und sah ihm tief in die Augen. Dann nickte er stumm, löste sich von Joseph und spazierte los zu einem endlosen Horizont, der ihn irgendwann verschluckte. 

„Es war nur ein Traum“, flüsterte Joseph. Ich war bei Henry und Violetta, und ich lag in einem Sarg. Ich bin auf dem Weg zurück zur Insel. 

Er wanderte weiter durch diese karge Landschaft, bis er zum Ort der Wiedergeburten gelangte. Dort wählte er seinen Aufstieg und wie beim letzten Mal sank er in einen tiefen Schlaf. 

Joseph und Ted kehren zur Insel zurück und treffen Karim und Ben

Er erwachte auf dem Hügel oberhalb des Schlosses. Es war Nacht. Neben ihm regte sich etwas. Es war Ted, der fast zur gleichen Zeit wie er selbst erwachte. Sie waren benommen und kaum in der Lage, sich zu bewegen, aber sie hörten das Rascheln von Schritten, die langsam näher kamen. Irgendjemand kam vom Schloss hinaufgestiegen. Stimmer ertönten. Es waren raue, männliche Stimmen und die Männer, die dort heranschlichen, sprachen arabisch. Die dunklen Köpfe von Karim und Ben Yussuf schoben sich über den Rand des Felsens. Joseph und Ted setzten sich mühsam auf. Erleichtert erkannten sie, dass es die beiden Männer waren, die sie bereits in der Gefangenschaft der Herren kennen gelernt hatten. Karim und sein Begleiter wirkten verwirrt und hoffnungslos. Sie hockten sich vor Joseph und Ted und nickten ihnen zu.

„Seid Ihr schon lange hier oben?“ 

„Nein, wir waren lange fort. Ihr wisst schon: dieser alte Mann im Berg. Er hat uns eine Weile in eine andere Welt entführt. Wir wurden hierher zurück geschickt, wo wir bis eben noch schlafend gelegen haben.“

„Sie haben alle getötet. Ein furchtbares Gemetzel. Wir waren im Schloss. Unsere Brüder und Schwestern, alle geschlachtet, wie Eure Leute. Diese Europäer, auf den Schiffen waren es. Sie sind Teufel. Wir haben es selbst gesehen. Sie verfolgen eure Überlebenden ins Inselinnere. Wir wollten unseren Leuten helfen, aber wir kamen zu spät. Es ist niemand mehr da unten.“ Karim wies zum Schloss hinunter. 

„Bis in die Tiefen des Berges hinein ist da niemand.“ „Habt ihr denn Waffen?“, fragte Ted. „Ich glaube, wir könnten welche gebrauchen.“ 

Ben nickte. 

„Da unten findet ihr Waffen. Sie haben den Kämpfern offenbar wenig genützt.“ Sie schauten unwillkürlich zum Schloss herüber. 

„Wir brauchen Hilfe, glaube ich“, sagte Ted und blickte zu Josef. 

„Wir werden zur gegebenen Zeit sicher Hilfe erhalten, aber jetzt haben wir keine Zeit“, antwortete Joseph, „Wir wurden hierher zurück geschickt, um Dolores und den anderen zu helfen. Wir müssen sie einholen, bevor es die anderen tun.“

„Und dann, was willst Du tun? Mit den Händen kämpfen?“, fragte Karim

„Zur Not“, antwortete Joseph. „Diese Leute, die uns gefangen gehalten haben, hatten die Macht, uns in eine andere Welt zu schicken, in der sie uns ein komplettes Leben gaben. Sie haben uns zurückgebracht. Ich habe von Ihnen den Auftrag erhalten, die Gruppe der Überlebenden zu suchen und sie ins Inselinnere zu führen. Ich werde mich ohne zu Zögern auf den Weg machen.“

„Ich komme mit Dir mit“, sagte Ted.

„Wir werden noch einmal versuchen, in den Berg zu gelangen und Hilfe zu holen. Wenn das nicht gelingt, folgen wir Euch“, sagte Ben. „Wir haben im Schloss einen Gang gefunden“, sagte Karim fast schon entschuldigend, „wir sind weit vorgedrungen, doch irgendwo in der Tiefe war Schluss. Kein Durchkommen. Es kam uns aber so vor, als ob dort unten ein Weg ins Innere des Berges ist, den wir noch übersehen haben. Wir werden Hilfe holen. Außerdem müssen wir die Toten begraben. Ich glaube, allein könnt ihr nichts tun“, sagte Karim, „diese Männer sind Dämonen, keine Menschen.“

„Wir gehen am besten zuerst in Richtung Osten, zu den Leuten, die dort wohnen“, sagte Ted. „Ich vermute, dass die anderen dorthin geflohen sein könnten. Wenn nicht, dann sind dort wenigstens Menschen, die uns helfen können 

„Dann lass uns aufbrechen“, sagte Joseph.  

Karim und Ben Yussuf gingen los, um den verborgenen Eingang zu suchen. Joseph und Ted aber eilten gen Osten. Dort war die Sonne vor Stunden untergegangen und sie würde, ohne dass die beiden das wussten, nie wieder aufgehen. Ein diffuses, nebliges Licht tauchte die Welt in ein lebloses Grau.


Die Herren ziehen sich zurück. Nigromontanus und Thomas Hoffman bleiben, um die Überlebenden zu beschützen, während das Dämonenheer unsere Freunde jagt


Die Männer, die dort beisammen saß, trugen dunkle Umhänge, die mit purpurroten Kragen verziert waren. Sie saßen um einen gewaltig großen Tisch herum. Es waren zwölf Männer, von denen manche über zweitausend Jahre alt waren, aber was spielte Alter für eine Rolle. Meister Eckhard war einer der Jüngeren, aber auch er hatte im Ursprung gestanden. Zeit hatte alle Bedeutung für ihn verloren.

Ebenso für Angelus Silesius, der einstmals Nigromontanus zum Adepten gemacht hatte. Irinäus

Emanuel, Ham, Japhet, Valentinos, Eugnostos, Thomas und Philipo lebten in einer Ewigkeit ohne Zeit und sie lebten in Welten und Wirklichkeiten, die sie beliebig aufsuchten und beeinflussten, ohne dass sie letztendlich wussten, wie das möglich war, dass die zeitlose Einheit und die unendliche Vielheit zusammen existieren konnten. Das Unfassbare war ihnen das Erkennungsmerkmal Gottes geworden. Sie grübelten nicht mehr. Sie nahmen auch das Überraschendste als gegeben hin. Es gab Fragen, aber keine Antworten. Einen persönlichen Gott hatten sie nirgends gefunden, wohl aber das Eine, das allem zugrunde lag. Und dieser Dämon? Wie war der zu erklären? Er war ewig wie sie, aber gehörte auch er zum Einen? Sie hatten sich nun seit Ewigkeiten bekämpft, in vielen Welten. Er suchte Nahrung, wie ein beliebiges Tier. Indem er Menschen verlockte, schuf er seinen Kindern Nahrungsquellen und deren Hunger war so unendlich wie der Hunger der Menschen. Gier und der Wunsch nach Macht trieb jedes Geschöpf. War er am Ende ihr Spiegelbild. Sie wussten es nicht. Er behauptete ein Engel zu sein, ein Geschöpf der ersten Sekunde, parallel geschaffen zur Schöpfung des Sohnes, der Ordnung, aber auch er hatte Ordnung, denn auch er hatte Gestalt, wie seine Kinder. Er war ein Ungeheuer, das Menschen aufstachelte zum Hass, das Höllen verwaltete, in denen verlockte Menschen in alle Ewigkeit in Ängsten, Lüsten und Schrecken gequält wurden, bis ihre Seelen Saft abgaben, wie er es nannte, bis Emotionen loderten, die in großen, orgiastischen Festen von den Dämonen gefeiert wurden. In den tiefsten Höllen durften die Seelen ihren kranken Hass gegeneinander ausleben. Sie dachten im Reich ihres Todes noch am Leben zu sein und so tobten in der tiefsten Hölle immer noch Hitlers Todesschwadronen unter dem Kommando ihres blutrünstigen Führers gegen Stalins Mordbanden und ihren brutalen Anführer. Pol Pot hatte Felder, in die er Menschen führen ließ, um sie abzuschlachten. ISIS Kämpfer schlugen Köpfe ab und so würden sie ihren Hass nähren bis in alle Ewigkeit, während neben ihnen der Dämon mit seinen Gespielinnen hockte und mit langen Tentakeln den eitrig wirkenden Hass aufsaugte. Das nährte ihn und hielt ihn am leben, aber er wollte mehr. Er wollte alle Menschen verlocken und sämtliche Welten in seinen Höllen binden. „Ihr wisst es“, sagte Japhet. „Unsere Macht schwindet.“ „Die Prophezeiung erfüllt sich“, antwortete Ham.

„Wir sollten die Insel loslassen und es dem Willen Gottes überlassen, wohin sie treibt“, sagte Meister Eckhard.

„Wenn wir sie aus den Zeitfalten lösen, könnten die Welten auseinanderbrechen, sagte Nigromontanus und schaute in die Runde.

„Es vollzieht sich alles, ohne unser Zutun“, sagte Valentinos. „Ich denke, wir sollten uns in die Ruhe zurückziehen.“

„Ich glaube, der Herr wird erscheinen“, sagte Japhet, „Es kommt der Tag der großen Finsternis“

„Und eine Finsternis wird sein, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat…“, zitierte Angelus.

„Schon viel zu lange halten wir stand“, sagte Philipos. „In der Ruhe hat der Dämon keine Macht. Warum sollten wir nicht gehen.“

„Wir sollen gehen“, sagte Eugnostos, „die Welten gehorchen uns nicht mehr. Die Zeitfalten lösen sich auf. Hier kommt ein Stärkerer.“

„Er hat alles prophezeit“, sagte Emanuel.

„Dann sei es“, sagte Nigromontanus. „Ihr geht. Ich bleibe. Ihr wisst, dass ich am meisten Kontakt zu den Menschen habe. Einer ist noch hier, den ich nicht verlieren will, und es sind noch Kinder aus Miltons Projekt auf der Insel unterwegs, die von Dämonen gejagt werden. Ich werden bleiben und ihnen helfen.“

„Denk daran. Nichts hier unten existiert wirklich“, sagte Eckhard. „Wenn wir in der Ruhe sind, sind wir bei Gott und wir sind es selber.“

„Das mag sein“, sagte Nigromontanus. „Vielleicht ist es Schwäche, aber ich kann nicht von den Menschen lassen. Ich fühle Verantwortung. Ich weiß nicht, was ich ausrichten kann, aber wenn ich etwas ausrichten kann, werde ich es tun.“

„Dann sei es so“, sagte Irinäus. „Nigromontanus bleibt und wir gehen.“

„Denk daran, auch deine Macht schwindet“, sagte Angelus. „Es kann sein, dass Du vom Dämon aufgesaugt wirst, denn Du reagierst noch zu emotional.“

„Dann wird es so sein“, antwortete Nigromontanus. „Ich danke Euch, dass ihr mir so lange gute Freunde gewesen seid. Lebt wohl.“

„Lebt wohl“, erklang es zuerst laut, dann immer leiser werdend: „Lebt wohl.“ Die Männer lösten sich auf wie Nebel. Nigromontanus saß nun allein am Tisch. Nigromontanus schaute nicht zurück. Wirklichkeit und Vision waren nicht zu trennen. Die Verschwundenen lebten, sie waren so wirklich wie vor einigen Sekunden, aber sie ruhten in jenem Kern ohne Zeit und Raum, in dem selbst das Ich ohne Wirklichkeit ist. Er war dort gewesen. In der Stille, dort, wo nichts Böses bestehen kann. Dort aber gibt es auch kein Ich und damit kein Gegenüber und deshalb kann es dort keine Liebe geben. Erst wenn zwei Menschen beisammen sind, ist Liebe möglich. Liebe und Hass sind die Grundkräfte des Universums, dachten die Alten. Die Trennung und die Bindung der Dinge waren es, die in der Welt von Thomas Hoffmann als Kernspaltung und Kernfusion bekannt geworden waren. In einer Welt, die diese Menschen sich als aus Atomen bestehend vorstellten, war die höchste Zerstörungskraft in der Kernspaltung, die dauerhafte Energie einer Sonne aber in der Kernfusion. Ein Synonym für Hass und Liebe. Nur durch Abgrenzung entstanden Welten und drifteten in stetem Fluss auseinander, bis das Fernste und das Nächste, das eine und das Viele gleichgültig wurden. Nigromontanus hätte sich zurückziehen können und es wäre eine Welt verschwunden, aber er blieb, und er würde bleiben, um zu sehen, wie Liebe und Hass kollidierten. Zu neugierig war er, was dem allen zugrunde lag. Wieso gab es eine Person, wie den Lichtbringer, die erkennbar einzeln war, die aber wohl aus dem Ursprung stammte.  Also gründete sich auch Amalek auf Gottes Kraft. War er unwillig zum Ursprung zurück zu kehren. Wenn es so war, dann war der Böse ein Bruder Jesu, der unwillig war, das ihm zugesprochene Leben wirklich anzunehmen. Er wollte lichtvolle Existenz, aber die war ihm nur in der Verführung möglich und damit wurde sie zu Hass? Er hatte ihn bereits einmal getroffen, den Amalek. Er hatte ihn fesseln können. Es war ein Wesen wie er, angewiesen auf Nahrung, mit Bedürfnissen, gelangweilt vielleicht von seiner ewigen Existenz, beflügelt von seinen sinnlosen Mordwünschen, die er eventuell aus Verzweiflung und Protest zeigte. 

„Er ist ein Menschenmörder von Anbeginn an“, hatte Jesus Christus von ihm gesagt, und er hatte ihn gerichtet durch Liebe. Aber hatte Christus dem Bösen nicht auch eine Wahrheit zeigen wollen: Sich selbst als den Inbegriff einer anderen Möglichkeit. Gab es letztlich eventuell mehr als das Auflösen aller Kreatur im Unendlichen? Noch nie, so sagte Thomas Hoffmann, sei es geglückt, eine Kernfusion auf der Erde zu vollziehen. Lag es daran, dass Liebe als Ziel für Menschen noch gar nicht möglich war, wohl aber der Hass? Das Paradies als Versprechen einer möglichen Zukunft? Das war die Frage, die Nigromontanus beantwortet haben wollte. Meister Eckhardt hatte das verneint. Im Einen, dort, wo der Sohn in der Seele geboren wird, findet das Wunder statt. Aber es war dem Menschen etwas anderes versprochen worden. 

„In meines Vaters Reich gibt es viele Wohnungen“, hatte Jesus gesagt. Wenn es eine solche Welt gab und diese der Sinn der Schöpfung war, dann wurde die Wut des Amalek erklärbar, der niemals dorthin gelangen konnte. 

Er ging zielstrebig zu Thomas Hoffmann, der vor seinen Computern saß. 

„Sie bleiben bei mir?“, fragte er. 

„Ich bleibe bei Ihnen“, sagte Hoffmann. „Die Computer zeigen keine Bilder mehr aus den Welten, Die Insel wird zur ganzen Welt. Sehen sie, was diese Kamera aus dem Inselinneren anzeigt. Alle Begrenzungen lösen sich auf. Die Insel wächst ins Unendliche. Menschen ziehen ins Inselinnere.“

Tatsächlich sah man Scharen von Menschen, die in Gruppen in Richtung Inselinneres marschierten.

„Dort wird sich alles entscheiden“, sagte Nigromontanus. „Haben sie Bilder von Mercator und seiner Gruppe?“.

Vor einer Stunde waren sie auf dem Weg über die östliche Grenze. Sie folgen der Gruppe um diesen Peter, die sich retten konnte. Sie töten jeden, der ihnen begegnet. Es ist furchtbar und unheimlich.“

„Wir werden den Flüchtenden helfen müssen. Irgendetwas sagt mir, dass sie in diesem Endspiel noch eine wichtige Rolle spielen werden.“

„Und was ist mit denen dort“, fragte Thomas Hoffmann und zeigte auf einen Monitor, der eine weiße Jacht zeigte, auf der sich mehrere Menschen aufhielten. „Sie kreuzen schon seit Tagen vor der Insel.“

„Wir erwarten sie schon lange“, sagte Nigromontanus und beobachtete die Siedlung, die von Milton neu  gegründet worden war. Die Menschen dort schienen aufgeregt zu sein. Es hatte Tote gegeben. Sie bereiteten eine Flucht vor. Er erkannte augenblicklich, was geschehen war. Es waren Männer Mercators auf der Suche nach Opfern erschienen. Es war zu einem Kampf gekommen. Miltons Anweisung für den Fall eines Angriffs lautete, die Insel umgehend zu verlassen. Nun packte man in aller Eile, belud das Schiff und sah besorgt auf die See, die ungewöhnlich unruhig war. 

Nigromontanus hatte natürlich gewusst, was Milton plante, aber er hatte ihn handeln lassen. Er hatte schon lange die Veränderungen in der Welt bemerkt. Irgendetwas vollzog sich in allen Welten. Eine ungeheure Kraft war am Werk, die die Dinge voran trieb und dieses Mal waren weder der Lichtbringer noch er selbst und seine Brüder die Ursache. Die Dinge geschahen wie von alleine. Das aber bedeutete, dass die Veränderung von jener Kraft kam, in der er unendlich lange oder auch nur einen Augenblick geruht hatte, jenem Punkt der Kraft ohne Zeit. Welten und Zeiten folgten nun einem inneren Trieb, wie es der Panzer einer wachsenden Schildkröte tut oder eines sich verpuppenden Insekts. Die Geburtswehen setzten ein und nun würde alles seinem vorgezeichneten Gang folgen. Da war es nur folgerichtig gewesen, dass auch Milton, der ja nur ein gewöhnlicher Mensch gewesen war, reagieren musste. Er hatte gehandelt, aber sein Tod war schon immer beschlossen gewesen. Seine Brüder waren schon lange zu müde, um wirkliche Veränderungen aufzuhalten oder zu initiieren. Sie verblassten seit langem. Er aber war äußerst lebendig und das hatte einen Sinn. Es wunderte ihn auch nicht, dass die beiden Muslime den Weg zurück zu ihm gefunden hatten. Sie waren es also, die ihn begleiten würden. Ein weiteres Zeichen, dass es egal war, was Menschen glaubten oder waren. Sie spielten ihre Rolle bis zum Schluss. Er wartete, bis die beiden vor ihm standen. Sie wirkten geradezu erleichtert, ihn zu sehen. „Sie müssen uns helfen“, sagte sie. „Der Tod zieht umher und hält Ernte. Unsere Brüder wurden alle hingeschlachtet, und es waren Ungeheuer, die das vollbrachten. Auch dieser Milton ist tot und mit ihm viele Europäer.“ Sie schauten verwirrt und furchtsam. 

„Wir wissen Bescheid“, antwortete Nigromontanus. „Wir werden den Überlebenden zur Hilfe kommen. 

„Wir wollen Rache“, sagte Karim. 

„Das ist sicher kein guter Grund“, antwortete Nigromontanus, aber er erläuterte nicht, warum er Rache für problematisch hielt. 

„Ich werde Euch gut brauchen können. Wir marschieren sofort los. Thomas Hoffmann wird uns begleiten.“ Er zeigte auf den Mann an den Computern, der aufmerksam gelauscht hatte. 

„Wir werden Ewigkeiten brauchen, sie einzuholen“, sagte Hoffmann. 

„Noch habe ich ein paar meiner alten Fähigkeiten“, antwortete Nigromontanus. Er wusste, dass er ihm gelingen würde, noch einmal eine Zeitfalte zu legen, die ihnen eine schnelle Bewegung erlaubte. Hoffmann sah ihn fragend an. 

„Gut“, sagte er. „Dann wollen wir keine Zeit verlieren.“ „Wir werden gemeinsam losziehen und sehen, was geschieht“, sagte er zu Thomas Hoffmann. „Schalten sie ihre Computer ab. In wenigen Sekunden wird hier auf der Insel keine elektrische Energie mehr zur Verfügung stehen.“

Uns so war es. Alle Generatoren erloschen. Nur das Licht aus den Steinen blieb erhalten. 

„Kommen sie“, sagte er an Thomas Hoffmann gewandt. Der nahm seine Jacke und folgte dem alten Mann. 

„Das Schloss stürzt endgültig ein. Es werden alle Überreste in der Erde verschwinden“, sagte Nigromontanus. Wirklich hörte man aus den Tiefen des Berges ein Grollen. Das Schloss stürzten zusammen und hinterließ nur Staub.“

„Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht. Ich bitte nur darum, nicht zu hassen. Unser Gegner lebt vom Hass. Denkt in Liebe und Sorge an die, die noch auf der Flucht sind. Habt Mitgefühl mit unseren Feinden. Denkt immer daran: jeder Hass macht diese Teufel stark. Ein weiter Weg liegt vor uns. Er ergriff einen Stock, der am Boden gelegen hatte und sie verließen die Höhle durch den Vulkan. Die Erde bebte und der Vulkankegel stürzte in sich zusammen. 

„Mein Equipment“, stöhnte Hoffmann.

„Beim Weltuntergang werden sie das nicht mehr brauchen“, sagte Nigromontanus.

„Weltuntergang?“

„Apokalypse“, antwortete Nigromontanus.

Dieses Wort verstanden auch Karim und Ben Mustafi, die sich entsetzt ansahen. 

„Nun wird sich zeigen, wer standhaft geblieben ist“

„Guter Gott“, murmelte Hoffmann, „es wird ein Tag des Schreckens sein, nicht wahr.“

„Das ist es doch schon“, antwortete Nigromontanus. 

„Jesus und Mohammed werden gemeinsam gegen den Sheitan kämpfen“, sagte Ben Yussuf. So sagte es der Koran.

„Denkt daran“, sagte Nigromontanus, „Unser Gegner lebt von bösen Emotionen. Wenn ihr zu kriegerisch werdet, wird er Euch fressen.“

„Der Prophet sagt, wer für Allah streitet, der wird den Lorbeer ernten.“

„Kommt“, sagte Nigromontanus. Uns bleibt nicht viel Zeit. Das Grollen im Berg wies darauf hin, dass nun auch der lange erloschene Vulkankern erwachte. 

„Feuer wird auf die Erde regnen“, sagte Thomas Hoffmann.

Sie gingen los und folgte Nigromontanus, der sie Richtung Osten führte.


PHASE 4: Vermischung der Wirklichkeiten


Der Übergang von den Ereignissen auf der Sea Gull zu denen auf der Insel


Ich legte das Manuskript zur Seite. Oder träumte ich, dass ich ein Manuskript zur Seite räumte. Alles um mich herum wirkte surreal, wie in einem Traum. Es war mir immer mehr bewusst geworden, dass ich Teil der hier erzählten Geschichte war. Was war Fiktion, was Realität? Ich blätterte zurück. War nicht auf der Sea-Gull Franz von Richardson beobachtet worden, wie er einem Segelschiff zusah, dass von dieser verwunschenen Insel stammte. Aber wie war das möglich, da ich doch unmöglich Zeuge gewesen sein konnte, es sei denn beim Lesen. Aber es kam mir gar nicht wie ein gelesener Text vor.

„Irgendetwas stimmt nicht!“ Ich fühlte Heidis Körper neben mir. Sie schlief, oder schlief sie nicht. Sie hatte die Augen weit geöffnet. Sie fixierte mich. Ich rieb mir die Augen. Moris fuhrwerkte vor der Kabine herum. Offenbar versuchte er, eine Dose zu öffnen, fand aber keinen Dosenöffner. Er fluchte, und ich musste lachen. Wie surreal das alles war. Richardson kam Moris zur Hilfe und öffnete ihm die verdammte Dose. Dann hörte ich jemanden näher kommen. Es war Karin, die verlegen zu uns herüber blickte. 

„Kannst Du mal mitkommen. Mad braucht Dich. Irgendetwas ist mit Franz los.“ Ich versuchte Heidi zuzulächeln. 

„Irgendetwas stimmt nicht“. Dann zog ich mir etwas über und bewegte mich an Moris und Richardson vorbei, die uns folgen wollten, die aber von Karin gebeten wurden, zuerst Mad und mich nachsehen zu lassen. 

„Warum mich?

Mad war Arzt, aber ich war Schriftsteller. Ich folgte Karin zur Koje von Franz, der leichenblass und wie tot in der Koje lag. Mad stand an seiner Seite und legte ihm gerade eine Infusion an. 

„Was weißt du, von diesem verdammten Buch?“, herrschte er mich an. 

„Was meinst du?“, erwiderte ich. 

„Nun, bevor er ohnmächtig wurde sagte er, du wüsstest alles, du würdest die Führung übernehmen, dann verdrehte er die Augen und war weg. Kreislaufzusammenbruch. Ich versuche ihn gerade zu stabilisieren, aber soll ich dir was sagen, der Kerl stirbt. Es klingt unwahrscheinlich, bei einem eben noch kerngesunden Kerl.“ Franz schien aufgehört haben zu atmen. Karin begann zu schluchzen. Mad begann eine Herzmassage, unterbrochen von Mund zu Nase Beatmung. Richardson kam herein, schob mich zur Seite und herrschte Mad an: 

„Lass ihn ja nicht abkratzen. Ich brauche ihn noch. Wir beobachten ihn schon seit Jahren.“ 

Mad warf Richardson einen fragenden Blick zu, dann setzte er seine Bemühungen fort. Jetzt kam auch noch Moris in die Kajüte. Sein fülliger Körper passte nicht mehr in den engen Raum. 

„Um Gottes Willen, was ist hier los?“

„Die Insel“, rief jemand. Es war Heidi. „Schaut mal. Da ist die Insel.“ 

„Er ist tot“, sagte Mad, „mausetod. Ich kann nichts mehr machen.“ Richardson hatte sich bereits umgedreht und hastete an Bord. Moris schob sich nun neben die in Tränen aufgelöste Karin und betrachtete den Toten. Mad schob ihn wieder zurück. 

„Verdammt, verlass diesen Raum. Habt ihr denn keine Pietät.“ Ann und Catherine lugten herein, drehten sich aber sofort ab und begaben sich an Deck. So hatte man sich eine Vergnügungsreise wohl nicht vorgestellt. Ich starrte auf den Toten: 

Irgendetwas stimmte nicht. Die Insel war da. Ich drehte mich um und ging wie ein Schlafwandler an Deck. Dort sah ich, dem Boot gegenüber, eine Insel. Ein Schiff bewegte sich von der Insel fort. Ich wusste, wer sich dort auf die Flucht begab. 

„Die östliche Bucht“, hörte ich Heidi sagen. Irgendetwas stimmte nicht, konnte nicht wahr sein.

„Er kann nicht zweimal existieren“, sagte Heidi, als wisse sie vollständig Bescheid. „Verstehst Du nicht. Wenn er auf der Insel ist und diese zeitgleich in dieser Realität auftaucht, muss einer sterben. Du wirst sehen, er wird verschwinden.“

Mad kam an Bord, als sei nie etwas geschehen. Moris folgte. Auch Richardson schien seinen Auftrag vergessen zu haben. 

„Eine Insel“, sagten sie. 

„Die Insel“, sagte Richardson, die anderen sahen ihn überrascht an. Ich drehte mich leise um und verschwand unter Deck. Die Koje, in der Franz Küppers gelegen hatte, war unbenutzt. Dort hatte niemals jemand geschlafen. Ich eilte zu meinem Schlafplatz, aber auch das Manuskript war verschwunden. Wie war das möglich.

„Charly, komm nach oben“, rief Moris. Das musst Du gesehen haben. Wie aus dem Nichts. Eine tropische Insel.“

„Gehen wir an Land“, fragte Catherine aufgeregt. „Würde ich begrüßen, sagte Ann.

Richardson hatte sich bereits ans Ruder begeben. Die Sea-Gull drehte bei und näherte sich der Insel, über der sich der Himmel merklich verfinsterte.

„Ich fürchte mich“, sagte Heidi. „Du hast mir vorgelesen und plötzlich war es mir, als erlebten wir alles selber, als seien wir Teil dieser Geschichte. Es war unheimlich.“ 

„Ich befürchte, wir sind es bereits“, erwiderte ich und sah erschreckt die Insel näher kommen. Von Osten her war es wirklich leicht, dort zu ankern. Richardson machte das Schlauchboot klar und wir fuhren herüber. Palmen, Zeichen eines überstürzten Aufbruchs. 

„Die Leute von dem Schiff, das wir gesehen haben, offenbar“, sagte Moris. „Die haben es aber eilig gehabt“, sagte Mad.

„Oh Gott“, Ann und Catherine standen dort und wirkten wie erstarrt. „Seht Euch das an.“ Es lagen dort drei tote Männer, notdürftig abgedeckt. Blut überall.

„Hier ist ein Verbrechen geschehen, ohne Frage“, sagte Moris. Mad kniete bei den Toten. „Erschlagen, ganz offensichtlich.“

Richardson kniete sich neben ihn. „Ich muss Euch was sagen, ich bin vom US Geheimdienst. Wir jagen seit Jahren einen Mann, der  sich Franz Küppers nannte. Er war…“ Man spürte, dass er überlegte. „Ich war lange mit diesem Mann befreundet gewesen. Wir wussten, dass er einen Weg zu dieser Insel suchte. Ich hatte den Auftrag ihn zu verfolgen. Er brauchte zweifellos Unterstützer, deshalb haben wir eine Crew zusammengestellt, die unverdächtig ist. Was soll ich Euch sagen. Ihr habt es selbst gesehen. Er muss hier gewesen sein. Ihr seht die Toten. Wir müssen ihn finden.“

„Moment“, sagte Ann. „Als wir mit Euch segeln wollten, war da keine Rede von Verfolgung und Polizeiaktion, ja. Ich bin sowieso kein Freund der Polizei, das kannst Du mir glauben. Ich fühle mich ziemlich verarscht. Würdest Du uns bitte von hier wieder fort bringen.“

„Das meine ich auch“, sagte Catharine. „Wir sind nicht auf einem Abenteuertrip. Und ich habe dazu auch keine Lust. Was meinst Du Mad. Wollen wir uns das bieten lassen?“ 

„Ich bin auch echt enttäuscht von Dir, mein Lieber“, sagte er. 

„Im Übrigen ist das fast eine Straftat“, ergänzte Moris, „Du hast uns unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an Bord gelockt.“

Karin stand etwas verloren im Hintergrund. 

Etwas stimmte nicht.

„Am besten ist es, wir verschwinden“, sagte Mad. „Komm, Du kannst uns nicht zumuten, hier auf Gangsterjagd zu gehen:“

„Was ist mit Euch“, Richardson sah und fragend an. „Wir bleiben hier“, sagte ich, „oder?“ 

„Sicher“, sagte Heidi. „Wir helfen Dir.“

„Dann nehmt die Sea-Gull und segelt alleine weiter“, sagte Richardson. „Entschuldigt mein Vorgehen.“ „Typisch USA, würde ich sagen“, sagte Moris. „Euer Vorgehen ist immer wieder empörend.“

„Tut mir einen Gefallen“, sagte Richardson. „Im nächsten Hafen informiert ihr meine Vorgesetzten. Es gibt hier keinen Satellitenempfang. Alles tot. Hier ist die Nummer. Er kramte eine Visitenkarte heraus und reichte sie Mad.“

„Wollt ihr wirklich hier bleiben? Hier ist ein Mord passiert.“

„Und der Mörder rennt vielleicht noch frei herum“, ergänzte Moris.

„Ich bleibe hier. Ich muss diesen Kerl finden.“ 

„Wir begleiten Dich“, sagte ich. „Ich komme auch mit“, sagte Karin leise.

„Du? Warum?“

„Ich kann es nicht sagen. Ich habe das Gefühl, dass ich hier gebraucht werde.“

„Okay. Dann trennen wir uns hier.“

Mad, Moris, Ann und Catharine begaben sich zum Schlauchboot und wir sahen ihnen hinterher.

Gab es ein Entkommen? Irgendetwas stimmte nicht und ich wusste, was nicht stimmte. Diese Welt wirkte wie eine Romanwelt, wie das Abbild einer Wirklichkeit, die sich verformt wie ein stoßweises Atmen.

Aber wir waren hier richtig. Wir FÜHLTEN es. Richardson untersuchte die Leichen. Wir begaben uns zu dem Haus, das erst vor Kurzem gebaut worden war, und das jetzt Hals über Kopf verlassen worden war. Wir fanden Spielsachen und Kinderkleidung. 

„Ihr wisst Bescheid, nehme ich an“, sagte Richardson.

„Woher weißt Du?“ 

„Ich habe es in Euren Augen gesehen. Wie viel wisst ihr wirklich.“ 

„Ich kann es nicht sagen“, antwortete ich. 

„Was weißt Du?“, fragte ich Heidi. Sie zuckte die Achseln. 

„Die Frage ist, OB sie etwas weiß“, sagte Heidi und zeigte auf Karin. Die stand einen Moment unschlüssig, dann antwortete sie: 

„Ich weiß nicht, was ihr meint, aber eins weiß ich, Es war ein Mann an Bord, den ich sehr gerne hatte. Sein Name war Franz Küppers, und er ist auf der Sea-Gull vor einer halben Stunde in meinem Beisein gestorben. Aber dann war er verschwunden. Ich meine, es war, als habe es ihn nie gegeben und eure Version der Ereignisse klang für mich frei erfunden. Ich meine, es klang alles schlüssig, aber es stimmte nicht. Warum ich eine andere Erinnerung habe? Ich nehme an, wegen des starken emotionalen Bezugs zu Franz. Ich bin so verzweifelt.“

„Du bist Dir sicher“, fragte ich, „Vielleicht halluzinierst Du?“ sagte ich.

„Ich denke, wir halluzinieren nicht“, sagte Richardson, „Niemand von uns. Viele Wissenschaftler sind diesen Phänomenen auf der Spur. Man hat inzwischen erkannt, dass Wirklichkeiten sich überlappen. Es gibt uns in sehr vielen unterschiedlichen Versionen, die in allen möglichen Szenarien leben, die in anderen Wirklichkeiten vermieden wurden. Es ist, als bestimme die eigene Wahl, in welcher Wirklichkeit man weiter existiert. Wir wissen das alles schon lange. Es gab Hinweise auf Menschen, die das erkannt hatten und die das nutzten. Man hatte sehr reiche Menschen im Visier, die mit Rohstoffen handelten, die niemand in unserer Welt jemals gefunden hat. Es wird behauptet, das Zeug stamme aus Afrika, oder aus Südamerika und tatsächlich betreibt man dort Bergwerke, aber man hat lange nachgewiesen, dass diese Materialien nicht von unserer Erde stammen. Aus dem Weltall stammen sie aber auch nicht. Es ist viel fantastischer als das Weltall, obwohl es dort vielleicht auch Geschichten gibt, die Menschen erleben. Sie stammen von der Erde, sie sind irdischen Ursprungs, aber sie entstammen anderen Ebenen, auf denen Dinge anders gelaufen sind. Ich kann es Euch nicht im Einzelnen erklären, aber Franz entstammte einer solchen Gegenwelt. Das wussten wir und deshalb wurde er observiert. Wenn er plötzlich verschwunden ist, dann kann das nur bedeuten, dass hier, da, wo wir jetzt sind, ein zweiter Franz lebt, oder derselbe Franz, mit dem er jetzt verschmolzen ist. Es gibt eine Theorie, dass man nicht doppelt in einer Ebene existieren kann, weil es nur eine Metaposition geben kann, die bestimmt, ob die Katze lebt oder tot ist. Ich meine, wenn sie tot ist, geht der Film in diese Richtung weiter und der, der sie lebend gesehen hätte, verschwindet, wenn die Folgen dieser Entscheidung, also die Gegenwelt, sich aufhebt.

