Über mich

Der Schrecken wohnt unter dem Firnis der Seele. 

 

Die technische Ausrüstung der westlichen Welt zeugt davon, dass dort Angst das Denken bestimmt. Die helle Beleuchtung unserer Städte, die Unzahl der Filme, die uns in Traumwelten entführen sollen, die Flut seichter Romane, die uns betäuben, zeugen davon, dass das Grauenhafte des Daseins unter all dem Luxus immer gegenwärtig ist, denn man muss es durch Ablenkungen vertreiben. 

K. war der väterliche Freund meiner Eltern. Mir war er wie ein Großvater. Eines Tages erzählte er sich mir folgende Geschichte.


„Du bist noch jung. Dir erscheint Vieles, das sich Menschen gegenseitig antun, unverständlich. Wie einfach wäre es doch, denkst du bei Dir, die Welt für alle ein wenig schöner und freundlicher zu machen. Doch ich will Dir eine Geschichte erzählen, die dir zeigen wird, dass sich auch hinter glänzenden Fassaden ein Abgrund verbergen kann, der zu Hass und Gewalttätigkeit führt. 

Du hast von Deinen Eltern sicher gehört, dass ich aus Ostpreußen stamme. Unsere Familie verwaltete ein Landgut nahe der polnischen Grenze, das dem Baron von Machewski. gehörte. Machewski war auf seinem eigenen Gut ein seltener Gast und ließ meinen Vater dort schalten und walten, wie er wollte. Die Mutter des Barons lebte in einem kleinen Haus abseits des Hofes. Ihr Haus hatte nichts Herrschaftliches. Es war klein und versteckte sich hinter riesigen Fichten. Die Alte kümmerte sich nicht um das Gut. Man bekam sie fast nie zu Gesicht.  Ab und an kam ein Fuhrmann und brachte ihr Lebensmittel. Besuch bekam sie so gut wie nie. 

Mein Schulweg führte quer durch den Wald und immer dicht an ihrem Haus vorbei. Eines Tages, kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag, sah ich, dass ihre Haustür offen stand. Neugier ergriff mich. Als ich mich der Haustür näherte, hörte ich aus dem Innern erregte Stimmen. Ich wurde Zeuge eines Streits, der immer heftiger wurde. Eine Frau schrie. Es war ein Schrei voller Wut, Wahnsinn und Extase. Dann  war es still. Ich verstecke mich rasch hinter dem Holzschober. Kurz darauf kam Machewski aus der Hütte, schaut ängstlich nach links und rechts, warf einen Knüppel in weitem Bogen in den angrenzenden Wald und hastete, mit wehendem Mantel, davon. Ich wartete einen Moment, dann wagte ich mich aus meinem Versteck und betrat zögernd das Haus. Machewskis Mutter lag mit eingeschlagenem  Schädel neben dem Klavier. Ich rannte, von panischem Schrecken erfasst, davon und verlor auf der Flucht meine Mütze. 

Erstaunlicherweise rannte ich nicht zu meinen Eltern zurück, sondern begab mich in die Schule. Ich saß geistesabwesend, bis die Schulglocke läutete und ich nach Hause konnte. Vor dem Haus der Baronin warteten bereits mehrere Polizisten auf mich. Mein Vater stand neben ihnen. Er wirkte sehr ernst und hielt meine Mütze in der Hand. Wenig später befand ich mich auf dem Polizeirevier. Es hätte schlecht für mich ausgehen können, aber ich kam noch am selben Abend frei. Machewski hatte sich, als er von meiner Festnahme hörte, sofort der Polizei gestellt und meine Aussage bestätigt. Kurz darauf wurde ihm der Prozess gemacht. "Nun“, sagte der Alte gedehnt und schaute mich forschend an. „Mein Vater, der die Familie Machewskis von klein auf  kannte, erzählte mir, als ich alt genug war, um die Zusammenhänge zu verstehen, die ganze Geschichte: 


Machewskis Mutter entstammte einfachen Verhältnissen. Es war ein Skandal, dass der alte Baron sie heiratete. Sie war bürgerlich, die Tochter eines Buchhalters. Aber sie war hübsch und der Baron, der die Etikette seiner Familie hasste, nahm sie zur Frau. Bald schon wurde sie schwanger. Sie entband zu Hause. Michael Machewski war das einzige Kind, das sie und der Baron bekamen. Das Kind war zart und empfindlich. Machewskis Mutter war äußerst fürsorglich zu ihrem Kind. Sie war der Meinung, es neige dazu, zu kränkeln. Der Baron wollte davon nichts wissen. Er nahm seinen Sohn überallhin mit. Er war völlig vernarrt in das Kind. Doch als Michael erst drei Jahre alt war, wurde sein Vater sehr krank. Kurz darauf starb er. Vor seinem Ableben rief er meinen Vater zu sich und bat ihn, ein Auge auf seinen Sohn zu haben. Er traue seiner Frau nicht. Er habe bemerkt, dass sie ihren Sohn absichtlich schädige, um es den anderen Menschen als krank hinzustellen. Außerdem befürchtete er, seine Frau habe ihn vergiftet. Er halte sie für wahnsinnig. Von nun an war mein Vater aufmerksam. Doch die Baronin war äußerst geschickt. Sie erwarb sich einen guten Ruf, weil sie wohltätig war und es gelang ihr, viele Menschen dahin zu bringen, sie zu lieben. Michael, ihr Sohn, aber war ständig krank. Man bedauerte das Kind, das immer blässlich war, und das viele Operationen über sich ergehen lassen musste. Die Baronin zeigte in der Fürsorge für den Jungen eine Engelsgeduld und niemand hätte ihr eine überragende Menschlichkeit abgesprochen. So wuchs der ewig kränkelnde Machewski heran. Als er nun die Volljährigkeit erlangte, ließ ihn seine Mutter entmündigen. Da er seit frühester Kindheit an mancherlei psychischen Auffälligkeiten litt, traute man der alten Baronin, wenn sie mit dem sanftesten Lächeln ihr Mitgefühl für den Sohn kundtat, der so schwer zu leiden habe. Alle Welt war überzeugt, Machewski sei sehr krank und da er von Zeit zu Zeit furchtbare Wutanfälle bekam, galt er als psychopathischer Charakter. Das Familienvermögen sollte unter der Kontrolle der Mutter bleiben, die den Sohn zu sich nahm und ihn betreute. Doch Machewski, den mein Vater sehr gut leiden konnte, lernte bei einem Krankenhausaufenthalt eine hübsche junge Frau kennen, die ihn von seiner Mutter befreite. Er zog nach Berlin, wurde Journalist und lebte von nun an ein bürgerliches Leben. Er kam selten zu Besuch. Es war, als meide er seine Mutter, die im Gut residierte wie eine Königin. Bald schon bekamen die, die mit ihr zu tun hatten, zu spüren, was es mit ihrer Fürsorglichkeit auf sich hatte. Sie drang in alle Beziehungen zwischen Menschen und versuchte, die Liebe, die dort herrschte, auf sich zu bündeln. Dabei war es ihr egal, ob sie jemanden verletzte. Ich will Dir ein Beispiel erzählen. Ich hatte als kleiner Junge einen Hund, den ich über alles liebte. Sein Name war Hasso. Es war ein kleiner, schwarzer Mischlings Rüde. Als Machewskis Mutter meine Liebe zu Hasso bemerkte, ließ sie nichts unversucht, mir den Hund abspenstig zu machen. Mein Vater beobachtete, dass sie ihn heimlich fütterte. Vor unseren Augen aber heuchelte sie Erstaunen darüber, dass der kleine Hund ihr mit immer größerer Zuneigung begegnete. Schließlich verbrachte mein Hund seine Tage in ihrem Haus und wich nicht mehr von ihrer Seite. Ich war natürlich sehr traurig. Die Alte tat mir gegenüber verständnisvoll und tröstend. Aber ihr Trost erschien mir nicht wie ein Trost. Es war, als wolle sie mir auch noch die Kraft fort nehmen, sie zu hassen. Kurze Zeit später war Hasso tot. Man fand ihn im Wald. Jemand hatte ihn vergiftet. Bald darauf bekam ich einen neuen Hund: Die Alte schenkte ihn mir: einen Boxer. Es gab nur diese eine Hunderasse, die ich nicht leiden konnte und ich hatte es ihr einmal erzählt… Man lobte die Alte wegen ihrer Freigebigkeit und wegen ihres Mitgefühls. Ich muss nicht sagen, dass der Boxer bald schon ihr hinter her lief. Ich nehme an, sie hat ihn auch bestochen.