„Also ist er hier auf dieser Insel“, fragte Heidi zweifelnd.

Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte ebenfalls eine Erinnerung an die Ereignisse, die Karin beschrieben hatte, vielleicht deshalb, weil ich durch das Lesen des Buches in diese Geschichte eingebunden war: 

„Nein, Karin hat recht.“, sagte ich, „Wir standen eben bei Franz Leiche, als die Insel wie aus dem Nichts auftauchte. Kurz darauf war es, als habe es ihn nie gegeben und Richardson erzählte den anderen die Geschichte einer Verfolgung, die so meines Erachtens nie stattgefunden hat. In meiner Erinnerung segelte er mit uns. Er war ein mürrischer Einzelgänger, entschuldige Karin, Nein wirklich, so empfand ich ihn, der uns allen auf die Nerven ging, aber er gab mir ein Tagebuch eines Joseph Küppers, der auf einer Insel aufgewachsen ist, die irgendwie außerhalb der Zeit liegt. Um diese Insel entbrannte ein Kampf zwischen zwei Mächten, der schlecht endete. Daraufhin brach, gemäß der Story des Buches, der zeitverschobene Aufenthaltsort zusammen und die Insel veränderte sich, wurde zugänglich für andere Welten. Bis dorthin habe ich das Buch gelesen. In dem Moment als diese Insel vor uns auftauchte, starb Franz. Das ist kein Zufall. Wenn das Buch eine Art Tatsachenbericht ist, dann wird es hier ziemlich ungemütlich werden“, sagte ich. 

„Ich frage mich, ob wir uns noch in unserer Welt befinden oder nicht“, sagte Richardson. „Wenn ja, dann werden wir bald Hilfe bekommen. Wenn nein, dann bleiben wir auf uns allein gestellt. Ich denke, ich möchte in jedem Falle nach Franz Küppers suchen. Er kann uns hier von Nutzen sein. Ich hoffe, es ist so, wie ich vermute, dass er nun mit seinem hier lebenden Ich verschmolzen ist und dass er noch weiß, was er mit uns erlebte.“

„Allerdings hattest Du eben auch die richtige Version des Ablaufs vergessen“, gab ich zu bedenken. Alles ist möglich.“

„Wir sollten versuchen, ihn zu finden“, sagte Richardson. „Allein, um zu sehen, ob die Theorie stimmt. Es müssten sich hier auch Menschen unserer Welt herum treiben, die eventuell Wege nach Hause kennen. Es ist wichtig, dass wir unser Wissen über diese Phänomene erweitern. Ihr habt selber mitbekommen, dass sich unsere Welt in den letzten Monaten radikal veränderte. Wir waren den Triebkräften dieser Veränderung auf der Spur. Es sind sehr reiche, sehr mächtige Männer und Frauen, die im Hintergrund die Fäden ziehen und die selbst ein so mächtiges Land wie das Unsrige in den Abgrund ziehen können. Der Präsident selbst hat diesen Kräften den Krieg erklärte. Aber sie sind stark. Sie haben Regierung und Presse in ihrer Hand und selbst für das Militär würde ich meine Hand nicht mehr ins Feuer legen. Aber durch den Präsidenten wurden hervorragende Wissenschaftler und die besten Agenten zusammen gebracht, um zu erkennen, woher die Macht dieser Menschen stammt. Es ist bekannt, dass es im Dunkeln zwei Kräfte gibt, die sich bekämpfen. Wir haben zuerst an die Russen gedacht, aber die sind der Wahrheit ebenso interessiert auf der Spur wie wir. Es sind seltsame Dinge ans Licht gelangt. Ihr habt von Reptiloiden gelesen, die manche Menschen gesehen haben wollen. Im Grunde behauptete sie, dass es Menschen unter uns gibt, die aus Masken bestehen, hinter denen ein ganz anderes Ich steckt. Was daran wahr ist, ist Folgendes. Es gibt Menschen, die in Politik, Presse oder Wirtschaft eine wichtige Rolle spielen, die NICHT aus unserer Welt sind. Es gibt Hinweise darauf, dass es Gruppen gibt, die ihr Wissen um die wahre Struktur der Wirklichkeit benutzen, um unsere Demokratien zu destabilisieren. Es handelt sich um gut organisierte, teilweise sehr alte Strukturen, die sich auch untereinander bekämpfen. Bis in die höchsten Staatsämter üben sie Einfluss aus. Wir haben nun seit Jahren eine Ermittlungsgruppe, die sauber ist. Chefermittler ist Thomas Hoffmann, ein begnadeter Wissenschaftler, der unsere Gruppe geformt hat. Er arbeitet unmittelbar im Auftrag des Präsidenten. Seit geraumer Zeit ist er verschwunden und wir haben den Verdacht, es könnte etwas mit Franz Küppers zu tun haben. Zumindest könnte dieser näheres wissen. Wir haben nun die Chance, hinter den Vorhang zu blicken.“

„Erhalten wir denn Verstärkung?“, fragte Heidi. 

„Wenn die Insel zugänglich ist, wird es hier bald von unseren Männern wimmeln“, sagte Richardson. „Aber wir sollten auf eigene Faust losziehen und diese Insel erkunden. Das ist ein Ort, nachdem wir schon lange suchen. Nach dem Verschwinden von Hoffmann war es einer seiner Stellvertreter, der uns diese Insel suchen ließ. Senator Mercator persönlich hieß uns, nach dieser Insel zu suchen und den Verbleib von Hoffmann zu ermitteln.“

„Da kommt jemand“, sagte Karin und zeigte zum Strand.

In diesem Moment sah ich es auch, zwei recht junge Menschen näherten sich. Wo kamen sie her? Die Frau war keine Europäerin. Sie trug ein arabisch wirkendes hellbraunes Gewand, das bis zum Boden reichte. Ihre Haare bedeckte ein Tuch. Die Frau war etwa dreißig Jahre alt. Sie war äußerst hübsch. Ihr Begleiter war ein schmaler, etwa 1,80 m großer Mann, der eine Art Kaftan trug, der auffallend weiß war. Es konnten Araber oder Inder sein. Europäer waren es nicht. Der Mann hatte fast mädchenhafte Gesichtszüge. 

Er lächelte freundlich, als er zu uns trat. Er sprach akzentfreies Englisch, oder dachte ich das nur. Es kam mir vor, als spreche er eine fremde Sprache, doch ich verstand jedes Wort. 

„Seien sie gegrüßt. Entschuldigen Sie, dass wir erst jetzt auftauchen, aber wir versteckten uns am Strand hinter jenem Felsen“, er wies zu einem felsigen Abschnitt der Uferzone. 

„Wir mussten erst sehen, ob sie eine Bedrohung darstellen.“ Die Frau lächelte. Unsere Blicke trafen sich und ich bemerkte die unglaubliche Tiefe dieses Blickes. Die Augenfarbe war fast schwarz. Der Blick aber war so seelenvoll, dass ich schmerzhaft berührt wurde. Richardson hatte unwillkürlich zu seiner Waffe gegriffen, die er am Gürtel trug, aber jetzt ließ er die Hand sinken und suchte mit Erstaunen den Blick der jungen Frau. „Eine echte Überraschung“, sagte er, „Ich dachte, hier seien alle geflohen.“

„Nicht alle“, sagte die Frau mit einer weichen und melodischen Stimme. „Ich bin Marie“. 

„Ich heiße Johann“, sagte der Mann.

„Gehören sie zu den Bewohnern dieser Anlage“, fragte Richardson. 

„Sozusagen“, antwortete die Frau. 

„Dann können sie uns erzählen, was hier geschehen ist?“ Man spürte, dass Richardson aufgeregt war. „Erzählen sie. Was ist hier geschehen?“

„Sie meinen die Toten?“

„Ja, natürlich, und die Flucht selbstverständlich auch. Wovor sind die Bewohner geflohen?“

„Es kamen Männer. Es gab ein Handgemenge. Es war ein richtiger Kampf. Die Angreifer kamen in Mordabsicht. Es gelang aber, die Oberhand zu behalten. Wie sie sehen wurden die Angreifer dabei getötet.“ Die Frau warf einen sanften Blick zu den Toten. „Mögen sie in Frieden ruhen.“

„Aber wer waren diese Männer und was wollten sie?“

„Sehen sie, hier lebten Menschen, die etwas quasi Religiöses versuchen wollten. Es gab Lehrer und Schüler. Kinder, kleine Kinder. Es waren auch Leute hier, die für Sicherheit sorgten.“

„Es war eine ruhige, kleine Siedlung“, ergänzte der junge Mann. „Gut geschützt.“

„Aber es ist nun alles anders. Das gilt für die ganze Insel, für jeden hier, für sie, für uns“, sagte die Frau. „Es gibt hier keinen Schutz mehr.“

„Wir haben ihnen gelauscht“, sagte Johann. „Sie wissen einiges. Da brauchen wir uns nicht zu verstellen. Die Grenzen, die diese Insel schützten sind verschwunden und dadurch kommen sehr bösartige Kräfte ins Spiel, denen an Zerstörung gelegen ist.“

„Wir sind hier geblieben, weil wir wussten, dass sie kommen würden“, sagte Marie.

„Aber woher wussten sie?“, fragte ich.

„Wir wussten es einfach. Sagen wir es so. Es gibt bewahrende und zerstörerische Kräfte, die nun erwachen. Wir gehören wohl zu den bewahrenden Kräften.“

„Wie es aussieht“, ergänzte Johann. „Sie sind ebenfalls hier, um uns zu unterstützen, auch wenn sie das nicht wissen. Es ist kein Zufall, dass sie hier sind.“

„Was genau passiert hier“, fragte Richardson.

„Ich will es so sagen“, sagte Marie, „sie dienten bisher zwei Herren, ohne dass sie das wissen. Sie wurden zum Schutz und zur Jagd benutzt. Eines kann ich ihnen versichern. Verstärkung wird nicht kommen. Die Welten sind im Wahn und im Aufruhr.“

„Wer sind sie“, fragte Heidi und schaute die beiden fragend an.

„Das können wir ihnen noch nicht sagen. Aber eines kann ich ihnen sagen. Nichts geschieht zufällig. Und alles, was geschehen wird, steht seit sehr langem fest. Aber es wird eine Nacht kommen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.“

„Wir können Ihnen die schöne Nachricht übermitteln, dass der Mann, den sie suchen lebt. Er ist hier und er ist auf dem Weg hierher. Er wird in Kürze eintreffen“, sagte Johann.

„Er lebt“, sagte Karin. „Weiß er denn noch, wer er zuvor war?“

„Wir alle waren zuvor etwas anderes. Manches wurde vergessen, manches veränderte sich, aber im KERN waren wir immer die gleichen und sind es noch. Er wird sie wieder erkennen.“, sagte Johann.

„Was meinten sie mit den beiden Herren, denen ich diente“, fragte Richardson. „Woher kennen sie mich überhaupt?“

„Das können wir Ihnen auch noch nicht sagen, aber sie hatten Vorgesetzte beider Seiten und beide Seiten treffen hier aufeinander. Selbst bei Ihnen ist noch nicht entschieden, wo sie stehen werden.“

„Ehrlich gesagt reden sie mir etwas zu eigenartig“, sagte Richardson. „Ich bin hier mit einem Auftrag und den werde ich erfüllen. Ich weiß nicht mal, wer sie beide sind. Ihr Wissen kann ja wer weiß woher stammen. Vielleicht sind sie mit den Menschen verbunden, die nichts als Ärger machen.“

Ich spürte, dass er wütend wurde. 

„Wenn Sie hier gelebt haben, wäre es nett, wenn sie uns herum führten“, sagte ich, um die Situation zu deeskalieren.

„Ja. Kommen sie mit ins Haus. Wir können dort einen Tee zubereiten, und uns in aller Ruhe unterhalten“, sagten die beiden. Ich spürte, dass Heidi und Karin sich entspannten. Richardson folgte uns unwillig. 

„Und Franz Küppers ist wirklich auf dem Weg hierher?“ „Er wird in Kürze hier sein“, sagte Marie. Sie lächelte Richardson zu und ich spürte, dass er sich ihrer Magie nicht entziehen konnte.

Wir folgten den beiden in das Haus, das aussah, als seien die Bewohner nur kurz aus dem Haus gegangen. Es war vor Kurzem noch gebaut worden, Werkzeug und Material lagen herum, aber es gab auch eingerichtete Räume. Die Küche war vollständig. Marie kochte Wasser auf. Kurz darauf saßen wir um einen länglichen Frühstückstisch und hatten heißen Tee vor uns, als seien wir bei einem x beliebigen Kaffeekränzchen. Aber was waren wir nicht. Die Spannung war zurückgekehrt und sie kam von Richardson, bei dem man spürte, dass das Misstrauen immer mehr die Oberhand gewann.

„Erzählen sie“, sagte Richardson. „Ich bin Polizist. Wer hat die Menschen dort draußen umgebracht?“

„Wie gesagt, es kamen Männer zu Besuch, die böse waren“, sagte die Frau mit sanfter Stimme. „Sie wollten töten und es kam zum Kampf.“

„Wie viele Männer waren es“, fragte Karin

„Es waren zwei.“

„Also ist einer von ihnen getötet worden und dann haben sie die Angreifer getötet?“, fragte Richardson. „Wer sagt mir, dass sie nicht bei den Angreifern waren?“

„Was denken sie“, Marie wendete sich unmittelbar an mich. „Waren wir bei den Angreifern?“

Ich schüttelte entschieden den Kopf. 

„Nein, auf keinen Fall.“ 

„Und woher wissen sie das`“, fragte Johann. 

„Ich weiß es nicht“, antwortete ich, „aber ich bin mir völlig sicher. Sie haben, entschuldigen sie, sie haben nichts Böses an sich.“

Richardson lachte. 

„Unser Schriftsteller. Wissen sie, wen ich nicht alles schon enttarnt habe?“

„Aber sie haben versagt, mein Lieber“, sagte Johann, „Senator Mercator war eines der bösesten Wesen, dem sie jemals gegenüber gesessen haben. Er ist übrigens hier.“

Richardson schien wie vom Schlag getroffen. 

„Er ist hier? Auf dieser Insel?“

„Und Hoffmann auch“, ergänzte Marie. „Sie werden beide wiedersehen und sich entscheiden müssen.“

„Was soll das heißen, entscheiden“, sagte Richardson.

„Sie werden unerbittliche Gegner treffen, deren Hass aufeinander so alt ist wie die Welt“, sagte Johann.


„Wohin sind eigentlich alle geflohen“, fragte Heidi. „Es sieht so aus, als seien hier viele Bewohner gewesen. Sie sagen, die Welt selber sei unsicher geworden.“

„Es lebten hier 14 Erwachsene und 40 Kinder“, sagte Marie. „Sie wollten fort, dahin, wo es sicher ist, aber sie werden keinen Ort mehr finden. Alles ändert sich. Haben sie das Licht bemerkt? Die Welt verdunkelt sich.“

„Ja“, sagte ich, „es ist verändert, das ist mir aufgefallen.“

„Die hellen Farben des Spektrums verblassen“, sagte Johann. „Es wird dämmrig über der Welt.“

„Wieso sind sie beide hier“, fragte Richardson und er warf den beiden einen forschenden, misstrauischen Blick zu. „Wie konnten sie wissen, dass wir kommen?“

„Die beiden kommen aus dem Licht, nicht wahr“, sagte Heidi. Die beiden lächelten Heidi an. „Ich habe dieses Gefühl schon einmal gehabt“, sagte Heidi. 

„Ein Wal schaute Dich an“, sagte Marie. „Nicht wahr.“ Karin bekreuzigte sich. Ich wusste, dass sie streng katholisch in Polen aufgewachsen war. Sie hatte ihre Eltern früh verloren und war bei der Großmutter aufgewachsen, die sie streng erzogen hatte. Ihr Vater soll ein Deutscher gewesen sein. Sicher hatte sie deshalb einen so guten Draht zu Franz gehabt.

„Marie“, sagte sie und bekreuzigte sich wieder. 

„Wir sind Menschen“, sagte Marie und reichte Karin den Arm. „Fühlen sie. Wir atmen, wir essen, wir trinken.“ 

„Aber wir wiederholen es noch einmal. Er“, Marie zeigte auf mich, „und sie“, sie zeigte auf Heidi und Karin, „antworten nach dem, was ihnen ihr Herz eingibt. Sie sind einfach zu misstrauisch. Wir wissen viel. Das ist wahr. Wir kennen auch ihre Geschichte. Ihre Frau starb vor drei Jahren. Sie sind mit Leib und Seele Polizist, weil sie das Gute wollen und das Böse bekämpfen. Böse ist für sie alles, was gegen die Ordnung und die Gesetze der USA handelt. Deshalb haben zwei Herren Macht über sie gewinnen können“, sagte Marie. In diesem Moment öffnete sich die Tür und zwei Männer betraten den Raum. Der eine war ein hochgewachsener Schwarzer, den anderen aber hatten wir eben noch betrauert. Franz Küppers war zurück.





Einschub des Verfassers 

Liebe Leser, glaubt nicht, weil Ihr das hier in euren warmen Zimmern lest, seid ihr verschont. Auch dort, wo ihr liegt oder sitzt, vollzieht sich, was ich hier beschreibe: Die Welt, in der wir als einzelne leben, ist unsere ganze Welt, auch wenn wir glauben, es gebe mehr, die Welt gehe immer weiter. Auch, wenn wir scheinbar äußeren Quellen lauschen. Es kommen Menschen in unsere Nähe. Manche sind uns augenblicklich nah, obwohl wir sie kaum kennen, andere sind uns fast schmerzhaft unangenehm. Es geschehen Dinge, die in gewisser Weise nur unsere Wirklichkeit berühren. In Wahrheit ist die Welt immer begrenzt, sie ist „unsere“ Welt und wir werden mit ihr leben und in ihr sterben. Wenn wir ganz aufmerksam sind und frei von uns selbst und unseren Wünschen, werden wir sehen, dass alles, was uns geschieht, vorher von uns im Stillen erwartet wurde. Das Nahe und das Ferne. Wie Apfelsinenstücke, sagte irgendjemand, sind die Welten, aneinandergereiht. Auch die Prophezeiungen sind etwas, das uns begegnet oder nicht.

Ich hatte die Prophezeiung noch im Gedächtnis:

„Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus seinem Gefängnis   und wird ausziehen, zu verführen die Völker an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, und sie zum Kampf zu versammeln; deren Zahl ist wie der Sand am Meer. Und sie stiegen herauf auf die Ebene der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt.“

So ganz allmählich habe ich das Gefühl, diese Prophezeiung wird wahr.


Die Jagd


Gregorius hatte seine wahre Gestalt angenommen. Das Menschliche war überwunden. Er spürte Kraft und Freiheit. Der Meister selbst war mit ihm. Er war das abgrundtief Böse und nun, ohne Fesseln, fühlte er eine Lust, wie er sie noch nicht gekannt hatte. So musste sich der Meister fühlen, wenn er Seelen trank. Seitdem er sein Mitgefühl einem der ihn begleitenden Teufel zum Opfer gebracht hatte, bestand auch er nur noch aus dämonischer Leere. Gregorius hatte sich auch äußerlich verändert, seine Hinterläufe waren wie Froschschenkel gewachsen, von grünem Horn besetzt, mit Füßen, die in Klauen endeten. Sein Körper hatte sich verjüngt und verlängert. Er hatte lange, kräftige Vordergliedmaßen, die in ungeheuren Tatzen endeten und er lief auf allen Vieren. Sein Schädel hatte sich verformt, bis er eine Schnauze besaß, die ihn wie einen Wolf aussehen ließ. Ein mächtiges Gebiss, große, tiefrote Augen, eine auf die Schnauze aufgesetzte Nase, mit der er witterte wie ein Hund. Er bewegte sich in Sprüngen vorwärts. Blieb dann wieder stehen, drehte das hässliche Haupt zu den Wesen, die ihm folgten. 

Als Milton starb und die Hölle frei wurde, hatten die Adepten ihre bisher getrennten Dämonen in sich aufgenommen, und waren mit ihnen zu Ungeheuern verschmolzen, die ebenso scheußlich aussahen, wie das, wonach sie gierten. Eine grässliche Armee der Finsternis war entstanden, die sich geifernd auf die Spur der sieben Entkommenen machte. Auch die Reste des Feindes mussten beseitigt werden. Wie Leuchtspuren wirkten die Pfade, die die Flüchtenden nahmen auf ihre überfeinen Sinne. Sie witterten bereits ihre Nähe, ihre Furcht, ihre Verzweiflung. Sie machten sich nicht die Mühe, ruhig zu sein, sie grunzte und schnauften, und ihr Groll wirkte wie ein fernes Gewitter.



Nigromontanus und Thomas Hoffmann stoßen zu den Flüchtenden


Peter führt seine kleine Schar, wird gestellt und erhält unerwartet Unterstützung

Peter hatte seine kleine Truppe bis an die Grenze zur Ostküste geführt, war dann aber auf einen Pfad gestoßen, dem sie ins Inselinnere folgten. Er spürte instinktiv, dass die Männer, die ihnen folgten, nicht menschlich waren und dass dort keine Gnade zu erwarten war. Thomas und Angelina hatten sich angeboten, zurück zu bleiben und die Feinde eine Weile aufzuhalten, aber Peter hatte sich geweigert, sie zurück zu lassen. Peter, Dolores, Paul, Johannes und Linda waren immerhin bewaffnet. Sie hatten Gewehre und Messer bei sich, aber es waren zu viele Gegner. 

Sie erreichten eine Ebene, die bis zum Horizont reichte. Der Boden war karg bewachsen und es schien hier zundertrocken zu sein. Nirgends gab es Bäume oder Sträucher. Eine Halbwüste, hier auf der Insel? Von diesen Ausmaßen? 

„Was denkst Du“, fragte Paul. Peter schaute seinen Freund besorgt an. 

„Wir waren nie so tief im Inselinneren. Es kann sein, dass Milton uns über die Insel im Unklaren gelassen hat. Man kann bis zum Horizont nur flaches Land sehen.“ „Und dann dieses Licht“, sagte Linda. 

„Es ist nicht neblig, oder bewölkt, aber alles liegt im Halbschatten.“, sagte Dolores und trat zu den anderen. „Seht mal zurück“, sagte Angelina. Sie drehten die Köpfe und sahen unter sich in einiger Entfernung kleine Punkte, die sich auffallend schnell in ihre Richtung bewegten. „Die sind kaum einen Kilometer entfernt“, sagte Thomas. „Schau Dir an, wie sie sich bewegen. Als ob sie springen würden.“ Paul beobachtete die Verfolger. 

„Ich habe dabei ein sehr ungutes Gefühl“, sagte Peter. „Lasst uns weiter gehen. Wir sollten uns nach rechts halten.“ Er zeigte auf eine Hügelkette in der Ferne. „Dort werden wir auf Deckung stoßen.“ 

„Wir müssen weiter“, sagte Dolores. „Hört ihr?“ Tatsächlich hörten sie von Ferne Geräusche wie von wilden Tieren. 

„Lasst uns so wenig Spuren wie möglich machen. Einer geht in der Spur des anderen“, sagte Peter. Sie bewegten sich zügig abwärts, einer hinter dem anderen. Der Boden war trocken und staubig. Sie hinterließen eine Spur, der man gut folgen konnte, aber auch der Staub, den sie aufwirbelten musste gut zu sehen sein. Doch sie hatten keine Wahl. Angelina und Thomas gingen am Ende der Gruppe. Sie schauten sich um und sahen, dass die Staubwolke rasch näher kam. 

„Los, rennt, sie sind unmittelbar hinter uns“, sagte Thomas. Angelina nahm das Gewehr von der Schulter, drehte sich um und rief: 

„Lauft. Ich halte sie auf.“ Thomas blieb ebenfalls stehen. Die beiden knieten sich hin und brachten die Gewehre in Anschlag. Die anderen rannten um ihr Leben, während hinter ihnen Gewehrschüsse ertönten, die zeigten, dass die Feinde Angelina und Thomas erreicht hatten. 

„Wir können sie nicht im Stich lassen“, rief Dolores. „Peter, wir müssen ihnen helfen.“ 

„Es gibt sowieso kein Entkommen“, sagte Paul. Er nahm die Waffe von der Schulter und schüttelte seine langen roten Haare. 

„Gut, dann fechten wir es aus.“ Peter war ebenfalls stehen geblieben. Sie drehten und rannten zurück zu dem Ort, an dem geschossen wurde. Thomas und Angelina waren in einer brenzligen Lage. Eine Vorhut des Feindes hatte sie umzingelt. Peter hatte noch nie so abscheuliche Kreaturen gesehen. Als sie heranstürmten und zu schießen begannen, wendeten sich die Angreifer ihnen zu. Nein, das waren keine Menschen mehr. Die Hölle selber hatte sich aufgetan und ihre Bewohner ausgespuckt. 

Während die sieben um ihr Leben kämpften, wurden sie von einem Hügel, hundert Meter weiter, beobachtet.

Nigromontanus hatte die alte Kunst der Zeitfalten noch nicht verlernt. Er tauchte mit Hoffmann und den beiden Arabern just in dem Moment auf, als Gregorius mit seinem Trupp zu den Kämpfenden vorstieß. 

„Wartet hier“, sagte Nigromontanus und verschwand. Kurz darauf sahen die Wartenden, dass die Angreifer wie gebannt vor ihren Opfern standen und plötzlich unsichtbar wurden. Zurück blieben die sieben, die verblüfft auf Nigromontanus schauten, der nun vor ihnen sichtbar wurde, als sei er aus dem Nichts gekommen. „Folgt mir“, hörten die Wartenden ihn sagen. Peter starrte den alten Mann entgeistert an. 

„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Schwarzberg, oder Nigromontanus. Ich bin einer derjenigen, die ihr die Herren genannt habt. Also vertraut mir und folgt mir. Seht, dort oben werdet ihr erwartet.“ 

Peter schaute zu dem Hügel empor, auf dem drei Männer standen und herüber sahen. 

„Wo sind diese Kreaturen geblieben?“, fragte Dolores. „Ich dachte, wir seien verloren.“ 

„Ich habe sie etwas in der Zeit versetzt“, antwortete Nigromontanus. „Sie stehen genau hier, aber einige Stunden zu spät.“ 

„Nichts wie weg hier“, sagte Paul und legte einen Arm um Angelina. „Ganz schön mutig von dir.“ Angelina lächelte. Sie folgten Nigromontanus zu den Wartenden. „Hallo“, sagte Thomas Hoffmann und reichte jedem einzelnen die Hand. 

„Ich bin Thomas Hoffmann. Ich habe lange mit Milton und den Herren zusammen gearbeitet.“ Karim nickte ihnen zu. 

„Wir folgen diesen Bastarden, um sie in die Hölle zu schicken.“ 

„Ihr seid Mahoumeds Leute, nicht wahr“, sagte Linda. „Sie sind alle tot, wie Eure Leute. Ihr habt gesehen, mit wem wir es zu tun haben“, sagte Karim. 

„Wir haben noch sehr viele andere Verbündete“, sagte Nigromontanus. 

„Seht dort.“ Sie schauten in die Ebene hinunter, aus der sich nun zwei metallene Ungeheuer näherten. 

„Was ist das“, fragte Peter entsetzt. 

„Das sind Panzer“, sagte Thomas Hoffman. „Es ist schwer zu erklären, aber dort, wo ich herkomme, wären diese Ungetüme mächtig veraltet.“ Sie hörten ein grauenhaftes Dröhnen, der Boden wackelte wie bei einem Erdbeben. Die Fahrzeuge stoppten. Eine der Panzerluken öffnete sich und ein Soldat erschien in der Öffnung. 


Unterstützung durch die Panzerbesatzungen, denen Thomas Hoffmann in einer Vision begegnete. Flucht durch die Einöde bis zum Turm zu Babel, dessen Trümmer den Weg nach Jerusalem markieren. Die Insel IST die Ebene auf der Armageddon stattfindet


„Ein Kampfpanzer Tiger“, murmelte Thomas Hoffmann. „Und mein Freund, ein waschechter Nazioffizier. Ich glaub es nicht. Ich bin mit diesen Männern bereits bekannt.“ Er näherte sich dem Panzer und nickte dem Offizier zu, der völlig irritiert wirkte. „Was machst Du denn hier?“ 

„Dasselbe würde ich Euch fragen“, sagte Hoffmann.

„Sie irren hier seit Tagen herum“, antwortete Nigromontanus. „Sie wurden mitten aus dem Kampf gerissen und landeten hier, Feinde und nun Freunde. Seltsam nicht wahr. Aber in diesen Tagen verwischen sich die Fronten.“ Auf dem anderen Panzer regte sich nun auch die sowjetische Besatzung. 

„Hallo“, sagte Nigromontanus. 

Seit Tagen waren die beiden Panzer nebeneinander durch eine neblige, karge Ebene gefahren, auf der weder Hecken, Büsche noch Bäume wuchsen. Soweit das Auge reichte nur karger, staub bedeckter Boden. Kein Wind wehte, kein Vogel sang. Abends stoppte man, die Besatzungen hockten sich zusammen, anfänglich wie Feinde, dann wie Schicksalsgefährten. Sie spürten, dass diese Ebene unwirklich war, und es kam ihnen vor, als seien sie bereits gestorben. Gemeinsam fluchten sie über Stalin, Hitler und all die Mordbuben, die sie gegeneinander gehetzt hatten. Fast alle Soldaten waren Christen oder es waren zumindest Christen gewesen. Jetzt fürchteten sie die Strafe für all das Grauen, das sie hinterlassen hatten. Wie durch Zauberei war es ihnen möglich miteinander zu sprechen. Es war keine bestimmte Sprache, die sie gelernt hatten, sie verstanden sich, auch wenn jeder in seiner Muttersprache sprach. Das war ein erstaunliches Phänomen. 

„Deine Leute haben schreckliche Verbrechen begangen“, sagte Kommandant Pjotr. 

„Das haben sie. Wir stürzten uns auf Euch wie Raubtiere. Man hatte uns gesagt, es gehe um Leben und Tod, um den Fortbestand Deutschlands und der Welt. Wir glaubten alles und wir marschierten. Es schien uns, als sei unser Führer mit der Vorsehung im Einklang. Aber ich habe gesehen, wie meine Männer mordeten, und ich habe meine Männer, wenn das möglich war, davon abgehalten, mitzumachen. Aber wir waren hier, um zu kämpfen und um zu siegen. Ein Wahnsinn, das alles. Wir werden schrecklich büßen müssen.“ 

„Ich war politischer Kommissar, ehe ich das Kommando über diese Männer bekam“, sagte Wassili. „Ich habe Feiglinge ermorden lassen, Deserteure erschossen. Es war Krieg und man hatte seine Befehle. Wir verloren und Mütterchen Russland war in Gefahr. Nun wurden wir selbst zu Raubtieren und wir hätten Euch furchtbar gestraft, nach unserem Sieg.“

„Bist Du Christ?“ 

„Orthodox“, nickte Pjotr. 

„Ich hatte es fast vergessen, aber ich bin katholisch. Ich habe Gewalt immer gehasst. Es war aber nötig, um Deutschland zu retten, und wir waren bereit, unser Blut zu geben.“ 

„Dann haben wir etwas gemeinsam“, sagte Pjotr. Er hatte eine Flasche Wodka dabei und die beiden Männer tranken einen Schluck. 

„Ich habe kein gutes Gefühl. Was meinst Du, wo wir sind?“ 

„Auf dem Weg in die Hölle“, sagte Pjotr. Meine Männer sagen, dass sie das spüren. Diese Welt ist nicht die Welt, die wir kennen. Endlos zieht sich diese Ebene und die Panzer scheinen keinen Sprit zu brauchen. Alles fließt träge dahin wie der Styx. Du kennst den Fluss, der in die Unterwelt führt. Es gibt von dort kein Zurück.“ 

„Wenn wir wenigstens einen Feind hätten, den man bekämpfen könnten.“ 

„Du hast doch uns.“ 

„Es ist komisch. Meine Männer sitzen mit deinen zusammen wie alte Freunde. Seitdem die Sprachen sich anglichen, bemerken sie, dass sie so viel gemeinsam haben. Sie reden über ihre Familien, über ihre Kinder, über ihr Zuhause. Hörst Du?“

Sie lauschten dem Stimmengemurmel und nun begann jemand ein trauriges russisches Lied zu singen und da alle den Text verstanden, begannen die harten Männer zu weinen. 

„Sie weinen ja“, sagte Unteroffizier Meier, der sich zu ihnen setzte. 

„Lass sie weinen“, sagte Hauptmann Müller. „Wenn sie an ihre Familien denken, fühlen sie, dass sie nicht mehr dorthin zurück können. Pjotr trank noch einen Schluck. In diesem Moment hörte sie Geräusche. Menschen riefen in höchster Not. Es ertönten Kampfgeräusche. 

„Auf die Panzer“, rief Pjotr.“ 

„Ihr habt gehört, was Pjotr gesagt hat“, sagte Hauptmann Müller. „Auf die Panzer.“ 

Die beiden Panzer drehten sich und rollten los, in Richtung des Kampfes. Dort kämpften Menschen um ihr Leben. 

Und nun waren sie auf diese kleine Gruppe Menschen gestoßen, von denen einer dem deutschen Kommandanten bekannt war. Was machte der Kamerad hier?

Sie kletterten von den Panzern. Ein alter Mann mit unglaublicher Autorität wendete sich mit ruhiger Stimme an sie:

„Ich weiß, ihr seid verwirrt. Ihr wisst nicht, wo ihr seid, und glaubt, ihr seid tot. Aber das seid ihr nicht. Es vollzieht sich gerade das, was die Bibel das Armageddon nannte. Die Gesetze der Welt heben sich auf. Ihr irrt sinnlos umher, Aber ihr wurdet hierher geführt um diese Menschen über diese Ebene zu bringen, die viele Kilometer durchmisst.“ 

„Sind wir noch auf der Insel?“, fragte Pjotr

„Die Insel war ein Gebilde, das wir in der Zeit gebildet hatten. Es ist schwer zu erklären, aber das, was die Menschen Welt nennen, ist eine Ansammlung von Bruchstücken. Hier fügt sich alles zu EINER Welt. Deshalb ist diese Ebene scheinbar endlos. Aber man wird auf Dinge stoßen. Unerwartete Dinge.“

„Unsere Panzer fahren ohne Treibstoff“, sagte Pjotr. „Wissen sie etwas darüber.“

„Ich weiß nur soviel, die Gesetze, die galten, gelten nicht mehr. Wenn ihr fahren WOLLT, so werdet ihr fahren. Ich denke, ihr könnt noch wochen- oder monatelang hier herumirren. Aber ich möchte, dass ihr diese jungen Leute und uns mitnehmt“, er zeigte auf Peter und die anderen, „Voraus liegt eine Stadt. Dorthin wollen wir. Würdet ihr das tun?“

Thomas Hoffmann schaute erstaunt. „Eine Stadt?“

„Es ist Jerusalem oder Babylon. Es ist noch unentschieden. Licht oder Schatten. Alles ist möglich. Aber ich möchte dorthin. Wir werden Mercator dort treffen“, sagte Nigromontanus.

„Gibt es noch andere, wie diese Angreifer von eben“, sagte Dolores. 

„So viele, wie es Sterne gibt“, antwortete Nigromontanus. „Letztlich ist es aber nur ein Gegner. Alle Menschen stehen vor der Entscheidung: schwarz oder weiß.“

„Klar, wir fahren sie“, sagte Pjotr und die russischen Kameraden nickten. „Wir selbstverständlich auch“, sagte der deutsche Kommandant.

Sie setzten sich hinter die Panzertürme und die ungeheuren Maschinen rumpelten lautstark einem fernen Gebirge entgegen.


Die Wut des Gregorius und seine Demütigung durch Mercator stacheln den Hass an, bis ins Unendliche


Gregorius hatte den alten Mann im letzten Augenblick bemerkt, aber da war es schon zu spät. Unvermittelt standen seine Männer allein in dieser Einöde. Die Opfer waren verschwunden. Die Männer waren wütend und Gregorius war es auch, aber er wusste, dass der Alte ihn in der Zeit umgesetzt hatte, und dass er nun keine Chance mehr besaß, die Feinde aufzuspüren und zu vernichten. Er wollte gerade zurück zu den Schiffen, als Mercator mit seinen Männern erschien. Mercator hatte inzwischen gewaltig an Macht gewonnen. Der Meister lenkte ihn und gab ihm Kraft. Er hatte gespürt, dass das Böse abgewehrt worden war, und er wusste, wo es sich sammelte. Ein Zurück zum Schiff konnte nur ein Narr befehlen. Es gab kein Schiff mehr, keine Zentrale, keine Insel. Als Milton fiel und die Herren abdankten, veränderte sich alles. Nicht einmal der Meister konnte wissen, warum. Trennende Sprachen, Welten oder Zeiten verschwanden. Es entstand eine Welt, die alle Menschen und Dämonen teilten. Sie besaß Jungfräulichkeit. Alles, was Welt imaginierte, was bisher in eigenen Welten gelebt hatte, im großen Traum einer allumfassenden Wirklichkeit war nun zu einer quasi objektiven Wirklichkeit gelangt, wie auch immer das möglich war und in dieser Unendlichkeit des Seins bewegte sich alles, was Mensch oder Dämon gewesen war, in wilder Entschlossenheit aufeinander zu. Man würde sich bekämpfen. Aber hinter all diesen wütenden Seelen warteten die wahren Triebkräfte. Wer würde am Ende das Zepter in der Hand halten.

Mercator war mit dem Meister so verschmolzen, dass sie fast eins waren. Er konnte mit seinem Willen erkennen, was geschah, warum es geschah, und er konnte beeinflussen, manipulieren und töten, je nachdem wie sein Hass es ihm befahl. 

Mercator wendete sich an Gregorius und betrachtete dessen ganze Erbärmlichkeit. In seiner infantilen Dummheit hatte er sich ein äußeres Kleid gewählt, das er für gefährlich hielt und seine dumpfen Mitstreiter taten es ihm nach. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, wäre es zum Lachen gewesen. Sie hatten sich als Dämonen MASKIERT. Er selber hatte nun wieder menschliche Gestalt angenommen. Er sah fast schon gewinnend aus. Jeder Uneingeweihte hätte ihn für einen seriösen, gut gekleideten, gut aussehenden Mann mit Macht und Würde gehalten. So war er auch im Parlament aufgetreten, zu allen Zeiten und an allen Orten, als Banker, als Präsident, als Wohltäter. Wenn man die alten Portraits vieler Welten betrachtete konnte man ihn überall wiedererkennen, der selbstsichere, souveräne Blick, die großartige Geste. Ein wahrer Teufel ist unsichtbar für den Narren, und wenn er sichtbar wird, ist er dessen Ende. 

„Sie werden uns nicht lange entkommen. Sie werden uns in die Arme laufen. Voraus liegt die heilige Stadt, dort gibt es viele Abtrünnige“, stammelte Gregorius, der sichtbar Angst hatte. 

„Zuerst nimmst Du wieder menschliche Form an. Ich habe keine Lust, mit einem Frosch zu verhandeln“, sagte Mercator schneidend und belustigte sich darüber, dass Gregorius augenblicklich versuchte menschlich auszusehen, obwohl er keine menschliche Kleidung trug. So ein Trottel. 

„Sie werden den Weg zur Stadt einschlagen. Du wirst diese Menschlein fangen. Und wenn nicht, dann schleppe ich Dich persönlich zum Meister und lasse den Meister den Rest Deiner erbärmlichen Natur kosten.“

Gregorius bedeckte notdürftig seine Blöße. 

„Bitte, Mercator. Denk daran, wie lange wir schon Freunde sind.“

„Freunde?“, Mercator fuhr mit dem Zeigefinger unter das Kinn des nackten Mannes. „Wir sind keine Freunde. Ich will Dir sagen, was Du für mich bist. Du bist eine erbärmliche, stinkende Kreatur, die nur noch am Leben ist, weil Teile von dir bereits dem Meister gehören. Der Rest kann eigentlich weg.“

„Mercator, bitte“, Gregorius fürchtete sich. „Ich weiß, ich bin erbärmlich. Ich weiß es. Ich bitte den Meister um Gnade für meine Erbärmlichkeit.“

„Ach“, Mercator winkte ab, „halt dein erbärmliches Maul. Zieh los und tu, was ich Dir aufgetragen habe. Denk dran, der Meister ist in mir, und ich bin im Meister. Wir wissen alles, wir spüren alles und wir warten auf unseren Moment. Wenn Du die Stadt erreicht hast, wirst Du diesen alten Mann töten und diese jungen Adepten, Den Mann, den man Thomas Hoffmann nennt aber überlässt Du mir. Er ist sozusagen mein Kollege.“ Mercator lachte. „Er wird sich freuen, unter meiner Hand zu sterben.“

„Es ist die Zeit der Ernte“, sagte Mercator. „Dafür haben wir gelebt. Der Meister wird tausend Jahre herrschen und wir werden an seiner Seite sein. Die große Schlacht hat begonnen.“


Jerusalem und der Tod des Wächters der heiligen Stadt


Irgendwann, nach Stunden, hielten die Panzer. Voraus sah man die Silhouette einer Stadt. 

„Wir verlassen Euch jetzt“, sagte Nigromontanus zu den Soldaten.

„Wir würden euch gerne begleiten“, sagte der russische Kommandant und der deutsche Kommandant nickte.

„Das ist nicht möglich“, antwortete Nigromontanus. „Von jetzt an hat jeder seine Rolle bis zum Ende zu spielen. Habt keine Furcht. Es mag einen Tod geben, aber es gibt ein Wiedersehen.“

„Also können wir nicht weg?“ 

„Hoffmann schüttelte den Kopf. „Ihr wart Panzersoldaten und ihr müsst es bleiben. Es wird viel geschehen, aber es nähert sich alles einem Ende.“

Die Soldaten nickten müde. Sie kletterten in ihre Panzer und die Ungetüme setzten sich rasselnd in Bewegung. Sie sahen ihnen hinterher, wie sie in der unendlichen Weite der Ebene immer kleiner wurden.

„Auf zum Endspiel“, sagte Hoffmann. Nigromontanus lächelte. 

„Da ist sie“, sagte Hoffmann. „Die heilige Stadt.“

„Was ist das, die heilige Stadt?“, fragte Karim. „Für uns Moslems ist Jerusalem die heilige Stadt.“

„Manche glauben, es ist Jerusalem, andere meinen, es ist Babylon“, antwortete Nigromontanus. „Was immer sie ist, sie ist nicht heilig. Sie ist so gespalten wie alle Menschen und deshalb muss Mercator dorthin. Von dort aus bereitet er seinem Meister den Weg.“

Karim und Ben Yussuf blickten erstaunt.

„Wie kann das sein“, sagten sie. „Wie kann eine solche Stadt auf dieser Insel sein?“

„Die Insel war eine Schöpfung von uns“, antwortete Nigromontanus. Sie wuchs auf einem Kraftfeld. Hier ist eine Scheidelinie. Jetzt, wo der Bann gebrochen ist, entfaltet sich alles. Hier entsteht eine ganze Welt und sie wird zum Schauplatz eines furchtbaren Ringens werden.“

„Armageddon, hast Du es genannt“, flüsterte Karim.

„Wenn Ihr es so nennen wollt“, antwortete Nigromontanus. 

„Aber wir sind zu schwach.“

„Glaubt mir, es ist ein Ringen zwischen gleichwertigen Kräften. Denn es ist ein Ringen, das in jedem Menschen stattfinden wird.“

„Also kein Kampf“, fragte Karim.

„Das Licht und die Finsternis, das Einzelne und das Viele, das Innen und das Außen. Wir werden Zeugen sein. Denkt daran“, antwortete Nigromontanus, „die Welt verändert sich, wenn es auf das Ende zugeht?“

„Schaut, dort, ein Turm“, sagte Ben Yussuf. Tatsächlich sah man voraus die Ruine eines gewaltigen Baus, der einmal ein Turm gewesen war.

„Lasst uns nachsehen gehen, worum es sich handelt“, sagte Nigromontanus. Die Soldaten, die sieben Adepten, die Muslime und Thomas Hoffmann folgten Nigromontanus zu den Resten des ungeheuren Gebäudes, das man zweifellos nur in einem Tagesmarsch umrunden konnte. Überall lagen Trümmerteile herum. Das Ganze wirkte unwirklich, wie gemalt. 

„Was ist das für ein Gebäude“, fragte Karim  

„Ich nehme an, es handelt sich um den babylonischen Turm“, sagte Nigromontanus. 

„Das ist nicht möglich“, murmelte Peter. 

„Spürt ihr das Gefühl der Unwirklichkeit?“, sagte Thomas Hoffmann. 

Die beiden nickten. Es ist wie ein Traum. Traum und Wirklichkeit verschmelzen. Traut nicht allem, was ihr seht und seid wachsam. Schaut, ob ihr das, was ihr seht, nicht erwartet habt. Es mag seltsam klingen, aber es ist möglich, dass sich Wünsche und Erwartungen materialisieren“

„Dort wurden die Stimmen der Menschen verwirrt, nicht wahr“, sagte Dolores.

„Habt ihr nicht gemerkt, dass wir uns unterhalten, als verstünde jeder jeden. Es gibt keine Sprachen mehr, nur noch eine Sprache. Es vollziehen sich machtvolle Dinge. Lasst uns losziehen. Die Prophezeiung erfüllt sich“, sagte Nigromontanus

„Armageddon“, murmelte Karim.

„Richtig, so nennt ihr es, ebenso die Christen und Juden.“

Überall lagen Steine herum, die aus dem Mauerwerk gebrochen waren. Buchstaben aller Schriften waren eingraviert. 

„Alle Sprachen der Welt“, sagte Nigromontanus. „Einstmals verwirrte sich alles, und soll verwirrt bleiben bis zum Tag der Abrechnung. Es wird eine Nacht sein, wie sie die Menschheit noch niemals erlebt hat und wenn diese Tage nicht verkürzt wären, würde sie niemand überleben. Es klingt wenig glaubhaft, aber alles was hier und jetzt geschieht, geschieht und geschieht doch auch wieder nicht.“ 

Karim spuckte aus. „Das ist gegen die Lehre des Propheten. Alles ist in Allah, weil er allein lebt“, sagte er 

„Das ist in gewisser Hinsicht richtig“, sagte Nigromontanus, der sich nach Steinen bückte und die Aufschrift betrachtete. „Aber glaube mir, jeder Mensch kann in den Kern der Dinge sinken, wenn er Abstand nimmt von allem, was seine Lüste anstreben, wenn er leer wird.“ Er wusste, dass die Muslime ihm immer mit Misstrauen begegnen würden. Die Feinde ihres Gottes durften nicht ihre Freunde sein und er, daran hatte er keinen Zweifel, war in ihren Augen ein Ungläubiger, der mit Dämonen paktierte. Sie würden nicht zögern, ihn zu töten, wenn die Lage eine andere wäre. Noch aber brauchten sie ihn. 

„So Allah will“, sagte Karim, „wird der Mensch zum Glauben finden. Wenn Du wirklich vermagst, zu Allah zu gehen, dann zeig es uns.“ 

„Ich werde Euch nichts zeigen“, sagte Nigromontanus. Peter und Paul hatten sich auf einen Stein gesetzt und betrachteten das gewaltige Gemäuer. Linda, Johannes, Dolores, Angelina und Thomas standen um sie herum. „Ich weiß nicht, wie es euch geht“, sagte Linda, „aber ich bin völlig verwirrt. Ich weiß gar nicht, was hier geschieht.“ 

„Geht mir auch so“, sagte Angelina. 

„Ich vermisse Joseph“, murmelte Dolores. „Was ist das alles für ein Irrsinn. Nichts ist mehr fest, alles scheint wie in einem Traum zu sein.“ 

„Einem Alptraum“, pflichtete ihr Paul bei. 

„Es ist wirklich schwer zu begreifen“, sagte Peter. „Es geht eigentlich nur noch ums nackte Überleben. Wisst ihr, warum uns diese Kerle so hartnäckig verfolgt haben?“ 

„Keine Ahnung“, sagte Johannes. 

„Ich kann versuchen es euch zu erklären“, sagte Thomas Hoffmann, der sich zu ihnen gesellte. „Ich war einmal verwirrt wie ihr. Ich war reich, mächtig und lebte in einer fest geglaubten Welt. Das war ebenso sehr Irrtum wie Eure Welt. Es gab immer viele Welten. Sie existierten nebeneinander. Und diese Welten waren umkämpft. Es gab eine unendlich böse Macht und die Herren, die alles retten wollten. Ich bin ihnen durch Zufall begegnet und kam so auf diese Insel. Ich habe für sie technische Dinge gebaut, die sie vorher nicht kannten. Und so bin ich auch Eurem Milton begegnet. Der war mit der Aufgabe betraut worden, Euch zu formen. Wieso das so wichtig war? Durch Euch gab es, unbeeinflussbar durch diese bösen Kräfte, eine Gruppe von Menschen, die eine ganz eigene Realität durchlebten. Auf einer Insel, die sozusagen mitten im Universum lag. Der Heilige Gral gehörte also den Herren. Leider ist es diesen Leuten gelungen, diese Insel zu erobern und Milton zu töten. Dadurch kamen alle Welten ins Rutschen. Diese Leute hoffen, durch die Vernichtung aller Spuren dieses Experiments die Herrschaft über alle Welten zu übernehmen. Sie werden zweifellos auch Nigromontanus oder mich töten wollen, aber letztlich sind auch sie nur Handlanger. Wirklich böse ist das, was jetzt noch wartet. Es gibt allerdings einen, der diesem Amalek nahesteht und das ist ein Mann, dem ich auch in meiner Welt schon begegnet bin. Er heißt Mercator.“

„Ich verstehe das trotzdem nicht“, sagte Thomas. „Ich  verstehe nicht, wieso so harmlose, naive Menschen wie wir, so eine Bedeutung haben sollen.“

„Und warum wir nie gefragt worden sind“, ergänzte Peter, „ob wir überhaupt in einem Machtspiel eine Rolle übernehmen wollen.“

„Wissen Sie etwas über den Verbleib meines Freundes?“, fragte Dolores und sah forschend zu Hoffmann auf.

„Seien sie beruhigt. Er lebt“, sagte Hoffmann. 

„Er lebt“, Dolores fiel ein Stein vom Herzen. „Wo ist er?  Kann ich ihn irgendwann noch einmal sehen?“

„Er ist wieder hier“, sagte Nigromontanus, „ganz in der Nähe. Sie werden ihn wiedersehen.“

„Wirklich?“ Dolores liefen die Tränen die Wange hinunter. „Das ist ja fantastisch.“ Nigromontanus zog sie kurz in seine Arme, dann löste er sich von ihr und sagte:

„Los, wir müssen aufbrechen. Von hier aus gehen wir zu Fuß.“ 

„Ist das tatsächlich Jerusalem. All das taucht auf wie aus Träumen. Es ist erstaunlich. Der Krieg wird mitten durch jede Seele geführt.“ 

„Mercator hat sich von Gregorius getrennt“, sagte Nigromontanus. „Gregorius zieht mit seinen Leuten in einem Bogen um die Stadt herum. Ab hier folgt alles eigenen Gesetzen. Niemand von uns handelt mehr frei.“ „Inschallah“, murmelte Karim.  

„Kommt“, sagte Nigromontanus. „Nun habe ich kaum mehr die Macht, Raum oder Zeit zu beeinflussen. Lasst uns weiter gehen. Ich fühle, dass wir in diese Stadt gehen müssen.“

„Ist es eine Stadt der Juden“, fragte Karim misstrauisch.

„Ich weiß es nicht und es spielt keine Rolle“, sagte Nigromontanus, „Vielleicht sind es Juden. Sie waren es, die gemäß der Überlieferung das Wort zuerst empfingen. Sie sind die Wurzel und sie sind das Ende. Heißt es nicht so. Mich wundert es eher, dass zwei Muslime an meiner Seite kämpfen werden.“

„Es sollen alle Völker der Erde sein, die am Weltende antreten und unser Prophet wird an der Seite von Jesus kämpfen.“

„Davon weiß ich nicht“, sagte Nigromontanus. „Ich weiß nur, dass diese Stadt eine Rolle spielt und dass wir dorthin gehen sollten, ehe Gregorius dort ankommt. Er wird sich tarnen wie der Wolf bei den Lämmern und er wird mächtiger sein, als uns lieb ist.“

Sie wanderten der an den Resten des babylonischen Turmes vorbei und traten in eine ehemals zweifellos liebliche Landschaft, in der Felder bestellt worden waren und wo Menschen vor Kurzem noch gearbeitet haben mussten. Die Menschen waren offenbar hinter die Mauern der großen Stadt geflohen.


Armageddon zeigt sich als das Aufblühen aller Hassprojektionen. Die Menschen stürzen sich auf ihre Schatten. Doch Jerusalem wirkt, als sei es unbehelligt


Tatsächlich war die Insel inzwischen zu einer ungeheuren Größe angewachsen. Aus allen Himmelsrichtungen strömten Menschen zusammen. Wie auf ein Kommando waren in allen Welten und Zeiten Konflikte aufgebrochen. In jeder Realitätsebene sahen sich Menschen ihren unversöhnlichen Feinden gegenüber, und zogen erfüllt von Groll und Entschlossenheit gegeneinander. Das Seltsame war, dass man gegen einen Feind zog, der bei allen unterschiedlich war, ohne dass irgendjemand das merkte. Wut und Hass nährten sich aus dem Gefühl, etwas nicht erhalten zu haben, das einem zugestanden hätte, etwas weggenommen bekommen zu haben, das man nun zurückerobern wollte, ungerecht behandelt worden zu sein, und sich jetzt rächen zu wollen. Einige zogen los, um Benachteiligten ihrer Welt zu helfen oder um ihre Welt, in die sie mit jeder Faser ihres Seins eins waren, von außen zu einem besseren Ort zu machen, indem man scheinbar andere, die man als böse auszumachen glaubte, verfolgte oder tötete. Es war, als jagten alle diese Menschen ihren eigenen Schatten. Aus den Höllen stiegen unsichtbar für die Menschen die Dämonen, die die Gefühle der Wut und des Hasses lockten. In ihrer gänzlichen Verlorenheit, in der Qual ihrer Gefangenschaft, in den Tiefen der Finsternis, gab es für sie nur eine Nahrung, ein Feuer, das wärmen konnte. Sie sammelten sich um Menschen und sorgten dafür, dass deren schwelender Hass ausbrach, das Flammen der Wut sie ergriffe. Alle gegen alle. Und diese allumfassende Wut sammelte sich und trieb alle zu der großen Ebene, wo man auf seinen Gegner zu treffen hoffte, um ihn endgültig zu vernichten in der Hoffnung, dann werde sich alles zum Guten wenden, aber die Dämonen wussten es besser. Eine gewaltige Ebene war hinter der Heiligen Stadt gewachsen, die Platz bot für alle Hassenden.

Noch war Amaleks Stunde nicht gekommen. Er hatte seine Fallen gut vorbereitet, er wollte seine Herrschaft antreten und er hatte einen Plan. Aber auch er wusste nicht, dass alles was geschehen würde, schon entschieden war. Was geschah, musste geschehen, denn nichts und niemand bewegt sich AUßERHALB der Kraft, die allem Zugrunde liegt, als sei sie unbeteiligt, obwohl sie das Wort geboren hatte, das die Struktur alles Lebendigen ist. Im Anfang schuf das Wort eine Trennlinie zwischen Licht und Finsternis. Alles, was sich zum Licht bewegte, blieb im Licht und wurde Licht und alles, was glaubte, Leben aus sich selbst zu haben, wendete sich ab und wurde finster und war die Finsternis und Amalek blickte voller Sehnsucht zum Licht, streifte an den Rändern seines Reiches entlang, vermutete dort eine Schönheit, die er nicht kannte, ein Glück, das ihm verschlossen war, und er hatte die feste Absicht, auch diesen Teil der Welt für sich zu erobern. Wenn der Kampf begann, würde Hass selbst die Besten übermannen. Im Kampf entsteht Wut, aus Wut entsteht Hass. Das aber bedeutet das Eintauchen in die Finsternis. Dort gibt es trügerische Lichter: Feuer, die aufflammen: Lust, Gier, Hass, Wut, Angst, das alles sind Feuer, die rasch brennen und die nähren können, wenn man in der Finsternis lebt. Amalek selber hatte bereits so viel Hass getrunken, und er würde es wieder tun. Mächtig war sein Reich. Wer aus den Menschenwelten dorthin gelangte, wurde Teil des Hasses. Es gab Hetzjagden, es gab Pogrome, es gab furchtbare Kriege, alle Teufel hetzten Geld und Gewinn hinterher und überall trank man Bosheit und Furcht. Alle wollten liebend gerne in die tieferen Höllen, zu den Teufeln, die Macht besaßen, zu denen, die folterten und brannten und dabei Lust empfanden. Ganz tief unten saßen die Herrscher des Bösen: Wesen ohne jede Menschenähnlichkeit – Mercator gehörte dazu. Diese Wesen bestanden nur noch aus Trug, Mordlust und Hass und sie waren die Gefäße und Genossen des Meisters, der unentwegt im Bösen badete und zu dem die Untaten und Qualen von Menschen wie Eiter von den Decken tropfte in den Pfühl des Grauens in dem er badete, während er die Schreie und Qualen, die sich seine Untertanen antaten, lustvoll genoss.


Der Wächter Moses Räb bietet den Flüchtenden Obdach und gibt ihnen seinen Sohn Eli mit. Wenig später stirbt er durch die Hand von Gregorius und seinen Männern


Moses Räb war blind. Er lebte unmittelbar in der Nähe der großen Stadt. Aufgewachsen war er in Polen. Er hatte mit den Eltern im Keller des Wohnhauses gesessen, als die Deutschen ihre Sturzkampfbomber auf polnische Städte ansetzten. Sein Vater war Rabbi. Sie waren Ashkenazy, die lange in Deutschland gelebt hatten, in Mainz. In Deutschland hatte sich einmal wieder der Antisemitismus erhoben. In Wellen wanderte dieses Gespenst durch dieses Land, das so vielen Juden Zuflucht geboten hatte und dessen Sprache man in Teilen übernommen hatte. Warum gerade die Deutschen? Es war eine sehr alte Geschichte, die beide Völker verband. Aus dem Untergang des westlichen römischen Reichs waren jüdische Siedler geblieben, die nun im Schutze des entstehenden Heiligen Römischen Reichs ihren Platz fanden. Die rohe, noch ungeschliffene christliche Religion dieser teilweise noch barbarischen Völker verlangte von den Christen unbedingten Gehorsam und so ergaben sich Möglichkeiten für Juden, ihren Geschäften nachzugehen. Man blieb unter sich, grenzte aus und wurde ausgegrenzt. Wie einen inneren Kompass besaß sein Volk eine Bindung an Jahwe, den religiösen Mittelpunkt der Welt und des jüdischen Volkes. Dort sammelte sich die Herde und man blieb zentriert, wie ein Fischschwarm, der zusammen blieb, auch wenn er angegriffen viele Teilelemente verlor. Shlomo hatte früh begriffen, wie diese zentrierte Kraft, inmitten eines mehr oder weniger in Entwicklung befindlichen Volkes wirken musste. Da war auf der einen Seite ihre Geschlossenheit, die sich ergänzte durch das Hinzukommen der Ashkenazy. Auf der anderen Seite war das entstehende deutsche Reich, das machtvoll, aber identitätsschwach über den Alpen die Bestätigung durch korrupte Päpste suchte und sich in sinnlosen Kriegen gegen den Freiheitswillen italienischer Städte verschliss. Der sizilianische Friedrich, den sie den Zweiten nannten, versuchte, den römischen Bann abzuschütteln, fand aber nie zu den eigenen Wurzeln sondern erging sich in Vertrautheit mit Muselmanen und jüdischen Gelehrten. Diese Deutschen hatten keine wirkliche Mitte und deshalb kam es zu furchtbaren Wutanfällen gegen dieses Volk in ihrer Mitte, das all das besaß, worum man vergeblich kämpfte. So zumindest hatte es Shlomo gesehen. Es war zugegebenermaßen provozierend, dass das eigene Volk seine Friedhöfe mit großen hebräischen Schriften verzierte, dass man Gräber für Ewigkeiten baute, während das Volk, in dessen Mitte man wohnte, ohne sich mit ihm zu vermischen, die eigenen Toten schnell vergaß. Aber man hatte durchaus mit diesem fremden Volk gelitten, als das Christentum mit dem Protestantismus seinen deutschen Ableger gebar, der zu Tod und Krieg führte. 30 Jahre massakrierten sich die Christen in endlosem Hass, bis es endlich zum Frieden kam. Damals war die Gemeinde fortgezogen, gen Osten, zum Volk der Polen, das bäuerlich und ruhig lebte und dessen Könige offen schienen für jüdische Besiedlung. Aber auch dort hatte die Anwesenheit eines so klugen und geschlossenen Volkes Wut erregt

Shlomo befürchtete Schlimmes, als die Deutschen im zweiten Weltkrieg ihr Nachbarland überfielen. Moses hatte den Vater aufgeregt darüber debattieren hören. In Russland waren viele Juden an die Staatsspitze gelangt, aber waren es noch Juden? Sie hatten sich vom Schwarm entfernt und wollten etwas Neues: Macht, Herrschaft und den sozialistischen Traum. Nach dem Krieg erhielt man endlich das eigene Land. Die Welt wandelte sich. Das Verborgene wurde wahr. Er hatte beobachtet, wie das moderne Israel sich durch Kampf und auch Grausamkeit gegen die Nachbarvölker behauptete. Im Geheimen hatte es ihn gefreut, dass Muslime, Christen und Juden in Jerusalem ihr Glaubenszentrum sahen, denn das bestätigte alles, woran man immer schon glaubte. Aber mit Missbilligung hatte er dem Treiben der Modernen zugesehen, die in Tel Aviv oder Jaffa endlose Partys feierten, die gen Osten strömten, um in buddhistischen Ashrams einem anderen Glauben zu frönen. Das moderne Israel war quirlig und lebendig, weil es über einem Vulkan gebaut war. 

Da waren die Palästinenser, denen man im Grunde nicht verübeln konnte, dass sie einen eigenen Staat wollten, denen man aber auch keinen Raum geben konnte, weil sie nicht mehr und nicht weniger wollten, als eine Auslöschung des jüdischen Staates. So lernte die jüdische Gemeinschaft den Krieg und den Kampf und man war siegreich. Dieses Mal duldete man nicht, dass der Schwarm, der um den unzerstörbaren Kern kreiste, ohne Gegenwehr attackiert wurde. Man sammelte sich und schlug zurück. Aber verlor man dadurch nicht das Zentrum? Als Amalek begann, die Grenzen der Länder und deren Ordnung zu zerstören, gab es Kräfte unter den Juden, die sich beteiligten und es gab Kräfte, die sich dagegen wehrten: Babylon und Jerusalem. 

Moses hatte durchaus beobachtet, dass wichtige Drahtzieher des Bösen aus dem eigenen Volke kamen, dass viele Wankelmütige und Unbestimmte in Israel lebten. Die Besten aber hatten sich zurückgezogen und auch er hatte ein  Haus außerhalb der Stadt bezogen.

Er hatte die Raketen aus dem Gaza Streifen gesehen, die Angriffe der Hisbollah verfolgt und die Gegenangriffe der mächtigen israelischen Armee. Aber er hatte sich immer mehr zurückgezogen ins Gebet. Blind war er geworden, je mehr er anfing, im Innern zu sehen. Versorgt wurde er von Eli, seinem Sohn. Eli war sein ganzer Stolz. Er war von Martha, seiner Frau, die vor Jahren bereits verstorben war. Er wuchs heran zu einem starken, jungen Mann, der aber zunehmend schweigsam wurde, bis er zuletzt verstummte. Sie kommunizierten miteinander über Berührung. Eli strich ihm über den Kopf, wenn er Ja sagen wollte oder klopfte ihm auf die Schulter, wenn er Nein meinte. Und seine Rede bestand fast nur aus Ja und Nein. Während Moses völlig erblindete, bis der Blinde und der Stumme beieinander lebten, in Gesellschaft eines kleinen Hundes, den sie aufgenommen hatten und zweier Katzen, die ab und an behaglich schnurrend auf Moses Knien saßen.

Die Veränderung der Welt hatte er in Visionen gesehen. Begeistert lauschten die meisten Menschen Stimmen, die die Wahrheit verdrehten, die Frauen Männer sein ließen und Männer Frauen, die Kinder schändeten und Jahwes Gesetze verachteten und hinter all dem hatte er den Amalek gesehen, der verbannt auf seine Stunde wartete. Als nun Jerusalem auf diese Insel „versetzt“ wurde, war er der einzige, der das bemerkte. Er spürte, dass die Welt selber sich in Bewegung setzte, dass alles verschmolz zu einem Boden, auf dem Armageddon stattfinden würde. Eli hatte es wohl auch bemerkt. Er hockte nun oft abends zu seinen Füßen oder schlief am Fußende seines Bettes. Die Stadt, die Moses in seinen Visionen sah, war zur Hälfte in Licht getaucht, zur anderen Hälfte in tiefste Finsternis und die heiligen Stätten machten da keine Ausnahme. 

Er hatte das Nahen eines Heiligen bemerkt, den er kannte. Als es klopfte wusste er, dass Nigromontanus, Zutritt begehrte. 

„Sei mir gegrüßt, heiliger Mann“, sagte er. 

„Hallo Moses. Wir sind eine größere Gruppe. Kannst Du uns diese Nacht in deinem Haus beherbergen?“, fragte Nigromontanus.

„Mein Haus ist Dein Haus“, antwortete Moses. Nigromontanus nickte Peter zu. Der winkte die anderen herbei. Das Haus war klein. Es gab  nur drei Zimmer. Es würde also eng werden, aber sie waren froh, hier Unterschlupf zu finden. Seit Stunden wanderten sie durch verlassene Gegenden und nun waren sie der Stadt doch sehr nahe. 

„Dort unten“, hatte Nigromontanus gesagt, „wohnt jemand, den wir besuchen werden. Er ist blind, aber er wird uns sagen, wo Armageddon stattfindet. 

„Wie kann er das?“, fragte Karim, „wenn er blind ist?“

„Frage ich mich auch“, sagte Peter.

„Er sieht mit dem inneren Auge“, antwortete Nigromontanus. 

„Mit wem lebt er dort?“, fragte Dolores. „Das Haus sieht klein aus. Wir werden dort sicher nicht alle Platz finden.“

„Er wird uns Platz machen“, sagte Nigromontanus. „Er lebt dort mit Eli, seinem Sohn.“

„Ist er Jude“, fragte Ben Mutafi. 

„Das ist er wohl. Aber sein Judentum ist sicher einem echten Glauben an Allah ähnlicher, als der Glaube eines saudischen Prinzen.“

„Was spielt es überhaupt für eine Rolle, was er glaubt“, sagte Linda. 

„Das verstehst Du nicht. Die Juden sind unsere Feinde“, antwortete Karim.

„Wir sind auch eure Feinde“, antwortete Paul scharf. Die beiden warfen sich einen kurzen, aggressiven Blick zu. „Und trotzdem gehen wir unsere Weg zusammen.“ 

„Bis Allah uns wieder trennt“, antwortete Karim.

„Kommt“, sagte Nigromontanus und klopfte an die Tür.


Marie und Johann eröffnen ihre Herkunft. Ist auch der Himmel beteiligt? Aber was ist der Himmel? Sind Engel Menschen?


Es gab keinen Abend mehr, keinen Morgen. Die Welt war in Dämmerung gehüllt. Ein gewaltiger Lichtblitz erschien am Horizont und eine Wolke stieg gegen den Himmel, die sich zu einem Atompilz entwickelte. 

„Sieht aus wie die Explosion einer Atombombe“, sagte Richardson. „Ich hoffe, wir geraten nicht in die Fronten eines nuklearen Angriffs.“ 

„Es scheint sehr weit entfernt zu sein“, sagte Heidi. 

„Ist es für uns gefährlich?“, fragte Karin. Ihre beiden Begleiter waren stehen geblieben und schauten in die Ferne, wo jetzt Feuer vom Himmel zu regnen schien. 

„Es wird uns nicht betreffen“, sagte Marie. 

„Habt keine Sorge“, sagte Johann.

„Keine Sorge?“, brummte Richardson. „Wisst ihr eigentlich wie viele nukleare Waffen in unseren Arsenalen ruhen? Wenn die Russen es gewagt haben sollten, eine Nuklearwaffe zu zünden, wird bald die ganze Welt in Flammen stehen.“

„Oder der Iran oder Nordkorea“, erwiderte ich. 