“ Er lachte leise. „Mein Vater“, fuhr er fort, „erhielt eines abends Besuch von Machewski. Er war sehr aufgeregt und eröffnete meinem Vater, dass er davon überzeugt sei, dass die vielen Krankheiten in seiner Kindheit Erfindungen seiner Mutter gewesen waren. Jetzt, wo er Abstand habe, sei ihm so manches klar geworden. Die Alte sitze wie eine Spinne in seinem Inneren und ziehe die Fäden. Immer sei sie unangreifbar gut. Habe sie ihn nicht immer versorgt und an seiner Seite gestanden? Darüber werde er fast wahnsinnig, denn es scheine ihm eben andersherum gewesen zu sein. So wahnsinnig er sich fühle, so krank, immer, so sagte er, stehe seine Mutter dahinter. Er sei krank gesprochen worden, um die Mutter zu erhöhen. Doch könne er sich ihr Verhalten nicht erklären. Er empfinde nur Furcht und Verachtung für die Mutter. Sie sei eine große Bedrohung für ihn, zumal sie versucht habe, ihn um sein Erbe zu bringen. Gott sei Dank sei er nun aber mündig, da er in gesicherten Verhältnissen lebe und der Wille des Vaters, ihm das Gut zuzusprechen, komme zum Tragen. Er beabsichtige, die Alte in ihre Schranken zu weisen. Tatsächlich verbannte er die Alte in den Nebenbau und ließ sie ein ganz gewöhnliches Leben führen. Auf dem Gut zog Erleichterung ein. Niemand konnte genau sagen warum. Aber alle waren froh, den süßlichen Engel, der so übermächtig wirkte, verbannt zu wissen. Die verblühende Frau verlor nach und nach ihre Kontakte und lebte recht einsam. Sie zeigte sich aber weiterhin verzeihend und liebenswert, indem sie ihrem Sohn auf die sanfteste Art eine vom Vater vererbte Geisteskrankheit attestierte, die es verhindere, dass er sehe, wie gut sie sei. Kurz und gut“, sagte der Alte. „Einen Tag, bevor er die Alte umbrachte, hat Machewski meinen Vater noch einmal besucht und ihm mitgeteilt, nun endlich halte er den Beweis für die Richtigkeit seiner These in der Hand. Ein Leben lang sei er unsicher gewesen über sich selbst. Er habe sich für böse und krank gehalten, zumal er immer an Wutanfällen litt, die er sich selber nicht erklären konnte. Auch habe er sich immer schuldig der Mutter gegenüber gefühlt, die er wie nichts sonst fürchte, obwohl sie doch immer „gut“ zu ihm gewesen sei. Seine Frau habe oftmals unter ihm zu leiden gehabt. Schließlich sei er körperlich krank geworden. Er habe nicht mehr arbeiten können, und die Mutter habe ihn mit mitleidigen Briefen eingedeckt. Sein Instinkt habe ihm abgeraten, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gepeinigt von unerträglichen Schmerzen habe er sich auf die Spur seiner Vergangenheit begeben. Er habe eine Privatdetektei mit Nachforschungen beauftragt und schließlich habe sich ein ungeheuerliches Bild herausgeschält: Die Krankheiten seiner Kindheit waren von der Mutter tatsächlich allesamt erfunden oder fingiert worden. Sie hatte den Professoren Symptome des Kindes geschildert, die Machewski, soweit er seiner Erinnerung trauen konnte, niemals gehabt hatte. Er sei immer auf Verdacht hin operiert worden. Er habe unvorstellbare Qualen über sich ergehen lassen müssen. Nach dieser Entdeckung forschte er bei den Apotheken der Umgebung, was seine Mutter dort in früheren Jahren erworben hatte. Es kam eine ganze Liste von Substanzen zusammen, die alle jene Symptome hervorrufen können, gegen die er behandelt worden war. Schließlich hatte er entdeckt, dass die Alte ein Gift erworben hatte, das ohne Spuren zu hinterlassen tötete. Leider war es zu spät, den Vater zu obduzieren, doch der Baron hegte keinen Zweifel mehr daran, dass die Alte seinen Vater ermordet hatte. Mein Vater“, sagte K. „der die Erregung des Barons spürte, versuchte ihn zu beschwichtigen. Allein, vergebens. Am nächsten Tag besucht er seine Mutter und erschlug sie, nachdem sie ihm alle seine Entdeckungen als Wahngebilde auszulegen versucht hatte.

Im Prozess nun kam das alles zur Sprache. Mehrere Psychiater fungierten als Gutachter. Man forschte der Geschichte der Mutter hinter her. Diese Nachforschungen ergaben Folgendes: Die Alte, die ärmlichen Verhältnissen entstammte, war das älteste von drei Kindern. Ihr Vater hatte sich in ihrer Jugend an ihr vergangen. Das sensible Mädchen hatte es nicht gewagt, sich zu wehren. Mit Geschenken machte sich der Vater seine Tochter  gefügig. Das Kind entwickelte, nach Meinung der Psychiater, aus Schuldgefühlen eine Bewusstseinsspaltung. Ein Teil ihrer Persönlichkeit repräsentierte die vom Vater entgegengebrachte Ausnahmestellung. Es gab aber auch jene vergewaltigte und gequälte Seite ihrer Person, die sich der Ungeheuerlichkeit ihres Verhältnisses zum Vater bewusst war, und die diesen Tabubruch nicht bewältigte. Indem sich die Seele des an sich ja schuldlosen Kindes alle Verantwortung zusprach, konnte das Mädchen diese Seite ihrer Person nicht ertragen. Sie spaltete sie ab. Als nun ein Kind geboren wurde, wurde ihr Sohn zum Repräsentanten jenes inneren Kindes, dem sie mit Ambivalenz gegenüberstand, wollte sie es doch heilen und gleichzeitig töten. Auf tausenderlei Weisen stempelte sie das eigene Kind zum kranken Geschöpf, das nur durch ihre „Mutterliebe“ am Leben zu halten war. Sie zerstörte so das an sich kerngesunde, lebenskräftige Ich ihres Kindes, das nun wie ein Spiegel IHRES Innenlebens  dahervegetierte. Deshalb hatte der junge Baron sich von der Mutter zu Recht bedroht gefühlt. Es sei glaubwürdig, dass die Alte den eigenen Mann getötet habe, sei er doch dem bedrohlichen Vater der Baronin allein schon durch sein Mannsein nahe gekommen. Es seien eventuell viele dunkle Kraftströme zusammengekommen, die zu zwei Morden geführt hatten. Es wurde eine sehr begrenzte Strafe über Machewski verhängt. Er soll nach Verbüßen der Gefängnisstrafe ein halbwegs normales Leben an der Seite seiner Frau geführt haben. Auf dem Gut hat er sich nie mehr wieder blicken lassen. 

Weißt du“, sagte der Alte. „Es hat mich damals beunruhigt, in einen solchen Abgrund zu schauen. Aber das Leben ist tiefer als man denkt und abgründiger. Kurz darauf kam es ja zum zweiten Weltkrieg. Ich kämpfte in Russland und tötete viele, unschuldige Menschen. Als der Krieg vorbei war, hatten wir durch ihn unsere Heimat verloren. Wer weiß, wie viele Grausamkeiten der Welt innerhalb von Familien entstehen, in denen Furcht und Hass die Liebe verdrängten.