„Das wäre für uns besser“, sagte Richardson.

„Wir können nicht darauf zu gehen“, wendet er sich an die beiden Menschen an der Spitze der Gruppe. 

„Es wird radioaktive Strahlung auftreten.“

„Es wird uns nicht betreffen“, antwortete Marie mit ruhiger Stimme. 

„Uns nicht betreffen…“ äffte Richardson sie nach. „Was soll das heißen, absorbierst Du die Strahlung oder wie?“

Marie lächelte ihn an, antwortete aber nicht. Johann antwortete stattdessen. 

„Wir müssen weiter. Glaubt ihr einfach. Unser Schicksal ist ein anderes. Wir sind gekommen, Euch dorthin zu führen.“

„Wer seid ihr eigentlich“, sagte Richardson, „seid ihr päpstliche Abgesandte. Ich weiß echt nicht, was ich davon halten soll.“

Wir hatten diesen Streit schon am Abend vorher geführt. Richardson hatte selber nicht gewusst, wie es weitergehen sollte. Die Insel verlassen konnte er nicht. Franz oder Joseph Küppers war gefunden. Hinzu kam das Auftauchen, dieser seltsamen Heiligen, die etwas von einem metaphysischen Ziel faselten. Er hatte sich der Gruppe trotzdem angeschlossen, als diese beschloss, ins Landesinnere zu ziehen, um diese Dolores zu retten. Der Schwarze und Joseph hatten sie gebeten, mitzukommen, um einer Gruppe von Menschen zur Hilfe zu kommen, die hier auf dieser Insel aufgewachsen war. Das war für Richardson natürlich interessant gewesen. Aus dieser Gruppe stammte Franz Küppers und er ging davon aus, dass er sich jetzt auf der anderen Seite befand, von der Franz Küppers gekommen war. Sein Auftrag lautete ja, diese Seite zu erkunden und die Übergänge zu studieren. Irgendwo musste es einen Rückweg in seine Welt geben, denn es waren ja Rohstoffe von hier auf dem Markt gelandet.  

Es war wirklich schwer zu verstehen, was hier geschah. Auch Karin hatte ihre Probleme. Auf dem Schiff hatte sie sich in Franz Küppers verliebt und jetzt, kaum einen Tag später, stand ein Joseph Küppers vor ihr, der ihrem Franz aufs Haar glich und erzählte, er sei, solange er lebe, mit nur einer Frau zusammen gewesen, einer Dolores, die jetzt eben in höchster Gefahr schwebe. Er hatte einen einen gutaussehenden Schwarzen namens Ted bei sich, der ihn schon länger begleitete. Karin sah in Joseph nun eine Art Zwillingsbruder von Franz, dem man helfen müsse, seine Frau wieder zu finden. So wurde es für sie erträglicher. Sie fühlte sich zu Joseph hingezogen, aber sie betrachtete ihn als einen Fremden, der zufällig einen Kontakt zu einer wichtigen Person ihres Lebens gehabt hatte.

Ich war ebenfalls verwirrt. Marie und Johann hatten einen unsichtbaren Begleiter, das spürte ich, und Heidi spürte das auch. Sie hatte mich kurz zur Seite genommen und selig angelächelt. Ich hatte keinen Zweifel, dass sie irgendwie mit Jesus Christus in Verbindung standen, Joseph und Ted vertrauten den beiden sofort. Nur Richardson war skeptisch. 

Wir sahen ein helles Licht vom Himmel stürzen. Dann glühte am Himmel kurz die Sonne auf, ehe die Welt in Finsternis versank. Unsere Augen brauchten eine Weile, um sich umzugewöhnen. Als die Blendung vorbei war, sahen wir riesige Heuschreckenschwärme, die am Himmel gen Norden zogen.


Unterdessen auf der Sea-Gull und ihrer Restbesatzung. Man will von der Insel flüchten, doch gelangt immer wieder zum Ausgangspunkt. Dort trifft man die Menschen, die Miltons neues Projekt trugen. Auch deren Flucht ist gescheitert. Die Welt verdunkelt sich. Der zweite Fluchtversuch isoliert die SeaGULL


Moris hatte das Schiff gesteuert. Mad, Moris, Catherine und Ann waren regelrecht von der Insel geflohen, die ihnen einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. Bereits der Tod von Franz Küppers hatte sie in einen Schockzustand versetzt. Auf dieser Insel aber zu erfahren, dass man dort Menschen ermordet hatte war zu viel für sie gewesen. Sie waren moderne Menschen und lebten ihr Leben in Alltagsproblemen und in den Sicherheiten, die ihnen erreichbar waren. Sie waren noch nie mit dem Tod oder dem Verbrechen konfrontiert gewesen. 

Der Wind hatte günstig gestanden und sie waren hinaus gesegelt auf die offene See. Immer weiter, in Richtung Solomon Inseln. Aber es war wie verhext. Der Kompass funktionierte nicht und immer wieder erschienen die Konturen dieser Insel am Horizont. Sie konnten das Ruder drehen wie sie wollten.
„Es ist wie verhext“, sagte Moris. 

„Ich bin Naturwissenschaftler“, murmelte Mad. „So etwas gibt es nicht.“ 

„Du siehst doch, dass es so etwas gibt“, sagte Ann. 

„Ich habe Angst“, sagte Catharine hysterisch. „Ich will nach Hause.“ 

„Kannst Du ihr was zur Beruhigung geben?“, fragte Moris Mad. „Wir können jetzt keine Frau mit einem Nervenzusammenbruch gebrauchen.“

„Könnte ich auch was zur Beruhigung haben“, sagte Ann. Mad kramte in seiner Arzttasche und reichte Ihnen Beruhigungstabletten. 

Die beiden Frauen schluckten die Tabletten, dann klammerten sie sich an den Mast und blickten zum Horizont, an dem die Insel immer näher zu kommen schien.

„Wir können uns gegen dieses Phänomen stemmen“, sagte Moris, „oder wir akzeptieren es. Dann geht es eben wieder zurück. Richardson und die anderen sind ja auch noch dort. Wir sind also nicht ganz allein. Vielleicht kann man von dort aus Hilfe holen.“

„Du träumst“, murmelte Ann. „Weder Handy noch Funkgerät gehen in dieser Weltgegend. Wir sind völlig abgeschnitten.“

„Auf dieser Insel wachsen Bäume. Es gibt dort also Wasser. Es haben Menschen dort gelebt, also gibt es Nahrung. Wir müssen dorthin zurück“, sagte Mad. In diesem Moment sahen sie ein Schiff. Es war das Schiff, das bei ihrer ersten Annäherung davon gesegelt war. Die Siedler waren in ihrer Flucht ebenso gescheitert wie Mad, Moris, Ann und Catherine. Ihr Boot war immer wieder zur Insel zurückgeführt worden, und auch sie hatten den Kampf aufgegeben. Die beiden Boote segelten nun parallel in Richtung Ufer. Vor der Ostküste gingen sie vor Anker und wenig später traf man sich am Strand. Die Wohnanlage lag verlassen vor ihnen. Die Toten waren nicht zu sehen, weil Richardson, Ted und Joseph sie begraben hatten. 

Die Ankömmlinge starrten sich etwas ratlos an, während die Kinder zum Haus stürmten, um zu sehen, ob ihre Spielsachen noch dort waren. Mehrere Frauen folgten ihnen.

„Ich bin Wolfgang Kerster“, der etwa 35 jährige, dunkelgekleidete Mann reichte Moris die Hand. Er war offenbar der Anführer dieser Menschen. „Wer sind sie?“

„Wir sind eigentlich nur Urlauber, auf einem Segelturn. Jetzt aber sind wir offenbar Gefangene dieser Insel“, antwortete Moris.

„Und zwar ziemlich unglückliche Gefangene“, ergänzte Mad.

„Dann geht es Ihnen ja wie uns“, sagte jemand mit sonorer Stimme. Ein älterer Mann, mit schlohweißem Bart trat hinzu und gab ihnen die Hand. „Ich bin Morten. Ich bin der Kapitän dieses Schiffes. Und ich bin der Leiter dieser Station.“

„Dann können sie uns sicher sagen, was hier los ist“, sagte Moris. „Wir kommen hier einfach nicht weg. Und wir waren bereits hier. Mit einigen Freunden, die geblieben sind. Vielleicht werden wir sie im Gebäude treffen. Wir hatten übrigens Leichen gefunden.“

„Wir erklären Ihnen in den Gebäuden, was wir wissen“, sagte Morten. „Kommen sie mit.“ Er drehte sich um und ging voraus, während die anderen folgten.


Moris lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete sein Gegenüber. Morten machte den Eindruck eines ehrlichen, geraden Mannes. Er war sicher bereits über sechzig. Seine Mitarbeiter hatten sich im Haus verteilt und kümmerten sich um die Kinder. Nur die Frau Olsens, Gerda, saß mit am Tisch. Sie hatte ein strenges, abgehärmtes Gesicht, aus dem zwei klare, tiefblaue Augen aufmerksam in die Runde blickten. Mad saß zwischen Ann und Catherine, die sich merklich entspannt hatten, die sogar etwas schläfrig wirkten. Er konnte bei sich allerdings keinerlei Entspannung fühlen. Im Gegen teil. Morten hatte berichtet, dass diese Insel eventuell nicht mehr verlassen werden konnte, was in seinen Ohren völlig verrückt klang. Das unterschied sich allerdings kaum von dem Irrsinn, den Richardson eben eröffnet hatte. Moris war Richter gewesen, ein besonnener, Mann. Wer konnte so etwas glauben? Aber er hatte es ja selber gesehen. Sie segelten und segelten und immer wieder tauchte die gleiche Insel vor Ihnen auf. Nun hatte Morten noch weitere Spukgeschichten aufgetischt. Er behauptete allen Ernstes, im Jahre 1850 geboren worden zu sein. Er sei aufgewachsen in einem Europa, das sich 1870 enorm veränderte, als Deutschland auf den Plan trat, eine Macht zu werden. Damals habe er von Walter Trughausen gehört, einem deutschen Philosophen, der sein Leben einem erzieherischen Projekt gewidmet habe. Es ging ihm um die Frage, wie Menschen sich verändern würden, wenn sie außerhalb des gewohnten sozialen Gefüges in einer völlig anderen Werteordnung aufwachsen würden. Die Idee, dass der Mensch durch Sozialisation von seiner eigentlichen Natur fern gehalten werde, und dass das die Gewalttätigkeit und den Hass unter Menschen erzeuge, war geradezu zum Motor einer Bewegung von Freigeistern geworden, die die Welt zum Besseren verändern wollten. Die meisten Mitglieder dieser Geheimgesellschaft waren Deutsche. Das lag sicher daran, dass die Deutschen zu dieser Zeit so intensiv zu forschen wagten. Morten besaß ein Kapitänspatent und er fand es spannend, dass man eine Insel ausgesucht hatte, auf der ein Erziehungsprojekt starten sollte. Trughausen selbst sollte dort leben. Die Mittel waren zusammengekommen und es hatten sich Menschen gefunden, dieses Projekt zu wagen. Die Kinder waren aus Waisenhäusern adoptiert worden. Als nun die Reise begann, wurde ihm eine Route in die Südsee gegeben. Es begleitete ihn aber ein Seemann namens Heinrich Ofterdingen, der, selbst Kapitän, auf dieser Fahrt als Lotse fungierte. Er brachte sie zu dieser Insel, die offenbar versteckt lag, außerhalb der Zeit, wie auch immer so etwas möglich war.

Sie hatten mit dem Bau von Häusern begonnen. Tatsächlich war Trughausen persönlich erschienen und hatte sie bestärkt in der Richtigkeit dieses Projekts. Es wäre alles ruhig weiter gelaufen, wenn nicht Gerüchte aufgekommen wären, Kapitän Ofterdingen sei tot, die Welt befinde sich im Aufruhr, Trughausen sei einem Mord zum Opfer gefallen. Das alles klang beängstigend. Als nun die beiden Männer, die offensichtlich aus reiner Mordlust töteten, von den jungen Männern überwältigt und anschließend erschlagen wurden, war das Entsetzen so groß geworden, dass man floh. Ohne allerdings der Insel zu entkommen. Immer wieder erschien sie am Horizont und schließlich beschloss Morten, zurück zu kehren, wo er die Sea-Gull und ihre kleine Besatzung traf.

„Ehrlich gesagt“, sagte Moris, „Ich bin im Jahre 1945 geboren worden. Sie sind damit etwa hundert Jahre älter als ich, würde ich sagen.“

Morten schaute verblüfft. „Das kann nicht sein.“

„Ist aber so“, sagte Ann. „Ich bin 1980 geboren und Catherine 1982.“

„Und ich 1970“, murmelte Mad. „Da sind wir ja ein ziemlich gespenstisches Grüppchen.“

„Ich habe es Dir gesagt“, sagte Gerda, „irgendetwas stimmt mit dieser Insel nicht.“ 

„Sie müssen wissen“, sagte sie, an Moris und die anderen gewendet, „dass Trughausen mir nie geheuer war. Er kam wie ein Schatten. Er hatte etwas Unheimliches. Ich konnte es nie benennen. Er ist ja legendär. Man erzählt sich allerhand.“

„Ach, halt doch den Mund“, sagte Morten.

„Wieso. Es ist doch jetzt egal. Die Loge ist weit entfernt. Ich glaube nicht, dass sie hier mithören kann.“

„Was für eine Loge“, fragte Moris, der hellhörig geworden war. 

„Freimaurer“, antwortete Grete.

„Sie sind Freimauerer?“, fragte Moris und blickte zu Morten, der sich erhoben hatte und im Zimmer auf und ab ging.

„In gewisser Weise“, antwortete er. „Wie sie wissen, sind nur die hohen Grade wirklich informiert. Wir haben getan, an was wir glaubten. Es ist richtig, dieser Trughausen war seltsam, aber er war Logenmeister. Ein wichtiger Mann.“

„Was wissen sie denn über diese Insel?“, fragte Mad

„Ich weiß nur, dass sie geheimnisvollerweise auf dem Seeweg nur erreicht werden kann, wenn man bestimmte Zeit- und Ortkonstellationen einhält. Sie soll außerhalb der normalen Zeit liegen, sagte Ofterdingen, aber es wird viel geschwätzt von niederen Rängen, nicht wahr. Es ist mir allerdings schleierhaft, wie es möglich sein kann, dass sie so viele Jahre später als ich geboren werden und doch jetzt vor mir stehen. Ihr Schiff kam uns sofort seltsam vor.“

Moris schaute vor sich auf den Tisch. „Wir sind jetzt gemeinsam hier gestrandet. Wie soll es weiter gehen?“

In diesem Moment bebte die Erde und die sahen durch das Fenster in weiter Ferne einen ungeheuren Lichtblitz, dem ein Atompilz folgte.

„Eine Nuklearexplosion“, sagte Mad. Irgendwo auf dieser Insel hat jemand eine Atombombe gezündet.“

„Die Explosion muss sehr weit entfernt stattgefunden haben“, sagte Mad.“

„Das heißt nicht, dass es keinen radioaktiven Fallout geben wird, der uns tötet. Ruft die Kinder herein.“ Ann und Catherine traten nun auch zum Fenster. Es sah aus, als stürzten Sterne vom Himmel. 

„Ich habe Angst“, sagte Ann. „Ich will hier weg“, sagte Catherine. „Können wir es nicht noch einmal versuchen?“

„Ich würde es auch noch einmal wagen“, sagte Moris. „Lieber Kapitän Morten. Das, was sie eben sahen, ist das Zeichen, dass hier eine schreckliche Waffe gezündet wurde. Diese Waffe ist in der Lage, noch viele Kilometer entfernt einen langsamen Tod zu bringen. Ich würde sagen, wir bleiben vorerst im Haus und warten ein paar Stunden. Wenn es keinen Fallout gibt, wenn also nichts vom Himmel regnet, versuchen wir noch einmal, diese Insel zu verlassen, oder wir segeln die Küste entlang und entfernen uns vom Ort dieser Katastrophe.“

„Wenn sie meinen, werden wir das so tun“, sagte Morten. Seine Frau war aufgestanden und rief die Kinder und Erzieher zusammen.

Tatsächlich durchlebte man angstvolle Stunden, ehe man sich wagte, gemeinsam zu den beiden Booten zu gehen und davon zu segeln. Dieses Mal segelten sie entlang der Küste. Die Strömung und der Wind waren günstig. Die Sea-Gull machte erheblich mehr Fahrt als der Schoner und man verlor sich aus den Augen.

„Diese Küste kann unmöglich so lang sein“, murmelte Moris, der am Ruder stand. Tatsächlich schien sich die Küstenlinie endlos zu erstrecken. 

„Wie ein gewaltiger neuer Kontinent“, antwortete Mad. Die Frauen beobachteten die Küstenlinie, die endlos vorüberglitt. Waren zuvor in der Ferne Hügel und Vulkankrater gewesen, so war das Land nun flach und irgendwie farblos. Die Strände wirkten grau und es waren keine Bäume mehr zu sehen.

„Gespenstisch“ sagte Catharine. „Als ob das Leben sich zurückgezogen hätte.“

Es ist auch merklich dunkler geworden, antwortete Ann.

„Das alles ist völlig unnatürlich“, sagte Mad. „Einfach nicht mehr rational zu erklären.“

„Es macht keinen Sinn, an Land zu gehen“, sagte Moris.

„Sollten wir nicht auf Morten warten“, fragte Ann. „Die armen Kinder.“

„Denk dran, sie könnten Deine Großeltern sein“, sagte Mad.

„Vielleicht sind wir bereits gestorben“, sagte Moris. „Ich fühle eine Furcht in mir, wie niemals zuvor.“



Jerusalems Wächter Moses und Nigromontanus sind alte Vertraute


„Du weißt, was hier vor sich geht?“, fragte Moses. 

„Ich glaube es zu wissen“, sagte Nigromontanus. „Irgendwie haben die Ereignisse der letzten Zeit die Endzeit ausgelöst. Es liegt nicht mehr in meiner Macht, etwas zu verändern.“

„Wir Gäste der Stille“, antwortete der Alte, „sind nun von Jahwe getrennt. Er ist es, der handelt.“

„Die jungen Menschen, die mich begleiten, sind mir anvertraut. Ich weiß nicht warum. Kannst Du mir das sagen?“

Moses lauschte zum Nebenzimmer, in dem er die Präsenz mehrerer Menschen fühlte. Dann griff er nach Elis Hand, der neben ihm stand.

Eli zuckte leicht, als Vater und Sohn sich miteinander verbanden, um tief in die Welt zu sehen.

„Jeder ist jetzt an seinem Platz“, sagte Moses. „Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, aber es sind heilige Kräfte, die zur Rettung bereit stehen. Habt Mut.“

„Weißt Du etwas von den meinen Brüdern?“

„Sie sind in der Stille. Sie ruhen. Damit sind sie verschont. Du und ich können nicht zurück. Wir werden hier das, was die Menschen den Tod nennen, erleiden.“

„Der Tod ist eine Illusion“, sagte Nigromontanus.

„Oh ja“, erwiderte Moses, „er ist immer der Weg zurück, aber indem wir den Schrecken nehmen, ohne uns zu fürchten und ohne zu hassen, nehmen wir dem Dämon die Kraft. Das ist der Grund, warum wir hier sind. Das Opfer ist heilig.“

„Ich fühle, dass das wahr ist“, sagte Nigromontanus. In diesem Moment begann Eli zu sprechen. Seine Stimme klang warm und weich. Man spürte, dass selbst Moses sich erschreckte. 

„Die Opfer müssen gebracht werden. Aber Du musst in die Stadt. Der Abgrund wird sie erreichen. Dann musst Du dort sein.“

„Eli“, sagte Moses, mehr nicht.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Hoffmanns Kopf erschien im Türrahmen. 

„Darf ich eintreten?“ 

„Nein. Warte bei den anderen“, sagte Nigromontanus. „Ich muss noch einiges mit Moses besprechen.

Hoffmann nickte und schloss die Tür hinter sich. Er wendete sich den jungen Menschen zu, die ratlos wirkten.

„Es ist eine furchtbare Zeit“, sagte er. „Ich weiß selber nicht, was hier passiert, aber ich darf Euch sagen, dass ich unseren Feind kenne, dass ich ihn schon persönlich gesehen habe und dass ich mir denken kann, dass er hinter diesem ganzen Zusammenbruch steht.“

„Sehen Sie“, antwortete der blonde Anführer, den sie Peter nannten, „wir wissen im Grunde nicht, was hier vorgeht. Wir haben erfahren, dass unser ganzes bisheriges Leben auf einem dünnen Fundament stand. Diese Matrosen, zum Beispiel. Das waren doch keine Engländer. Es waren Bestien, daran besteht kein Zweifel.“

„Doch, es waren Engländer“, sagte Karim und spuckte aus. 

„Das waren keine Engländer“, sagte Angelina. „Habt ihr nicht gesehen, WAS uns da angegriffen hat? Das war nicht menschlich.“

„Wir haben viel gelernt“, sagte Peter, „Kunst, Kultur, Musik, das Denken, das Kämpfen, das Beachten von Regeln, aber wir haben nicht gelernt, dass die Welt aus solchen Gräueln besteht. Was, verdammt noch mal, hatten diese Ungeheuer auf unserer Insel zu suchen? Warum jagen sie uns?“

„Ich kann Euch nicht alles erklären“, sagte Hoffmann. „Es war ein böses Spiel, in das ihr geraten seid. Das gebe ich zu.“

„Unser ganzes Leben ist eine Lüge“, sagte Linda. „Wissen Sie eigentlich wie schön und behütet wir gelebt haben?“, fragte Johannes.

„Ja, ich weiß das“, antwortete Thomas Hoffmann. „Ich war dabei. Ich habe zugesehen. Es tut mir Leid, wie es endete. Ich dachte auch, es sei gut.“

„Was sei gut?“, fragte Dolores. 

„Euer Leben. Es diente einem Zweck. Das war nicht richtig. Aber es war notwendig und jetzt seht ihr die Wahrheit. So war es immer in den Welten, Gewalt und Hass.“

„Was für einem Zweck diente denn unser Leben“, Dolores war wütend.

„Wir brauchten Euch, um das hier zu verhindern. Ihr seht doch, was geschieht. Die Hölle tut sich auf.“

„Moment mal“, sagte Peter. „Wir sind in einem Schloss aufgewachsen, in einer Art verwunschenem Garten. Aber wie kann es sein, dass diese Insel zu ungeheuer groß ist, dass es hier Städte und Wüsten gibt und dass seltsame Maschinen durch diese Wüste fahren.“

„Das alles ist schwer zu erklären“, sagte Nigromontanus, der eben ins Zimmer kam, begleitet von Moses, der an der Hand von Eli ging.

„Stellt Euch vor, es gäbe zwei Kräfte, deren Macht mitten durch jeden Menschen reicht. Die eine Macht ist freundlich, die andere bösartig. Beide ringen um die Oberhand und denkt euch jetzt eine Welt, in der dieser innere Kampf Wirklichkeit ist. Und dann denkt Euch ein Herz in diesem gespaltenen Körper, das dem Wahnsinn über sich zusieht und in diesem Herzen wohnen Menschen, weise Menschen, die versuchen, diesen Krieg zu beenden.

Sie haben zwischen die Kämpfenden eine Idee geschoben, die einen Ausgleich brachte und diese Idee lebtet ihr. Nun ist die Idee gebrochen und beide Teile rasen in wilder Wut aufeinander zu, während das Herz mit beiden Seiten verbunden, aber fern von den entfesselten Emotionen, zusieht und auf den Moment wartet, an dem es die Herrschaft übernimmt.

Wir, die Herren, entstammen dem Herzen, ebenso wie Moses und Eli. Aus dem einen Teil ist ein Ich entstanden, ein bösartiges, dummes, selbstsüchtiges Ich, das glaubt, diesen Kampf gewinnen zu können, um die Herrschaft allein zu übernehmen. Es hofft seine andere Seite zu vernichten. Dann will es alleine herrschen. Es ist töricht. Versteht ihr das?“

„Reden sie über diese Ungeheuer“, fragte Linda. 

„Über den Vater der Ungeheuer, ein ungeheuerliches Ungeheuer, dass euren Milton und eure Welt gefressen hat, dass die Brüder und Schwester unserer Muslime gefressen hat und dass in allen Welten seit Langem alles frisst, was zur Liebe fähig ist.“

„Das alles ist schwer zu begreifen“, sagte Linda. „Und wer ist dieser Mann?“ Sie zeigte auf Moses, der sich in einen Stuhl setzte. Er war ein kleiner, schmächtiger Mann, der eher zerbrechlich wirkte, wie er so schüchtern in dem viel zu großen Korbstuhl saß. Sein Sohn Eli hingegen war eher groß. Er besaß ein feingeschnittenes Gesicht, aus dem zwei hellblaue Augen leuchteten. Obwohl er so gut wie nicht sprach, wirkte er wach und beteiligt. 

„Ich bin Moses Räb“, sagte der Alte. „Entschuldigt, dass ich mich nicht vorgestellt habe. Ich habe auf Herrn Schwarzberg gewartet. Es ist lange her, dass wir uns begegnet sind. Damals verabschiedeten wir uns bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Welt untergeht. Aber machen sie sich keine Sorgen. Dass sie hier sind und in Begleitung eines so heiligen Mannes, sagt mir, dass sie auserwählt sind, aus dieser Finsternis ins Licht zu gelangen.“

„Wir haben hier Station gemacht, um Eli abzuholen. Er wird unser Führer sein“, sagte Nigromontanus. „So wurde es vor unendlich langer Zeit beschlossen“, nickte Moses.

„Aber sie werden dann ganz alleine sein“, sagte Peter. „Ich habe nicht das Gefühl, dass sie sich sonderlich gut allein helfen können. Außerdem werden wir verfolgt. Ich fände es besser, sie würden uns begleiten.“

„Danke, mein lieber Junge“, sagte Moses. „Aber es muss geschehen, was geschehen muss. Ich habe auf diesen Augenblick gewartet. Wie Du weißt, waren wir in der Stille und es gab keinen Grund, in die Welt zurück zu kehren, außer dem, dass wir gebraucht wurden, in dem Kampf, der der großen Wiedergeburt voran geht. Insofern ist eine große Freude in mir, dass der Moment gekommen ist.“

„Der Moment ist gekommen“, sagte plötzlich Eli mit dunkler, volltönender Stimme. „Jetzt ist es Zeit, zu gehen. Vater. Ich werde tun, was Du mir aufgetragen hast. Ich bringe diese Männer und Frauen in die Stadt. Dort wird es beginnen.“

Moses lächelte und streichelte über die große, schöne Hand des Sohnes. Eine Träne zeigte sich in seinen Augenwinkeln, die sich langsam löste, das Gesicht hinab rann und auf die Hand des Sohnes tropfte. Dieser umarmte seinen Vater, wendete sich dann den Wartenden zu und sagte: 

„Lasst uns losgehen. Es wird immer finsterer. Jetzt schon regnen Feuer vom Himmel. Heuschreckenschwärme nähern sich. Die apokalyptischen Reiter sind unterwegs. In der Stadt wird noch gefeiert. Sie sind geblendet. Sie werden bis zum Schluss in Unkenntnis gehalten, also wundert Euch nicht.“

Sie verließen das Haus des Moses Räb und folgten Eli, der einer geteerten Straße folgte, deren Straßenränder gesäumt waren mit verlassenen Automobilen.

„Was sind das für Dinge?“, fragte Peter. 

„Das sind Gegenstände, die zu meiner Zeitebene gehören“, antwortete Hoffmann. „Man nennt sie Autos. Damit können sich Menschen wie in Kutschen fortbewegen. Es scheint aber so, als seien sie nicht mehr fahrtüchtig gewesen. Wenn ihr genau hinhört, werdet ihr bemerken, dass NICHTS zu hören ist, weder Wind, noch Vogelgezwitscher. Es ist absolut still. Nur menschliche Stimmen sind in der Ferne zu hören. Die kommen aus der Stadt. Dort geht das Leben offenbar seinen Gang, als sei alles in Ordnung.“

„Was erwartet uns in der Stadt?“, fragte Peter. 

„Ich kann es Dir nicht sagen. Nicht mal Nigromontanus weiß es, nehme ich an. Noch ist der große Kampf nicht entbrannt. Alle Menschen rüsten sich und ziehen gegeneinander.“

„Täuscht euch nicht“, sagte Nigromontanus, „ganze Welten sind hier versammelt. Man steht sich gegenüber und wartet. Aber einer weiß nichts vom anderen.“

„Und wo sind sie?“

„Es gibt eine Ebene, hinter der Stadt. Sie soll in gewisser Hinsicht unendlich groß sein.“

„Wie kann das sein“, Paul guckte ungläubig.

„Wenn ich es beantworten darf“, sagte Eli. Nigromontanus nickte und schaute fragend zu dem hochgewachsenen Juden. 

„Alles vermischt sich, Welten und Wirklichkeiten wallen wie Nebel. Jeder sieht seine eigene Wut. So stürzt alles aufeinander und die apokalyptischen Reiter führen sie an, auf weißen Pferden, die die Wahrheit des Wortes verkörpern und auf den schwarzen der Lüge. Aber Wut und Hass ist bei allen.“

„Und das ist der Grund, warum wir hier sind. 10000 sind auserwählt, sagt uns die Bibel. Eine magische Zahl. Es werden die sein, die nicht in Flammen aufgehen.


Unser Schriftsteller folgt Marie und Johan in einer unwirklich scheinenden Welt, die Böses offenbart


Im Osten der Insel waren wir inzwischen in die Nähe des Vulkankegels gelangt. Der Himmel war nun fast völlig finster, aber es gab ein Licht, das die Atmosphäre dämmrig beleuchtete. Wir waren noch nicht sehr weit gekommen, weil unsere beiden unbekannten Anführer immer wieder stoppten, warteten, Umwege suchten.

„Die Hölle hat sich geöffnet. Es treiben sich hier ihre Bewohner herum und sie warten auf das Zeichen zum Kampf. Sie wittern uns, aber haben uns noch nicht gefunden“, sagte Johann.

„So einen Blödsinn, habe ich noch nie gehört“, schimpfte Richardson. „Höllenbewohner. Wahrscheinlich mit Hörnern.“

„Ich finde das gar nicht so witzig“, antwortete Joseph, der hinter Richardson an der Seite von Ted ging. „Ich habe seit der Ankunft dieses Gregorius und seiner Männer vieles gesehen, was unglaublich war. Und ich habe erlebt, dass es so etwas wie Dämonen gibt, aber es waren nur Spiegelungen meiner Gedanken. Ist es hier auch so?“

„Nicht ganz“, antwortete Marie. „Sie können uns verderben.“ In diesem Moment hob Johann die Hand. Wir hielten. Dann hörten wir es auch. Ganz in der Nähe raschelte es. Eine Gruppe von Menschen bewegte sich auf uns zu. Da erschienen sie auch schon zwischen den Felsen.

„Verdammt“, hörte ich Richardson fluchen und sah, dass er seine Pistole heraus nestelte. 

„Seid jetzt ganz ruhig“, flüsterte Marie. „Lasst Euch nicht provozieren. Sie werden Euch verschlingen, wenn ihr Wut zeigt.“

„Ah“, erklang eine Stimme, die aus einer Gruft zu kommen schien. Sie gehörte zu einer Frau, die nichts Menschenähnliches mehr an sich hatte. Ihre Füße schwebten über dem Boden. Ihre Augen waren wie glühende Kohlen und ihr Mund barg ein raubtierhaftes Gebiss. Neben ihr kroch ein Mann, dessen ungestalteter Kopf sich kaum über den Boden erhob. Immer wieder schnüffelte er, wie ein Hund und saugte den Geruch der Menschen wie ein Getränk ein. Der dritte war ein hagerer Kerl, dessen Größe gewaltig zu sein schien. Sein Kopf war im Dunkeln einer Kapuze verborgen. Nur die Augen leuchteten in einem schmutzigen Gelb. Immer mehr dieser Kreaturen kamen heran und bildeten einen Kreis um uns.

„Ah, die Hure des Schwächlings“, sagte der weibliche Dämon und bewegte sich langsam auf Marie zu, ohne sie indessen zu berühren. 

„Und sein kleiner homosexueller Lieblingsjünger.“ Die dunkle Gemeinde begann ein schauerliches Gelächter. Zwei vollbusige Frauen, wunderschön und gänzlich nackt tanzten vor uns und ein Mann mit steif gerecktem Geschlechtsteil bestieg die erste von hinten. 

„Erkennst Du das wieder, Es war deine Bestimmung“, sagte der weibliche Dämon und schlich um Marie herum: „Einmal Hure, immer Hure.“ Marie zeigte weder Furcht noch Abwehr. Ich spürte, dass völlige Unschuld sie wie ein Licht zu umgeben begann. Woraufhin der Dämon langsam zurück wich. 

„Aber vielleicht will der schwarze Bock mittun?“ Die beiden nackten Frauen, die fast überirdisch schön wirkten, bewegten sich lockend auf Ted zu, der ja immer äußerst empfänglich gewesen war für Frauen. Er spürte, wie wilde Hitze in ihm aufstieg. Seine Lust regte sich und drohte ihn zu übermannen.

„Zeigt ihm eure wahre Gestalt“, befahl Johann. „Wimmernd fuhren die Körper zurück und deren Besitzer wurden zu den abscheulichen Kreaturen, die sie waren. Augenblicklich erlosch Teds Lust, und er wurde wieder klar im Kopf, was offenbar die Wut der Meute und ihres Anführers weckte.

„Bist Du nicht der Jünger des Schwächlings, der in seinem Leben NICHTS vollbracht hat, während seine Brüder ihr Leben hingaben. Hast Du nicht in Deiner warmen Stube gesessen und auf Deinen Freund Petrus gewartet, der dir von seinen Heldentaten erzählen musste. Der warme Kuss Deines Meisters brannte ja noch immer auf Deinen Lippen.“

Johann erwiderte nichts. Er schien die Beleidigung nicht einmal gehört zu haben. Er stand neben Marie und beide blieben völlig ruhig, was den eigenartigen Effekt hatte, dass die Dämonen vor ihnen zurück wichen.

Nun wandten sie sich an mich, und sprachen mich an, als seien wir alte Freunde: 

„Was macht Deine Frau?“, fragte mich ein älterer Herr, der aussah, wie ein beliebiger Passant. Er legte mir eine Hand auf die Stirn und plötzlich sah ich Marianne, die sich mit meinem Freund Gregor im Liebesspiel räkelte. Dann sah ich meine Tochter. Sie lebte im Elend auf der Straße. Sie war älter geworden, aber sie sah zerstört aus. Gregor und Marianne verweigerten ihr jede Hilfe und sie war zu stolz, sich bei mir zu melden. Ich spürte eine Woge von Wut und Schmerz. Einer der Dämonen kam nun langsam auf mich zu und schien zu prüfen, in welchem seelischen Zustand ich mich befand. Ich fühlte meine Wut wie Flammen an den Beinen empor züngeln und wirklich begann ich zu brennen. Doch Heidi stand ja neben mir und mein Schmerz lag lange zurück. Es war viel geschehen. Ich liebte meine Tochter. Aber in Wahrheit hatten wir wieder zusammen gefunden und sie lebte keinesfalls im Elend. Im Gegenteil: sie lebte in einer glücklichen Beziehung und hatte ein Studium begonnen. Meine Frau liebte ich nicht mehr und Gregor hatte ich verziehen. Ich spürte, dass Trauer und Wut nachließen. Der ältere Herr hatte sich jetzt zu Heidi bewegt. Er stand wie ein strenger Vater vor ihr und sagte mit einer Stimme, die ihr offenbar vertraut war: 

„Du hast wie eine Hure gelebt und Deinen Vater sehr enttäuscht. Du hast immer geglaubt, etwas Besseres zu sein, aber in Wahrheit hast Du Mutter und Vater getötet. Ich stecke jetzt bei diesen Höllenbewohnern und durchlebe finstere Qual“, weinte er. „Man quält mich. Und Du bist es schuld.“ Heidi liefen Tränen über die Wangen. Ich umarmte sie und sie barg ihren Kopf schützend an meiner Schulter.

„Und Du Joseph. Willst Du nicht wissen, wo Dolores ist? Ob Peter sie erobern konnte? Ja. Sie ist bei ihm. Und die beiden verbringen viel Zeit miteinander.“ 

Joseph schaute den Mann erstaunlich ruhig an und erwiderte nichts

In diesem Moment begann Richardson auf einen Mann einzuschlagen. Dieser Mann war der Verbrecher, der seine Familie zerstört hatte und ein Leben lang hatte er nach Rache gegiert. Als nun die Gelegenheit da war und er ihn leibhaftig vor sich sah, ergriff ihn unbarmherzige Wut. Ich sah, dass plötzlich Flammen aus seinen Beinen schossen und ihn einhüllten. Schreiend lief er davon, in die Nacht hinein und die ganze Dämonenherde jagte hinter ihm her.

„Wir müssen ihm helfen“, rief ich. 

„Du kannst ihm nicht helfen“, sagte Marie. „Nicht jetzt. Wer brennt, ist verloren. Jetzt wisst ihr, warum ihr so wichtig wart. Ihr wurdet dazu erzogen, Emotionen zu beherrschen. Nicht zu reagieren, bringt sie in unsere Macht. Ihr seid ruhig geblieben und habt deshalb als Menschen überlebt.“

„Wer seid ihr wirklich“, fragte Karin, die unmittelbar hinter den beiden Schutz gefunden hatte. 

“Maria Magdalena und Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, nicht wahr“, sagte ich. Ich wusste, wie absurd das klang, aber es musste so sein. Ich begann allerdings sofort an der Realität zu zweifeln. 

„Wir sind gekommen, um Euch zu begleiten“, hörte ich

„Wir können den Mann nicht in der Hand dieser Kreaturen lassen“, drängte Joseph. „Wir müssen versuchen, ihn zu retten. Was sind sie?“

„Es sind Menschen, wie Du und ich. Nach dem Tod gibt es keine Möglichkeit mehr, etwas am eigenen Wesen zu verändern. Was dann dominiert, muss den ganzen Menschen nach und nach erobern, bis er vollständig der ist, den er nicht bändigen konnte.“

Ich schaute Maria Magdalena an. Sie sah aus wie eine normale Frau, aber ihr Gesicht war für mich von einer geradezu überirdischen Schönheit. Und der Mann an ihrer Seite war zart und wirkte freundlich, wie der junge Mozart. In diesem Moment kam mir ein Gedanke.

Ich hatte im Glauben meiner Jugend Maria Magdalena sehr verehrt und mich zu dem zarten Johannes hingezogen gefühlt. Ich hatte mir Maria so vorgestellt, wie sie nun vor mir stand und Johannes und Mozart waren in mir zu einer Person verschmolzen. Träumte ich? War ich beteiligt an dem, was hier geschah?

„Wie kommt ihr hierher und warum gerade ihr?“, fragte Heidi, als ob sie meine Gedanken gelesen hätten.

Johannes nickte Josef und Ted zu und gab Heidi keine Antwort. 

„Es gibt eine Möglichkeit, eurem Freund zu folgen. Aber der Weg ist gefährlich. Denkt daran. Die Dämonen sehnen sich nach Mitgefühl, denn sie sind an einem schrecklichen Ort und sie wissen, dass sie gehorchen müssen. Die Wortführer kamen aus den tieferen Höllen. Dort gibt es kein Bedauern mehr. Das Menschliche ist völlig abgelegt. Vor diesen müsst ihr Euch hüten und ganz in der Tiefe lebt der Unhold, der ist auch für mich eine Gefahr. Momentan ist er aber damit beschäftigt, seine Truppen auf Armageddon vorzubereiten. Wenn wir schnell sind, werden wir euren Begleiter noch befreien können. 

„Ich würde Euch begleiten, aber ich bin unruhig. Ich muss weiter, zu Dolores. Sie braucht mich“, sagte Joseph. 

„Ich komme mit in die Hölle“, sagte ich. 

„Ich auch“, sagte Heidi.“

„Ich werde auch mitkommen“, sagte Ted. „Vielleicht treffe ich Heinrich dort unten.“

„Oder Milton“, ergänzte ich.

„Ich werde mit Joseph gehen“, sagte Maria. „Er wird mich brauchen.“ 

„Habt ihr etwas dagegen, wenn ich mit euch mitkomme“, sagte Karin. 

„Es würde mich sogar freuen“, sagte Joseph. 

„Dann teilen wir uns hier auf“, sagte Maria. Sie lächelten uns zu und verließen uns in Richtung Osten.

Ich sah den dreien hinterher, bis sie aus dem Blickfeld verschwunden waren.

„Kommt“, sagte Johannes. „Wir werden einen Schlot des Vulkans nehmen, der unmittelbar in die Hölle führt. Das ist der Ort, an dem sie leben.“

„Woher kennst Du den Weg?“, fragte Ted. „Warst Du schon dort?“

„Die Himmlischen sind von der Hölle durch einen unüberwindbaren Abgrund getrennt, sagte Johannes 

„Als Jesus am Kreuz starb, tat er das, ohne in Wut und Hass zu fallen. Je wütender die Hölle gegen ihn tobte, desto mehr ruhte er in sich. Aber er war in der Hölle, um sie zu ordnen und seine Erinnerungen sind in mir, so dass ich den Weg finde.“

„Es kommt mir vor, als träume ich das alles“, murmelte Heidi.

„Das überrascht mich nicht“, antwortete Johannes. Jeder Mensch, der den Tod durchlebt, zweifelt zuerst an seinem Verstand und was Euch jetzt wiederfährt ist mehr als der Tod. In der Hölle sorgte die Anwesenheit von einem Wesen ohne Hass und Bosheit für einen vorübergehenden Frieden, doch als Jesus die Hölle verlassen hatte, fielen die Satane wieder übereinander her und Amalek kehrte zurück. Er brütet seither, wie er einen Anteil an Jesu  Licht erhalten könnte.“

„Es ist jetzt wirklich so verblüffend irreal. Ich renne hier mit Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu, durch eine apokalyptische Welt und wir haben gerade beschlossen, in die Hölle vorzudringen, um einen Freund zu befreien?“

„Das ist unglaublich“, sagte Ted. „Eben das wollte ich auch sagen. Es ist aber auch toll, oder nicht. Wann hat man schon mal so eine Gelegenheit.“

„Ich war eigentlich immer gläubig“, sagte Heidi, aber das übersteigt auch meine Vorstellungskraft. Die Welt steht auf dem Kopf.“


Wir hatten einen gewaltigen Schlot erreicht, in den wir Johannes  mit bangen Gefühlen folgten.

Ted hielt sich unmittelbar hinter unserem Anführer. Heidi und ich folgten dicht an dicht.

„Das alles ist nur ein Traum“, sagte ich, „Und es kommt mir so vor, als sei ich es, der ihn gestalte.“ 

„Dann wär ja auch ich nur Teil deines Traums“, antwortete Heidi. Ich fühlte ihre Hand. Sie war real und weich und warm.


Moses ereilt der Tod, aber er verlässt das Leben in der ruhigen Zuversicht der Wissenden. Eli führt die Fliehenden in die betriebsame Stadt Jerusalem


Moses saß ruhig in seinem Lehnstuhl und wartete. Er spürte, dass sich etwas Böses dem Haus näherte, aber er blieb völlig ruhig. Es war gut, dass Eli aus dem Hause war. Er fürchtete sich nicht. Im Grunde bedauerte er die Söhne der Finsternis. Niemand von ihnen war so geboren. Es war die Verlockung von Macht, Einfluss und Reichtum, die die Menschen in die Arme der Kräfte trieb, die ihnen alles versprachen, ehe sie ihnen ihr Innerstes nahmen. 

Er dachte zurück an die Zeit, als er, im Rausche erster Erkenntnisse ausgezogen war, andere Menschen von der Wahrheit zu überzeugen, bis er erkannte, dass das eine neue Narrheit und ein Wahn war. Diese anderen waren Spiegel dessen, was er für sich als Ich proklamierte. Er ging noch tiefer, hinaus aus sich, aus der Welt, dorthin, wo es weder Gestern noch Morgen noch Glück oder Leid gab. Nur die große Heiligkeit, vor der man die seelische Kleidung ablegte. Die Stille. Er war zurückgekehrt und lebte wie ein x beliebiger Mensch und doch war er verbunden mit dem ewigen Boden der Welten, den diese Bösen niemals erreichen konnten, denn sie waren gezwungen, immer wieder sich selbst zu gebären.

Als sich die Türe öffnete, spürte er den dumpfen Anhauch der Verzweiflung und des Hasses, die das Denken und Fühlen dieser, im Bösen verschollenen, Seelen kennzeichnete.

„Alter Mann“, hörte er Gregorius sagen, „deine Stunde ist gekommen. Wir sind hier, um dich dorthin zu schicken, von wo Du nie mehr zurückkehren wirst.“

Gregorius Männer drängten sich in das Zimmer und begafften den alten Juden, der immer noch sanft lächelte.

„Wir werden Deine Hülle verbrennen und die Asche verstreuen. Nirgends auf der Erde wird man noch eine Spur von Dir finden. Und deinem Freund Schwarzberg wird es ebenso gehen. Der Meister hat eure vollkommene Vernichtung beschlossen.“

„Dann tue, was er dir befohlen hat“, sagte Moses Räb. „Dies ist die Stunde unseres Triumphes“, sagte Gregorius und er glaubte es. Er war davon überzeugt, dass der Meister alle Schätze der Erde besitzen würde und dass er sich die ganze Welt Untertan machen konnte, und er partizipierte an dessen Macht. Er würde herrschen und haben, was das Herz begehrte und niemand würde mehr in der Lage sein, einen eigenen Willen aufrecht zu erhalten, der dem Begehren des Meisters widersprach.

Sie überschütteten den Alten mit Benzin, das sie einem der liegengebliebenen PKW abgezapft hatten und nässten die ganze Hütte. Dann warfen sie ein brennendes Streichholz durch die offene Haustür. Eine gewaltige Stichflamme schoss durch das Haus. Sie sahen den alten Mann, der wie eine Strohpuppe brannte, und sie warteten, bis seine Reste wie Asche auseinanderfielen. 

„Nummer eins ist beseitigt“, dachte Gregorius. Mercator würde zufrieden sein. Jetzt galt es in die Stadt zu gelangen und den letzten der Herren und seine Kreaturen zu vernichten. Dann wäre der Weg frei. Die Wut und der Hass stiegen. Das Klima wurde immer günstiger für den Sieg.

Zufrieden rief er seine Männer zusammen und sie begaben sich auf den Weg zur Stadt. Sie trugen moderne Kleidung, Jeans und T Shirts und sie sahen auf den ersten Blick unauffällig oder gar anziehend aus. Mercator hatte ihnen die offene Dämonie erfolgreich ausgetrieben. Sie würden in der Stadt kaum auffallen.


In Jerusalem


Eli hatte seine Begleiter unauffällig in die Stadt gebracht. Erstaunt blickten sie auf beleuchtete Straßen voller Reklametafeln, durch die Menschen geschäftig hasteten, als sei außerhalb nichts geschehen. Der Himmel über der Stadt wirkte dunkel, aber nicht bedrohlich. Eli warnte seine unerfahrenen Begleiter vor dem Autoverkehr, der hier so intensiv war, wie in irgendeiner Stadt der Zeitebene, der Thomas Hoffmann entstammte. Dieser pfiff erstaunt durch die Zähne: 

„Wie in New York. Wie kann das sein?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Nigromontanus. „Es sieht aber so aus, als würden wir hier Geld brauchen.“

„Für solche Momente habe ich immer zwei teure Uhren bei mir“, sagte Hoffmann und zog zwei Rolex aus der Jackentasche. „Ich liebe filigrane Technik, aber es ist auch eine Versicherung für Notzeiten. Ich konnte ja nie wissen, wohin ihr mich sendet. Kennst Du hier Händler, die in der Lage sind, teure Dinge einzukaufen“, fragte er Eli.

„Oh. Davon gibt es hier einige, und ich kenne ein paar. Mein Vater ist ein bekannter Mann. Wir Juden sind alle fromm und abergläubisch und selbst die reichsten lieben es, sich mit Heiligen zu umgeben. Mein Vater hatte den Draht zu Gott, einige der Besucher hatten einen Draht zum Geschäft. Wir gehen zu Leonhard, einem Freund, der wird uns aushelfen.“ Man spürte, dass diese ungleiche Truppe ein wenig auffiel. Insbesondere die altertümliche Kleidung von Peter, Paul, Linda, Dolores, Thomas und Angelina schien Neugier zu wecken. Die hochgewachsenen Männer, schlank, gut trainiert, mit ihrem blendenden Aussehen und die gut gebauten, schönen Frauen, die zudem noch ausgesprochen sportlich wirkten, in Begleitung des modern gekleideten Thomas Hoffmann und dem wirklich eigenartig aussehenden Nigromontanus schienen an Schauspieler oder Rockstars zu erinnern, denn die Menschen blieben zu Elis Erstaunen stehen, zückten Handys und machten Fotos, ohne dass seine Begleiter dieses Verhalten einordnen konnten. Peter warf trotzig die blonde wilde Mähne in den Nacken und einige der Frauen, die sowieso schon interessiert herüber guckten, schienen in Ohnmacht fallen zu wollen. Zumal der Rothaarige, den sie Paul nannten, es ihm gleich tat und dabei aussah, wie der Leadsänger einer bekannten Band. Sie fielen extrem auf und Eli beeilte sich, seine Gäste zum Haus von Leonhard zu führen, das fast unscheinbar zwischen anderen älteren Stadthäusern stand. Leonhard war ein weißhaariger, attraktiver Mann um die fünfzig, der sein Geld mit Spekulationen gemacht hatte, der aber auch als Kunstmäzen und Händler wertvoller Dinge fungierte. Er bat sie herein und führte sie, nicht ohne Stolz, durch das prächtig eingerichtete Haus, während seine beiden Töchter, mehr als interessiert, mitgingen und versuchten, einen Kontakt zu Peter und Paul her zu stellen, was Linda und Dolores nicht gefiel. Thomas und Angelina hielten sich, ebenso wie Nigromontanus im Hintergrund, während Thomas Hoffmann sich mit dem Geschäftsmann unterhielt, der ihm die beiden Uhren zu einem viel zu niedrigen Preis abkaufte, aber was spielte das noch für eine Rolle. Er mochte clevere Händler. Er war ja selber erfolgreich gewesen, und er fühlte sich wohl in der Gesellschaft dieses weltmännisch auftretenden Juden, der zudem äußerst freundlich wirkte. Es schloss sich ein feudales Mahl an, das Leonhard von seinem exzellenten Koch hatte zubereiten lassen und das sie im Salon einnahmen, bedient von zwei dunkelhäutigen Schönheiten. Eli war zunehmend verstummt, wirkte wieder so verschlossen wie im Haus seines Vaters. Er spürte, dass sein Vater nicht mehr lebte, und er spürte das Böse, das ihn aufgesucht hatte. Obwohl er wusste, dass der Vater nur die körperliche Hülle abgelegt hatte, die sowieso bereits dem Verfall gewidmet gewesen war, fühlte er tiefe Trauer. Er würde ihn nie mehr so sehen, wie er ihn in Erinnerung hatte, obwohl er spürte, dass sein Vater mit dem, was die Menschen Gott nennen, eins war. Aber was nützt dieses Wissen dem Menschen, der sich lebendig fühlt? Auch Jesus hatte am Kreuz Verlassenheit gefühlt.

Eli lauschte nur mit einem Ohr den Gesprächen. Er konnte nicht ahnen, dass Nigromontanus in einem erheblich intensiveren Kontakt zu seinem Vater stand, als er es sich vorstellen konnte. Wie ein Film stand Schwarzberg das Geschehene vor Augen. Er hörte die Stimme von Gregorius und spürte die Flammen. 

„Er ist auf der Suche nach Dir“, hörte er Moses sagen, aber dieser Warnung hätte es nicht bedurft. Er hatte das seit langem gewusst. „Wir werden uns wieder sehen“, dachte er. Und er spürte, dass Moses ihn umarmte und dann in das tiefe Sein zurück glitt, in dem es keine Person und keine Zeit mehr gibt.

Er lächelte. Dorthin waren auch seine Freunde gegangen. Noch stand ihm dieser Weg offen. Aber er hatte eine Aufgabe zu erfüllen.

Interessant war die Existenz dieser intakten Stadt inmitten des sich anbahnenden Chaos. Wie war es möglich, dass es elektrisches Licht gab, dass Autos auf den Straßen fuhren und dass offenbar ein normaler Alltag funktionierte.

Als ob er das verstanden hätte, erzählte Leonhard nun von Flüchtlingen, die zu tausenden angekommen waren und die in Lagern am Rande der Stadt lebten. Es seien wilde Gesellen darunter, von denen nichts Gutes zu erwarten sei. Dass es Landsleute waren, schien er nicht einmal zu bemerken. 

„Warum sind sie geflohen“, fragte Hoffmann.

„Schauen sie sich um“, sagte Leonhard, „Reichtümer. Ziehen diese nicht jeden Menschen an.“ 

Nigromontanus nickte: „Wahrscheinlich.“ 

„Wie ist denn zur Zeit die Versorgungslage in der Stadt?“, fragte Hoffmann, der die anderen instruiert hatte, zu schweigen. 

„Etwas schlecht zur Zeit“, sagte Leonhard. „Die Treibstoffreserven sind aber ebenso groß, wie die Wasser- und Lebensmittelreserven und die Kraftwerke arbeiten noch. Irgendwann wird das Elend ja enden.“

„Welches Elend“, fragte Hoffmann, neugierig geworden. „Ach. Sie wissen es nicht? Das große Elend ist ausgebrochen. Hier befindet sich alles im Streit. Nun, sagen wir, wir haben uns immer im Streit mit allen befunden. Solange es diesen Staat gibt, hatten wir Feinde, die uns vernichten wollten. Aber soll ich ihnen etwas sagen, der Feind hat diese Stadt infiltriert. Es ist nicht wie früher: dass ein Israeli der Bruder des anderen ist. Die feindlichen Kräfte, die ja weltweit auftreten, haben auch in unserem Volk Spaltung ausgelöst. Die einen so, die anderen so. Das ist ungewöhnlich, aber Juden haben Leidenschaft und man wird sich schon wieder zusammenraufen, denn ein Reich, das gespalten ist, hat keinen Bestand, nicht wahr.“

Hoffmann spürte, wie ihm ein leichter Schauder über den Rücken lief. 

„Rachel und Nadja sind mein ganzer Stolz“, sagte Leonhard und wies auf seine Töchter, die sich ohne Hemmungen an Peter und Paul heran machten. Sie trugen enge Kleider, die ebenso kurz waren, wie sie oben herum zu tief ausgeschnitten waren. Ihre Arme und Teile ihres Oberkörpers waren tätowiert, in den Nasenflügeln trugen sie Ringe.

„Sie sind entzückend, nicht wahr?“ sagte Leonhard und man sah ihm den Vaterstolz an. Hoffmann spürte, dass er die beiden Freunde wohl aus dieser Situation erlösen musste, die ihnen scheinbar nicht unangenehm war, die aber bald zu Wutausbrüchen der jungen Frauen führen würde, die jetzt bereits äußerst genervt zu sein schienen. Angelina war nicht eben für sanfte Kommentare bekannt. Er spürte, dass ein Wutausbruch in der Luft lag.

„Wir danken Ihnen von Herzen. Müssen Sie jetzt aber verlassen.“

„Jetzt schon“, maulte Rachel. 

„Meine Tochter hat recht. Sie können gerne bei uns schlafen. Das Haus ist groß genug“, sagte Leonhard.

„Wir müssen leider weiter“, mischte sich Nigromontanus ein. „Es wäre sicher gut, wenn wir noch ein wenig einkaufen gingen.“

„Meine Töchter können sie begleiten“, sagte Leonhard und die jungen Frauen schienen sich an der Vorstellung zu begeistern.

„Tut mir leid“, sagte Hoffmann, „aber das geht heute nicht. Wir haben noch einen Termin in der US Botschaft.“

Er hatte Leonhard berichtet, dass er US Bürger sei und dass er diese Reisegruppe durch diese Stadt begleiten müsse. Es seien mehrere Deutsche darunter und der alte Herr sei ein Diplomat der EU. Ob Leonhard ihm diese Story abgekauft hatte, wusste er nicht, aber er hatte den Respekt vor den USA heraus gehört.

„Wo wollen sie schlafen?

„In der US Botschaft wird man uns eine Adresse geben“, sagte er. 

„Wenn es Ihnen nicht behagt, in meinem Haus zu schlafen, kann ich Ihnen das Hilton empfehlen.“

„Danke, das ist freundlich von Ihnen, aber wir müssen jetzt los.“

Eli wendete sich jetzt an Leonhard und sagte etwas auf Hebräisch, woraufhin Leonhard nickte, seine Töchter weg schickte und sie zur Tür brachte, um sie zu verabschieden.

„Was hast Du ihm gesagt“, fragte Hoffmann. „Ich habe ihm gesagt, dass der Segen meines Vaters Euch begleitet und dass mein Vater es ihm übel nehmen würde, wenn er Euch jetzt nicht weiter ziehen ließe.“

„Er scheint ja wirklich Respekt vor Deinem Vater zu haben“, sagte Hoffmann.

„Jeder fürchtet von ihm verflucht zu werden. Man hält ihn für einen Vertrauten der Propheten.

„Deinem Vater geht es übrigens gut“, sagte Nigromontanus. „Da wo er ist, werde ich auch sein und auch Du wirst ihn dort wieder finden. Das, denke ich, soll ich dir sagen.“

Eli schluckte und man spürte, dass ihm Tränen kamen. Er drehte sich dann um und ging voraus. Sie folgten ihm zu einem Kaufhaus, in dem sie sich neu einkleideten. Die Uhren waren in Dollar verkauft worden und hatten ihnen genug eingebracht, um in dieser letzten Enklave vor dem Zusammenbruch der Welt den Aufenthalt angenehm zu machen, wäre Ihnen nicht so schmerzhaft aufgefallen, was Leonhard mit Spaltung der Bevölkerung meinte.

Es gab eine große Gruppe von Menschen, die mit Transparenten durch die Stadt zog und lautstark Forderungen stellte, die völlig unverständlich waren. Diese Menschen waren wild tätowiert, trugen Tücher vor den Gesichtern und schlugen und traten auf alles ein, was sich Ihnen widersetzte. 

„Was wollen Sie“, fragte Peter die Verkäuferin, die ängstlich durch das Fenster nach draußen sah. 

„Sie wollen, dass wir diese Stadt auflösen“, sagte sie und flüsterte mit ihrer Kollegin.

„Wie viele sind es?“, fragte Paul. 

„Es ist nur ein Teil der Bevölkerung“, sagte die Verkäuferin. 

„Es sind die, die nicht arbeiten“, sagte die andere Verkäuferin.

„Aber was wollen sie damit erreichen“, fragte Dolores. „Die Stadt aufzulösen ist eine Forderung, die mir etwas seltsam vorkommt“. Sie dachte an die Welt außerhalb, die sich im freien Verfall befand, ohne dass das hier offenbar zu erkennen war.

„Und was wollen sie?“, fragte Peter

„Wir wollen unsere Ruhe. Vor allen Dingen vor diesen Krawallmachern.“

„Es gibt, Gott sei Dank, ein paar Mutige, die aufbegehren“, sagte die andere Verkäuferin und schaute aus dem Fenster, wo jetzt Polizei erschienen war und sich mit den Demonstranten eine kurze Schlacht lieferte, die beendet war, als Wasserwerfer zum Einsatz kamen.

„Geht das hier immer so?“, fragte Thomas Hoffmann.

„Oh ja. Es wird immer schlimmer. Sie werden von Tag zu Tag aggressiver.“

„Und die Gegenseite rüstet auch auf. Man hasst sich inbrünstig. Dabei sind die Politiker diesen Asozialen, die da draußen sind, gegenüber“, sie zeigte auf die Vermummten, die im Davonlaufen Steine auf Fensterscheiben warfen, „viel zu mild. Sie unterstützen sie sogar noch.“

„Ich glaube, das kennen wir“, sagte Thomas Hoffmann, „Was meinst Du“, wendete er sich an Schwarzberg. Der zuckte die Achseln. „Sie kämpfen alle und wissen nicht einmal warum.“

„Oh, schon. Es geht um diese Menschen, die hierher geflüchtet sind. Sie kamen ganz plötzlich. Sie behaupteten, ihnen sei Ackerbau nicht mehr möglich gewesen, Autos führen nicht mehr, alles verfinsterte sich. Sie kamen und wurden von uns gut aufgenommen, aber es sind schreckliche Menschen mitgekommen. Regelrechte Ungeheuer.“

„Wie äußert sich denn ihre Bosheit?“, fragte Hoffmann. „Sie ziehen herum, begrabschen Frauen, vergewaltigen, halten sich nicht an Regeln.“

„Und sie sagen, sie kommen aus den Vororten?“, Hoffmann schaute die Frauen forschend an. 

„Ich weiß nicht, woher sie kommen. Viele sind normal, aber es gibt Menschen darunter, die sind nicht wie wir. Wir fürchten uns vor ihnen.“

„Und ihre Bevölkerung ist sich nicht einig, wie man reagieren soll?“

„Richtig. Wir würden sie gerne zurück schicken. Aber die anderen wollen sie hier beheimaten.“

Eli antwortete leise: „Ihr kennt meinen Vater? Es ist Mose, der Weise, von außerhalb der Stadt.“

Die Frauen nickten überrascht.

„Seht ihr. Viele Menschen stammen wirklich von dort. Sie mussten aufbrechen, man konnte dort nicht mehr leben. Aber es kamen auch andere. Niemand wusste woher. Sie waren keine Freunde. Sie bedrohten und mordeten. Ihr habt sie mit hineingelassen und jetzt seid ihr es, die irrtümlich handelt. Aber mein Vater sagte es voraus: diese Stadt wird fallen! Spaltung wird sie zerreißen und man wird nicht wissen, ob es Jerusalem ist oder Babylon.“

Die Frauen schienen sich vor Eli zu fürchten. Sie nickten stumm und zogen sich dann zu anderen Kunden zurück, die in einiger Entfernung gewartet hatten, bedient zu werden.

„Was hat er gesagt“, fragte Thomas Hoffmann. „Er hat den Frauen etwas auf Hebräisch gesagt. Es ist seltsam, dass hier alles unverändert erscheint. Sogar die Sprachen sind noch getrennt.“

Er blickte zu Peter und den anderen herüber, die nun im Stil dieser Zeit gekleidet waren. Auch er selbst trug eine Kleidung, die weniger auffallen würde. 

Nur Hoffmann hatte seine Kleidung behalten. 

„Dann lasst uns losgehen und ein Hotelzimmer suchen. Heute Abend würde ich gerne mit Euch ausgehen und diese Stadt erkunden. Mich würde sehr interessieren, ob sich Anhänger Amaleks hier befinden. Hier war einmal das Zentrum alle monotheistischen Religionen: ein in allen Welten wichtiger Ort. Hier auch wird die Welt auseinanderbrechen.“


Richardson und die Hölle


Richardson erwachte in New York. Er musste tief geschlafen haben. Er hatte das Gefühl, aus einem endlosen Alptraum erwachte zu sein. Müde rieb er sich die Augen und blickte auf den Wecker am Bett. Du meine Güte, es war bereits 10 Uhr, und er musste ins Büro. Da fiel ihm ein, dass man ihn vor Monaten entlassen hatte, und dass er seither seine Tage vertändelte. Er hatte am Vorabend in einer Bar gesessen und seinen Frust über Arbeitslosigkeit und Alleinsein in Alkohol ertränkt. Deshalb hatte er auch diese furchtbaren Kopfschmerzen. Er erhob sich, räkelte sich und schlich ins Badezimmer. Die Wohnung sah völlig verwahrlost aus: wie bei einem Penner, dachte er. Überall lagen Dinge herum. Es roch nach kaltem Zigarettenrauch und Alkohol. Tatsächlich hatte er sich wohl übergeben, denn das ganze Klo war mit Erbrochenem bedeckt. Er ging zum Spiegel und taumelte schreckerfüllt rückwärts. War er das? Dieser zerstörte, alte Mann. Er spürte, dass sein Herz schmerzte und er erinnerte sich an Panikattacken. Ja. Er hatte furchtbare Panikattacken und jetzt eben war eine solche im Anzug. Die Panik begann in der Magengegend, umfing sein Herz, seinen Verstand. Er verlor die Kontrolle. Sein Blick wurde starr, und er hatte das Gefühl sterben zu müssen. Flucht: Alles in ihm drängte zur Flucht. Er öffnete die Wohnungstür, stand halb nackt im Hausflur und niemand war da. Er klopfte beim Nachbarn, klingelte bei einem anderen Nachbarn. Niemand öffnete. Die Panikwelle war nun über alle Grenzen seiner Vernunft geschwappt. Er taumelte ins Zimmer zurück und griff nach dem Telefonhörer. Er wählte eine Nummer, verwählte sich ständig, hatte dann einen Mann vom Rettungsdienst in der Leitung, der nicht verstand, wie groß die Panik war. Er stammelte etwas, legte dann auf. Er wollte weg rennen, befürchtete aber ohnmächtig zu werden. Er warf sich aufs Bett und spürte seinen rasenden Puls. Nun begann der Herzschlag auch noch zu stolpern. Sein Hals wurde eng. Er bekam keine Luft mehr. Er stützte sich auf, wankte aus der Wohnung, suchte andere Menschen, aber da war niemand.


In Wahrheit lag er wie aufgebahrt in der Hölle und ein Mann beugte sich über ihn, der seine Panik einsog wie ein Getränk.

Ich konnte unmöglich wissen, was hier vor sich ging, aber ich fühlte etwas Unmögliches. Ich fühlte Richardsons Angst. 

Wir waren immer tiefer in den Schlot gedrungen und Johannes hatte uns vorbereitet, dass wir uns nicht wundern sollten. Wenn er dabei war, würden wir in den Dämonen nur das Menschliche sehen. Wir sollten unser Mitleid verbergen, denn wir sähen nur einen Teil der Person. Tatsächlich waren aus der Dämmerung Menschen gekommen, die zu spüren schienen, dass wir anders waren, oder war es die Anwesenheit von Johannes. Frauen näherten sich weinend und baten uns, sie zu retten. Sie lebten in der Finsternis und fänden keinen Weg hinaus. Männer fielen vor uns auf die Knie. Sobald wir vorüber waren, sahen wir, dass sie kehrt machten und hintereinander her jagten. 

„Was machen sie?“, fragte Heidi. 

„Sie vergessen uns, sobald wir nicht mehr da sind“, sagte Johannes. „Dann treibt sie der Hunger zurück. Sie tun, was sie im Leben liebten. Wenn sie es liebten andere zu belügen, dann tun sie es, wenn sie es liebten, andere zu quälen, dann bleibt das ihre Nahrung. Sie sehen nur die, die ihnen entsprechen, in einer Welt, die sie verstehen. Es ist keine Strafe für sie, weil sie ihrer innersten Liebe folgen.“

„Aber sie wollen doch zu uns“, erwiderte Ted.

„Sie spüren nur, dass ihnen etwas fehlt, wenn sie uns sehen. Wenn wir vorbei sind, finden sie sich in eben der Welt, die sie im Leben liebten und sie bevorzugen die gleiche Nahrung. Ich meine, die gleiche geistige Nahrung.“

„Ich habe noch keinen Teufel gesehen“, sagte Heidi.

„Sie sind keine Teufel, sie sind hier unten die Menschen, die sie immer waren. Wenn Sie uns oberhalb erscheinen, wirken sie wie Ungeheuer, weil wir ihr wahres Wesen sehen.“

Ein Mann kam vorbei, der ein gewaltiges Gefolge von Menschen hatte, die lautstark und aggressiv wirkten. Er führte sie im Kreis, ohne dass er oder sie das zu bemerken schienen.

„Was tut er?“, fragte ich. 

„Er hat behauptet, die Welt retten zu wollen, aber in seinem Herzen wollte er die Menschen in die Irre führen. Alle nun, die diese Irreführung liebten, um Vorteile daraus zu schlagen, folgen ihm immer noch und müssen das tun, ohne es zu bemerken.“

„Wie lange wird das so gehen?“

„Es wird endlos so gehen, denn für sie ist alles in Ordnung. Er glaubt, seine Weltherrschaftsfantasien umzusetzen, und sie glauben davon zu profitieren und das hält sie auf ewig fest und zwingt sie im Kreise zu gehen.“

„Dann ist diese Hölle eigentlich ein Ort der Illusion?“

„Ja. So kann man es sagen. Aber es ist auch ein Ort des Leidens, denn sie quälen und werden gequält und die Qual des anderen ist immer die Nahrung anderer.“

„Und die tieferen Höllen?“

„Diese alle haben noch Menschliches. Dort unten ist das Menschliche nicht mehr zu finden. Für uns wirkt es wie Finsternis, für die, die dort leben ist es ein Ort voller Feuer. Das Feuer sind ihre wilden Emotionen, die diese Nacht erleuchten. Sie sehen es nicht. Für sie ist es ihre Welt, in der sie jetzt hemmungslos bestialisch sind. Es finden sich dort Menschen, die ihr als Führer angesehen habt: Pol Pot, Stalin, Hitler, aber auch Finanzmagnaten, wie Kores oder Politiker wie Kerkel, die hier glauben im Paradies ihrer Möglichkeiten zu sein. Sie kämpfen ihre Kämpfe und haben Scharen von Dienern, die ebenso grausam, aber unterwürfiger sind. Sie fangen sich untereinander, foltern sich, morden und ihre Herzen freuen sich über jedes Leid, das sie auslösten. Sie trinken Leid und spenden an den Amalek, den sie ihren Herren nennen, obwohl sie ihn gerne übertrumpfen würden. Sie leben aber von seiner Bosheit. Amalek trinkt all die Qual, die zu ihm herab sinkt, und er liebt es, seine Unterteufel zu quälen.“

„Aber für diese Kerle ist die Welt anders, als das, was wir hier sehen?“, fragte ich.

Sie sind da, wo sie sein wollten, inmitten von Getreuen, inmitten von Feinden, mit den Füßen auf Opfern. Sie sehen eine Welt, die von uns aus betrachtet eine Hölle ist. Wenn wir dorthin kämen, würde uns blanker Hass entgegenschlagen. Sie hassen nichts mehr, als das Licht.“

„Wo haben sie Richardson hingebracht“, fragte Heidi.

„Der Mann dort ist es“, sagte Johannes, „und ich hoffe, bei ihm einen ehemaligen Freund wieder zu treffen.“

„Judas“, dachte ich. „Er will Judas treffen, den Verräter.“

Woher wusste ich das? In diesem Moment hörte ich Johannes sagen: 

„Hallos Judas“. 

Als der Angesprochene sich erhob, sahen wir in ein durchaus weiches Gesicht, mit semitischen Zügen. Ein ganz normaler Mann. 

„Lass ihn“, sagte Johannes. „Meinst Du nicht, Du hast ihn genug gequält?“

Man sah, dass Richardson sich entspannte. Der Mann, den Johannes mit Judas angesprochen hatte schaute erstaunt auf Johannes. 

„Schau mich nicht an“, sagte er. „Warum willst Du mich quälen. Du weißt, wovon ich hier unten leben muss.“

„Da du im Grunde ja kein schlechter Kerl bist, wäre es sicher gut, wenn du deine Opfer nur so wenig quälen würdest, dass sie noch zu leben verstehen. Du hast ihn fast in den Tod getrieben.“

„Warum soll es ihm besser gehen als mir?“

„Du bist nicht böse. Wir haben es alle gewusst. Aber du hast gewählt. Nach diesem Verrat gab es kein Zurück.“

„Und die Gnade“, sagte er. „Was ist mit der Gnade?“

„Gnade ist unsere Wahl und jeder lebt so wie er es wählte. Keiner ist hier, der etwas anderes als seine Welt sähe.“

„Außer mir.“

„Das liegt daran, dass du im Licht warst. Das hat deine Augen geöffnet. Sie sind offen geblieben.“

„Also kommst du nicht, um mich zu holen?“

„Ich weiß es nicht. Ich kann dich bestimmt nicht holen. Du weißt, wie es ist. Ich lebe im Licht, aber das Licht ist mein Leben und ich bin nichts. Das ist das Wesen der Himmlischen. Ich kann nicht mehr fallen, aber ich kann dich nicht erlösen. Es vollziehen sich aber letzte Dinge und wir sind auf die Erde geschickt, um dabei zu sein.“

„Der jüngste Tag? Was soll das sein? Ein zweiter Tod, den ich erleide? Nein Danke. Da würd ich mich ja lieber zum Amalek gesellen.“

„Du bist gestraft, aber die Gräber öffnen sich. Ich weiß nicht, ob es einen Weg gibt ins Licht, wenn man einmal daraus heraus gefallen ist. Ich glaube es fast nicht. Aber du könntest dich bemühen, das Menschliche, das du in dir hast, zu leben und den Schaden, den du anrichtest zu begrenzen.“

„Ach. Ich habe über so vielen gesessen, Lebenden, die dachten, eine Angststörung zu haben, eine Depression. Sie spürten, dass ihnen ihre Lebenskraft genommen wurde. Sie wussten aber nicht von wem. Und ihre Ärzte gaben ihnen Mittel oder lauschten ihnen, als könnten sie etwas ändern. Ich und meinesgleichen brauchen Nahrung. Wir sind nicht wirklich böse oder den Menschen fern, aber wir müssen trinken und sie sind unsere Herde.“

„Das weiß ich. Ihr könntet ja maßvoll trinken. Das wäre gnädiger.“

„Du weißt nichts. Du brauchst weder zu essen noch zu trinken. Das Licht ist Nahrung und Wohnung zugleich. Ihr lebt in euren Lichtwelten, friedlich und geschützt, ohne Furcht, ohne Hass oder Wut. Wie ich euch beneide.“

„Das hättest du vorher wissen müssen.“

„Ich wollte ihn nicht töten lassen. Du weißt es. Ich wollte ihn aufrütteln. Ich wollte dass er etwas für das Volk tut, das mehr ist, als Handauflegen. Er hätte es gekonnt.“

„Du hättest wissen können, dass das eben nicht ging. Wer sich in die Wut oder den Hass begibt, ist nicht mehr im Licht. Auch er musste diesem Gesetz gehorchen. Gerade weil er mit dem Licht eins war.“

„Hast du ihn noch einmal gesehen?“

„Du weißt, was er gesagt hat: der Vater und ich sind eins. Er machte, dass auch wir eins waren. Wir sind also im Licht eins. Aber wir sind auch einzeln. Es ist nicht so, dass wir das verlieren, was wir sind. Es stimmte: es gab viele Wohnungen. Wir sind Menschen im Licht und das war die Bestimmung aller Schöpfung: Individuum und Einheit.“

„Du warst schon immer klug. Zu klug, als dass er dich brauchen konnte. Aber ich war ein Mann der Tat. Nicht wahr. Ich habe alles organisiert: den Raum für das Abendmahl, den Esel. Dazu war ich gut genug.“

„Du hast doch gehört, was er zu den Marien sagte: du hast zugehört, du hast den besseren Teil gewählt. Hättest du besser zugehört, hättest du gewusst, das alles schon da war, dass du nur hättest vertrauen müssen.“

„Weißt du, was ich denke. Ich habe auch das Ende organisieren müssen. Es musste kommen und einer musste es einleiten und das war ich. Und für diesen Liebensdienst büße ich nun.“

„Es war kein Liebesdienst. Du hast kalt kalkuliert. Auch wenn es so gewollt war, so war dein Antrieb doch entgegen all dem, was du hättest wissen müssen. Er wollte nicht in einen Aufruhr verwickelt werden. Er hat gesagt: wisst ihr nicht, dass wer zum Schwert greift auch durch das Schwert umkommt?“

„Ich habe jede erbärmliche Stunde darüber nachgedacht und Menschen gefoltert, um Nahrung zu erhalten und den Spott der Höllenbewohner ertragen, die mich hassen, weil ich nicht zu ihnen gehöre. Bis zum Fürsten wurde ich geschleift. Aber nicht einmal foltern konnten sie mich, weil ich sah…, weil ich sehen konnte!!! Verstehst Du? In gewisser Hinsicht war ich stärker als dieser Höllenfürst selber und deshalb lassen sie mich jetzt in Ruhe. Ich bin hier völlig allein.“

Wir anderen hatten diesem Dialog mit wachsendem Erstaunen zugehört. Die beiden schienen einmal echte Freunde gewesen zu sein. Johannes beugte sich jetzt auch vor und umarmte den anderen, der aufschrie, als habe er sich verbrannt.

„Bleib weg von mir. Du bist im Licht und würdest mich durch zu lange Berührung töten.“

„Nehmt Euren Freund. Wir verlassen diesen Ort“, sagte Johannes. Wir beugten uns über Richardson und Ted und ich hoben ihn aus seiner Grube. Er schien langsam zu erwachen. Verwirrt schaute er sich um. Was er sah, wusste ich nicht. Aber er war noch wie betäubt. Wir fassten ihn unter den Armen und führten ihn aus dieser Unterwelt. Johannes folgte und wenig später. Heidi hielt sich ganz in unserer Nähe. Wir sahen weitere Höllenbewohner, die bettelten und jammerten, dann aber wieder verschwanden.

Erleichtert erreichten wir den Ausgang des Schlotes.

Aber auch dort war die Hölle ausgebrochen. Feuer fielen vom Himmel und es war stockdunkel. Richardson kam langsam wieder zu sich. Er wirkte völlig verängstigt. Johannes brachte ihn wieder zur Besinnung.

„Dieser Judas? Muss er immer da unten bleiben?“, fragte Ted.

„Ich weiß es nicht“, sagte Johannes. „Ihr denkt sicher, es sei unheimlich, einen Mann in eurer Nähe zu haben, der aus dem Himmel kommt. Aber der Himmel ist nicht das, was ihr glaubt. Es leben dort Menschen. Ich bin also ein Mensch. Auch wenn ich als Teil des Lichts unsterblich bin. Ich fühle wie ihr. Ich denke wie ihr. Ich bedauere Judas. Aber er hat es so gewählt. Versteht ihr. Ich bin jetzt hier, weil die Welt, wie ihr sie kennt, vergehen wird. Zum Ausgleich der Finsternis, die uns jetzt hier umgibt und die sich noch steigern wird, sind wir hierher gesendet worden.

Wir werden einfach weitergehen und versuchen Maria und Joseph einzuholen, die auf dem Weg nach Jerusalem sind. Was dort geschehen wird, weiß ich nicht. Solange wir bei Euch sind, seid ihr aber geschützt.“

„Wo war ich?“, fragte Richardson. „Ich könnte schwöre, es war mein Appartement in New York, und ich hatte eine furchtbare Angst.“

„Du warst dort unten“, sagte ich.

„Nein“, antwortete Johannes, „er war durchaus in New York, in seinem Appartement UND dort unten. Aber es ist vorbei.“

„Und was waren das für Kreaturen, die mich dort hinunter geschleift haben?“

„Es waren Menschen, auch wenn sie wie Ungeheuer aussahen. Es waren Menschen, die ein Ungeheuer in sich trugen.“


Richardson schien nachdenklich. „Ich fühle mich völlig unwissend“, sagte er, „als sei das mein erster Tag auf der Erde.“

„So geht es jedem, wenn er stirbt und anderswo erwacht“, sagte Johannes.

„Aber wir leben doch noch“, sagte Ted

„Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, hieß es für uns und: Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten. Es spielt keine Rolle, ob ihr glaubt zu leben oder tot zu sein. Das, was jetzt hier geschieht, ist real. Das sollte uns genügen.“

Richardson schaute Ted an und beide schauten auf mich und Heidi.

Dann folgten wir Johannes, der vor uns den Weg einschlug, den Joseph, Karin und Maria bereits zuvor gegangen waren.



Dunkelheit und Licht


Wir waren Johannes stundenlang durch eine immer alptraumhaftere Landschaft gefolgt. Die Sonne hatte sich verfinstert, stand wie ein schwarz glimmender Kristall über einem endlos weit entfernt scheinenden Horizont. Es war, als hätten Berge und Täler sich eingeebnet. Der Boden hatte eine aschgraue Färbung angenommen. Lebten wir oder waren wir tot? Unser Führer durch dieses Totenreich ging schweigend voraus. Ted folgte ihm, dann kam Richardson, Heidi und am Ende der Gruppe ging ich.

Gedanken stiegen in mir empor wie Speerspitzen: Erinnerungen an Frauen, an Niederlagen, an traurige Momente. Es war, als stülpe sich mein Inneres nach Außen  und gebäre NICHTS. Verzweifelt suchte ich nach Schätzen, nach hellen, lichtvollen Erinnerungen, aber es gab nichts, an dem sich meine Seele festhalten konnte. Seele? Ich spürte ganz deutlich, dass mein Bewusstsein Kapitän gewesen war, auf einer hohen Brücke, und dass im Schiffsrumpf allerhand Passagiere mitgefahren waren, die auch den Kapitän unterhielten, durch ihre muntere Geschäftigkeit. Es war, als habe diese Gesellschaft das Schiff verlassen und der Kapitän steuere sein Geisterboot durch eine in tiefem Schweigen liegende bleischwere See. 

Ich nahm Karins Hand, doch die war kalt und erwiderte meinen Händedruck nicht, so dass ich sie wieder losließ. Ich sah, dass Tränen ihre Wangen hinunter liefen. Sie litt und Ted, der immer gut gelaunte, blickte starr und zeigte eine Niedergeschlagenheit, die ihm ansonsten völlig fremd war. Niemand sprach ein Wort, auch Johannes nicht, der unbeteiligt wirkte, wie ein Dienstbote, der einen Auftrag erfüllte.

Als wir die drei anderen sahen, war das für mich keine Überraschung. Ich hatte erwartet, sie dort zu treffen. Immer stärker wurden meine Fähigkeiten zur Intuition.

Joseph und Karin saßen nebeneinander, Maria saß ein Stück entfernt und schaute in die Ebene hinaus, als geschehen dort aufregende Dinge. Aber da war nichts.

„Du meine Güte“, sagte Joseph, als er uns sah. Er sprang auf und rannte auf Ted zu, wie einer, der sich bereits aufgegeben hat und der plötzlich einen Retter sieht.

„Ted! Alter Junge. Ihr habt uns gefunden.“ Johannes lächelte freundlich, drehte sich dann zu Maria und setzte sich neben sie.

Karin kam zu uns: 

„Mensch, wie ich mich freue, euch zu sehen und Richardson. Geht es dir gut?“ 

Richardson nickte: „Ich lebe“, murmelte er.

Es tat gut, zu sprechen und einen Anhauch lebendiger Emotion zu fühlen.

„Ich bin mit Franz, ich meine Joseph, und dieser Maria seit einem Tag hier. Sie redet nicht mit uns. Sie scheint voraus etwas zu sehen, das uns verborgen ist, oder sie wartete auf Euch. Eine seltsame Person. Aber auch Franz ist komisch. Als ob er in Bewusstseinsspaltung lebte. Er beachtet mich kaum. Ich habe das Gefühl, verrückt zu werden.“

„Geht uns wahrscheinlich allen so“, sagte ich. „Schau Dich mal um. Als ob wir aus der Hölle in das Totenreich gekommen wären.“

„Vielleicht sind wird’s“, antwortete Richardson, der seine ganze Erinnerung an Macht und Durchsetzungskraft eines Polizisten verloren hatte.

Joseph oder Franz hatte uns zugehört. Er kam zu uns herüber und sagte: 

„Ich finde auch, es sieht aus wie die Landschaft des Todes. Ich habe es nie erzählt, aber beim Wechsel zwischen den Weltebenen führten mich die Herren zweimal durch solch eine Gegend. Sie klärten mich auf, dass es nur Spiegelungen meines Geistes seien. Wenn der Mensch stirbt, verlassen ihn die Emotionen und Gedanken, er sinkt in Schwärze. Diese Auflösung erfolgt dann in Visionen. Seht ihr die Sonne? Eben so sah es aus.“

„Hab ich auch so erlebt“, sagte Ted, „aber eh ich verrückt wurde, wachte ich in einem coolen Zimmer auf, mit Handy, Autoschlüssel und genügend Geld. Dafür hat es sich gelohnt mal in die Finsternis zu schauen, aber das hier. Ich sehe die ganze Zeit Erinnerungen an meine ersten Lebensjahre inmitten von lieblosen Menschen, dann wieder an meine deutschen Stiefeltern, mit ihrer Überfürsorge, wie sie mich herumzeigen, wie ein Haustier, bis ich vor Scham trotzig werde und schließlich Reißaus nehme, nur weg, auf Schiffe, die irgendwohin fahren, mit Männern ohne tiefere Emotion. Ich habe jede Rauferei, jedes weinende Weib, das ich zurück ließ gesehen und auch die beiden, die ich mit dem Messer bedient habe. Zwei Halunken und Taugenichtse, die ich im Suff erstochen habe. Ohne Bedauern. Heinrich hat mich rausgehauen. Wir waren wirklich Freunde. Ich hab mit ihm wilde, krumme Dinger gedreht und als wir den Job dieses Trughausen annahmen, haben wir Euch so viel Zeugs unterschlagen, wie es möglich war, ohne aufzufallen. Trughausen war ein Arsch und hatte es nicht besser verdient, aber auch seine Kinder gingen dem Alten am Arsch vorbei. Als wir gefangen wurden, versuchte Heinrich gleich, einen neuen Deal zu machen, aber die Kapitäne waren so böse wie dumm und diesem Trughausen ebenbürtig. Sie töteten die ganze Crew, was nicht schlimm war, es waren eh alles Taugenichtse und Halsabschneider, dann gingen sie aber auch Heinrich ans Leder, weil sie partout dachten, er stecke mit diesem Geheimbund unter einer Decke, über den wir immer herzlich gelacht haben. Ehrlich gesagt hab ich mein Leben erkauft, weil ich versprochen habe, alles zu verraten, was im Schloss vor sich geht und diese Muslime dort hinein zu lassen  zu gegebener Stunde. Allerdings war ich überrascht, so saubere kleine Küken zu finden. Ich hab sofort gemerkt, dass die meisten von euch wirklich gute Menschen waren, und ich hab abgewogen: hier diese Satane auf dem Schiff, furchtbare, lieblose Menschen und dort ihr, Kinder ohne Makel, wie es aussah. Ihr hattet ja noch nicht mal Sinnlichkeit. Keinen Alkohol, keine Flüche, keine Tändeleien, nichts.

Dabei wart ihr nicht heilig, wie die da“. Er zeigte auf Johannes und Maria, die aufmerksam zu hörten. „So etwas hat mich immer abgestoßen: Heiligkeit. Dieses Kirchengetue. Weihrauch, auf die Knie, und dann dem Pastor den Handschuh küssen. Du meine Güte. Auch meine Stiefeltern waren von der Sorte: so gut, so angesehen, so interessiert daran, als gut zu gelten.

Ich habe Dich sofort ins Herz geschlossen, Joseph, vom ersten Augenblick an. Warum? Frag mich. Es war augenblicklich das Gefühl großer Freundschaft da und das hat sich ja verstärkt. Ich mochte euch alle, selbst diesen Spinner Milton, deshalb bin ich auch los, das Mädchen retten, das nicht mehr weiter konnte. Und als wir in der Hölle waren und diesen armen Kerl sahen, der mit dem da“, er zeigte auf Johannes, „so lange geredet hat, kam mir der Gedanke, dass ich dort eigentlich hin gehöre, denn dieser arme Kerl hatte ja im Grunde nichts verbrochen. Er wollte halt einen Stups geben und dabei hat er den „Heiligen Mann“ verraten. Dafür bekommt man wohl eine Strafe auf Ewigkeit. Meine Güte. Soll das gerecht sein?“

„Seltsam“, erwiderte ich, „ich habe auch solche  Erinnerungen: an die vielen Mädchen, denen ich alles Mögliche versprach, um sie ins Bett zu kriegen und deren Tränen mich einen Dreck scherten. Dann wieder sah ich meinen Vater, der immer gütig war und der so sehr darüber verzweifelte, dass ich mit kriminellen Jugendlichen mehr anfangen konnte, als mit ihm. Wie oft war die Polizei bei uns zu Hause. Ich wusste, dass ihn das quälte, aber meine Mutter brachte es um. Ihr plötzlicher Tod war wohl eine Folge meiner Rücksichtslosigkeit. Es brachte mich zur Besinnung. Ich wurde normal, machte die High-School zu Ende und besuchte ein College. Aber auch da war ich unstet und wurde schließlich Schriftsteller. Ein guter, wie ich glaube, mit Erfolgen, die mir mehr bedeuteten als meine Tochter und meine Frau. Die Quittung hab ich bekommen. Ich trank zu viel, ich rauchte zu viel. Als Richardson mich mitnahm, war das ein großes Glück. Licht. Ich brauchte Licht. Wir segelten los und Du Joseph oder Franz sprachst uns oft aus dem Herzen. Aber wer hätte das zugegeben. Ich war im Innern völlig kaputt. Ein Wrack. Als wir in der Hölle standen, habe ich gesehen, wo ich hingehöre. Auch mir tat dieser Mann sehr leid. Denn auch ich ernährte mich lange von den Emotionen anderer, die ich kalt beobachtete und benutzte zu den Machwerken, die als so authentisch gefeiert wurden.“

Heidi nahm jetzt meine Hand und küsste sie. Sie hatte Tränen in den Augen.

„Wo wir schon mal dran sind, ich habe meinen Vater ins Unglück gestürzt und immer nur getan, was ich wollte. Ich hab Euch erzählt von dem Wal, der mich ansah, aber das war eine Lüge. Ich wollte immer etwas Besonderes sein, irgendwie berufen. Es war einfach schön weder Muslima noch Christin zu sein, ein Wesen zwischen zwei Welten. Wenn es damals schon drei Geschlechter gegeben hätte, ich hätte mir pro forma das dritte Geschlecht zugesprochen, um zu verblüffen. Ich wollte immer Kinder und einen Mann, aber ich wollte auch cool sein und erfolgreich. Meinen Doktor hab ich gemacht und dann fehlte der Mann. Natürlich war ich für Offenheit in Beziehungen und kämpfte für Frauen, obwohl mir Frauen am Arsch vorbei gingen. Ich meinte immer nur mich. Ich wollte ja alles, glänzen und Kinder und bewundert werden und wenn ich es brauchte einen Lover oder zwei und einen Mann mit Charisma, Geld und Erfolg, um selber besser zu glänzen.

Als ich auf die Sea-Gull kam, war ich zuerst beeindruckt davon, dass Du Schriftsteller warst. Das war cool. Vielleicht würdest Du über mich schreiben. Ich hab mich hochsensibel und sinnlich gegeben, um dich fester an mich zu binden und lauschte zunehmend genervt deinem Gerede von diesem Buch. Ich fand überhaupt alles auf dem Boot zu eng, die Männer zu alt, aber es gab andere Frauen, schöne Frauen und vor denen wollte ich nicht wie eine Verliererin aussehen. Ich habe also mächtig gespielt, wie ich immer gespielt habe. Als Franz starb und als Joseph auferstand, fand ich das völlig unglaubwürdig. Die Toten schockten mich nur insofern, dass ich Angst bekam, selber zum Opfer zu werden. Die Heiligkeit unserer Begleiter habe ich keine Sekunde geglaubt. Aber dann kam die Entführung von Richardson und unser Abstieg in die Hölle – mein Gott, so etwas gibt es ja wirklich. Wisst ihr, wie sehr im Islam die Höllenfurcht verbreitet ist, die ich jetzt immer spüre. Als wir diesen Mann trafen und all die schönen Frauen, die in Wahrheit Ungeheuer waren und in ihren Welten lebten, ist mir aufgefallen, wie dicht ich dabei bin, dort zu landen. Du meine Güte. Ich fühlte zum ersten Mal wirklich und ich fühlte Liebe zu Dir“, sie sah mich an, „ich möchte hier keine Sekunde ohne dich sein.“

„Nur hier?“, fragte ich. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie.

Es scheint ja hier das große Beichten loszugehen, sagte Richardson. Aber ich will mich nicht ausschließen:

„Als diese Teufel mich mitnahmen wehrte ich mich nicht. Ich dachte die ganze Zeit: geschieht dir völlig recht. Ich erwartete Strafe und ich WOLLTE Strafe, denn mein Leben war schlecht. Ich hab mich nie um Emotionen gekümmert. Ich war völlig rücksichtslos. Ich brannte für den Dienst und war ein guter Polizist, aber meiner Frau und meiner Tochter gegenüber war ich ein Arsch. Wie oft habe ich meine Frau zum Weinen gebracht, mehrfach gar durch Schläge. Wenn Sie zu penetrant war und ich nicht weiter wusste, hagelte es Ohrfeigen. Ebenso bei meinem Kind. Es war eine Schulversagerin, die Tochter eines hohen Polizisten. Das war nicht hinzunehmen. Ich schleppte sie von Arzt zu Arzt, aber niemand konnte helfen. Da gab ich sie weg in ein Internat, wo sie so unglücklich war, aber ich war sie los und dann wurde meine Frau von einem Mann, den ich zu Unrecht vor Gericht gebracht hatte, im Affekt getötet. Ich konnte nichts dafür, aber ich fühlte mich so schuldig. Meine Tochter konnte ich danach nicht mehr sehen. Wie sollte ich ihr in die Augen blicken. Ich habe sie im Internat gelassen und registrierte weinend, dass sie sich umgebracht hat. Alles, was mir jemals etwas bedeutet hat, war tot. Versteht ihr? Ich war der Mörder. Wie konnte das jemals verziehen werden. Ich wurde kalt und abweisend, übernahm den großen Job, machte mich an Franz Küppers ran, spielte den Lebemann und landete auf dieser Insel. Und ich war schon in der Hölle. Als ich dort lag und in meinem Appartement aufwachte, wusste ich, dass etwas faul war, dass ich brennen sollte, und ich brannte, Leute, ich brannte, lichterloh. Alle Furcht, die ich immer verdrängt hatte und die meine Frau vielleicht empfunden hat, OHNE dass ich ihr half und meine Tochter, ehe sie aus dem Fenster sprang, musste ich erdulden. Es war die Hölle und ich war in der Hölle und es freute mich. Ich hätte gewünscht, in Qualen zu zerbersten. Aber es war nur eine arme Seele mehr, die von mir trank und ich gönne ihm jede Sekunde gewonnene Lebenskraft. Nun wanderten wir durch diese tote Landschaft und ich bin bereit, mein Leben zu geben.“

Karin weinte. Sie kam heran und umarmte Richardson, der seinen Kopf an ihre Schulter legte und  wie ein Kind schluchzte.

Joseph stand da und schaute uns an: „Ich staune, was ihr alles erlebt habt. Das war bei mir nicht so. Ich liebte Milton und vertraute ihm, ich liebte Dolores, und ich war eifersüchtig, aber ich hätte ihr die Freiheit gelassen, mit Peter Minne zu machen. Ich habe mit Schrecken gesehen, dass das Böse zu uns kam, und ich hätte mein Leben gegeben, alle zu verteidigen. Als ich erfuhr, dass es echt Herren gab, wurde ich ein wenig wütend. Als ich Miltons Aufzeichnungen las, war ich erschüttert. Aber die Herren ermöglichten mir, meine Familie noch einmal zu sehen und sie ermöglichten mir zurück zu kehren. Jetzt haben sie mit Begleiter geschickt. Ich bin letztlich dankbar und staune über die Existenz von Bosheit, obwohl ich sie als Franz zu genüge beobachten konnte. Alle rannten den Erfolgen nach, die in Geld, Besitz oder Macht gezählt wurden, alle kämpften Tag um Tag in einer Welt ohne Freundschaft und Liebe, und deshalb wollte ich zurück. Deshalb wollte ich auch nicht mit Dir zusammen sein, Karin, obwohl Du die schönste Frau bist, die ich jemals gesehen habe. Es gibt eine Liebe für mich, die hier auf diesem „Planeten“ ist. Ich würde alles tun, sie zu retten und bei ihr zu sein.“

Karin hatte sich von Richardson gelöst und schaute Joseph mit verheulten Augen an:

„Lieber Franz. Ich habe das gespürt, deshalb war ich so verliebt in Dich. So eine schöne Seele. Als Frau spürt man das. Ich bin leider oft anders unterwegs gewesen. Ich hätte gerne ein frommes Leben geführt, aber wie Heidi, bin ich allen möglichen Verlockungen erlegen, vor allen Dingen der Wut, der Ungerechtigkeit und der wilden Emotion. Ich war einmal verheiratet und habe den Mann aus dem Haus getrieben, weil ich ihn von morgens bis abends terrorisierte mit Vorwürfen. Ich war immer stark gewesen, aber auch extrem passiv. Ich wartete auf den starken Prinzen, aber kein Mann war mir gut genug. Ich ließ sie an meiner Arroganz abtropfen. Bis ich fast zu alt für Kinder war, aber Kinder hatte ich mir immer gewünscht. Mein Mann nun war ein Träumer, weich und nachgiebig wie ein Schwamm, aber auch klug und zärtlich, und ich liebte ihn, obwohl ich wusste, dass sein Leben alles andere als gut verlaufen war, dass er zwei Kindern von anderen Frauen hatte, die bereits erwachsen waren und dass er sterilisiert war. Nun, wenn eine Frau auf den letzten Drücker schwanger werden will, nimmt sie in so einer Situation Reißaus, sollte man denken, aber das tat ich nicht. Im Grunde hatte ich immer nur geträumt und fürchtete mich vor der Umsetzung in Realität. So wurde er mein tägliches Opfer, indem ich ihm alle Schuld für ein Unglück gab, das ich mir selber gewählt hatte, denn, wenn ich nicht handelte, war ich frei von der Gefahr zu scheitern. In dieser Konstellation schleppte sich unser Leben hin zwischen Vorwürfen, Streit und Versöhnung in dem Stillstand, den ich selber im Grunde meine Seele erstrebte. Dann wurde er krank und auch das machte ich ihm zum Vorwurf, worüber er sich so grämte, dass er starb. Als ich nun Franz sah, mit seiner schönen Seele, wusste ich, dass er  niemals den Versuch machen würde, mich wirklich zu wollen, deshalb liebte ich ihn. Dann starb er und stand als neuer Joseph wieder auf. Umso besser, dachte ich. Jetzt ist er da, aber ganz unerreichbar. Als wir dann in der Hölle standen, sah ich all diese armen Seelen, die ihr schönstes Gesicht zeigten, um dann doch nur wieder in ihrer innersten Finsternis zu toben. Da wusste ich, dass ich auch hierher gehörte.“

„Eure Schuld ist Euch vergeben“, sagte Johannes und lächelte uns an.

Ich spürte, dass mir die Tränen kamen. „Es ist so, wie ich es sage. Ihr seid jetzt frei. Aber ihr müsst den Schritt hinüber tun.“

„Hier ist doch nichts“, sagte Richardson. Wo sind denn all die Menschenscharen, die man mit Armageddon verbindet. Hier ist eine leere Wüste.“

„Das ist der Spiegel eures Inneren“, sagte Maria, die näher trat. „Ihr seht, was ihr in Euch habt. Wer Hass und Feindschaft in sich trägt, sieht das.“ Sie schwenkte den Arm und auf der gewaltigen Ebene sah man tausende und hunderttausende in wütendem Grimm gegeneinander stürmen. Es war dort unten in gewisser Weise hell und ein wütender Wind zerrte an der Kleidung der Menschen. Gog und Magog, das Innere und das Äußere. Sie wissen es nicht, aber was sie hassen steht vor ihnen und was sie verteidigen in ihrem Rücken und es sind immer nur sie selber. So wird der Kampf gefochten. Seht ihr die großen Engel. Jetzt sahen sie es auch. Gewaltige menschenähnliche Körper mit Flügeln und Schwertern in der Hand kämpften miteinander.

Das sind heilige Idee, die verteidigt werden: Kommunismus, Buddhismus, Naturalismus, Idealismus, Positivismus, die Heimat, die Aufklärung, der Konservatismus, der Faschismus. Alle Ideen, um die Menschen streiten und töten, bilden sich jetzt ab als geistige Engel oder auch als berittene Pferde. Jetzt sahen sie am Boden große schwarze und weiße Pferde, auf deren Rücken knochige Männer saßen, die gegeneinander stürmten.

„Die apokalyptischen Reiter“, flüsterte Karin.

„Es sind religiöse Idee: wahre und unwahre“, sagte Johannes.

„Was sind denn wahre Ideen“, fragte ich. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen. Ich war gebildet genug, um zu wissen, was alles als wahr gegolten hatte, und ich hätte es mit Pontius Pilatus gehalten, der gesagt haben soll: „Was ist Wahrheit.“

„Was ist Wahrheit“, sagte Johannes. „Sieh, das ist Wahrheit.“

Die Welt unter uns verwandelte sich und es war taghell und warm. Ein beruhigendes Licht, das von überallher zu kommen schien. Menschen schlenderten umher. Über ihren Köpfen sah man, wie in projizierten Bildern, was sie dachten. Sie lebten in Häusern und waren offenbar nicht betroffen, von dem Chaos oder der Finsternis, die wir eben noch gesehen hatten.

„Kommt mit“, sagte Maria. Lachend rannten die beiden voraus den Hügel herunter. Es war wie ein Traum. Ich dachte an Blumen und da waren Blumen. Ich dachte liebevoll an Heidi und diese schien das augenblicklich zu fühlen. Wir fassten uns an den Händen, und wir erkannten einander. Ich WUSSTE, wer sie im Innersten war. Das was ich spürte war sie, in ihrer ganzen Art, die ich immer anziehend gefunden hatte, aber ohne all die Verstecke und Abwehrreaktionen, ohne Bosheit, Falschheit oder Gedanken Verstecke. Ich spürte ihre SEELE. Unmittelbar. Und ihr schien es ebenso zu gehen. Während Momente größter Innigkeit, die ich ja oft erlebt hatte, unmittelbar mein Verlangen geweckt hatten, mit der Frau sexuell zu verschmelzen – um nachher enttäuscht nebeneinander zu erwachen – war hier die Verschmelzung im Geiste absolut. Endlich begriff ich, was ich bisher ersehnt hatte und immer verfehlte, was ich durch Erfolg, Sieg oder Gelingen erreichen wollte. Hier war es da. Wir waren eins und auch Maria und Johannes und wir waren eins. Es fühlte sich an wie ein Nach Hause Kommen. 

„Das ist die Welt, die uns versprochen wurde“, sagte Maria. „Es gibt hier viele Wohnungen“, wie es Jesus versprochen hat. „Diese Welt ist unendlich und seit Urbeginn der Zeiten sind alle Menschen, denen es gelang, zu Gott zu finden, hierher gelangt, und sie alle leben noch.“

„Das Paradies“, sagte Richardson.

„Die Wahrheit“, antwortete Johannes. „Gott hat die Welt so gemacht, dass wir finden, was wir suchen. Wir können Eins sein und wer glaubt, also wer seine dunklen Wünsche überwindet, wird den Tod nicht schmecken.“

In diesem Moment hörte ich Richardson, der einen freudigen Ruf von sich gab. „Meine Frau und meine Tochter.“ Tatsächlich kamen zwei Frauen auf ihn zu, die aber in etwa gleichaltrig zu sein schienen.

Sie sanken sich in die Arme.

„Sie scheinen in der gleichen Liebe gewesen zu sein“, sagte Maria. „Gleiche Liebe ist wie ein Band.“

„Sie sehen aus wie Schwestern“, sagte Karin.

„Wenn ihr aufmerksam seid, werdet ihr bemerken, dass ihr selbst euch immer gleich vorkommt, egal wie alt euer Körper ist. Der Körper trägt euch in eurer Welt und ist ein Wunder für sich, aber er verfällt. Aber der tiefste Kern, jenseits des Denkens oder Fühlens, der tiefste Kern der Person, der unter Krankheit oder Verwirrung verborgen sein kann, ist unsterblich und bleibt sich gleich. Denkt an die Höllenbewohner, auch sie bleiben sich gleich, wenngleich wir ihre wahre Natur erkannten und sie als dämonische Wesen erkannten.“

„Hast Du deshalb gesagt, wir sind Menschen“, fragte ich. „Ja. Wir sind Menschen und ihr, die hier nur kurz sein könnt, seid auch Menschen. Menschen, die jetzt ihr Böses nicht mehr erstreben und die deshalb Leere sehen. Ihr wurdet zusammen geführt, weil der Herr euch braucht. In der heiligen Stadt werden sich Veränderungen ergeben, die alle Welten betreffen, denn der Herr wird zurückkehren.“

„Wer ist der Herr“, fragte ich, „das heilige Jesulein in der Krippe?“

„Warum seid ihr so ungläubig“, fragte Maria. „Er war doch das, was ihr heute einen coolen Mann nennen würdet, der gegen Regeln aufbegehrt und dem es egal ist, was einer hat oder ist. Er hat Euch alles gesagt. Er ist der Weg und die Wahrheit. Wie kommt das? Stellt Euch einfach vor, ihr wolltet eine Welt schaffen, in der Menschen friedlich zusammen leben. Wäre das mit den Menschen, die ihr kennt, möglich, in einer unendlichen Zeitdauer? Nein. Joseph und Ted haben von den Herren gehört. Diese ruhen in der MACHT. Das ist das, was Christen im Gebet anrufen: „Denn Dein ist die Macht... Was aber ist die Herrlichkeit. Nun. Ihr wisst, dass Jahwe in der Bibel sagte: Ich bin, der Ich Bin. Er ist also alles, und er ist das ganze Sein. Dorthin gehen die Herren. Niemand kann mich sehen und leben, sagte Jahwe. Wer dort ist, ist eins mit der Macht, und deshalb ist er keine Person mehr und nicht in der Zeit.

Das Wort aber ist die Herrlichkeit, also eine Struktur oder eine Welt. Sie wurde aus dem Licht geschaffen. Das ist die Welt, in der ihr lebt. Bestimmt seid ihr zum ewigen Leben, aber in dem, was ihr Leben nennt, in dieser Entwicklung der individuellen Person, vergesst ihr, woher ihr seid. Ihr sprecht Euch das Leben selber zu und die Macht. Damit aber erkennt ihr nicht, dass ihr nur Teil des Lichts seid und nur als solcher Teil ewig, weil das Licht ewig ist. Gott wollte Euch als ganze Person existierend in seinem Licht. 

Wisst ihr jetzt, was das hier ist. Das ist die Welt im Licht, sie zeigt, was ihr wirklich seid, und die Finsternis ist das, was ich aus euch selbst seid. Dämonen können ein menschliches Gesicht imitieren, aber sich selbst überlassen, stürzen sie in ihren Wahn und verschwinden im Finsteren. Ich bin Maria, die Lieblingsschülerin und das ist Johannes, der Lieblingsjünger. Wir wurden erwählt, weil wie offene Resonanzböden für die Liebe waren und sind.“

„Ich glaube, ich verstehe“, sagte ich ehrfurchtsvoll. 

„Ich auch“, nickte Heidi. Karin schloss sich an. Richardson hatte nicht zugehört und hockte am Boden mit den Menschen, die er am meisten geliebt hatte. Ted aber hatte nichts verstanden. Er blickte etwas verwirrt. „Hier gibt es nur gute Menschen, was?“, fragte er. 

„Hier gibt es weder gut noch böse“, sagte Johannes.

„Ich glaube nicht, dass ich hier leben könnte“, sagte Ted. In diesem Moment kam eine wunderschöne Frau heran geschlendert, die er zu kennen schien. 

„Das gibt es nicht“, sagte er. „Ich habe diese Frau immer geliebt“.

„Siehst du“, sagte Maria „ein Teil von Dir war hier zuhause, sonst wärst du nicht erwählt worden. Jeder hat hier einen Paargenossen, denn hier unten seid ihr eins. Die gleiche Liebe zieht euch zueinander.“

Ted hatte alles vergessen und hielt die Frau im Arm 

„Sie ist meine Frau“, sagte er, „so seltsam das klingt.“

„Dann ist doch sicher das Eis gebrochen“, sagte Maria. „Du gehörst hierher und DESHALB wurdest Du erwählt.“

Ted nickte.

„Wir müssen jetzt leider zurück in die untergehende Welt“, sagte Maria. Plötzlich saßen wir wieder vor dieser traurigen Ebene. Ted und Richardson hatten ihren Widerstand und ihre Traurigkeit verloren. 

„Ab jetzt werden wir uns nicht mehr fürchten“, sagten sie. Und uns allen ging es ebenso.

Charly meint zu träumen. Immer mehr zeigt sich alles Geschehen als Spiegel seiner selbst. Alles ist Traum, Schleier der Maja, und doch real.

Was war nun Realität? Die Gefüge wankten, die Ordnungen hatten sich als brüchig erwiesen und auch diese neue Ordnung, diese ANDERE Wirklichkeit, schien mir unwirklich.

Diese ganze hier erzählte Geschichte, mit ihren Perspektiven und Brüchen war mir vertraut. Aber hatte ich irgendetwas davon wirklich erlebt? Ich war Teil des Geschehens, das in allen Details so wirklich gewesen war, wie ein bewegender Traum. Träumen? Im Traum sind wir dieser, sind wir jener und mit unglaublichem Gleichmut nehmen wir Paradoxien hin und halten ganz fremdartige Abläufe für völlig normal und wenn wir erwachen scheint uns alles fest und geordnet. Wir folgen unseren Wünschen und Bedürfnissen und haben das Gefühl, auf festem Boden zu stehen. Aber was ist der Tod? Ist er das Ende der Realität? Nun hatte ich eine Antwort. Ich hatte es gesehen, das versprochene Land und ich hatte eine Erklärung für alles. Aber konnte diese andere Realität anders sein, als eine ewig anhaltende Langeweile? Als ein Zustand vollkommenen Seins, der letztlich ein Alptraum war. Und nun verstand ich diesen Drachen, diesen bösen, im Abgrund hausenden Engel, der hinausgeworfen worden war aus diesem Paradies, in dem der Schein verlangte, als Heimat zu gelten. Sein Aufbegehren war letztlich nutzlos, denn auch er war ja Teil dieses Spiels und würde es mitspielen müssen, bis zum jüngsten Tag, an dem sich alles wieder auflöste. Um dann wieder neu zu beginnen? Beginnen, Ende, waren das nicht bereits die düsteren Schwingen, auf denen sich alles aus dem Nichts erhob.

Die Herren – es waren zwölf, wie die Stämme Israels, wie die Jünger Jesu – zwölf Heilige, die den Weg gefunden hatten aus der Welt der Abläufe und Folgen, hin zur Welt des Seins, dem einzig wirklichen Sein.

Aber dort waren sie wesen- und gestaltlos, ohne Ziele, ohne Verlangen, ohne Wollen, ohne Du und ich und damit ohne die Möglichkeit zu lieben oder zu hassen. Ich dachte mir, dass sie dort waren, wo letztlich die Wahrheit war, die alles umfing und DESHALB war am Anfang der Abläufe der Welt das WORT und das WORT war bei Gott und es war ein Licht. Denn auch Licht hat eine Ausbreitung, verlangt also nach Raum und Zeit und dort lebte der Mensch wie im Paradies, in der Unschuld des Nicht Wissens von gut und von böse, weil er ja keine Existenz aus sich selbst hatte, sondern im Licht und aus dem Licht lebte. Dort war Verlangen dasselbe wie Liebe, war Sein gleich Liebe, weil Liebe sich auf nichts bezog als auf das, was dieses Sein erst möglich machte. Alles war tief durchdrungen von Liebe und war EINS.

Ja. So würde ein Gott sich eine Welt erdenken und der Sturz hatte zur Folge, dass wir die Möglichkeit bekamen, unsere Welt aus unserem Wollen zu schaffen, so dass alles, was uns geschah und was wir liebten oder unter dem wir litten, aus UNS SELBER kam, weil wir nur dachten, in einer objektiven Welt zu sein, in Wahrheit aber aus unserem innersten Wünschen Wirklichkeit wahr werden ließen und DESHALB gab es für uns Himmel, Hölle und Tod. Das echte Leben begann da, wo man die eigenen Wünsche von sich schob und das Kreuz aufnahm, also aufhörte zu wünschen.

All das ging mir durch den Kopf und Maria Magdalena saß mir gegenüber und schaute mich an. Wie schön sie war, wie unendlich tief ihr Blick war, ob es Sexualität mit Engeln geben konnte. 

„Nein“, sagte sie, als habe sie meine Gedanken gelesen, „Überlege doch, dass Du, wenn Du Deine Frau erkennst, entweder getrieben wirst von eigenem Verlangen, oder wenn Du sie wirklich liebst, von dem Wunsch nach Verschmelzung und das daraus ein neuer Mensch entsteht, der dann den Stab des Lebens aufnimmt. 

Im Licht aber bist Du bereits eins mit dem anderen und wenn Du im Herzen den anderen liebst, bist Du mit ihm dort, wohin das Liebesspiel euch nur für Sekunden bringen konnte.“

Wie hatte sie gesprochen? Laut war es nicht, denn niemand hatte etwas gehört, außer Johannes offenbar, der lächelte, und ich fühlte, mein Gott, ich fühlte: es war, als überschwemmte mich eine andere Seele und wir wurden eins. Es war das schönste Gefühl, das ich jemals fühlen durfte, und ich begriff: es waren Welten möglich, von denen wir nur träumen konnten, solange wir triebhaft begehrten.

Ich war Zeuge des vollendeten Glücks geworden.


Die Odysee der Sea-Gull und das grausame Ende der Besatzung, die in wildem Hass aufeinander ihr Armageddon erlebt


Moris hatte Mad überredet, die Sea-Gull ans Ufer zu steuern, das einer kargen Einöde glich. Es war flach dieses Ufer, es gab kaum Wellengang.

„Warten wir auf die anderen“, fragte Catharine.

„Nein. Ich bin überzeugt davon, ein Fahrzeug gesehen zu haben. Es sah aus wie ein Panzer. Er muss irgendwo voraus gefahren sein. Wo ein Fahrzeug ist, sind Menschen. Lasst uns losziehen, und sehen, ob wir das Fahrzeug finden“, sagte Mad

„Ich habe den Panzer auch gesehen“, sagte Moris.

„Ein Panzer? Und wenn es Soldaten sind. Wenn hier ein Krieg stattfindet“, sagte Catharine und wirkte aufgebracht.

„Wir haben doch diese Explosionen gesehen. Es sah aus wie ein Nuklearangriff“, sagte Ann.

„Schaut Euch die Landschaft an, wie nach einem radioaktiven Fallout. Vielleicht ist es deshalb so grau und dunkel.“

„Das ist möglich“, sagte Mad. „Aber erstens ist es völlig abgedreht, dass diese Küste unendlich zu sein scheint, dass es keinen Wellengang und keine Erhebungen an Land gibt und zweitens muss ich etwas tun. Ich muss irgendwie hier weg. Verstehst Du? Ich werde wahnsinnig. Ich will auch nicht auf andere warten, die aus der Vergangenheit kommen. Verdammt. Ich bin Arzt, kein Harlekin. Wenn dort draußen ein Panzer fährt, dann sitzt ein Soldat in diesem Ding oder zumindest ein menschliches Wesen. Also kann es mit der Strahlung nicht so schlimm sein. Ich BRAUCHE den Kontakt mit einem Menschen und wenn es ein Soldat ist. Vielleicht weiß man dort etwas darüber, wo wir hier sind. Oder besser noch, wie wir hier weg kommen.“

„Ich schließe mich seiner Meinung an“, sagte Moris. „Ich hab auch keine Lust auf diese Spukgeschichten mehr. Lieber bin ich tot, als in einem Albtraum gefangen.“

„Okay. Dann gehen wir eben“, sagte Ann und blickte Catharine fragend an.

Catharine nickte und die kleine Gruppe machte sich auf den Weg.

Nachdem sie eine Weile gegangen waren, stießen sie auf einen verlassenen Panzer. Soldaten waren nicht zu sehen. „Ein deutscher Tiger“, sagte Moris und umrundete das stählerne Ungetüm. „Scheint völlig intakt zu sein.“

„Nazis, hier in diese Wüste?“ Mad lachte lauthals. 

„Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt“, sagte Ann. „Ich könnte mir denken, dass es irgendwelche Spinner gibt, die sich in entfernten Weltgegenden zusammen finden, um ihr viertes Reich zu errichten.“

„Blödsinn“, sagte Moris. „Weißt Du was. Mir wär das jetzt sogar völlig egal. Nazi hin oder her. Wenn wir nur hier wieder raus kämen.“

„Du bist und bleibst eben ein Faschist“, murmelte Ann.

„Was hast Du da gesagt?“, fragte Moris. 

„Du hast es schon gehört“, sagte Ann. „Ich hab gesagt, Du bist ein alter Faschist.“

„Du blöde Göre“, sagte Moris, der eine unerhörte Wut aufsteigen fühlte. „Wir sitzen hier außerhalb der Welt und Du belästigst uns mit Deinem Nazi Scheiß. Vielleicht ist es einfach ein Sammler, dem das Ding gehört.“

„Ein Sammler? Oh ja. Ihr dekadenten weißen Upper Class Spinner liebt ja perverse Hobbys. Dagegen hab ich mein ganzes Leben lang gekämpft. Du Abschaum Europas.“

„Was hast Du da gesagt?“ Moris glaubte die Stimme seiner Frau zu hören oder seiner Tochter. Er sah förmlich diese Gruppen fehlgeleiteter junger Leute, mit ihrer Aggressivität und ihren wirren Ideen, die seinen Bruder einfach totgeschlagen hatten. 

„Abschaum sind die, deren Ideen du vertrittst, ganz Europa wurde in den Abgrund geführt, wegen euch Abschaum. Nicht wahr. Warum sind wir denn hier. Warum sitzen wir nicht in einem Pariser Cafe, weil dort alles besetzt ist von Kaffern und Arabern und linken Idioten, die sich ohne Stolz und ohne Intelligenz diesen Untermenschen unterwarfen.“

Ann sah diesen älteren dicklichen Herren an und er schien ihr geradezu die Verkörperung des weißen heterosexuellen Mannes zu sein, der die Welt unterdrückte, der arme Völker ausbeutete, Frauen erniedrigte und zu Sexualobjekten machte und der das IMMER NOCH NICHT einsehen wollte. Sie hatte an Straßenkämpfen teilgenommen, Autos angezündet, ja, einmal einem Rechten eine Schreckschusspistole gegen die Schläfe gehalten und abgedrückt und gelacht, als ihm der Schädel zersprang. Ja. Sie war hart und sie war immer auf der Seite des Guten gewesen.

„Beruhigt Euch“, sagte Mad. „Er sah den Hass in den Augen der beiden, und er spürte, dass dieser Hass so gewaltig anschwoll, dass es zu einer Explosion kommen musste.

„Wir haben unser stolzes Frankreich, unser stolzes Europa in den Dreck ziehen lassen, weil wir Euch Abschaum nicht erschlagen haben oder mit der Armee bekämpften, wie es sich gehört hätte“, sagte Moris.

Ann sah Rot. Es war ein Spaten am Panzer befestigt, den sie griff und diesem fetten, alten Kerl auf den Schädel schmetterte. Moris stand noch eine Sekunde, dann stürzte er tot zu Boden.

„Was hast Du getan“, schrie Mad. Catharine heulte los. Mad kniete sich zu dem Toten, und sie sah nun, dass er entsetzt war, und er war auch nur ein Geldsack, der es sich erlauben konnte, junge Mädchen zu verführen, auf gecharterten Yachten, weil er immer noch Geld besaß weil er zu den faschistischen Australiern geflohen war, die ihre Grenzen gegen all die unterdrückten Völker verteidigten. Sie hob die Schaufel und schlug Mad den Spaten auf den Kopf. Als er seinen letzten Atemzug aushauchte, jauchzte sie und sie sah Catharine, die weinend vor ihr stand und stammelte: 

„Du hast sie umgebracht. Weißt Du das?“

„War nicht schade drum“, sagte Ann.

„Du Mörderin“, schrie Catharine, „Du verfluchte linke Schlampe hast sie getötet.“ Da holte sie aus und erschlug auch das Mädchen, das ihre Freundin gewesen war. Nicht umsonst hatte sie Kampfsport getrieben. Sie erhob sich, mit wirrem Haar, während das Blut von der Spatenspitze tropfte, stellte sich auf und sah nun, dass sie nicht mehr alleine war. Die Ebene war überfüllt mit Menschen, die allesamt rote Fahnen trugen und Hassgesänge ertönen ließen. Jetzt erst sah sie hinter dem Panzer, fein säuberlich aufgestapelt die Leichen von deutschen Soldaten. Auf dieser Ebene standen ihre Freunde und ihnen gegenüber wehten die Flaggen von Nationen, standen Panzer und Geschütze. Aber auch auf ihrer Seite sah sie nun Waffen aller Art und endlich stürzte sich alles aufeinander und schrie, trunken vor Hass, die eigenen Parolen. 

„Ich komme“, rief sie, nahm den Spaten und rannte los, ihren unbändigen Hass zu stillen. In wildem Getöse begann eine gewaltige Schlacht. Catharine war noch am Leben. Sie sah der Freundin hinterher, die wie im Wahn los rannte, in eine leere Landschaft hinein, sie stammelte: „Ann. Hilf mir.“ Dann sank sie zurück und hauchte ihre Seele aus.



Die heiligen Muslime, die an der Seite des Gesandten kämpfen, der sich passiv verhält, weil er den Weg kennt, den die Ereignisse nehmen müssen

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Karim und Ben Yussuf hatten die Gruppe verlassen und waren nach Ostjerusalem gegangen, um ihre Glaubensbrüder zu treffen. Nigromontanus hatte ihnen zum Abschied zugenickt. Thomas Hoffmann hatte Nigromontanus gefragt, ob das so eine gute Idee sei, die beiden in dieser aufgeheizten Zeit alleine losziehen zu lassen zu den zweifellos hasserfüllten Brüdern und Schwestern, aber Nigromontanus hatte abgewinkt. Die Dinge strebten dem  Ende zu, und es geschah, was geschehen musste. 

Er sah den beiden hinterher und glaubte, dass er sie mit dem Gewehr in der Hand wiedersehen würde.

Sie erreichten Ostjerusalem, wo sie auf Menschen trafen, die offenbar bereit waren, zu einem Kampf, der lange aufgeschoben gewesen war. Rache! Alles schrie nach Rache. Juden und Christen hielten die Stadt schon viel zu lange besetzt. Dieses Mal würde der Befreiungskampf IN der Stadt geführt werden, und da war man überlegen. Die Juden würden ihre Waffen nicht einsetzen können und außerdem waren sie untereinander so zerstritten, dass die Gegenwehr mäßig sein würde. Man schwor sich, die Juden ins Meer zu treiben. Das jüdische Leben im muslimischen Umfeld würde enden. Man würde alles aus der Geschichte tilgen, was jüdisch war, nur den Luxus und die Güter würde man behalten. Inschallah.

Von überall her waren die Muslime gekommen. Aus den besetzten Gebieten, von außerhalb der Stadt. Sie hatten sich bewaffnet – wer hatte ihnen all diese Waffen gegeben -  in schwarze Kleidung gehüllt – wer besorgte die Kleidung -  und sie hatten Raketen und Mörser. Die Israelis hatten wie immer nicht geschlafen und schwere Panzer sammelten sich. Gleichzeitig machte eine Gruppe von Friedensaktivisten in der Stadt Rabatz – es waren Aktivisten aus allen Ländern dieser Erde – wer hatte sie dort zusammengeführt. –

Karim und Ben Yussuf waren, sobald sie unter Muslimen waren, die alten Haudegen. Sie waren die alten Krieger und der Kampf um die heiligen Stätten des Islam war der alte Kampf für Allah und gegen die Feinde Allahs.

Unsere Freunde werden mit dem eigenen Tod und dem ihrer Freunde konfrontiert. Das Entsetzen und die Dunkelheit nehmen überhand, aber das Rettende ist schon zugegen.

Peter, Paul, Dolores, Thomas, Linda und Angelina wussten von alledem nichts. Staunend gingen sie durch die Straßen dieser modernen Stadt. Überall gab es hell erleuchtete Fenster in denen Waren standen, die offenbar zu verkaufen waren. Thomas Hoffmann hatte ihnen Grundzüge erklärt. Es gab nichts, was nicht zu kaufen gewesen wäre. Alles glitzerte, funkelte oder wurde präsentiert, als handele es sich um Kunstwerke, die allerdings vielfach hergestellt waren in immer gleicher Perfektion. Es gebe alle Waren – was konnte man außer Kleidung und Nahrung noch brauchen. - Hier gab es so unendlich viele Dinge, die zum größten Teil rätselhaft erschienen.

„Warum machen sie das?“, fragte Dolores und betrachtete staunend die Auslage eines Schmuckgeschäfts. „Sie müssen unentwegt Dinge herstellen.“

„Nein, nein“, sagte Thomas Hoffmann, „sie produzieren das nicht in Handarbeit. Es gibt Maschinen, die das produzieren, tausende und hunderttausende von manchen Dingen.“

„Aber wer braucht das alles“, fragte Peter. „Es ist so viel. In einem Leben kann man das nicht aufbrauchen.“

„Stell es dir so vor“ antwortete Thomas Hoffmann, „Fabriken und Händler versuchen ständig in anderen Menschen das Gefühl zu erwecken, ihnen fehle etwas zu ihrem Glück. Dann entsteht bei diesen eine Nachfrage. Um diese zu bedienen, schaffen sie ganze Serien des gewünschten Dinges. Jemand kauft es, es wird ihm langweilig und er bekommt suggeriert, er benötige nun etwas völlig neues.“

„Das ist krank“, sagte Paul und schüttelte den Kopf. „Und dann arbeiten alle daran, sinnlos Dinge zu bauen.“

„Es ist nicht, wie Du denkst“, erwiderte Hoffmann, „die einen sammeln das Material, die anderen bringen es in Verarbeitung Stätten, wo wieder andere den ganzen Tag nachdenken, wie man etwas Neues erfinden kann und wieder andere für dieses Neue Werbung machen, also sagen, man würde dieses oder jenes benötigen. Dann sind wieder andere, die es ausliefern und verkaufen und so haben alle zu tun.“

Thomas lachte laut.

„Das ist wirklich witzig. Das klingt wie ein Irrenhaus.“

„Du hast recht“, sagte Hoffmann, „wahrscheinlich ist es das. Es hält aber alle in Arbeit, denn man bekommt Geld für das, was man tut und dafür kann man dann wieder etwas kaufen.“

Linda schaute ihn kopfschüttelnd an: 

„Das ist nicht wahr. Sind sie so verrückt?“

„Man braucht nicht viel“, sagte Peter. „Ich sehe tolle Dinge, aber kaum eins ist von einem Künstler gemacht und schon gar nicht aus dem Grund, aus dem heraus wir gearbeitet haben.“

„Und das wäre…?“, fragte Hoffmann.

„Wir arbeiteten, um etwas Schönes zu erschaffen. Es soll andere erfreuen.“

„Und wenn wir die Felder bestellten oder die Tiere fütterten, schlachteten oder verarbeiteten, dann taten wir das, was nötig war, oder?“, ergänzte Paul.

„Was nötig war“, bestätigte Dolores. „So etwas wäre bei uns als Verschwendung von Zeit und Mühe abgelehnt worden.“

„Ihr versteht diese Zeit nicht“, sagte Hoffmann. „Ihr habt eben das Hotel gesehen. Wir haben tolle Zimmer, nicht wahr. So etwas ist nur für Geld zu haben und dafür hat man meistens gearbeitet.“

„Unsere Zimmer im Schloss waren keinen Deut schlechter“, sagte Paul. Hoffmann zuckte die Achseln. Es hatte keinen Sinn, diese Welt zu erklären. Sie würde ihnen immer fremd bleiben, wie erst seine alte Welt, in der er jemand gewesen war. Aber es war ja auch sympathisch, ihnen zuzuhören. Noch waren sie wohl nicht verdorben genug, und sie würden es nie werden. Nigromontanus ging, wie ein Professor mit seinen Kommilitonen, voraus. Er verstand nur zu gut, was die jungen Leute dachten. Für die zwölf waren es immer Abscheulichkeiten gewesen, die den Alltag der modernen Welt bestimmten. Aber es war wie es war. Die Menschen waren darin so gut und so schlecht wie immer. In alten Zeiten hatte man andere Begierden gehabt. Selbst in den ältesten Zeiten. Nur wenige fanden zum Frieden. Hoffmann war der letzte gewesen, der zu ihnen gestoßen war. Er war im Grunde nur aus Feindschaft und Entsetzen übergelaufen, aber er wusste nichts mit den tiefsten Geheimnissen des Seins anzufangen. Deshalb ließ man ihn auch mit seiner Technik spielen, obwohl man andere Möglichkeiten hatte, um alles zu wissen, was man wissen wollte. Trotzdem mochte er Hoffmann, wie man einen Adepten mag. Er war erheblich weniger von sich eingenommen, als es Trughausen gewesen war, und er war ein Teamplayer, wie die meisten modernen Menschen. Solche Freigeister waren stets klug und flexibel und, sie verstanden schnell, wenngleich nichts, was nicht rational nachvollziehbar war. Das Glauben war nicht ihre Sache.

Dass Hoffmann jetzt versuchte, den jungen Leuten Teile der modernen Welt zu erklären, als müsse er sich rechtfertigen, war sogar belustigend. 

Er konnte mit seinen Argumenten bei diesen aber nicht landen. Insofern war das Projekt Trughausens durchaus erfolgreich gewesen. Diesen jungen Menschen fehlte jeder Bezug zur ungezügelten Begierde, damit waren sie für die Höllen unerreichbar. Deshalb erwachte in ihnen auch nicht die Aggression, die man überall beobachten konnte. Ohne dass die Stadtbewohner es merkten, begannen sie sich zu hassen und ihre Feinde zu bekämpfen, wobei ihre Feinde oftmals ihre eigenen Schatten waren, also Teile der eigenen Person.

Jetzt eben rannten wieder, so genannte, linke Chaoten mit Pflastersteinen bewaffnet durch die Straße.

Jüdische Nationalisten traten ihnen entgegen. Polizisten versuchten die Gruppen zu trennen. 

Hoffmann hatte mit den anderen in einem Cafe gesessen, als die Tumulte eskalierten. Sie warteten auf Eli, der von seinem Vater einen Auftrag erhalten hatte, dessen Inhalt Eli nicht verraten wollte.

Entgeistert beobachteten die Wartenden die Wut und den Hass, die wie ein Orkan durch die Straßen tobten. Da wurden Schaufenster zerschlagen, Autos in Brand gesteckt, Polizisten mit Molotowcocktails beworfen und Demonstranten mit Knüppeln geschlagen.

„Was treibt sie?“, fragte Dolores. 

„Das ist in letzter Zeit oft so“, sagte die junge Bedienung, die sich zu ihnen gestellt hatte. „Nationalisten und Internationalisten streiten. Und da gibt es noch die Palästinenser, zugewanderte Fremde und das alles versuchen unsere Polizisten und die Armee auseinanderzuhalten.“

„Und worum geht es?“, fragte Peter. 

„Kann ich nicht sagen“, antwortete der junge Mann. „Die Palästinenser machen schon immer Ärger und wir haben genug Israelis, die ihnen recht geben und eine Zweistaatenlösung wollen. Dann kamen Zuwanderer, ich meine, nicht die Juden anderer Länder, sondern Fremde. Es gibt Menschen im Hintergrund, die sie ins Land schleusen. Es sind normale darunter, aber auch gefährliche Leute, die provozieren und nun schaukelt sich alles hoch. Von außen macht jemand Druck auf die Regierung, von innen drücken die Palästinenser und Araber Israels. Linke unterstützen sie, Nationalisten bekämpfen sie, die Armee straft arabische Provokationen, die Polizei versucht zu ordnen, die pathologischen Zuwanderer säen Gewalt, die normalen Zuwanderer fürchten sich. Wir versuchen unparteiisch zu bleiben, aber es werden immer mehr hinein gezogen und irgendwann explodiert alles und alle schlagen sich tot.“

„Verrückt“, sagte Linda. 

„Und man kann nichts tun?“, fragte Angelina. 

„Es ist gut, wenn man kühl und innerlich unbeteiligt bleibt“, sagte Nigromontanus. „Das Feuer will genährt werden und Feuer entfacht wilde Brände.“

„Kann man unbeteiligt bleiben?“, fragte Thomas Hoffmann. „Bei alledem? Wäre das nicht zynisch?“

„Soll man gegen das Spiegelbild schlagen?“, antwortete Nigromontanus. „Was ihr nicht versteht ist das Doppelgesicht bei allem, was geschieht. Ihr habt Wut und es kommt Wut zurück.“

„Und Amalek“, fragte Thomas Hoffmann. „Ist er Einbildung?“

„Das alles ist furchtbar real, aber es nährt sich aus Bränden. Brände ernähren und im großen Brand sitzt der, der durch den Brand erst erzeugt wurde.“

„Da, da kommt Eli.“ Dolores rannte zur Tür und öffnete dem jungen Israeli, der ein Kind an der Hand führte. Der Ladeninhaber, ein 45 jähriger Libanese jüdischen Glaubens eilte zur Tür und verschloss sie, ehe sich eine Gruppe von Chaoten hineindrängen konnte. Die elektrischen Rollos sanken herunter und sicherten das Fenster, denn vor dem Fenster flogen wieder Steine und es wurde geschossen. 

„Da habt ihr Glück gehabt“, zischte der Mann. „Eine Sekunde später und ihr wäret nicht mehr hier herein gekommen. Hallo Eli. Schön Dich zu sehen!“ Offenbar kannte er Eli, der ihm die Hand reichte. 

„Hallo Eras“, erwiderte Eli. „Danke, dass Du solange die Tür unverschlossen gehalten hast. Hallo“, er nickte den anderen zu. „Ich hatte Euch hierher bestellt, weil Eras ein Freund ist. Ich wusste, er würde auf euch aufpassen und für mich die Tür offen halten. Ich habe diesen Jungen geholt. Es war meinem Vater wichtig, ihn zu euch zu bringen. Sein Name ist Joshua.“ 

Joshua war etwa 9 Jahre alt, eher klein für sein Alter, mit weichem, langem, dunklem Haar. Seine Augen hatten einen tiefen Glanz, der irritierte, wenn man zu lange in diese Augen blickte.“

Nigromontanus hatte sich erhoben, ging zu dem Jungen und umarmte ihn. 

„Deinetwegen sind wir hier“, denke ich. 

„Seinetwegen?“, fragte Hoffmann. „Ich weiß so wenig wie ihr, was geschehen wird, aber das, was geschieht, ist nicht zufällig.“

„Ich habe ihn bei einem der Klöster abgeholt. Er wurde dort versteckt. Es wurde geradezu Jagd auf uns gemacht.“

„Hallo“, sagte Dolores und beugte sich zu dem Jungen herab. „Ich glaube, er weiß gar nicht so recht, was hier vor sich geht. Du hast Angst, oder? Brauchst Du nicht. Wir passen auf Dich auf.“

Eras lauschte besorgt den Schüssen, die auf der Straße zu hören waren. „Hier wird es ungemütlich“, sagte er. „Kommt mit. Wir verlassen den Laden und bringen uns in Sicherheit.“

Die beiden Bedienungen warteten, bis all durch den Hintereingang verschwunden waren, dann löschten sie das Licht und verschlossen die Türe hinter sich. Sie folgten Eras durch enge Gassen, in denen sie ab und zu auf Randalierer stießen, die aber von Peter, Paul, Thomas und Angelina in die Flucht getrieben wurden. Plötzlich hörten sie einen Hilferuf. In einer Haustür stand eine Frau, die von zwei Männern bedrängt wurde. 

„Ignoriert sie“, sagte Eras. „Wir müssen weiter.“ Tatsächlich drängten sich Vermummte in die Straße. „Los, da hinten rechts herum“, sagte Eras. Nigromontanus und Thomas Hoffmann hatten Joshua zwischen  sich und Peter und Paul sicherten Dolores und Linda ab, die hinter Joshua rannten. 

Thomas und Angelina aber blieben zurück. 

„Wir helfen der Frau“, sagten sie. „Wir kommen hinterher. Wohin geht ihr?“ 

„Treffpunkt ist am Golgatha“, rief Eras. Peter und Paul blickten zurück und sagen Thomas und Angelina der Frau zu Hilfe eilen, während am Ende der Gasse ein wilder Mob heran stürmte. 

„Ihr müsst bei uns bleiben“, rief Nigromontanus. „Joshua muss um jeden Preis beschützt werden.“

Es blieb keine Zeit, zu überlegen. Sie folgten den anderen, die in eine Seitengasse einbogen.


Das Böse scheint zu triumphieren


Gregorius und seine Männer hatten sich unter das Volk gemischt. Ihr Auftrag war klar. Sie mussten die Geflohenen finden, aber sie sollten auch für Unfrieden sorgen und das taten sie. Sie teilten sich auf, mischten sich unter die Flüchtlinge, gesellten sich zu Demonstranten und waren überall da, wo die Wut entflammbar war. Es war wie ein Paradies. Mercator hatte die Stadt ebenfalls betreten. Einige seiner Männer hatten sich in der Stadt verteilt. Sie wirkten völlig unauffällig. Mercator selber hatte sich zu den Muslimen begeben, um sie zu einem Endkampf aufzustacheln, der ihnen schon lange am Herzen lag. Er war dabei unsichtbar gewesen, wie ein Nebel und hatte sich in die Herzen geschlichen, wo er alle Instinkte, die zu Mord und Hass drängten, befreite. Nun war der Zeitpunkt gekommen Rache zu nehmen, suggerierte er. Leider waren zwei der Muslime ihm nicht unbekannt und er ihnen nicht. Sie hatten ihn in leiblicher Gestalt in Ostjerusalem eindringen sehen und das bedauerte er. Er spürte ihren Hass, aber es gelang ihm nicht, ihn in eine Richtung zu lenken: sie hassten auch ihn und sie hassten ihn mehr, als sie die Juden und Christen hassten. Er wusste, dass er sich verraten hatte. Die beiden hatten begonnen, zu beschwichtigen. Sie waren starke Persönlichkeiten, aber auch sie würden keine große Unterstützung finden. Als die ersten Muslime Raketen auf den Westteil der Stadt abfeuerten, fühlte Mercator in sich ein wohliges Feuer brennen. Der Meister würde das alles begrüßen.

Karim und Ben Yussuf aber ahnten nun, welches Spiel hier gespielt werden sollte. Wieder wurden ihre Brüder und Schwester instrumentalisiert von diesen Ungeheuern, die letztlich vor keiner Partei Halt machen würde, um sie zu verschonen.

Die Atmosphäre unter den Muslimen war bereits zu aufgeheizt, um Einfluss nehmen zu können. Sie mussten zurück zu dem alten Mann. Der hatte eventuell eine Idee, was zu tun war. Hier würden alle gegeneinander gehetzt werden und in Blut und Grausamkeit ertrinken.

Sie verließen den Ostteil der Stadt und machten sich auf die Suche.

Mercator aber wurde gemeldet, dass es ihnen gelungen war, zwei dieser Adepten in eine Falle zu locken. Sie hatten sie an ihrem Mitgefühl gepackt und in ein Haus gelockt, in dem sie jetzt gefangen waren.

„Schlagt ihnen die Köpfe ab“, sagte Mercator und lasst es so aussehen, als habe ein Muslim das getan.

Und so geschah es. Thomas und Angelina wurden geköpft. Ein muslimischer Täter wurde von der Polizei gestellt. Er trug ein Messer in der Hand und stammelte etwas von Allah und seinem Kampf, den er im Innern lange schon verloren hatte, denn der Meister selber hatte es sich nicht nehmen lassen, diesen Körper zu lenken. Er genoss den Hass, die Angst, die Abscheu und die Wut, die nun durch die Menschen gingen. Rache! ertönte es. Er aber hatte bessere Pläne, er ließ die Menschen, die glaubten, auf der Seite des Guten Hass versprühen zu dürfen, zu tausenden auf die Straße gehen und den Mörder verteidigen, der nicht instrumentalisiert werden dürfe für rechte Propaganda. Er ließ sie eine Feier veranstalten, in der sie ihre rohe Musik genossen, als sei es ein Fest der Freude gewesen, dass zwei junge Menschen geschlachtet worden waren. Der Meister aber spürte, wie seine Taktik die Wut anschwellen ließ. Wie dicker, gelber Eiter quoll sie aus allen inneren Wunden und infizierte jeden. Hass waberte wie eine durststillende Wolke und der Meister bewegte die Arme und verteilte diesen süßen Duft, bis hin zu den Muslimen, wo seine Abgesandten den Mörder feierten, als sei er ein Held. Mercator war im Innersten eins mit seinem Meister und er fühlte unglaubliche Wonnen. Wie klug der Meister war. Ein ungeheures Festmahl stand bevor.



Peter und Paul ziehen los, um die getöteten Freunde zu rächen


Nigromontanus hatte es als erster erfahren. Er hielt inne und spürte den Toten hinterher. Sie waren nicht verloren. Aber das konnte er den anderen sicher nicht vermitteln. Der kleine Joshua schien genau zu wissen, was er dachte. Er sah ihn mit wachen Augen an, sagte aber nicht. 

„Ich muss es Euch jetzt mitteilen“, sagte er und schaute zu den jungen Menschen, die nervös auf ihre Freunde warteten. 

„Eure Freunde wurden ermordet.“ 

Peter, Paul, Linda, Dolores, Thomas und Angelina waren eine Familie. Sie waren zusammen aufgewachsen. Sie hatten diese furchtbaren Ereignisse zusammen durchgestanden, aber sie waren bis zuletzt davon überzeugt gewesen, dass nichts und niemand sie trennen konnte. Der Tod von Angelina und Thomas war unfassbar und stürzte sie in einen Abgrund von Trauer. Dolores und Linda lagen sich schluchzend in den Armen und auch Peter und Paul liefen die Tränen herunter. Sie setzen sich. Alles schien so sinnlos. Thomas Hoffmann stand ernst und schweigend, sagte dann aber leise zu Nigromontanus: 

„Wie ist es passiert?“ 

„Sie wurden von Schergen des Amalek gefangen. Er lenkte einen verwirrten Einzeltäter und führte ihm Geist und Hand. Dieser Mann ermordete die beiden.“

„Ein Mann hätte die beiden niemals besiegt“, sagte Peter. „Beide waren stärker, als irgendein Mann.“

„Ihr Gegner war ein furchtbarer Gegner“, sagte Nigromontanus. „Kein Mensch.“

„Ich kann es nicht glauben“, sagte Peter, „Ich will sie sehen.“

Eli beugte sich zu Joshua, der ihm etwas ins Ohr flüsterte. 

„Ihr sollt nicht in den Hass fallen“, sagte er.

Sie rasteten unter mehreren Bäumen am Stadtrand.

„Ich muss sie auch sehen“, sagte Paul. „Wir gehen los und suchen sie.“

„Macht das nicht“, sagte Nigromontanus. „Gregorius und Mercator sind mit ihren Männern in der Stadt. Sie wollen Euch auch töten.“

„Das ist uns egal“, sagte Peter. „Sollen sie es doch versuchen.“

„Ich kann euch Waffen geben“, sagte Eras. „Wenn Euch das etwas nützt.“

„Das ist nicht der richtige Weg“, sagte Nigromontanus. „Hört lieben auf ihn“, sagte Thomas Hoffmann.

„Gib uns deine Waffen“, sagte Paul. „Wir gehen und niemand kann uns aufhalten.“

„Aber wo wollt ihr hin?“, sagte Nigromontanus.

„Wir wollen sehen, ob sie wirklich tot sind und wir wollen Rache.“

„Ihr macht genau das, was er  will“, sagte Nigromontanus.

Eli sagte etwas zu Eras. Der schüttelte den Kopf. 

„Eli meint, es sei besser, hier zusammen zu bleiben und zu warten“, sagte er. „Aber ich will ehrlich sein. Meine Großeltern haben gewartet, als die Nazis sie deportierten. Sie haben gewartet, als sie aus Warschau abgeholt wurden und sie haben gewartet, ehe sie in die Gaskammern gingen. Wir sind Israeli und wir haben nie mehr gewartet. Ich komme mit Euch und wir lassen die hier warten. Vielleicht hilft Ihnen ja ihr Joshua Knäblein. Denn das ist doch seine Rolle, oder. Ihr Christen hängt an einem Messias, wie der Junkie an einer Nadel und deshalb habt ihr Eure Heimat verloren. Lieber Joshua, Dein Vorbild hat auch gewartet, bis die Lichter am Kreuz ausgingen, nicht wahr, anstatt den Römern in den Arsch zu treten.“

Eras nickte Peter und Paul zu. 

„Eras“, sagte Eli. Aber Eras hörte nicht. Dolores und Linda hatten weinend zugehört. 

„Geht nicht“, sagten sie. Wir wollen Euch nicht auch noch verlieren.“

„Wir müssen gehen“, sagte Peter. „Sonst kann ich keine Sekunde mehr vor mir gerade stehen. Und wenn es nur ist, um die beiden nochmal zu sehen.“

„Wir müssen das tun“, ergänzte Paul. „Wenn dieser Gregorius hier ist, dann soll er kommen, wir schicken ihn  in die Hölle zurück, in die er gehört.“

„Das könnt ihr nicht“, sagte Nigromontanus. Aber sie hörten ihn nicht. Eras verschwand mit den beiden in Richtung Stadt. Er besorgte ihnen Pistolen und Munition und gab Ihnen Messer, mit denen man Köpfe abschneiden konnte. Der blonde Hüne Peter schritt neben dem rothaarigen, wild aussehenden Paul hinter dem kräftigen Eras her in Richtung Stadtmitte. Sie wollten den Ort aufsuchen, an dem ihre Freunde gestorben waren und wenn möglich, wollten sie die Leichen sehen. Aber im Stillen hofften sie, die Feinde zu treffen. Die beiden Männer, die die Frau bedrängten, waren demnach Leute von Gregorius gewesen und vielleicht gelang es ihnen an ihn heran zu kommen.

Sie wussten nicht, dass Mercator und Gregorius eben das gewollt hatten. Sie saßen in einer Stadtwohnung und bereiteten alles vor, Peter und Paul ihren Freunden hinterher zu schicken.

Nigromontanus wusste das. Unruhig saß er und überlegte. Dann erhob er sich und sagte: 

„Ich werde Ihnen helfen. Eli, Du und Thomas Hoffmann, ihr passt mir gut auf den Jungen auf und ihr Frauen bleibt hier. Ich muss sofort los. Ehe die Falle zuschnappt.“

Er drehte sich um und hastete zurück in die Stadt, in der nun fast an jeder Straßenecke gekämpft wurde. Nigromontanus betete. Er suchte die Reste seiner Kraft zusammen, aber plötzlich spürte er, dass irgendetwas oder irgendwer ihm eine Kammer im Inneren öffnete, aus der Licht und Kraft strömten. Er wurde wieder hellsichtig. Joshua, dachte er. Und er dankte dem Jungen, der ihn wieder in die Lage versetzte, das Böse am Morden zu hindern.

Eras hatte die beiden zum Tatort geführt, an dem zwei Polizisten wachten. Trauernde und Gegendemonstranten standen sich gegenüber. Eras redete mit den Polizisten, und diese gaben ihm eine Adresse. Dorthin könne man sich wenden, um nach einer Erlaubnis zu fragen, die Getötete zu sehen. Einer der Polizisten kam nun auf die beiden zu. 

„Ihr seid Freunde der Ermordeten?“ Peter nickte. „Es gibt Hinweise, dass es Hintermänner gab, die sich entzogen haben. Wir sind ihnen auf der Spur. Ich kann Euch einen Tipp geben. In der Dizengoffstraße findet ihr ein älteres Haus. Es wirkt unbewohnt. Dort soll ein Treffpunkt sein.“

Die beiden bedankten sich. 

„Ich bringe Euch dahin. Ich weiß, wo das ist“, sagte Eras, „aber dann verlass ich Euch. Mehr kann ich nicht tun. Ich muss zu meiner Familie. Die Zeiten sind gefährlich. Ich muss sie beschützen.“ Eras meinte es, wie er es sagte, aber er stand unter dem Einfluss Mercators.

Er führte die beiden hochgewachsenen Europäer zu dem alten Haus, das eher unheimlich wirkte. Tatsächlich schien jemand im Haus zu sein. Es stand eine Limousine vor der Tür, ein alter Subaru, wie sie früher in Israel üblich waren. Eras nickte den beiden zu, reichte ihnen die Hand und eilte zurück zu seiner Familie.

Peter und Paul näherten sich dem Haus. Sie überlegten, was sie tun sollten. Wenn es stimmte, dass hier Verbündete der Mörder waren, dann konnte man warten, bis sie heraus kamen, sich einen greifen und verhören, oder man ging in das Haus und schaute sich die Bewohner näher an.

Die Aussage eines Polizisten war aber wohl nicht genug, um sie zum Handeln zu bewegen. In diesem Moment kam ein Auto, hielt vor dem Haus und heraus stieg Gregorius. Sie erkannten ihn sofort. Er schaute sich um, scheinbar, um zu sehen, ob er beobachtet wurde, und dann betrat er das Haus.

„Das ist das letzte Mal, dass er zum Mörder wird“, sagte Peter. 

„Komm“, sagte Paul und die beiden rannten über die Straße und betraten das Haus.

Es war ein altes Haus, das offenbar unbewohnt war. Eine Holztreppe führte ins obere Stockwerk. Die Fußabdrücke waren frisch. Gregorius war dort hinauf gestiegen. Sie nahmen die Pistolen und wollten ihm folgen. In diesem Moment betrat jemand in ihrem Rücken das Haus. Als sie sich umdrehten sahen sie Nigromontanus. Dieser hielt einen Finger vor die Lippen und bedeutete ihnen leise zu sein. Dann nutzte er die Kräfte, die ihm zur Verfügung standen und schuf eine Zeitfalte, in der sich die drei verbargen. Nun waren sie unsichtbar für Gregorius, der sofort, als er das Haus betreten hatte seinen Männern, die im oberen Stockwerk warteten, ein Kommando gab. Dann stieg er die Treppe ins obere Stockwerk hinauf, gefolgt von Peter, Paul und Nigromontanus, die sich im Schutze der Zeitfalte befanden. Im oberen Stockwerk warteten fünf bewaffnete Männer und in einer Ecke stand, machtvoll und böse Mercator. Er schien kurz aufzumerken, als die drei den Raum betraten. Er hatte etwas bemerkt, aber er konnte es noch nicht einordnen. Gregorius stand bereit. Man würde die beiden Adepten bestialisch abschlachten und ihre Überreste an die Grenze zu Ostjerusalem bringen. Auf den Überwachungskameras würde man mehrere islamische Gotteskrieger  zu sehen bekommen.

„Sei auf der Hut“, warnte Amalek plötzlich Mercator. In diesem Moment wurde der Mann sichtbar, den man Nigromontanus nannte  und bei ihm standen zwei Hünen, die Pistolen in der Hand trugen. Mercator erfasste augenblicklich die Gefahr der Lage und verschwand.

Obwohl die Gegner in der Überzahl waren, hatten sie keine Chance. Sie wurden überwältig. Nigromontanus aber stand Gregorius gegenüber, der sich nun  in seiner ganzen Abscheulichkeit zeigte. Er griff den alten Mann an, der durch Joshuas Hilfe im Vollbesitz der Kräfte war. Er fing den Anstürmenden in einer Zeitfalte und löste diese auf in ein Nichts. Gregorius stürzte hilflos in den Höllenpfuhl und seine menschlichen Reste landeten vor Judas, der spürte, dass das die Stunde seiner Gnade war. Er übergab dem Gregorius seinen Platz, und er fühlte Joshuas Hand, die ihn aus der Hölle hob. 

„Du mein Freund, wirst nun hier, in diesen menschlichen Resten überdauern und dich von Hass und Eiter ernähren müssen“, sagte er. Gregorius war hier unten, ohne das ihm anhaftende Böse, der dickliche, weinerliche Zwerg, der er im Grunde seines Herzens immer gewesen war. Es wusste, dass weder der Meister noch Mercator ihm jemals etwas anderes als Spott entgegenbringen würden und dass er auf unendliche Zeit hier unten gefangen war. Er stöhnte vor Entsetzen, während Judas in einem Licht verschwand, das ihn unverzüglich in das Reich brachte, das ihm ursprünglich einmal offen gestanden hatte. 

„Danke Joshua“, stammelte er, „Danke.“ Und er sah vor sich alte Freunde, die ihm lange verziehen hatten.

Die Männer des Gregorius verloren im gleichen Augenblick an dämonischer Macht. Das Menschliche in ihnen war zu zerstört, um sie am Leben zu erhalten. Einer nach dem anderen sank seufzend in den Höllenpfuhl.

„Mercator ist uns entwischt“, sagte Nigromontanus. „Ein Jammer.“

In diesem Moment sahen sie den dunklen Schatten eines Mannes, der sich aus einer der Wände löste. Ehe Nigromontanus reagieren konnte, umgab ihn eine dunkle Wolke, die das Licht, das ihn am Leben hielt, neutralisierte. Er spürte, dass er seine menschliche Gestalt verlor. Irgendjemand öffnete ihm eine innere Tür und er wurde mitten im Sturz aufgefangen und sank in ein Licht, das ihn forttrug in eine Welt, die er als absolute Wirklichkeit erkannte. 

Peter und Paul hatten den Angreifer gesehen und mit Entsetzen beobachtet, wie er Nigromontanus tötete. Sie flohen aus dem Haus und rannten über die Straßen. Unwillkürlich schlugen sie die Richtung nach Ostjerusalem ein. Dort gelangten sie in den Bereich der Kameras, und sie wurden bereits erwartet. 

„Allahu Akbar“, schrien die Angreifer und umringten sie. Sie kämpften wie die Löwen, doch sie unterlagen den Angreifern, die sie festhielten und ihnen die Köpfe von den Schultern schlugen. Im Video der Aufzeichnungsanlage sah man später nur die muslimischen Gotteskrieger, die die beiden jungen Europäer bestialisch enthaupteten.

Dies war sein Sieg. Mercator fühlte unbändige Kraft. Niemand würde ihm mehr im Wege stehen.

Seine Männer machten jetzt schon Jagd auf diesen Gottessohn, den der Jude und die beiden Mädchen bewachten. Besondere Freude machte ihm aber der letzte der Gegner. Thomas Hoffmann, sein alter Freund.


Joshua und Mercator treffen sich. Mercator ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er sieht seinen Meister Amalek siegen und er hat den Gottessohn wehrlos vor sich, doch er hat nicht mit Karim und Ben gerechnet


Eli, Dolores, Linda und Thomas Hoffmann saßen mit Joshua am Rande der Stadt und lauschten dem Lärm auf den Straßen. Seit einigen Minuten wurde geschossen. Raketen flogen aus dem Ostteil der Stadt in den Westteil. Schwere Panzer rollten durch die Straßen. Ab und zu sah man Mündungsfeuer.

Seltsamerweise waren sie hier oben fast allein. Es sah aus, als implodiere die Stadt. Aus den äußeren Bezirken strebten alle Parteien ins Stadtzentrum, wild entschlossen, den Sieg zu erringen. 

Die Kämpfe, deren Zeuge sie in der Innenstadt geworden waren, hatten sich ausgeweitet. Linke Kräfte, die gegen die Siedlungspolitik zu sein vorgaben und die sich solidarisch fühlten, mit den Schwarzen, die aus der Wüste gekommen waren und den übrigen Flüchtlingen, die sich in die Stadt gedrängt hatten, explodierten in wildem Hass und Vernichtungswillen gegenüber nationalistischen Kräften, die sich mit der Polizei und Kräften der Armee verbündeten. Im Ostteil der Stadt aber sammelten sich Palästinenser und arabische Bewohner in anschwellendem Hass. Die Christen, die die Stadt bewohnten, meinten, den Messias gesehen zu haben. Er war bald hier, bald dort erschienen und hatte zum Endkampf aufgerufen. Bei den Muslimen war es der Prophet selber, der mit hocherhobenem Schwert die Muslime zum Kampf gegen die Ungläubigen aufrief. Bei den Juden war es Elias, der ermahnte, zu Gott zurück zu finden und den zionistischen Pfad zu verlassen. Wer konnte sich der Stimme Gottes entziehen. Die Flüchtlinge wurden aufgepeitscht durch machtvoll wirkende Männer, die an die Jahrhunderte alte Demütigung ihrer Völker durch Weiße, Araber und Juden erinnerte. Unter Lebensgefahr sei man durch die Wüste geirrt, und nun sei es an der Zeit, Rache zu nehmen.

In den Tiefen der Hölle hatte sich Amalek in seine mannweibliche Gestalt gekleidet. Sein Haar glänzte in seidigem Blond und umschmeichelte sein männliches Gesicht, mit dem spitzen Kinn und dem Ziegenbart, der seitlich des vollen, geröteten Mundes in mehreren goldenen Fäden herunter hing. Er trug ein seidenes Gewand, das durchsichtig genug war, seine Brüste zu zeigen. Dabei war er äußerst männlich anzusehen. Zwei mächtige Schwingen wuchsen ihm aus den Schultern und seine Beine wurden bedeckt von einem tiefblauen Rock, der die behaarten krummen Ziegenbeine verdeckte.

Er schritt aus den Tiefen der Hölle und flog majestätisch hinauf zum Tempelberg, von dem aus er auf das Gemetzel in der Stadt blicken konnte. Ganze Heerscharen von Teufeln krochen aus der Tiefe und versammelten sich zwischen den Menschen. Hass, Wut, Blutrausch, Gewalt und Mord stiegen in Wolken zu seinem Himmel, der immer dunkler wurde, während Feuer aus ihm zu stürzen schien. Sein gewaltiger Körper thronte über der Stadt und wurde größer. Die Schwingen breiteten sich über die Wohnstätte der Menschen und das Morden nahm kein Ende. Er fühlte Macht und Sieg. „Mercator“, rief er, „vollende unseren Triumph.“

Und Mercator folgte Eras, der für zwanzig Silberschekel seinen Freund Eli verraten hatte, hinauf zum Ölberg. 


Eli sah Eras, der einen Mann zu ihnen herauf führte. „Das ist Mercator“, sagte Thomas Hoffmann. 

„Ihr müsst fliehen, nehmt Joshua mit.“ 

„Ich muss hier bleiben und auf Peter und Paul warten“, sagte Linda. 

„Lauf“, rief Hoffmann Dolores zu. „Du musst den Jungen hier fort bringen.“ Dolores sah den hageren, wie der Tod wirkenden Mann, der zügig den Berg heraufkam. Er war in Begleitung des Wirtes, aber dieser wirkte eingeschüchtert, als sei sein Leben schon verwirkt. Da nahm sie den Jungen an der Hand und die beiden rannten los, den Berg hinauf.

Eras blieb stehen und ließ Mercator alleine weitergehen.

„Tut mir Leid, Eli.“, rief er. „Ich musste an meine Familie denken.“

Er drehte sich um und rannte in die Stadt hinunter, die in tiefer Dunkelheit versank. Als er die ersten Häuser erreichte, sah er sich plötzlich umringt von Männern, die auf ihn gewartet hatten. Er sank auf die Knie und bettelte um sein Leben, aber die Männer ergriffen ihn und zogen ihn hinter sich her in die dunkle Brunst, die wie ein schwarzes Feuer alle Leben löschte und in den Bannkreis des Amalek steigen ließ. 


„Mercator“, sagte Hoffmann. „Mein dunkler Mentor.“

„Du siehst“, sagte Mercator und zeigte hinunter in die in tiefster Dunkelheit versinkende Stadt, „es wäre besser für Dich gewesen, IHM zu folgen.“

Thomas Hoffmann sah zum Tempelberg, wo Amalek in wildem Triumph die Arme gegen den dunklen Himmel reckte.“

„Was hat er gewonnen, außer einem Land voller Tod und Verderben“ sagte Thomas Hoffmann.

„Hier. Ich habe was für Dich“, sagte Mercator. Er öffnete den Mantel und holte die Köpfe von Peter und Paul aus einem Korb, den er an den Hüften trug. Ein Geschenk.“

Linda schrie vor Entsetzen und stürzte sich auf den großen, knochigen Mann, der ihr in einer schnellen Bewegung das Genick brach. Sie sank dem Mercator vor die Füße, der jetzt nicht mehr an sich halten konnte und seine menschliche Gestalt abwarf. Er sah aus, wie der kleine Bruder des Luzifer: jünger, mannweiblicher, entrückter. Er griff in den Korb und holte den Kopf von Nigromontanus heraus. 

„Hier, euer Freund“, lachte er und er genoss das Entsetzen in Thomas Hoffmanns Augen. „Dies ist eure letzte Minute. Bettelt um Gnade. Sie wird Euch nicht gewährt.“

Eli hatte sich ganz still verhalten. Er lächelte Thomas Hoffmann an und sagte mit ruhiger Stimme: 

„Dann erfüllt sich hier unser Schicksal.“

„Es war gut, deine Bekanntschaft gemacht zu haben“, sagte Hoffmann, der nichts mehr fühlte. Sein Leben war zu Ende. Er fühlte nur noch Traurigkeit. 

„Was für ein Leben erwartet Dich, Mercator?“, sagte er und es klang fast wie Bedauern.

Mercator stieß einen Zornesschrei aus und er tötete beide Männer mit den ungeheuren Kräften, die ihm der Meister verlieh. Dann wendete er sich rasch dem Ölberg zu und stieg hinauf, um sein Werk zu vollenden.


Amaleks Stunde


Amalek spürte, dass die letzten Leben in der Welt erloschen. Viele Seelen stiegen an ihm vorbei und verschwanden dorthin, wo er eine Grenze zu seiner Finsternis spürte. Zornerfüllt schwenkte er das Haupt. Seine Teufel standen um ihn herum wie Sklaven. Mit einer Geste konnte er sie töten oder in Bewegung versetzen. Sie waren Nichts ohne ihn. Er hatte gehofft, nun eine Lichtwelt zu besitzen, aber als er sich umsah, gewahrte er nur seine Hölle, die jetzt die Erde umfasste. Als er erkannte, dass seine Verbannung nicht enden würde, schrie er und dieser Schrei drang in den düsteren Himmel: „Mein Gott, warum hast Du mich auf ewig verdammt?“


Mercator hatte den Ölberg erreicht. Seine Augen vermochten auch in der Düsternis zu sehen. Als er die Stelle erreichte, an der Judas Jesus verraten hatte, sah er dort dieses Mädchen sitzen, den Knaben, den der Meister erwartet hatte, im Arm.

Er kam stolzen Schrittes näher. 

„Gottessohn. Nun wirst Du aus dieser Welt entfernt wie ein Geschwür und nur einer wird hier herrschen, mein Herr, der Amalek.“

„Wo ist sein Licht?“, fragte der Knabe.

Mercator schaute sich um und registrierte die völlige Finsternis. Nur der Meister saß auf dem Tempelberg und leuchtete in einem fahlen Licht, das an einen versunkenen Vollmond erinnerte. Dieses Licht hatte weder Reichweite noch Wärme. Es beleuchtete eine Verlassenheit, die Mercator als ein tiefer Schmerz berührte. 

„Wo ist Euer Triumph? Wo Euer Jubelschrei?“, fragte der Knabe.


Charly erscheint in Begleitung seiner Freunde und wird Zeuge von Amaleks Untergang


Das war der Augenblick, als wir auf dem Hügel erschienen. Maria und Johannes hatten uns geführt und eben zur rechten Zeit ans Ziel gebracht.

„Dolores!“, rief Josef und rannte zu der jungen Frau, die aufstand und in seine Arme sank, während der Junge sich langsam umdrehte und Mercator in die Augen sah. 


„Das ist die Stunde des Amalek“, rief Mercator und reckte sich, während sein Meister vom Tempelberg herüber spähte. „Der Sohn fällt in unsere Hand, Meister. Der Sieg ist vollkommen.“


Weder Johannes, noch Maria rührten sich. Sie wirkten fast unbeteiligt. Karin und Richardson waren genauso entgeistert, wie Heidi und ich. Der Mann, der dort vor uns stand sah wie ein grotesk geschminkter Transvestit aus, der in unserer Zeit der Grand Prix de Eurovision gewonnen haben könnte. Er war hager, groß, seine Augen standen leicht vor und waren von farblosem Blau. Sein Gesicht war sehr männlich. Die Lippen wirkten wie geschminkt, doch trug er ein Ziegenbärtchen, das seitlich der Mundwinkel herab hing. Er war in ein durchsichtiges Gewand gekleidet, das durchschimmern ließ, dass er Brüste besaß und dass sein Körper bis zum Unterleib der einer Frau war. Der Unterleib selber war versteckt hinter einem tiefblauen Rock. Diese Erscheinung, so grotesk sie wirkte, hatte etwas Beängstigendes. Niemals zuvor hatte ich jemanden gesehen, der so furchterweckend wirkte. Das mochte daran liegen, dass es einem war, als sauge einem etwas alles Licht und alle Freude aus den Gliedern in seiner Nähe. 

Dolores war eine wunderschöne Frau. Ebenso wie Joseph sie beschrieben hatte. Zweifellos war Karin eifersüchtig, aber es war auch für sie rührend, diese beiden zu sehen, die in unendlicher Freude über das Wiedersehen, den Schrecken vergaßen, der diese Welt ergriffen hatte.

Wir waren durch unendliche Öden gewandert, niemals im Kontakt zu irgendwem. Es war, als lebte nichts mehr auf diesem Planeten. Es läge daran, dass wir nichts Böses in uns trügen, hatte Maria gesagt. Die Welt sei zum Spiegel geworden und Armageddon sei der große Kampf des Lichts und des Schattens. Nun gut. Ich hatte in meinem Leben genug Böses angerichtet und ich konnte es einfach nicht einsehen, dass gerade ich als frei vom Bösen gelten sollte. Oder Richardson. War dieser Polizist nicht in tausend Händel verwickelt gewesen. Ein Mann, dem Gewalttätigkeit nicht fremd war. Heidi mochte unschuldig sein, obwohl wir ja Gegenteiliges gehört hatten und Karin schien mir auch eher friedfertig. Aber Maria klärte uns auf, dass sie als ehemalige Liebesdienerin trotzdem Gnade gefunden hatte, weil Licht in ihr den Schatten überwog. Nun ja. Bei ihr mochte man das glauben. Sie wirkte so engelhaft, so freundlich und sanft, dass ich mich verliebt hätte, wenn ich es nicht schon gewesen wäre. Und Johannes? War er Fischer gewesen, wie manche der anderen Jünger? Ich wagte es nicht, ihn zu fragen. Warum er Jesu Lieblingsjünger gewesen war, der an seiner Schulter lehnen durfte, war mir schnell klar geworden. Er war weich und eher feminin, aber er besaß einen starken, fast schon kühnen Kern. Seine große Warmherzigkeit fiel auf und man vertraute ihm augenblicklich. 


Dolores hatte den Jungen kurz losgelassen. Es war ein Knabe, schmal, zart gebaut, von etwa neun Jahren. Er war eher klein. Sein Haar war lang. Er trug eine Jeans und ein T Shirt. Ein ganz normaler Junge konnte man sagen, wenn da nicht diese Augen gewesen wären.

Ich hatte seinen Blick nur kurz gestreift, aber augenblicklich war mir klar, warum Maria und Johannes so ehrfurchtsvoll schwiegen. Dieser Junge war nicht das erste Mal hier.

Der Mann, den sie Mercator nannte, musste über ungeheure Kräfte verfügen. Er hatte die beiden Männer, die bei Dolores gewesen waren förmlich zerrissen. Überall war Blut. Ein zartes Mädchen lag ebenfalls tot am Boden.

In der Ferne, auf dem Tempelberg sah ich einen Zwillingsbruder dieses Mannes sitzen, in ein fahles Licht gehüllt, der sich nun auf Schwingen in die Luft hob und zu uns herüber flog.

In diesem Moment erreichten zwei Männer den Ölberg, mit denen Mercator wohl nicht gerechnet hatte. Es waren zwei muslimische Krieger, gekleidet in arabische Gewänder, bewaffnet mit Säbeln. Sie tauchten unvermittelt auf wie Schatten und stürzten sich wortlos auf den seltsamen Mann. Ein gewaltiger Hieb traf den Körper, drang durch das Fleisch und zerteilte den Mann förmlich. Der zweite Muslim schlug ihm mit einem nicht minder heftigen Schlag den Kopf von den Schultern. Wir standen wie erstarrt. Ein Rauschen von Flügeln in der Luft, eine gewaltige Anwesenheit, die mir die Kraft nahm, zu atmen und ein Ebenbild des Gerade Zu Boden Gesunkenen erhob sich im Rücken der beiden Krieger zu einer imposanten Größe.  Der Riese ergriff die beiden Muslime und hob sie wie Kaninchen in die Höhe.


„Sind das die Opfer an mich, die Du mir zugestehst, Du Gottes Sohn: böse Seelen, wuterfüllt, hasserfüllt, gierend nach Rache. Du denkst, das sind alles seine Kinder, nicht wahr und Du bist zu stolz, auch nur ein Wort zu sagen? Sieh sie dir an, wie sie quieken und sich fürchten. Er schüttelte die beiden, die aber offenbar bereits mit ihrem Leben abgeschlossen hatten und sich ihrem Schicksal ergaben. „Solche sind es, die mir zu Eigen sind, nicht wahr? Alle Seelen, die ein eigenes Leben wollen, die eine Freiheit wollen, die Lust wollen und einen Gott, der sie versteht, nicht wahr?“ Er ließ die Muslime fallen, wie faulendes Obst. Dann richtete er sich zur vollen Größe auf und breitete seine Schwingen aus.

„Das Licht. Ich will meinen Anteil. Warum wurde ich heraus gestoßen aus dem Licht. Warum diese Finsternis? Was ich anfasse verglüht und überall bleibt nur Asche.“

Das Ungeheuer lachte verzweifelt. Dieses Lachen scholl einsam durch die Nacht.

„Nun, Amalek, ist der Zeitpunkt gekommen“, sagte der Knabe mit heller Stimme. „Der Drache wird gefesselt und in die Hölle hinab gestoßen. Dies war deine Stunde. Die Stunde des Amalek. Dazu warst Du geschaffen, mich zu versuchen und mir so den Weg zum ewigen Leben zu ebnen. Nun hast Du diese Welt gekreuzigt und auch dieses Mal wird sie als neue Erde in Ewigkeit auferstehen.“

„Stolz regierte ich meine Welten, stolz widerstand ich Dir und stolz fahre ich nun in meine Verbannung hinunter. Denn ich bin Dein Schatten und Gegenstück und ohne mich und meine Finsternis wäre das Licht nicht offenbar geworden“, rief der Riese und stieß einen wilden Schrei aus. 

In diesem Moment brach ein Licht durch die Finsternis und das Licht reichte einmal um die ganze Erde und der Knabe schwebte empor auf einer Wolke.

„Nun ist es vollbracht“, hörte ich. Hügel und Täler formten sich, Bäume, Blumen und Gräser waren zu sehen und man sah Menschen, soweit das Auge reichte, die lachend und fröhlich beieinander standen.

Eine helle Sonne stand wärmend am Himmel.

Der riesige dunkle Engel aber kniete am Boden und bedeckte sein Gesicht mit Händen, als schmerzte ihn das Licht.

„Gib mir eine Minute, gib mir  nur eine Minute im Licht“, bat er, doch das Licht begann ihn zu verbrennen und so verblasste seine Gestalt wie ein Schatten und plötzlich  war er verschwunden.

Das alles dauerte einen Moment oder war es eine Ewigkeit?

Wir atmeten Frühlingsluft und die Erde war ein sicherer und wundervoller Ort. Und ich wusste, ab jetzt würde dem Tod kein Reich mehr bleiben. Amaleks Stunde war gekommen. Finster und finsterer wurde sein Weg in die Hölle. Befreit jubelten die Herzen. Tod, wo ist Dein Stachel?



Die neue Welt


Sie waren alle dort: Peter, Paul, Linda, Thomas, Angelina, Dolores, Thomas Hoffmann, Eli, sein Vater und zuletzt kamen die zwölf aus ihren zeitlosen Klüften. Wie war ich dorthin gekommen? Ein Mann, der nie zu leben verstanden hatte, in der Ohnmacht seiner besten Jahre, verschollen in Einsamkeit und Verzweiflung? Immer auf der Suche nach mehr, nach Neuem, nach Erfolgen und später auf der Hut vor Misserfolgen oder resigniert im Versagen.

Das alles hier, dachte ich, wurde uns ja wirklich versprochen. Eine neue Erde, die uns auf trägt. Eine Welt ohne Tod, in der wir entkleidet sind von all den Masken, mit denen wir uns bisher voreinander verborgen hielten

Und nun war ich hier, inmitten von wirklichen Menschen. Fernab von alledem, was mich an Dinge gebunden hatte, die mich banden an Verzweiflung und Niedergang


Epilog

Nun verstand ich. Ich war bereits von Anfang an Teil dieser Geschichte gewesen und sie war mit mir verwoben, bis in das letzte Ereignis hinein. Denn das, wa